Gerade in internationalen Teams gilt Sprache häufig als neutrale Arbeitsgrundlage. In Wirklichkeit entscheidet sie aber darüber, wer sich einbringen kann, wer gehört wird und wer Karriere macht.
Bevor ich bei Neue Narrative anfing, habe ich zehn Jahre in einem internationalen Team mit Menschen mit 20 unterschiedlichen Erstsprachen gearbeitet. Dabei gab es gelegentlich folgendes Szenario: Im Meeting macht jemand einen Witz mit einer kulturellen Referenz, z.B. aus einer alten Werbung oder Kinderserie, alle lachen – bis auf eine Person, die die Anspielung nicht versteht. Oder eine Kollegin präsentiert fachlich brillante Inhalte, das Publikum kann ihr aber schlecht folgen, weil sie nicht in ihrer Erstsprache spricht. Bei Letzterem entsteht manchmal der Eindruck, eine Person sei weniger kompetent als andere. Dabei ist nur die sprachliche Ausgangslage anders.
Machtgefälle durch Sprache
Viele Unternehmen arbeiten heute mit einer gemeinsamen Verkehrssprache, oft Englisch. Das schafft zwar Verständigung, aber nicht automatisch Chancengleichheit.
Menschen, die nicht in ihrer Erstsprache arbeiten, müssen permanent zusätzliche mentale Arbeit leisten: Fachbegriffe erschließen, Formulierungen abwägen, kulturelle Anspielungen verstehen – all das, während sie ihre eigentliche Arbeit erledigen. Das kostet Zeit, Energie und Selbstvertrauen.
Hinzu kommt ein oft unsichtbares Machtgefälle: Wer die Arbeitssprache perfekt beherrscht, wirkt häufig kompetenter, überzeugender und führungsstärker – selbst wenn die fachliche Leistung identisch ist. In Gehaltsgesprächen, Präsentationen oder Bewerbungsprozessen kann das entscheidende Vorteile bringen.
Noch komplizierter wird es, wenn aus Sprachunterschieden Sprachhierarchien werden. Manche Akzente, wie zum Beispiel der französische, gelten als sympathisch, während andere, wie der indische, belächelt werden. Bestimmte Sprachen werden als wertvoll erachtet, manche sind negativ besetzt. An Schulen meint die Forderung „Hier wird Deutsch gesprochen!“ eher zweisprachige Kinder, die auf dem Schulhof Arabisch sprechen, als den britischen Austauschschüler.
Diese Form der Diskriminierung wird als Linguizismus bezeichnet: die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Sprache, ihres Akzents oder ihrer sprachlichen Herkunft. Das zeigt sich oft in Bemerkungen wie: „Dein Akzent klingt irgendwie komisch” oder „Deinen Namen kann ich nicht aussprechen”.
Meist ist das nicht böse gemeint. Trotzdem vermittelt es Betroffenen: Du gehörst nicht ganz dazu.
Was Caring Companies tun können
- Verständlichkeit vor Perfektion stellen: Inhalte wichtiger bewerten als rhetorische Brillanz oder perfekte Grammatik
- Sprachen lernen unterstützen: Sprachkurse, Tandems oder informelle Austauschformate anbieten
- Fachjargon reduzieren: Dokumentationen, Prozesse und wichtige Informationen möglichst klar formulieren
- Nachfragen normalisieren: Eine Kultur schaffen, in der niemand Angst haben muss, eine Redewendung oder einen Begriff nicht zu verstehen
- Für Linguizismus sensibilisieren: Führungskräfte und Teams für Vorurteile gegenüber Akzenten, Sprachvarianten und Mehrsprachigkeit schulen
- Namen und Identitäten respektieren: Namen üben und korrekt aussprechen und Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens oder Namens automatisch einer Sprache oder Herkunft zuordnen
Sprache ist nie nur ein Werkzeug. Sie ist auch Zugehörigkeit, Identität und Teilhabe. Nicht alle Menschen starten mit denselben sprachlichen Voraussetzungen.
Schau dich doch diese Woche mal in deinem Umfeld um, wo Menschen Vor- oder Nachteile durch die dominant gesprochene Sprache haben.
Laura und das Team von Neue Narrative
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