Verbessert Homeoffice wirklich die Vereinbarkeit? Sind Frauen von Natur aus einfühlsamer? Und schadet die Elternzeit der Karriere?
1. „Wer ein Jahr Elternzeit nimmt, riskiert seine Karriere.“
- Stimmt.
Seit 2007 dürfen Eltern insgesamt 14 Monate Elterngeld beziehen, ein einzelner Elternteil aber maximal 12 Monate. Wenn also nur die Mutter Elternzeit nimmt, geht der Anspruch auf zwei Monate Elterngeld flöten. Um die volle Bezugsdauer auszuschöpfen, nehmen viele Väter heute zwei Monate Elternzeit, wofür sich der Begriff Vätermonate eingebürgert hat. Auch wenn den Großteil der Elternzeit immer noch Frauen nehmen, hat die Maßnahme dazu geführt, dass heute deutlich mehr Väter überhaupt Elternzeit nehmen – und zwar knapp die Hälfte von ihnen. 75 Prozent davon jedoch nur die zwei Vätermonate. Viele Männer begründen das mit den finanziellen Einschnitten für die Familie – das Basiselterngeld beträgt in der Regel 65 Prozent des Einkommens und Männer verdienen noch immer mehr, sodass der anteilige Wegfall ihres Gehalts das Haushaltseinkommen stärker beeinflusst – und den negativen Auswirkungen auf ihre Karriere. Tatsächlich lässt sich bereits nach diesen zweiten Monaten ein negativer Effekt auf das Gehalt (hier als Maßstab für die Karriere) feststellen: Während das Einkommen von Vätern, die keine Elternzeit genommen haben, sieben Jahre nach der Geburt des Kindes um 21 Prozent gestiegen ist, ist das der Väter mit Vätermonaten nur um 19 Prozent gestiegen. Und das jener, die eine längere Elternzeit genommen haben, sogar nur um 8 Prozent.
Dass der Unterschied bei Letzteren so stark ist, liegt offenbar daran, dass generell der Elternteil, der mehr Elternzeit nimmt, häufiger auch danach den Hauptteil der Verantwortung für das Kind trägt – und deshalb in Teilzeit weiterarbeitet, was in der Regel schlechtere Karriereaussichten bedeutet. Diese sogenannte Teilzeitfalle1 betrifft wiederum vor allem Mütter, weil sie ja die meiste Elternzeit nehmen. Zudem verlässt einer Studie von Stepstone zufolge ein Drittel aller Mütter nach der Elternzeit ihre*n Arbeitgeber*in. Und von denen, die zurückkehren, bekommt ein Viertel eine weniger anspruchsvolle, oft unterfordernde Position. Ein Jahr Elternzeit bleibt damit ein Karriererisiko.

2. „Homeoffice löst das Vereinbarkeitsproblem.“
- Eher ja.
Musst du heute arbeiten oder machst du Homeoffice? Tatsächlich gibt es einige Leute, die das digitale Äquivalent des Präsentismus (eine Kultur, die Leistung mit Präsent-Sein gleichsetzt), etwa die Überwachung der Aktivitätsanzeige (z. B. bei Microsoft Teams), mit einem Mousemover überlisten, der auch in Abwesenheit die Computermaus beständig kreisen lässt. Es gibt sie also bestimmt, die Menschen, die das Homeoffice nutzen, um zu chillen. Die würden vermutlich aber auch im Büro nicht mehr leisten – und sind ohnehin in der Minderheit. Gerade wegen dieser Vorurteile über das Homeoffice fühlen Menschen sich dort aber besonders verpflichtet, abzuliefern: Studien zeigen, dass Leute im Homeoffice im Mittel nicht weniger, sondern mehr leisten. Gerade solche mit Sorgeverantwortung entlastet es: Sie sparen sich den Weg zur Arbeit und können mittags mit der in Pflege stehenden Mutter essen, ohne dafür einen halben Arbeitstag ausfallen lassen zu müssen. Damit das Homeoffice diese Vereinbarkeit wirklich verbessert, müssen laut einer Überblicksstudie einige Bedingungen erfüllt sein.
Beschäftigte müssen …
- selbst entscheiden können, wie und in welchem Maß sie im Homeoffice arbeiten (der Vereinbarkeit zuträglich ist es ab zweieinhalb Tagen).
- emotional und organisatorisch unterstützt werden. Hilfreich ist, wenn es Vorbilder im Unternehmen gibt, die sie ermutigen, eine Grenze zwischen Berufs- und Privatleben zu wahren.
- anhand festgelegter Kriterien bewertet werden, da gerade Frauen sonst häufig benachteiligt werden.
- universellen Zugang, also unabhängig von ihrer Position, die vertraglich festgeschriebene Möglichkeit zum Homeoffice haben. (Wenn dies aufgrund ihrer Tätigkeit gar nicht möglich ist, sollten Alternativen geprüft werden, z. B. zeitflexibles Arbeiten.)

3. „Krippenbetreuung verbessert die Bildungschancen.“
- Eher nein.
Die Geburt eines Kindes stellt das Leben der Eltern auf den Kopf. Prioritäten verschieben sich; nicht wenige stellen ihre Karriereambitionen plötzlich hintenan und ordnen alles dem Kindeswohl unter. Aber denkt eigentlich auch mal irgendwer an die arme Wirtschaft? Entscheidungen für das Kind sind schließlich Entscheidungen gegen den beruflichen Werdegang, ja gegen die Volkswirtschaft insgesamt! Deshalb gibt es Kinderkrippen, Betreuungseinrichtungen für Kinder bis zum vollendeten dritten Lebensjahr. Sie sollen den Eltern ermöglichen, berufliche und familiäre Verpflichtungen besser zu vereinen. Und ist das nicht vielleicht sogar gut fürs Kind? Die Studienlage ist uneindeutig. Zwar kam eine Bertelsmann-Studie zum Ergebnis, die frühkindliche Betreuung verbessere die Chancen auf den Besuch eines Gymnasiums. Doch die Erhebung war methodisch zu schlecht, um wirklich Aussagen über einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang treffen zu können.
Tatsächlich kam die NICHD-Studie, die bisher umfassendste zur frühkindlichen Betreuung, zu dem Schluss, dass Kinderkrippen mit sehr hoher Betreuungsqualität (und nur die) die sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten der Kinder verbessern. Doch dieser Vorsprung geht im Laufe der Schulzeit wieder verloren. Demgegenüber stehen die Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung: Je früher ein Kind eine Krippe besucht, desto aggressiver und ungehorsamer wird es, und zwar anhaltend. Werden also die möglichen Vorzüge frühkindlicher Betreuung im öffentlichen Diskurs überbetont, während die Risiken heruntergespielt werden? Zu diesem Schluss kommt etwa Psychoanalytikerin Silvia Cramerotti-Landgraf in ihrer vielbeachteten Qualifikationsarbeit.

4. „Wer Karriere machen will, muss die Ellenbogen ausfahren.“
- Stimmt.
Unser Wirtschaftssystem basiert (zumindest in der Theorie) auf Wettbewerb. Das gilt für Unternehmen, aber eben auch für die Menschen, die in diesen Unternehmen arbeiten, und bedeutet, dass viele Menschen ein Ziel verfolgen, das nur wenige erreichen können. Bekomme ich eine prestigeträchtige Position (bzw. Rolle) und Gehaltserhöhung, bekommt eine andere Person diese nicht. Wer sich durchsetzen will, muss also in Kauf nehmen, dass die anderen das Nachsehen haben. Der Wirtschaftsethiker Karl Homann argumentiert, dass dieser Wettbewerb der Moral entgegensteht. Die Moral habe nämlich „mit Solidarität, Liebe und Altruismus zu tun“ und sie verlange vom Einzelnen, „daß er seine Interessen den Interessen anderer nachordnet“.
Man könnte also sagen, dass Wettbewerb tatsächlich bedeutet, die Ellenbogen auszufahren. Ob es dann im Arbeitsalltag beim Karrieremachen wirklich so rücksichtslos zugeht, ist stark abhängig von der Branche und der Organisation. Häufig geht es am Ende darum, in bestimmten Leistungsindikatoren zu bestechen, wenn es auch nur bedeutet, besonders lange im Büro zu hocken. Mit Solidarität, Liebe und Altruismus hat es aber in der Regel wirklich wenig zu tun.

5. „Frauen sind von Natur aus einfühlsamer.“
- Stimmt.
Dass Frauen einfühlsamer sind, ist eine Binsenweisheit, und als solche kaum umstritten. In einem Experiment konnten Forscher*innen zeigen, dass Frauen besser und ihre Gehirne deutlich aktiver sind, wenn es darum geht, Gefühle anderer Menschen zu deuten, wie auch die eigenen Gefühle als Reaktion auf die anderer zu beschreiben. Die eigentliche Frage aber ist, ob dies von Natur aus so ist. Denn selbst plastische Veränderungen im Gehirn sind als Folge sozialer Formung denkbar: Von wem erwartet wird, einfühlsam zu sein, der wird dieser Erwartung entsprechen wollen und könnte daher diese überlegenen Fähigkeiten erst im Laufe seines Lebens entwickeln.
Um dieser Vermutung auf den Grund zu gehen, haben Forscher*innen in einer anderen Studie das Verhalten neugeborener Jungen und Mädchen verglichen und außerdem andere Nesthocker-Spezies untersucht, deren Kinder also ebenfalls hilflos zur Welt kommen wie wir Menschen. Sie beobachteten, dass zumindest in einigen Fällen auch dort die Weibchen einfühlsamer sind als die Männchen. Und dass bereits neugeborene Mädchen häufiger mitweinen, wenn andere weinen, in für sie unsicheren Situationen Orientierung im Ausdruck von Bezugspersonen suchen und generell interessierter sind am Verhalten anderer. Die Forscher*innen nehmen an, dass Einfühlungsvermögen entstanden ist, weil es für das Überleben des Nachwuchses entscheidend war, zu erkennen, was dem Kind gerade fehlt. Und da Frauen als gebärendes und stillendes Geschlecht die ersten und häufig auch hauptsorgetragenden Bezugspersonen für das Kind sind, haben sie auf genetischer Ebene Veranlagungen, diese Aufgabe besonders gut zu erfüllen.
Das heißt aber nicht, dass Männer biologisch nicht geeignet seien, ein Kind großzuziehen. Zum einen sind die Unterschiede zwar signifikant, aber eher moderat. Zum anderen hat eine im renommierten Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie gezeigt, dass die Fürsorge für ein Kleinkind bei Vätern zu einer hohen Neuroplastizität führt, also einer Anpassung des Gehirns an die neue Aufgabe. Es wäre spannend zu erfahren, ob auch hauptsorgetragende Väter in einem MRT-Scan Frauen in Sachen Einfühlungsvermögen unterlegen wären.

6. „Männer, die sich viel kümmern, gelten als Waschlappen.“
- Stimmt.
Harald Schmidt, der regelmäßige „Traumschiff“-Passagier, hat vor einigen Jahren im Interview gesagt, er habe sich nie „zum Familientrottel machen lassen“, oder – wie er es nenne – „Daddy-Weichei“: „Die Mutter sitzt im Café und verändert die Welt, und er kriecht dem vollgekotzten Baby im Hipp-Café auf allen Vieren hinterher.“ Jetzt gar nicht weiter auf die in der FAZ treffend beschriebene Dieter-Nuhrisierung der Late-Night-Ikone eingehend, bringt dessen Beschreibung doch gut zum Ausdruck, mit welchen Stigmata Männer kämpfen, die den Rollenerwartungen an ihr Geschlecht nicht entsprechen. Sie gelten als weich, schwächlich, feige, als Waschlappen eben. So bekommen Männer, die Elternzeit nehmen, auch häufiger abfällige und abwertende Kommentare zu hören als Frauen. Zwar will fast die Hälfte der Väter genauso an der Erziehung teilhaben wie die Mutter, doch in nur 21 Prozent der Familien ist das auch der Fall.
Woran das liegt? Vor allem daran, dass von Vätern geleistete Erwerbsarbeit gesellschaftlich noch immer ein viel höheres Ansehen genießt als ihr Engagement in der Familie. „Für eine tatsächliche Egalisierung ist vielmehr ein grundlegender Wandel im Geschlechter- und Anerkennungsverhältnis notwendig“, resümiert Soziologin Stefanie Aunkofer in ihrer qualitativen Studie. Looking at you, Dirty Harry.

FUßNOTEN
- 1
Das hat allerdings weniger mit einer Bereitschaft der Erwerbstätigen als mit einem Mangel an Angeboten von Arbeitgeber*innen zu tun. Vor allem flexible Arbeitszeiten würden hier helfen, Erwerbsarbeit und Sorgetätigkeit besser zu vereinbaren. ↩




