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Blick aus dem Fenster auf eine Naturlandschaft. Unsere Umgebung spielt eine wichtige Rolle dafür, wie gut wir uns konzentrieren und arbeiten können.
Arbeitsräume

Warum wir geeignete Räume zum Denken brauchen

Die Extended Mind Theory zeigt, dass unser Denken nicht im Gehirn aufhört, sondern wir kognitive Verbindungen mit unserer Umgebung eingehen. Wie können wir Räume gestalten, die uns beim Denken unterstützen?

Wer sich seinen Traum-Arbeitsplatz aussuchen könnte, würde vermutlich nicht eine zehn Quadratmeter große Küche mit einem kleinen Tisch wählen, der für jede Mahlzeit abgeräumt werden muss. Oder eine dunkle Ecke im Schlafzimmer, in der sich der Schreibtisch eng an das Bett drückt.

Gleichzeitig sieht so die Arbeitsplatz-Realität von Millionen von Menschen im Homeoffice aus. Und diese Realität führt zu schlechterer Arbeit. Denn unser Denken endet nicht im Kopf, sondern setzt sich in seiner Umgebung fort. Das sagt jedenfalls die Extended Mind Theory (EMT). Laut dieser beziehen wir die uns umgebende Welt nicht nur mit in unser Denken ein, sondern Teile unseres Denkens finden außerhalb unseres Gehirns statt.

Dem steht eine traditionelle Vorstellung des Denkprozesses gegenüber. Diesen beschreibt Sven Walter, Professor für Philosophie der Kognition an der Universität Osnabrück, so: „Auf der einen Seite gibt es Wahrnehmungsprozesse, also das, was in das Gehirn reingeht, und auf der anderen Seite Handlungsprozesse, also das, was rauskommt. Und dazwischen findet das Denken statt.“ Die Philosophin Susan Hurley hat diese Vorstellung einmal als Sandwichmodell der Kognition bezeichnet.1 In diesem Modell spielt die Welt, in der wir agieren, für den Denkprozess selbst keine Rolle.

Die Extended Mind Theory wurde von den Philosophen Andy Clark und David Chalmers entwickelt und beschreibt das genaue Gegenteil:2 Denken findet nicht (nur) im Kopf statt, sondern in Systemen, die zum Teil außerhalb unseres Körpers liegen. Die Welt selbst ist Teil des Prozesses und wir bilden mit ihr sogenannte kognitive Systeme. „Dann erweitert sich der Geist“, sagt Walter. „Er ist nicht mehr auf das Gehirn beschränkt, sondern überschreitet diese biologischen Grenzen und bezieht Teile der natürlichen, technologischen und sozialen Welt mit ein.“

Ein gutes Beispiel dafür ist das Spiel Scrabble. Kein Mensch der Welt schaut sich nur die Buchstabenplättchen an. Jede*r schiebt sie herum, um mögliche Wörter zu schaffen. In diesen Momenten bilden das Gehirn, die Augen, die Hände und die Scrabble-Teile ein komplexes System.

Traditionell werden Denkprozesse so verstanden: Die Wahrnehmungen werden vom Gehirn verarbeitet und in Handlungen übersetzt.

Unser Geist befindet sich nicht nur im Kopf, sondern erstreckt sich auch auf die Dinge und die Räume, die uns umgeben. Das bedeutet aber, dass die Fähigkeit, gut zu denken, keine rein individuelle Eigenschaft ist, sondern immer auch auf dem Zugang zu externen Ressourcen basiert: die Räume um uns herum, ihre Ausstattung und ihre Einrichtung. Sie erleichtern uns nicht nur die Arbeit, sondern beeinflussen tatsächlich unsere Denkfähigkeit.

Das hat Auswirkungen auf unser Verständnis von Intelligenz und sozialer Ungleichheit: Wer kann überhaupt auf welche Ressourcen zugreifen, um zu denken? Und wem sprechen wir Intelligenz ab, obwohl die räumlichen Bedingungen ihn*sie vielleicht gar nicht darin unterstützen? Wer kann also warum gut denken?

Die Räume um uns herum beeinflussen unsere Arbeit und unsere Fähigkeit zu denken.

Hoch die Wände: Wie Einzelbüros entstanden sind

Die räumliche Manifestation von Ruhe und Einkehr zum Denken waren lange Zeit Einzelbüros. Ausschlaggebende Merkmale: vier Wände und eine geschlossene Tür.

Tatsächlich entstanden trennende Wände und Rückzugsmöglichkeiten aber erst in der Renaissance. In italienischen Städten gab es für adelige Gelehrte studiolos, kleine private Räume. Diese studiolos waren die Vorgänger unserer Büros. Davor lebten und arbeiteten die Menschen – sofern sie nicht ohnehin unter freiem Himmel arbeiteten – in geteilten Räumlichkeiten. Dabei mussten sie immer wieder von ihrer Tätigkeit aufblicken, um zu schauen, was um sie herum los war. Denn wir sind auf die ständige Aufmerksamkeit gegenüber unserer Umgebung ausgelegt: Was im Raum um uns herum passiert, können wir deshalb nur schlecht ausblenden.

Bis heute sind Einzelbüros ein Statussymbol. Das gilt vor allem für sogenannte corner offices mit vielen Fenstern und weitem Blick. Aber auch das Homeoffice war lange ein Ausdruck von Privilegien. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Heute haben viele Menschen die Möglichkeit, in den eigenen Räumlichkeiten zu arbeiten. Aus kognitionswissenschaftlicher Perspektive kann das durchaus vorteilhaft sein, denn in einer gewohnten Umgebung fällt uns das Denken leichter. Wenn der Raum bekannt ist, können wir mehr Ressourcen auf die tatsächliche Arbeit verwenden. Auch das Gefühl, Kontrolle über den Ort zu haben, führt zu mehr Produktivität.3

Warum Großraumbüros nicht funktionieren

Das Gegenteil von Einzelbüros sind Großraumbüros. Sie sind ein Produkt der fortschreitenden Industrialisierung und wurden parallel zu Werkhallen gedacht: Im frühen 20. Jahrhundert waren diese Büros groß, voller Menschen und vor allem laut – es war die Zeit der mechanischen Schreibmaschinen. Einzelbüros waren wenigen hochrangigen Mitarbeiter*innen vorbehalten. Bis heute arbeiten 23 Prozent der Büroangestellten weltweit in Großraumbüros, in Großbritannien sogar fast die Hälfte.4

Ein Einzelbüro ist bis heute ein Statussymbol.

Dass sich Großraumbüros durchsetzen konnten, hat natürlich seine Gründe. Einerseits sind Großraumbüros ökonomisch, andererseits sollten sie die Produktivität steigern. Die Idee: Wo viele Menschen zusammenkommen, entsteht Neues! Bis heute hält sich diese Vorstellung von gesteigerter Produktivität durch aktivitätsbasierte Arbeitsorte. Auch Co-Working-Spaces basieren zum Teil auf dieser Idee.

Das Problem ist: Diese Idee stimmt nicht. Es gibt eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass unsere mentale Leistungsfähigkeit in Räumen mit vielen anderen Menschen eher gemindert ist:

  • Unser Gehirn nimmt unerwartete Geräusche immer auf – egal, ob der Inhalt für uns relevant ist oder nicht.5
  • Wir sind auf Sprache gepolt. Vor allem Telefonate lenken uns ab, weil wir automatisch die fehlende Hälfte des Gesprächs ergänzen.6
  • Es ist auch nicht hilfreich, sich durch Musikhören von den Umgebungsgeräuschen abzuschirmen: Musik, sowohl mit als auch ohne Gesang, erschöpft unser Gehirn.7 Vor allem Musik, die wir mögen. 8
  • Unsere Wahrnehmung priorisiert Gesichter und analysiert sie unterbewusst hinsichtlich ihrer Emotionen.9 Wenn wir mit vielen Menschen im selben Raum arbeiten, sind wir ständig abgelenkt.
  • Die Belastung durch viele Eindrücke in Büros führt dazu, dass wir weniger kreative Lösungen für Aufgaben finden. Stattdessen greifen wir auf das zurück, was wir schon kennen. 10
  • In Großraumbüros ohne Kabinen gibt es bis zu 70 Prozent weniger persönliche Interaktionen. In solchen Umgebungen werden Menschen Profis darin, andere auszuschließen, etwa indem sie Kopfhörer aufsetzen oder Blickkontakt meiden. 11
Anstatt Innovation zu fördern lenken uns Großraumbüros eher ab,

5 Dinge die du tun kannst, um deinen Arbeitsplatz zu verbessern

Klar ist: Weder Großraum- noch Einzelbüros sind für jeden Arbeitsmodus geeignet. Während die Arbeit im Großraumbüro oder Co-Working-Space für das tiefe Durchdenken komplexer Probleme nicht förderlich ist, fehlt im Einzelbüro mit geschlossenen Türen und mehr noch im Homeoffice die Zusammenarbeit mit anderen.

Die ideale Arbeitsumgebung sähe vermutlich ungefähr so aus: ein eigenes Haus oder eine Fünfzimmerwohnung mit Südbalkon, darin ein abgeschlossenes Arbeitszimmer mit viel Freiraum und Blick in einen Wald. Innerhalb von zehn Minuten ist ein offener Social Space erreichbar, in dem wir uns regelmäßig mit Kolleg*innen treffen.

Oder ein Ort, der einem Kloster nachempfunden ist. Denn wie die Wissenschaftsjournalistin Annie Murphy Paul schreibt, verbinden sich im Kloster architektonisch die menschlichen Bedürfnisse nach Rückzug und Stille mit Räumen für Kollaboration.12 Diese liegen in der Mitte des Gebäudes, sodass man sie regelmäßig durchquert.

Das Problem ist bloß, dass kaum jemand in einem Kloster arbeitet oder sich die Fünfzimmerwohnung mit Blick in den Wald leisten kann. Aber die Forschung rund um die Extended Mind Theory bietet Hinweise, wie wir Arbeitsorte auch mit weniger Geld und geringem Aufwand so gestalten können, dass wir die in unserer Umgebung verfügbaren Ressourcen besser für unser Denken nutzen können. Es gibt einige leicht umsetzbare Tricks:

1. Individualisiere deinen Arbeitsplatz

Plüschtiere, Kinderzeichnungen, Ansichtskarten: Arbeitsplätze mit vielen persönlichen Elementen und Schnickschnack gelten als wenig professionell. Dabei ist die Büroeinrichtung nicht bloß eine Frage des persönlichen Geschmacks. Eine Studie zeigt, dass Menschen, denen die Kontrolle über ihre Büroeinrichtung entzogen wird, weniger glücklich und produktiv arbeiten.

Auch in sogenannten lean offices mit einer minimalistischen Ästhetik arbeiteten Studienteilnehmer*innen weniger gut als in Büros mit persönlichen Elementen. Persönliche Gegenstände vermitteln ein Gefühl der Identität, aber auch von Kontrolle über die eigene Umgebung. Dazu können schon einzelne Objekte wie bestimmte Stifte oder der liebste Kaffeebecher beitragen. Wenn möglich, ist es außerdem sinnvoll, im Co-Working-Space immer am selben Platz zu sitzen.

Eine Mischung zwischen Räumen für individuelles Arbeiten und für gemeinsame Begegnungen wäre ideal fürs Arbeiten.

2. Hol die Natur rein

Schon heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Zukünftig werden es noch mehr sein. Menschen in Deutschland verbringen nur noch etwa 10–20 Prozent ihrer Zeit draußen.14 Dabei sind wir Menschen auf den Aufenthalt unter freiem Himmel ausgelegt. Natur hilft bei der Selbstregulation und führt zu einem besseren Fokus.

Deshalb verbreitete sich bereits in den 1960er- und 70er-Jahren die Idee des biophilic design. Es beruht auf dem Gedanken, die Umgebung so naturnah wie möglich zu gestalten – einerseits durch Zimmerpflanzen und natürliche Materialien, aber auch ganz simpel durch den Einsatz der Farbe Grün.

Büropflanzen sind nicht nur nützlich, da ihre Pflege kleine Pausen vom Büroalltag erfordert, sondern sie können auch unsere Aufmerksamkeit steigern.15 Klar ist aber: So gut die Raumgestaltung auch sein mag, am besten ist es, die Räume für regelmäßige Pausen zu verlassen.

3. Erschaffe Modelle und Skizzen

Menschen fällt es leicht, sich an Orte zu erinnern. Die Hypothese der kognitiven Karte erklärt das damit, dass unser Gehirn eine Darstellung unserer räumlichen Umgebung erstellt. Das Interessante: Offenbar nutzen wir diese Fähigkeit auch für abstrakte Konzepte. Um eine Organisationsstruktur weiterzuentwickeln, von der wir bislang nur ein mentales Konzept haben, hilft es allerdings, auf externe Ressourcen zurückzugreifen: etwa, indem wir sie auf Papier skizzieren oder ein Modell bauen.

Solche Artefakte sind manipulierbar, wir können mit ihnen ein komplexes System bilden, interagieren und so z.B. Veränderungen durchspielen. Unsere Gedanken, Entscheidungen und Eindrücke können durch physische Interaktionen mit Modellen transformiert werden.17

4. Mach dir Notizen

Ohne die Anwendung von Merktechniken können wir uns nur eine begrenzte Anzahl von Dingen merken. Wenn wir allerdings aufschreiben, worüber wir nachdenken, wird das Papier zu einem externen Speicher. So bilden wir etwa beim Mitschreiben während eines Meetings ein komplexes System.

Und das hilft nicht nur dabei, sich Dinge zu merken, sondern hat weitere positive Effekte: Im Prozess des Aufschreibens werden wir gezwungen, auszuwählen und zu entscheiden. Diese mentale Aktivität führt dazu, dass wir das, womit wir uns beschäftigen, detaillierter verstehen oder um neue Gedanken ergänzen.

5. Kauf dir einen größeren Bildschirm

Mit größeren Bildschirmflächen können wir besser arbeiten.18 Visuelle Aufgaben werden bis zu zehnmal schneller bearbeitet. Bei größeren Bildschirmen wird unsere Fähigkeit zum peripheren Sehen, also zum Sehen aus dem Augenwinkel, genutzt. Zudem nutzen wir mit einem größeren Bildschirm die Fähigkeit des räumlichen Gedächtnisses, denn wir verknüpfen mental Inhalte mit Orten. Kleine Bildschirme hingegen bieten nicht genügend Fläche, um eine räumliche Ordnung der vorhandenen Informationen herzustellen. Stattdessen werden Informationen übereinander gelagert. Das intuitive räumliche Denken wird dann durch aufwendige virtuelle Navigation ersetzt.


Der Arbeitsraum ist nicht Sache des Individuums – auch nicht im Homeoffice!

Die Extended Mind Theory zeigt, dass gutes Arbeiten und sogar Intelligenz nicht individuell festgeschrieben sind, sondern zum Großteil auf externen Ressourcen und passenden räumlichen Umgebungen beruhen. Soziale Ungleichheit wirkt sich bis auf die Ebene des Denkens aus. Wer Gleichheit herstellen will, muss also Räume in den Blick nehmen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn die Arbeit nicht mehr zentral an einem Ort stattfindet, sondern ganz viele, ungleiche Einzellösungen an dessen Stelle treten.

Im August 2022 arbeiteten 24,9 Prozent der deutschen Arbeitnehmer*innen im Homeoffice. Es ist die Aufgabe von Unternehmen, die ungleichen Bedingungen des Homeoffice so weit wie möglich abzubauen. Mitarbeiter*innen sollten angemessen ausgestattet sein und die Möglichkeit haben, regelmäßig mit anderen in Austausch kommen. Denn das fördert nicht nur die persönliche Zufriedenheit, sondern auch die Produktivität und ist damit letzten Endes auch im Interesse der Unternehmen. Deswegen ist dies nicht bloß eine soziale Aufgabe, sondern eine Frage der Intelligenz.19

Take-aways

  • Die Extended Mind Theory besagt, dass unser Denken nicht nur im Gehirn stattfindet, sondern auch im Zusammenspiel mit der Umgebung.
  • Daraus lässt sich ableiten, dass die Ressourcen, die einer Person zur Verfügung stehen, Einfluss auf ihre Denkfähigkeit und Intelligenz haben. Diese Ressourcen sind jedoch ungleich verteilt.
  • Organisationen sind dafür verantwortlich, ihre Mitarbeiter*innen auch im Homeoffice dabei zu unterstützen, in einer angemessenen Umgebung zu arbeiten

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