Neu: #27 „Komm ins Spiel!" ist da – bis 4.9. gibt's das große NN Spiele-Set dazu.

Case Clinic

KI verantwortungsvoll einsetzen

  • Text: Paul Fenski

Kennst du noch Flappy Bird? Das ist ein Spiel, bei dem es darum ging, ein Vögelchen per Tipp aufs Display in der Luft zu halten. 2014 wurde es millionen­fach herunter­geladen. Mit den leistungs­stärksten KIs lässt sich ein ver­gleich­bares, voll­funktions­fähiges Spiel heute in wenigen Minuten programmieren. (Ich habe es ausprobiert. Mit Fable 5 von Anthropic (Claude) dauerte es zwei Minuten. Prompt: „Erstelle einen Flappy-Bird-Klon.“)

  • Organisation: IG Metall
  • Mitarbeiter*­innen­anzahl: 2.500 (2026)
  • Rechts­form: Gewerk­schaft
  • Hack: Künstliche Intelligenz

Das Problem

Klar, das Tolle am Spiel war nicht der Code, sondern eine extrem einfache Spiel­mechanik mit einer extrem schweren Aufgabe zu ver­knüpfen. (Der Claude-Klon ist übrigens ziemlich einfach.) Trotzdem: Was sich heute in Minuten coden lässt, dauerte früher Tage.

Unbestritten ist, dass KI eine Menge Potenzial hat. Umstritten ist dagegen, wie wir dieses Potenzial entfalten und wie die daraus entstehenden Gewinne (z.B. Produktivität) und Verluste (z.B. Jobs) verteilt werden sollen. (Dazu habe ich kürzlich einen separaten Artikel geschrieben, den du hier lesen kannst.)

Diese Frage stellte sich auch die IG Metall, dessen Mit­arbeiter*innen kurz nach der Ein­führung von ChatGPT im November 2022 damit begonnen haben, mit dem Tool zu arbeiten. Anfangs war aller­dings unklar, was erlaubt ist und was nicht.

Hinzu kam das „Ghost­writer-Gefühl“, das Unbehagen, das, was man seinen Kolleg*innen präsentiert, nicht selbst verfasst zu haben. Das habe KI anfangs in eine „Schmuddel­ecke“ gestellt, „als hätte man sich damit einen Vorteil erschlichen“, sagt Agnieszka Payerl, Trainerin für digitale Zusammen­arbeit bei der IG Metall.

Die Lösung

Im März 2023 gab die Abteilung Daten­schutz dann die Empfehlung ab, keine personen­bezogenen oder personen­beziehbaren Daten mit ChatGPT zu teilen. Für Payerl war damit der Start­schuss gesetzt. Denn auch wenn das formal eine Ein­schränkung war, hatte die Abteilung damit die Nutzung von KI zumindest implizit anerkannt.

Einen offiziellen Auftrag für organisations­weite Schulungen gab es nicht, weil KI-Nutzung bei der IG Metall noch nicht geregelt war. Normaler­weise geschieht das in Form einer Gesamt­betriebs­verein­barung (GBV); einem Vertrag zwischen Arbeit­geber und Gesamt­betriebs­rat. Eine GBV hielt Payerl, die formal in der Personal­abteilung und damit auf Arbeit­geber­seite angesiedelt ist, aller­dings für verfrüht. Denn zum damaligen Zeitpunkt wusste die IG Metall noch viel zu wenig darüber, wie und wo sie KI überhaupt ein­setzen könnte.

Payerl begann deshalb einfach mit einer E-Mail. Darin fragte sie Einzelne, ob sie Interesse an einem KI-Workshop hätten. Daraus entstand ein 3,5-stündiger Workshop, in dem Payerl die grund­legende Funktions­weise von Large Language Models (LLMs, der Technologie hinter Copilot, Claude und ChatGPT) erklärte.

Teilnehmende lernten u.a.,

  • wie das Zuweisen von Rollen die Ergebnisse erheblich verbessert (z. B.: „Du bist ein erfahrener Gewerk­schafts­sekretär und Experte für…“).
  • dass LLMs gut darin sind, bei der Entwicklung von Prompts zu unter­stützen, und, dass dieser Zwischen­schritt die Ergebnisse erheblich ver­bessern kann.
  • wie ein schritt­weises Vorgehen mit der Bitte, erst Output zu generieren, wenn alle relevanten Infos zusammen­getragen sind, verhindert, vor allem mit dem Lesen und weniger dem Anleiten beschäftigt zu sein.
  • dass LLMs fehler­anfällig sind. (Frühere Modelle scheiterten bereits an der Frage, wie viele E das Wort Erdbeere hat oder welche Zahl größer ist: 9,9 oder 9,11.)

Die Workshops stifteten Hoffnungen innerhalb der Beleg­schaft, aber auch Ängste entstanden. Welche das sind und wie die IG Metall damit umging, darum geht es in der nächsten Ausgabe.

Übrigens hat der Erfinder von Flappy Bird die App 2014 aus den Appstores entfernt. Er wollte ein Gesell­schafts­spiel entwickeln, habe aber das Gegenteil erreicht: ein Spiel, das süchtig mache.

Das ist ein Ver­antwortungs­bewusst­sein, das ich mir von OpenAI-Gründer Sam Altman wünschen würde (Mr. „Vermutlich-geht-die-Welt-wegen-KI-unter,-aber-immerhin-gibt’s-bis-dahin-ein-paar-ganzganztolle-Unternehmen.“)

Verantwortungs­bewusste Grüße
Paul und das Team von Neue Narrative

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