In dieser Kolumne geht es um die Frage, wie wir Vielen der Herrschaft der Wenigen etwas entgegensetzen können. Darum, wie wir unsere Demokratie erhalten und uns gegen die autokratischen Bestrebungen von Überreichen verteidigen. Diesmal: wie der Neidvorwurf strategisch genutzt wird, um ein höchst ungleiches System zu erhalten.
Demokratie ist kein Selbstläufer, sie muss aktiv am Leben erhalten werden. Und eine ihrer größten Bedrohungen ist heute die ökonomische Ungleichheit. Die ist wirklich extrem: In Deutschland besitzen die reichsten fünf Familien inzwischen mehr als die ärmere Hälfte der Bevölkerung – also über 40 Millionen Menschen – zusammen.
Dass gleichzeitig die Demokratie weltweit unter Druck steht, ist kein Zufall: Eine wachsende Zahl an Milliardär*innen arbeitet längst daran, sie abzuschaffen. Menschen wie Peter Thiel – US-amerikanischer Investor, rechts-libertärer Tech-Unternehmer und Milliardär – schweben längst techno-feudale Regime vor, in denen CEOs das Sagen haben. Demokratie ist für sie nicht mehr als ein lästiges Hindernis bei ihrem Streben nach unbegrenztem Reichtum und uneingeschränkter Macht. Seit Jahrzehnten arbeiten neoliberale und libertäre Ideolog*innen am Abbau von Sozialstaat und Demokratie. Ihr Ziel ist eine Autokratie, also die Herrschaft einer kleinen Gruppe, die alle Macht und alle Mittel auf sich vereint.
Was dich vielleicht überraschen wird: Dein Kopf ist bereits voll von Erzählungen, die diese Entwicklung vorantreiben. Vieles, was wir Tag für Tag denken und sogar fühlen, basiert auf solchen Narrativen. Diese werden seit Jahrzehnten in der Gesellschaft etabliert und viele von uns haben sie längst verinnerlicht. Deshalb klingen sie auch oft so einleuchtend und vernünftig. Dabei drücken sie eigentlich nur die Interessen einiger weniger aus. Das macht sie so perfide.
Ein gutes Beispiel, um das zu veranschaulichen, ist die sogenannte Neiddebatte.


Die Neiddebatte auf dem Seziertisch
Immer wieder wird Kritiker*innen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft vorgeworfen, sie seien im Grunde nur neidisch auf diejenigen, die mehr Erfolg haben als sie selbst. Mir (Sebastian) begegnete der Vorwurf zuletzt, als ich in der Fernsehsendung hart aber fair mit der Unternehmenserbin und Lobbyistin Andrea Thoma-Böck aneinandergeriet.
Sobald reiche Unternehmer*innen, Erb*innen wie Thoma-Böck oder ihre Lobbyist*innen mit Kritik an der massiven Ungleichheit in unserer Gesellschaft konfrontiert sind und darin einen Vorwurf wittern oder gar politische Konsequenzen befürchten – zum Beispiel höhere Steuern –, drehen sie den Spieß einfach um und zeigen mit dem Finger auf ihr Gegenüber: „Nicht ich bin das Problem, weil ich viel habe. Du bist einfach nur neidisch und willst mir etwas wegnehmen – dabei besteht doch gar kein Zusammenhang dazwischen, dass ich so viel habe und du so wenig! Du hast so wenig, weil du dich nicht genug anstrengst und keine guten Entscheidungen triffst! Und weil du das nicht einsehen kannst, soll ich für deine Faulheit bezahlen!“
Das Neidnarrativ wirkt. Denn Neid ist in unserer Kultur seit jeher negativ konnotiert. Im Islam und im Judentum stellt er eine schwere Sünde dar, im Christentum sogar eine Todsünde. Jedwede Kritik an der materiellen Ungleichheit auf Neid zurückzuführen, ist deshalb ein Totschlagargument: Niemand möchte sich gern dem Vorwurf aussetzen, neidisch zu sein.
Neid ist in unserer Kultur seit jeher negativ konnotiert. Im Islam und im Judentum stellt er eine schwere Sünde dar, im Christentum sogar eine Todsünde.
Denn wer Neid verspürt, sieht sich gleich zwei Vorwürfen ausgesetzt: Nicht nur hat sie*er es vermeintlich in der Gesellschaft zu nichts gebracht. Sie*er besitzt zudem auch nicht die Größe, einzugestehen, selbst der Grund für das eigene Versagen zu sein. Da ist man dann doch lieber die*der faule Loser*in, die*der sich eben mehr anstrengen muss und dann schon irgendwann zum Erfolg kommen wird.
Das Argument arbeitet mit einer Emotionalisierung: Die Kritik, so der implizite Vorwurf, beruht nicht auf rationalen Argumenten, sondern auf einem Gefühl. Diesem steht die*der erfolgreiche und rationale Unternehmer*in gegenüber, die*der den Vorwurf im Namen der Wirtschaft, also der hart arbeitenden Leistungsträger*innen im Land formuliert. Die Kritik an der Ungleichheit wird mit dem Argument so umfassend abgewertet (und die*der Kritiker*in gleich mit), dass es schwer ist, darauf etwas zu erwidern.
Dabei entsteht Neid doch primär zwischen Menschen, die einander kennen und ähnlich sind. Neidisch sind wir auf das neue Auto des Nachbarn, das bessere Gehalt unserer Kollegin oder den Erfolg unserer Geschwister. Dass jemand, den wir gar nicht kennen, Milliarden erbt, führt selten zu Neid. Der geschenkte Reichtum ist sehr weit weg von unserer eigenen Lebensrealität und für die meisten Menschen vor allem eine abstrakte Zahl.
Wenn wir soziale Ungleichheit kritisieren, dann bringen wir damit nicht Neid, sondern ein Ungerechtigkeitsempfinden zum Ausdruck. Und das ist vollkommen berechtigt.

Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der viele ihr ganzes Leben hart arbeiten und trotzdem arm bleiben, während manche ohne jede Leistung ein riesiges Vermögen geschenkt bekommen. Der Neidvorwurf dient zur Verschleierung dieser Ungerechtigkeit. Damit nutzt er allein den Gewinner*innen dieses ungerechten Systems. Denn er legitimiert ihren Reichtum und die daraus resultierende Ungleichheit.
Zu kaum einem anderen Thema gibt es so stabile Zustimmungswerte in Deutschland wie dazu, dass endlich die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden soll. Diese soll eigentlich erhoben werden, wurde aber 1997 wegen einer formellen Beanstandung des Verfassungsgerichts ausgesetzt.
Seitdem ist keine Regierung ihrer Aufgabe nachgekommen, die Vermögenssteuer zu reformieren und wieder einzuführen. Erstaunlicherweise sind sogar konservative Wähler*innen für die Vermögenssteuer, einzig Wähler*innen von AfD und FDP sind mehrheitlich dagegen.2

Alte Narrative überschreiben: Geiz und Gier statt Neid
Es reicht nicht, alte Narrative zu dekonstruieren. Um sie effektiv zu überschreiben, müssen wir auch neue Narrative anbieten, die das Potenzial haben, die alten zu ersetzen. In diesem Fall kann das so aussehen:
Wir müssen uns endlich von der Vorstellung verabschieden, dass Reiche es durch ihre Leistung nach oben geschafft haben. Um in unserer Gesellschaft reich zu werden, braucht es in erster Linie großes Glück in der Spermalotterie 1, wie es die Politikwissenschaftlerin Martyna Linartas formuliert. Die meisten reichen Menschen werden schon in reiche Familien hineingeboren. Und auch andere Merkmale, die bessere Chancen auf Reichtum eröffnen – männlich, weiß und westdeutsch zu sein –, sind uns qua Geburt gegeben und nicht von uns beeinflussbar.
Zusätzlich führen unsere wirtschaftlichen Strukturen dazu, dass der Reichtum sich immer weiter bei denjenigen konzentriert, die ohnehin schon viel haben und „ihr Geld für sich arbeiten lassen”. Da Geld nicht arbeiten kann, sind es natürlich immer andere Menschen, die diese Profite für sie erwirtschaften. Wer jede Woche 40 Stunden arbeiten geht, um dann einen Großteil seines Gehalts für Miete und Konsum auszugeben, macht damit viele Menschen reicher, die dafür überhaupt nichts tun müssen.
Wenn wir Reichtum in erster Linie als Resultat von Glück und diesen Strukturen betrachten, dann können wir ihn auch anders bewerten: Obwohl reiche Menschen einen geringen Anteil daran haben, dass es ihnen so viel besser geht als anderen, wollen einige von ihnen um Teufels willen nichts von ihrem Reichtum abgeben. Mit allen Mitteln versuchen sie zu verhindern, dass sie in Form von Steuern einen fairen Beitrag zum Gemeinwesen leisten müssen.
Wer das große Glück hatte, in einer extrem ungleichen Gesellschaft in eine der Familien geboren zu werden, die einen viel zu großen Teil des Vermögens horten, sich dann aber weigert, andere und die Gesellschaft an diesem Glück teilhaben zu lassen, ist gierig und geizig. Und letztlich auch schwach, denn ihr*ihm fehlt offensichtlich die Größe, anzuerkennen, dass es eben gar nicht so viel mit der eigenen Leistung zu tun hat, dass sie*er so reich ist.
Obwohl reiche Menschen einen geringen Anteil daran haben, dass es ihnen so viel besser geht als anderen, wollen einige von ihnen um Teufels willen nichts von ihrem Reichtum abgeben.
Der Anfang vom Ende
Der Neidvorwurf reiht sich ein in eine lange Tradition populistischer Scheinargumente. Sie zielen darauf, die Besitzstandsverhältnisse zu wahren, die Spaltung der Gesellschaft zu verschärfen – und damit die Demokratie als Ganzes zu schädigen. Jede Kritik an den ungerechten Verhältnissen wird mit dem Neidvorwurf emotionalisiert und dadurch diffamiert. So bleiben die Einzigen, die vermeintlich unvoreingenommen und rational – eben ohne Neid – zu Verteilungsfragen sprechen können, die Reichen selbst. Und damit muss endlich Schluss sein!
Alle reichen Menschen als gierig und geizig zu bezeichnen, mag erst einmal hart klingen. Dabei geht es aber nicht darum, reiche Menschen per se zu stigmatisieren oder zu diskreditieren. Doch wer so viel Glück hatte und dann alles daran setzt, nichts von seinem Reichtum teilen zu müssen, ist ein Problem, ja eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Und das müssen wir klar benennen. Denn diese Einsicht kann die Grundlage dafür bilden, uns weniger mit den Befindlichkeiten dieser Wenigen und dafür mehr mit den Bedürfnissen der Vielen auseinanderzusetzen, die unter diesem Reichtum leiden, weil für sie nichts übrig bleibt.
Wer so viel Glück hatte und dann alles daran setzt, nichts von seinem Reichtum teilen zu müssen, ist ein Problem, ja eine Gefahr für unsere Gesellschaft.