Die Reformpläne für das Elterngeld senden ein fatales Signal vor allem an Frauen – und gefährden damit Deutschlands Zukunft. Denn Kinder sind systemrelevant. Ein Punkt ist allerdings richtig.
Ich habe zwei kleine Kinder und komme gerade aus der Elternzeit. Eigentlich geht das niemanden etwas an. Warum teile ich diese sehr private Information trotzdem? Weil ich nachempfinden kann, was die Vorschläge der Regierung für ein neues Elterngeld-Modell mit Eltern und allen, die es gerne noch(mal) werden möchten, machen.
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) plant, das Elterngeld zu reformieren. Im Kern geht es darum, die maximale Bezugsdauer des Elterngelds von 14 auf 12 Monate zu kürzen. Zudem müssen beide Elternteile künftig mindestens drei statt bisher zwei Monate der Elternzeit übernehmen, um die Förderung voll auszuschöpfen. Zugleich sollen die monatlichen Summen leicht angehoben werden: der Mindestbetrag von 300 auf 330 Euro und der Höchstbetrag von 1.800 auf 1.900 Euro. Weiterhin soll das Elterngeld 65 bis 67 Prozent des Nettoeinkommens abdecken.
Als Grund für die Anpassung führt Prien die Sparvorgaben der Regierung für ihr Ressort an. Über die Kürzung des Elterngeldes, des mit Abstand größten Postens im Etat des Ministeriums, soll jährlich eine halbe Milliarde Euro eingespart werden.
Die Vorschläge der Ministerin haben eine Protestwelle ausgelöst, auch beim Koalitionspartner SPD. Kritisiert werden im Grunde alle drei wesentlichen Bestandteile des Reformplans: die Verkürzung der Bezugsdauer, die Anhebung des Pflichtanteils und die geplante neue Höhe der monatlichen Summen.
Bei zwei der Kritikpunkte gehe ich mit. Bei einem nicht.
Kinder: Ein Luxus, den man sich leisten können muss
Fangen wir mit der vorgeschlagenen Erhöhung der monatlichen Summen an. Die ist tatsächlich ein Schlag ins Gesicht für alle Eltern. 19 Jahre lang wurde der Betrag nicht angefasst, ungeachtet der Inflationsentwicklung. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat berechnet, wie groß die Lücke ist: Seit seiner Einführung im Jahr 2007 hat das Elterngeld fast ein Drittel seines Werts verloren. Die Koalitionspartner hatten sich eigentlich auch darauf geeinigt, den Mindest- und Höchstbetrag „spürbar an[zu]heben“.
Die nun geplanten Erhöhungen sind ein Witz. Würde die Bundesregierung die Inflation voll ausgleichen, müsste der Mindestsatz laut IW-Rechnung bei 432 Euro und der Höchstsatz bei rund 2.591 Euro liegen, also 132 beziehungsweise 791 Euro höher als heute. Und selbst das greift eigentlich zu kurz, denn legt man statt der Preis- die Lohnentwicklung zugrunde – was ein besserer Maßstab wäre, da Elterngeld wegfallendes Erwerbseinkommen ersetzen soll –, müsste der Höchstsatz sogar bei rund 3.000 Euro liegen.
Für Eltern sind Kinder, rein finanziell betrachtet, längst ein Verlustgeschäft. Doch für viele ist die Familiengründung inzwischen zu einem Luxus geworden, den man sich leisten können muss. Dabei ist das Kinderkriegen alles andere als eine Privatangelegenheit: Kinder sind, nicht nur wegen des demografischen Wandels, wortwörtlich systemrelevant. Sie sind die künftigen Beitragszahler*innen, Pflegekräfte, Handwerker*innen, Ärzt*innen und Ingenieur*innen, auf die Wirtschaft und Sozialstaat einmal angewiesen sein werden.
Neun Monate reichen nicht
Kommen wir zur Bezugsdauer. Aktuell bekommen Paare das Elterngeld in jedem Fall für 12 Monate, unabhängig davon, wer wie viele Monate zuhause bleibt. Falls beide Elternteile mindestens zwei Monate Elternzeit nehmen, können die Eltern sogar insgesamt 14 Monate Elterngeld beanspruchen.
Das ergibt Sinn, egal, wie die Monate nun zwischen den Eltern aufgeteilt sind. Als Mama weiß ich: Das erste Lebensjahr ist wild. Um den ersten Geburtstag eines Kindes herum passiert so unglaublich viel. Die ersten Zähne kommen und rauben Eltern und Babys den Schlaf. Vielleicht machen sie auch schon die ersten wackeligen Schritte oder brabbeln die ersten Wörter. Die Kleinen dürfen jetzt alles essen, was auf den Familientisch kommt, theoretisch brauchen sie die Flasche oder Brust nicht mehr – und der gesetzliche Anspruch auf einen Kita-Platz greift.
Die Bezugsdauer jetzt auf neun Monate zu reduzieren, sollten die Partner*innen nicht die vorgeschriebenen drei Monate der Erziehungszeit übernehmen wollen oder können, halte ich für falsch. Denn es nimmt den Eltern und Babys wertvolle Zeit, um in einem völlig neuen Leben anzukommen, in dem nichts, aber auch wirklich nichts mehr so ist wie vorher. Manchen fehlt dann vielleicht die Ruhe zum Abstillen, die Zeit für die Kita-Eingewöhnung oder es entsteht sogar eine Betreuungslücke für alle, die keinen Platz finden. Viele Einrichtungen nehmen Kinder auch erst ab einem Jahr. Hinzu kommt, dass Fremdbetreuung unter einem Jahr zwar machbar, aber nicht für alle Babys das Richtige ist. Diese kleinen Menschen sind eben keine Roboter.
Die Rechnung geht nicht auf
Kommen wir zum letzten Punkt, der Erhöhung der sogenannten Vätermonate, also den Pflichtanteil des*der Partner*in auf drei Monate zu erhöhen, wenn die maximale Bezugsdauer erreicht werden soll. Hier muss ich Frau Prien Recht geben. Etwas weniger als die Hälfte der Väter nimmt zwar inzwischen Elternzeit, die meisten von ihnen allerdings nur zwei Monate.
Der Staat mischt sich mit dem Vorschlag nun noch stärker in die Aufteilung der Sorgearbeit ein. Aber Elterngeld wird aus Steuergeldern finanziert. Wenn der Staat Milliarden investiert, darf er damit auch politische Ziele erreichen wollen. Dazu gehört unbedingt auch mehr Gleichberechtigung. Der Effekt von Vätermonaten auf die Erwerbstätigkeit der Mütter ist zwar kleiner, als manche behaupten, aber eindeutig positiv. In Umfragen zeigen außerdem auch in Deutschland lebende Paare durchaus Bereitschaft, die Elternzeit gleichberechtigter aufzuteilen.
Deshalb ist das eigentliche Problem der geplanten Elterngeldreform nicht, dass sie mehr Vätermonate vorsieht. Sie wären sogar wünschenswert und würden das richtige Signal an Mütter, Väter, Unternehmen und die gesamte Gesellschaft senden: Die Papas sind genauso wichtig und kompetent. Und die Mamas dürfen auch an ihre berufliche und finanzielle Sicherheit denken.
Vieles deutet außerdem darauf hin, dass sich mehr Vätermonate langfristig wirtschaftlich auszahlen würden: Wenn Väter mehr Sorgearbeit übernehmen und Mütter früher in den Beruf zurückkehren können, stärkt das nicht nur die Gleichberechtigung, sondern auch den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft.
Das eigentliche Problem ist: Viele Familien können drei Vätermonate gar nicht nutzen, selbst wenn sie wollten. Denn in der Regel sind es noch immer die Männer, die am meisten verdienen. Solange das Elterngeld seinem Anspruch als Lohnersatzleistung nicht gerecht wird und die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen fortbestehen, fällt das Gros der Erziehungszeit gezwungenermaßen den Müttern zu. Was wie eine freie Wahl aussieht, ist in Wirklichkeit eine finanzielle Notwendigkeit.
Der eigentliche Skandal
Also scheitert der gute Vorsatz schlichtweg daran, dass das Elterngeld insgesamt nicht ausreichend finanziert ist. Gleichberechtigung bleibt aus, wenn Familien die finanzielle Grundlage dafür fehlt. Zu Recht werden die Reformpläne daher als versteckte Kürzung mit Kalkül aufgenommen.
Dass Frau Prien überhaupt am Elterngeld sparen muss: Das ist der eigentliche Skandal, und ziemlich kurzsichtig. Sicher, die Haushaltslage ist angespannt. Aber wo gespart wird, ist eine politische Entscheidung. Ausgerechnet das Elterngeld zu beschneiden, setzt die absolut falschen Prioritäten. Zumal ohnehin immer weniger Eltern überhaupt Elterngeld beziehen: Im vergangenen Jahr waren es etwa 14 Prozent weniger als noch 2021. Die Zahl der Geburten ist im Jahr 2025 auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit gesunken.
Möchten wir das ändern, muss die Regierung Familien ein klares Signal senden: Ihr seid willkommen! Wir glauben an die Daseinsberechtigung des Elterngeldes, an die Rolle, die der Sozialstaat hier anders als beispielsweise in den USA einnimmt, und höhlen es nicht langsam, aber sicher aus. Denn das Elterngeld ist kein Almosen vom Staat für ein Freizeitjahr. Es ist eine Investition in funktionierende Familien heute und folglich in unsere volkswirtschaftliche Grundlage von morgen. Die Reformpläne sprechen bei allem Verständnis für die Sparzwänge eine ganz andere Sprache.
Noch ist es nicht zu spät, die geplante Reform zu korrigieren. Die Bertelsmann-Stiftung schlägt etwa vor, die Vätermonate auf mindestens vier Partnermonate auszuweiten und die Lohnersatzrate von bisher 65 bis 67 Prozent auf 80 Prozent anzuheben. Sicher gibt es noch andere kluge Ideen. Dafür müsste sich die Bundesregierung aber erst mal dazu entscheiden, Kinder nicht länger als privates Vergnügen, sondern als gesellschaftliche Bereicherung und wirtschaftliche Notwendigkeit für unser Land anzusehen.
Keine Frage: Kinder kosten Geld. Keine Kinder kosten uns aber unseren Wohlstand.





