Eines gleich vorneweg: Die Behauptung, die Bundesrepublik Deutschland sei eine Firma oder GmbH, ist eine erfundene Verschwörungstheorie der sogenannten Reichsbürger-Szene. Deutschland ist natürlich ein echter und unabhängiger Staat. Aber als Sozialstaat leistet er auch Care-Arbeit und ist zumindest in diesem Sinne eine Caring Company.
In letzter Zeit wird das aber immer stärker infrage gestellt. Bei den jüngsten Reformplänen – zum Beispiel zum Elterngeld oder dem Unterhaltsvorschuss – kann ich gar nicht anders als zu denken: Die Politik zieht sich hier aus ihrer Fürsorge-Verantwortung zurück.
Am richtigen Ende sparen
Beide Maßnahmen werden damit begründet, dass Deutschland sparen muss und wir uns unseren teuren Sozialstaat in dieser Form nicht mehr leisten können. Deshalb setzt die Bundesregierung ohnehin schon schwache Gruppen weiter unter Druck: Familien, Alleinerziehende, Frauen und Kinder.
Natürlich kann man jetzt argumentieren, Eltern sollten lieber dankbar sein, dass es überhaupt was vom Staat gibt, anders als beispielsweise in den USA. Doch ein Blick über den Atlantik zeigt, wozu das führt: Das Armutsrisiko (besonders für Kinder) ist dort deutlich höher als in Deutschland, die Schere zwischen Arm und Reicht noch extremer.
Kinder sind zudem alles andere als eine Privatangelegenheit und angesichts des demografischen Wandels wortwörtlich systemrelevant. Sie sind die künftigen Beitragszahler:innen, Pflegekräfte, Handwerker:innen, Ärzt:innen und Ingenieur:innen, auf die Wirtschaft und Sozialstaat einmal angewiesen sein werden. Und nicht nur das: Sie sind eine Bereicherung für die Gesellschaft.
Auch wenn die Zeiten wirtschaftlich herausfordernd sind und das Geld nicht mehr so locker sitzt wie noch vor ein paar Jahren: Kinder sollten bei den staatlichen Sparmaßnahmen nicht als Erstes herangezogen werden.
Was ein Caring State tun kann
- Zuhören: Die Bedürfnisse von vulnerablen Gruppen wie Kinder und Alleinerziehende lassen sich nicht mit pauschalen Entscheidungen von oben abbilden. Die Politik muss hier in den Dialog gehen und herausfinden, was wirklich hilft, statt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein zu sein.
- Priorisieren: Wenn die finanziellen Ressourcen knapp sind, muss die Politik sie sinnvoll verteilen. Im besten Fall folgen die Entscheidungen einer ökonomischen Logik. Bei den Sozialleistungen ist ein besonders sensibles Händchen gefragt, denn diese Zahlungen beruhen auf einem Wertekompass, den wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Wir wollen (hoffentlich) alle in einem Land leben, das Menschen in herausfordernden Lebenssituationen unterstützt. Dieses „Operating Principle“ sollte wenn möglich immer Vorrang haben.
- Empathisch sein: Der Ton macht bekanntlich die Musik, und ganz oft wäre ein verständnisvolles Wort, ein „Wir sehen euch“ genau das, was die Menschen brauchen. Viel zu oft passiert in der politischen Kommunikation leider das genaue Gegenteil. Die Menschen fühlen sich nicht verstanden und ihre Lebensrealität ist meilenweit entfernt von „denen da oben“ in der Regierung. Dabei wäre Empathie eine so wichtige Fähigkeit für Politiker:innen. Nicht nur bei der Vermittlung unpopulärer Entscheidungen, sondern auch für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und den Erhalt unserer Demokratie.
All das gilt im Übrigen auch für Caring Companies, die sich sehr viele Gedanken darüber machen, wie gute und zeitgemäße Führung aussieht. Sie haben verstanden, dass es sich langfristig lohnt zum Beispiel in die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu investieren. Hier könnte sich die Politik ruhig öfter mal von der Wirtschaft inspirieren lassen.
Wie ordnet ihr die Famillienpolitik der Bundesregierung ein? Ich bin gespannt auf eure Gedanken dazu.
Jessi und das Team von Neue Narrative
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