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Wie Frauen mit bescheidenem Führungsstil die Welt verändern
Humble Leadership

Selbstlos schlägt selbstverliebt

Macht braucht kein großes Ego: Immer mehr Frauen zeigen, dass erfolgreiche Führung nicht auf Dominanz, sondern auf Bescheidenheit, Empathie und Einfluss basiert. Warum „Humble Leadership“ ein zukunftsweisendes Führungsmodell ist – und wie Frauen damit die Welt verändern.

Sie halten das Zepter in der Hand, setzen sich lautstark gegenüber anderen durch oder buttern sie einfach unter, wenn sie ihnen im Weg stehen: Dominante Menschen sind geborene Führungspersonen und wir sprechen ihnen automatisch Macht zu. Auch Reichtum, ein Titel und ein starkes Ego werden mit Macht in Zusammenhang gebracht. Egozentriker scheinen die geeignetsten Kandidaten für leitende Positionen in unserer Ellenbogengesellschaft zu sein – ein Grund dafür, dass bisher viele Führungspositionen von selbstverliebten Männern besetzt sind und sich mehr Alphatiere um hohe politische Ämter bemühen als deren zurückhaltendere Kollegen.

Doch sind diese Platzhirsche wirklich die besseren Führungspersönlichkeiten und Machthaber? Derzeit zeichnet sich vor allem im Zuge der Digitalisierung und der Popularität sozialer Medien ein Wandel diesbezüglich ab – von egozentrischer Macht hin zum Konzept des Einflusses. In unserer heutigen Welt gewinnen Influencer wie Bianca „Bibi“ Heinicke und kulturelle Leitfiguren wie Tony Robbins oder Oprah Winfrey immer mehr an Bedeutung. Im Gegensatz zu tradierten Machttypen benötigen sie keine traditionellen Machtwerkzeuge, Titel oder offiziell verliehene Kontrollmacht, sondern bestechen allein durch die Verbreitung ihrer Ideen. Damit geht es bei ihrer Machtausübung nicht mehr um die Konzentration von Kontrolle in den Händen einer Einzelperson, sondern es geht vielmehr um den positiven Impact eines Menschen auf eine große Gruppe von Anhängern (oder Followers), deren Meinungen, Entscheidungen oder Lebensstile er beeinflusst.

Das Konzept Humble Leadership

In einschlägigen Wirtschaftsmagazinen wie dem Forbes-Magazin ist vor einiger Zeit der Begriff des Humble Leadership aufgetaucht, der bedeutet, dass Selbstbezogenheit und Macht über andere durch Bescheidenheit und Einfluss auf andere ersetzt werden. Dieses Konzept der Führung durch Bescheidenheit lässt sich jedoch auch wunderbar aus seinem ursprünglich wirtschaftlichen Kontext auf die politische Bühne übertragen.

Mahatma Gandhi, der als Prototyp des Humble Leaders gelten dürfte, sagte einst: „I claim to be a simple individual liable to err like any other fellow mortal. I own, however, that I have humility enough to confess my errors and to retrace my steps.“ Die Worte Gandhis machen deutlich, wie wichtig es ist, sich Fehler und Schwächen einzugestehen und aus Kritik zu lernen. Dazu gehört auch, nicht in dem Glauben, man sei ein Superheld, alles im Alleingang machen zu wollen, wie es im heroischen Management der Fall ist, sondern sich Hilfe bei anderen zu suchen und von ihnen zu lernen.
Eine weitere zentrale Eigenschaft des Humble Leaders ist es, die eigene Person in den Hintergrund und andere Menschen sowie ein höheres Ziel ins Zentrum zu stellen. Das geht nur mit einem gewissen Maß an Bescheidenheit, wie auch der ehemalige Personalleiter bei Google, Laszlo Bock, in einem Interview erklärte: „Your end goal is what can we do together to problem-solve. Without humility, you are unable to learn.“ Anstatt den Untergebenen als Befehlshaber die Richtung vorzuschreiben, fungiert eine selbstlose Führungsperson als Vorbild. Sie bemächtigt ihre Anhänger dazu, selbst zu handeln, sich zu entwickeln und gemeinsam als starke Gruppe Lösungen zu finden. Auch diese Eigenschaft versteht Hannah Arendt als Macht, wenn sie in ihrer politischen Philosophie Macht und Gewalt sagt: „Macht entspricht der Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln.“

Aber braucht es für eine starke Führung nicht jemanden, der klare Ansagen macht und Forderungen stellt? Ja, sicher, und diese lassen sich bestens mit einer altruistischen, bescheidenen Führung vereinbaren. Auch wenn das auf den ersten Blick wie ein Widerspruch erscheint, da Bescheidenheit leicht mit Schwäche oder Unentschlossenheit verwechselt werden kann: Humble Leadership heißt keineswegs schüchtern, kleinlaut oder gar von Selbstzweifeln erfüllt zu sein. Ken Blanchard drückt es so aus: „People with humility do not think less of themselves; they just think about themselves less.“

So betrachtet löst Humble Leadership den starren Gegensatz zwischen Stärke und Schwäche auf, indem es Selbstlosigkeit und Empathie mit starker Führung verbindet. Daraus erwächst auch die Chance, die Unterschiede zwischen „weiblicher“ und „männlicher“ Führung verschwimmen zu lassen und Frauen, die es in traditionellen Machtgefügen schwerer haben, erfolgreich zu sein, den Weg zu mehr Einfluss zu ebnen.

Frauen und Humble Leadership

Wenn es um Frauen und Macht geht, treten häufig klischeehafte Positionen zutage. Eine etwa besagt, Frauen müssten mehr wie Männer agieren, um ähnlich erfolgreich zu sein. Da dies die wenigsten könnten oder wollten, sei ja klar, dass Frauen seltener Führungspositionen bekleiden. Sheryl Sandberg etwa postuliert eine solche Ansicht sowohl in ihrem Buch Lean In als auch in den Reden, die sie zum Mangel an weiblichen Führungskräften hält. Danach fehle es vielen Frauen nicht an Kompetenz, sondern eben am Ego, der richtigen Selbstüberzeugung und dem Willen, sich in einer Männerwelt gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen. Und dann gibt es noch die Fraktion, die findet, Frauen seien die eigentlichen Chefs dieser Welt und müssten ihre Waffen – wie den Hang zu Emotionen, ihre Kommunikationsfreudigkeit und ein Paar Highheels – nur richtig einsetzen, um den Männern zu zeigen, wer der Boss ist. Beyoncé Knowles, Vorbild und Inbegriff der aktuellen Frauenpower, singt von diesem Selbstverständnis in ihrem Hitsong „Run the world (Girls)“.

Die meisten Frauenbilder dieser Art sind extreme Plattitüden innerhalb eines herkömmlichen, auf männlichen Idealen basierenden Machtgefüges und keinesfalls zukunftsweisend. Inwiefern Frauen sich mit Humble Leadership und positiver Einflussnahme als Vorbilder und Führungspersönlichkeiten hervortun und durchaus Berge versetzen können, zeigen die folgenden drei Beispiele.

Humble Leadership heißt keineswegs schüchtern, kleinlaut oder gar von Selbstzweifeln erfüllt zu sein. Ken Blanchard drückt es so aus: „People with humility do not think less of themselves; they just think about themselves less.“

Die Frauen von Island

Bei der Betrachtung von Frauen und Macht führt kein Weg an Island vorbei, der weltweiten Nummer Eins beim Thema Gleichberechtigung. Bereits 1975 forderten Islands Frauen ihre Rechte mit einem landesweiten Streik ein, bei dem 90 Prozent aller Frauen im Land geschlossen die Arbeit niederlegten. Fünf Jahre später wurde eine der Teilnehmerinnen des Streiks, Vigdís Finnbogadóttir, das erste demokratisch gewählte weibliche Staatsoberhaupt der Welt und legte damit den Grundstein für ein neues weibliches Selbstverständnis, das auch andere Frauen dazu ermutigte, sich auf Macht- und Führungspositionen zu bewerben. Zusätzlichen Aufwind bekamen Frauen mit Führungsambitionen im Jahr 2008, als das Land in eine tiefe Finanzkrise und den Beinahe-Bankrott stürzte. Vor allem die Isländerinnen waren sich schnell einig, dass die Ursachen für den nationalen wirtschaftlichen Kollaps in einem von Männern geprägten, maroden System lagen, das auf Aggressivität, Rücksichtslosigkeit und kurzfristiger Gewinnmaximierung basierte. Das sahen schließlich offenbar auch die männlichen Entscheidungsträger ein, sodass nun vermehrt Frauen die Chance bekamen, es besser zu machen.

Als die beiden größten Banken Glitnir und Landsbanki im Chaos zu versinken drohten, setzte man bewusst vorübergehend Frauen an deren Spitze. Auch in der Politik gab es nun so viele Frauen wie nie zuvor – sie sollten den Inselstaat mit ihrem neuen Führungsstil und mithilfe „weiblicher Werte“ aus der Krise führen.

Einen Anfang machte die Ökonomin und Geschäftsfrau Halla Tómasdóttir. Sie gründete die Finanz- und Investmentgesellschaft Audur Capital, die während der Krise eines der wenigen Unternehmen im Finanzsektor war, das noch Gewinne erzielte. Den Erfolg schrieb sie dem Fakt zu, mehr „weibliche Werte“ in die Finanzwelt gebracht zu haben und anstatt auf kurzfristige Anlagen mit schnellen Gewinnen auf nachhaltige Investitionen zu setzen. Nach ihren Erfolgen als Geschäftsfrau entschied sich Tómasdóttir schließlich 2016, zur Präsidentschaftswahl anzutreten. Das Besondere an dieser Kandidatur war, dass Tómasdóttir weder Erfahrungen in der Politik hatte, noch finanzielle Unterstützung für ihre Wahlkampagne bekam. Sie erhielt außerdem nicht annähernd so viel Medienaufmerksamkeit wie die drei männlichen Kandidaten – und gewann trotzdem fast die Wahl, und zwar allein durch ihre Herangehensweise an den Führungsjob. Sie bediente sich nämlich der Werte und Strategien des Humble Leadership und konnte damit einen Großteil der Wählerschaft überzeugen.

In einem TED-Talk Ende 2016 gab sie zu, sich gefragt zu haben: „Who am I to run for president?“, was zu der Tatsache passt, dass sie nur sehr zaghaft um Geld für ihren Wahlkampf bat. Wie sie es schaffte, dennoch alle zu überraschen und mit 27,9 Prozent auf Platz zwei der Präsidentschaftswahl zu landen? Durch klare Prinzipien und positive Werte, mit denen sich die Wähler identifizieren konnten. Als Grund, sich aufstellen zu lassen, nennt sie den Wunsch, mit einem auf Prinzipien basierenden Konzept von Leadership die Welt umzugestalten. Mit ihrer positiven Wahlkampagne hat sie den Ton in der politischen Debatte ihres Landes verändert. Viele Menschen betrachten Tómasdóttir als die eigentliche Gewinnerin, und einige ermutigten sogar deren Tochter, sich in Zukunft ebenfalls aufstellen zu lassen. „What we see, we can be. It matters that women run. It’s time that women run“, so ihr Motto. Damit hat die Politikerin eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: die nächste Generation weibliche Leaders zu inspirieren.

Ein illustriertes Porträt von Halla Tómasdóttir

Malala Yousafzai

Zu einem positiven Vorbild, das mit Mut und starken Werten eine ganze Bewegung ausgelöst hat, ist auch Malala Yousafzai geworden. Die Bildungsaktivistin ist ein Paradebeispiel für Leadership jenseits tradierter Machtgefüge, da sie in den Anfängen ihres Wirkens weder über Geld, noch über eine hohe Stellung verfügte und noch nicht einmal volle Rechte besaß – denn sie war noch ein Kind. Doch innerhalb ihrer ersten 17 Lebensjahre wurde sie nicht nur zu einer der einflussreichsten politischen Aktivistinnen, sondern darüber hinaus auch noch zur jüngsten Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte. Malala wuchs im Swat-Tal, einer Region in Pakistan, auf. Als die Taliban in dieser Region ab 2004 die Macht übernahmen, erließen sie Edikte, die die Rechte von Frauen einschränkten – unter anderem zerstörten sie die Mädchenschulen in Malalas Wohngegend.

Die damals 11-jährige Malala wollte für das Recht auf Bildung von Mädchen kämpfen und begann, öffentlich gegen die Taliban-Herrschaft zu protestieren sowie die internationale Aufmerksamkeit auf die Missstände in Swat zu lenken. 2010 drehte die _New York Times _eine Dokumentation mit Malala und deren Vater, und ein Jahr später begann das Mädchen unter Pseudonym einen Blog im Tagebuchstil für die BBC zu schreiben – so begann ihr Weg als Bloggerin, die durch das Erzählen ihrer Geschichte seitdem Menschen bewegt. Mit ihren Aktionen für Mädchenbildung zog sie aber auch den Missmut der Taliban auf sich und erhielt Morddrohungen. Trotzdem machte sie weiter, woraufhin sie am 9. Oktober 2012 im Schulbus von Attentätern der Taliban mehrfach in den Kopf geschossen wurde. Doch Malala überlebte, zog nach England und setzte dort ihr Engagement fort. Ab da wurde ihre Geschichte ein Selbstläufer mit enormer Wirkungskraft.

Nach dem Attentat wurde in Malalas Heimat die Petition „Right to Education“ von mehr als zwei Millionen Menschen unterzeichnet. Dies führte dazu, dass in Pakistan erstmalig ein Gesetz für die Schulpflicht eingeführt wurde, das Strafen für Eltern oder Arbeitgeber, die den Schulbesuch von Kindern verhindern, vorsah. Doch auch international trug Malalas Menschenrechtsarbeit Früchte: Der von ihr gegründete Malala-Fonds findet überall auf der Welt Unterstützer für mehr politischen Einsatz und Änderungen in der Gesetzgebung für die Ausbildung von Kindern. Der Slogan des Fonds – „If one girl can change the world, what can 130 million girls do?“ – spiegelt wider, worin Malalas Form der Macht besteht: nämlich in der Ermächtigung anderer, selbst mächtig zu sein und die Welt besser zu machen.

Trotz all des Medienrummels, der Standing Ovations nach ihren Reden und eines, dank des millionenfachen Verkaufs ihrer Biografie inzwischen beträchtlichen Vermögens stellt Malala ihre Person stets bescheiden in den Hintergrund und das höhere Ziel, nämlich die Bildung für Kinder, in den Vordergrund – selbst angesichts der Verleihung des Friedensnobelpreises oder der Erklärung ihres 16. Geburtstags zum Malala Day durch die UN. In ihrer berühmten Rede vor den Vereinten Nationen reagierte sie auf diese Auszeichnung mit den folgenden Worten: „Malala day is not my day. Today is the day of every woman, every boy and every girl who have raised their voice for their rights. [...] I tell my story not because it is unique but because it isn’t. It is the story of many other girls.“ Malala spricht selten in der Ich-Form, sondern benutzt fast immer das „Wir“, wenn sie über ihre Ziele spricht: „Let us empower ourselves with the weapon of knowledge and let us shield ourselves with unity and togetherness.“ Damit unterstreicht sie: Bildung für alle heißt Macht für alle, nicht nur für sie.

Eine Illustration von Malala Yousafzai mit einem lockeren Kopftuch auf dem Kopf

Angela Merkel

Die deutsche Bundeskanzlerin ordnet man auf den ersten Blick womöglich eher in die Schublade „klassische Machthaberin“ ein – immerhin ist sie das Oberhaupt eines der mächtigsten Länder der Welt. Auch auf der Forbes-Liste der mächtigsten Personen der Welt ist sie vertreten. Im Zusammenhang von Frauen und Humble Leadership lohnt es sich aber, einen genaueren Blick auf ihren Führungsstil sowie ihre Einflussgebiete zu werfen. Denn sieht man von der ihr offiziell verliehenen Macht als Staatsoberhaupt einmal ab, übt sie als Person auch Macht im Sinne von positivem Einfluss auf andere aus.

In Deutschland hat Angela Merkel zwar viele Befürworter ihrer Politik, aber wird auch häufig belächelt bzw. kann nicht bei allen Sympathiepunkte sammeln. Viele finden sie zu spröde und kritisieren ihren Stil, nicht deutlich genug Stellung zu beziehen oder konkrete Lösungswege hinter einem generischen „Wir schaffen das“ zu verstecken. In vielen Ländern der Welt ist Merkel allerdings laut Umfragen äußerst beliebt, und zwar hauptsächlich wegen ihres wohltemperierten, unaufgeregten Führungsstils und ihrer Vorbildfunktion für weibliche Führungspersonen. Die Franzosen sind besonders große Fans der Kanzlerin und die New York Times schlug 2015 vor, sie als „leader of the free world“ zu bezeichnen. In Saudi-Arabien ist Merkel sogar eine Art „Star“ und inspiriert mit ihrer Karriere und ihren Werten nicht nur weibliche Führungskräfte und Mädchen, wie etwa der saudische Vizewirtschaftsminister in einem Interview mit Spiegel Online erklärte: „Angela Merkel ist weltweit ein Vorbild, also auch für uns. Sie ist bescheiden und arbeitet hart. Viele Menschen hier schauen sich ihre Videos an, wie sie Menschen aus den verschiedensten Ländern einfach die Hand schüttelt, sie so akzeptiert, wie sie sind.“

Und tatsächlich treten auch bei Merkel viele Eigenschaften eines Humble Leaders zutage. Sie vermeidet alles, was nach (männlicher) Machtherrlichkeit aussieht, lebt ohne großen Pomp und veranstaltet keine theatralischen Szenen. Im Vergleich dazu inszeniert sich z.B. der französische Staatspräsident Emmanuel Macron auf seinen Fotos immer sehr dramatisch, als trage er die ganze Last der Welt auf seinen Schultern und ringe permanent mit der großen Verantwortung, alle Probleme alleine lösen zu müssen. Merkel dagegen wies z. B. die Bezeichnung „leader of the free world” bescheiden mit den Worten zurück: „Keiner alleine auf dieser Welt kann die Probleme lösen.“ Auf eine ähnliche Weise implizieren ihre viel kritisierten Formeln „Wir schaffen das“ und „Wir haben so vieles geschafft“, dass etwaige Erfolge Deutschlands nicht in erster Linie ihr zuzuschreiben sind, sondern nur durch gemeinsames Handeln erreicht werden können.

Ebenso wenig wie sie ihren männlichen Kollegen nacheifert, inszeniert sich Merkel als Frauenpower-Gallionsfigur oder übt sich im Männerbashing. Als eine Reihe einflussreicher Frauen auf einem Panel beim G20-Frauengipfel im April 2017 in Berlin gefragt werden, wer von ihnen sich als Feministin sehe, hebt Ivanka Trump eifrig die Hand, Merkel aber bemerkt: „Ich möchte mich nicht mit einem Titel schmücken, den ich gar nicht habe“ und erklärt, dass Menschen wie Alice Schwarzer hart für etwas Wichtiges gekämpft hätten und sie sich nicht mit diesen Frauen auf eine Stufe stellen wolle.

Auch wenn sie nicht aktiv für Frauenrechte zu kämpfen scheint, fungiert die deutsche Kanzlerin trotzdem, ähnlich wie Halla Tómasdóttir und Malala, als wichtige weibliche Vorbildfigur, die zeigt, dass man als Frau auch erfolgreich sein kann, ohne sich lautstark in den Mittelpunkt zu stellen oder groß mit „Frauenpower“ aufzutrumpfen. In ihrer Person vereint sich traditionelle Macht mit dem Versuch, einen bescheideneren, weniger ego-gesteuerten Ton in die politische Debatte zu bringen.

Die drei Beispiele zeigen, dass Frauen sich weder künstlich männliche Attribute zulegen bzw. sich in tradierte Machtrollen pressen lassen müssen; noch müssen sie versuchen, Männer abzuschaffen, um eine Führungsposition zu bekleiden. In der Art wie Malala das Thema Bildung für alle Kinder weltweit in den Mittelpunkt gerückt hat oder Halla Tómasdóttir in Island dafür gesorgt hat, dass in Zukunft mehr Mädchen „Präsidentin“ als Berufswunsch angeben, können Humble Leaders, unabhängig von ihrem Geschlecht, viel bewirken, weil sie nicht nur eine zeitlich befristete Kontrolle über Menschen ausüben, sondern diese langfristig beeinflussen können. Sie beweisen auch, dass Vorbilder immer wichtiger werden und sich Narrative positiver Führung weitertragen. Trotz der sehr unterschiedlichen Biografien ist es allen drei Frauen gelungen, starke neue Narrative zu prägen und zu Vorbildern zu werden, denen hoffentlich viele Frauen und Männer nacheifern und ihre eigenen Geschichten mehr oder weniger bescheidener Führung schreiben.

Ein illustriertes Porträt von Angela Merkel
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