Kennst du noch Flappy Bird? Das ist ein Spiel, bei dem es darum ging, ein Vögelchen per Tipp aufs Display in der Luft zu halten. 2014 wurde es millionenfach heruntergeladen. Mit den leistungsstärksten KIs lässt sich ein vergleichbares, vollfunktionsfähiges Spiel heute in wenigen Minuten programmieren. (Ich habe es ausprobiert. Mit Fable 5 von Anthropic (Claude) dauerte es zwei Minuten. Prompt: „Erstelle einen Flappy-Bird-Klon.“)
- Organisation: IG Metall
- Mitarbeiter*innenanzahl: 2.500 (2026)
- Rechtsform: Gewerkschaft
- Hack: Künstliche Intelligenz
Das Problem
Klar, das Tolle am Spiel war nicht der Code, sondern eine extrem einfache Spielmechanik mit einer extrem schweren Aufgabe zu verknüpfen. (Der Claude-Klon ist übrigens ziemlich einfach.) Trotzdem: Was sich heute in Minuten coden lässt, dauerte früher Tage.
Unbestritten ist, dass KI eine Menge Potenzial hat. Umstritten ist dagegen, wie wir dieses Potenzial entfalten und wie die daraus entstehenden Gewinne (z.B. Produktivität) und Verluste (z.B. Jobs) verteilt werden sollen. (Dazu habe ich kürzlich einen separaten Artikel geschrieben, den du hier lesen kannst.)
Diese Frage stellte sich auch die IG Metall, dessen Mitarbeiter*innen kurz nach der Einführung von ChatGPT im November 2022 damit begonnen haben, mit dem Tool zu arbeiten. Anfangs war allerdings unklar, was erlaubt ist und was nicht.
Hinzu kam das „Ghostwriter-Gefühl“, das Unbehagen, das, was man seinen Kolleg*innen präsentiert, nicht selbst verfasst zu haben. Das habe KI anfangs in eine „Schmuddelecke“ gestellt, „als hätte man sich damit einen Vorteil erschlichen“, sagt Agnieszka Payerl, Trainerin für digitale Zusammenarbeit bei der IG Metall.
Die Lösung
Im März 2023 gab die Abteilung Datenschutz dann die Empfehlung ab, keine personenbezogenen oder personenbeziehbaren Daten mit ChatGPT zu teilen. Für Payerl war damit der Startschuss gesetzt. Denn auch wenn das formal eine Einschränkung war, hatte die Abteilung damit die Nutzung von KI zumindest implizit anerkannt.
Einen offiziellen Auftrag für organisationsweite Schulungen gab es nicht, weil KI-Nutzung bei der IG Metall noch nicht geregelt war. Normalerweise geschieht das in Form einer Gesamtbetriebsvereinbarung (GBV); einem Vertrag zwischen Arbeitgeber und Gesamtbetriebsrat. Eine GBV hielt Payerl, die formal in der Personalabteilung und damit auf Arbeitgeberseite angesiedelt ist, allerdings für verfrüht. Denn zum damaligen Zeitpunkt wusste die IG Metall noch viel zu wenig darüber, wie und wo sie KI überhaupt einsetzen könnte.
Payerl begann deshalb einfach mit einer E-Mail. Darin fragte sie Einzelne, ob sie Interesse an einem KI-Workshop hätten. Daraus entstand ein 3,5-stündiger Workshop, in dem Payerl die grundlegende Funktionsweise von Large Language Models (LLMs, der Technologie hinter Copilot, Claude und ChatGPT) erklärte.
Teilnehmende lernten u.a.,
- wie das Zuweisen von Rollen die Ergebnisse erheblich verbessert (z. B.: „Du bist ein erfahrener Gewerkschaftssekretär und Experte für…“).
- dass LLMs gut darin sind, bei der Entwicklung von Prompts zu unterstützen, und, dass dieser Zwischenschritt die Ergebnisse erheblich verbessern kann.
- wie ein schrittweises Vorgehen mit der Bitte, erst Output zu generieren, wenn alle relevanten Infos zusammengetragen sind, verhindert, vor allem mit dem Lesen und weniger dem Anleiten beschäftigt zu sein.
- dass LLMs fehleranfällig sind. (Frühere Modelle scheiterten bereits an der Frage, wie viele E das Wort Erdbeere hat oder welche Zahl größer ist: 9,9 oder 9,11.)
Die Workshops stifteten Hoffnungen innerhalb der Belegschaft, aber auch Ängste entstanden. Welche das sind und wie die IG Metall damit umging, darum geht es in der nächsten Ausgabe.
Übrigens hat der Erfinder von Flappy Bird die App 2014 aus den Appstores entfernt. Er wollte ein Gesellschaftsspiel entwickeln, habe aber das Gegenteil erreicht: ein Spiel, das süchtig mache.
Das ist ein Verantwortungsbewusstsein, das ich mir von OpenAI-Gründer Sam Altman wünschen würde (Mr. „Vermutlich-geht-die-Welt-wegen-KI-unter,-aber-immerhin-gibt’s-bis-dahin-ein-paar-ganzganztolle-Unternehmen.“)
Verantwortungsbewusste Grüße
Paul und das Team von Neue Narrative
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