Caring Companies

Was macht eigentlich einen Caring State aus?

  • Text: Jessi von Blazekovic

Eines gleich vorneweg: Die Behauptung, die Bundes­republik Deutschland sei eine Firma oder GmbH, ist eine erfundene Verschwörungs­theorie der sogenannten Reichs­bürger-Szene. Deutschland ist natürlich ein echter und unabhängiger Staat. Aber als Sozialstaat leistet er auch Care-Arbeit und ist zumindest in diesem Sinne eine Caring Company.

In letzter Zeit wird das aber immer stärker infrage gestellt. Bei den jüngsten Reform­plänen – zum Beispiel zum Eltern­geld oder dem Unterhalts­vorschuss – kann ich gar nicht anders als zu denken: Die Politik zieht sich hier aus ihrer Fürsorge-Verantwortung zurück.

Am richtigen Ende sparen

Beide Maßnahmen werden damit begründet, dass Deutschland sparen muss und wir uns unseren teuren Sozial­staat in dieser Form nicht mehr leisten können. Deshalb setzt die Bundes­regierung ohnehin schon schwache Gruppen weiter unter Druck: Familien, Allein­erziehende, Frauen und Kinder.

Natürlich kann man jetzt argumentieren, Eltern sollten lieber dankbar sein, dass es überhaupt was vom Staat gibt, anders als beispiels­weise in den USA. Doch ein Blick über den Atlantik zeigt, wozu das führt: Das Armuts­risiko (besonders für Kinder) ist dort deutlich höher als in Deutschland, die Schere zwischen Arm und Reicht noch extremer.

Kinder sind zudem alles andere als eine Privat­angelegenheit und angesichts des demografischen Wandels wortwörtlich system­relevant. Sie sind die künftigen Beitrags­zahler:innen, Pflege­kräfte, Hand­werker:innen, Ärzt:innen und Ingenieur:innen, auf die Wirtschaft und Sozial­staat einmal angewiesen sein werden. Und nicht nur das: Sie sind eine Bereicherung für die Gesell­schaft.

Auch wenn die Zeiten wirtschaftlich heraus­fordernd sind und das Geld nicht mehr so locker sitzt wie noch vor ein paar Jahren: Kinder sollten bei den staatlichen Spar­maßnahmen nicht als Erstes heran­gezogen werden.

Was ein Caring State tun kann

  • Zuhören: Die Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen wie Kinder und Allein­erziehende lassen sich nicht mit pauschalen Entscheidungen von oben abbilden. Die Politik muss hier in den Dialog gehen und heraus­finden, was wirklich hilft, statt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.
  • Priorisieren: Wenn die finanziellen Ressourcen knapp sind, muss die Politik sie sinnvoll verteilen. Im besten Fall folgen die Entscheidungen einer ökonomischen Logik. Bei den Sozial­leistungen ist ein besonders sensibles Händchen gefragt, denn diese Zahlungen beruhen auf einem Werte­kompass, den wir uns als Gesell­schaft gegeben haben. Wir wollen (hoffentlich) alle in einem Land leben, das Menschen in heraus­fordernden Lebens­situationen unter­stützt. Dieses „Operating Principle“ sollte wenn möglich immer Vorrang haben.
  • Empathisch sein: Der Ton macht bekanntlich die Musik, und ganz oft wäre ein verständnis­volles Wort, ein „Wir sehen euch“ genau das, was die Menschen brauchen. Viel zu oft passiert in der politischen Kommunikation leider das genaue Gegenteil. Die Menschen fühlen sich nicht verstanden und ihre Lebens­realität ist meilenweit entfernt von „denen da oben“ in der Regierung. Dabei wäre Empathie eine so wichtige Fähigkeit für Politiker:innen. Nicht nur bei der Vermittlung unpopulärer Entscheidungen, sondern auch für den Zusammen­halt in der Gesell­schaft und den Erhalt unserer Demokratie.

All das gilt im Übrigen auch für Caring Companies, die sich sehr viele Gedanken darüber machen, wie gute und zeitgemäße Führung aussieht. Sie haben verstanden, dass es sich lang­fristig lohnt zum Beispiel in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu investieren. Hier könnte sich die Politik ruhig öfter mal von der Wirtschaft inspirieren lassen.

Wie ordnet ihr die Famillien­politik der Bundes­regierung ein? Ich bin gespannt auf eure Gedanken dazu.

Jessi und das Team von Neue Narrative

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