In dieser Kolumne geht es um die Frage, wie wir Vielen der Herrschaft der Wenigen etwas entgegensetzen können. Darum, wie wir unsere Demokratie erhalten und uns gegen die autokratischen Bestrebungen von Überreichen verteidigen. Diesmal: 0,02 Prozent der deutschen Unternehmen bestimmen die Debatte um Erbschaftssteuer und Vermögen. Das ist kein Zufall, sondern Strategie.
Stell dir vor, du bist Teil einer reichen, mächtigen Familiendynastie und möchtest auf dein geerbtes Vermögen keine Steuern zahlen. Du nimmst an, dass die meisten Menschen wenig Sympathien für dieses Anliegen hätten, und möchtest daher nicht selbst damit in Erscheinung treten. Wäre es da nicht klasse, wenn vermeintlich objektive Expert*innen dem Rest der Nation erklärten, wieso es für alle gut wäre, wenn du keine Steuern bezahlst?
Doch wer würde einen Verband in Talkshows mit Politiker*innen einladen oder Gastbeiträge in großen Zeitungen schreiben lassen, der „Lobbyverband deutscher Oligarchen“ oder „Interessenvertretung der Milliardärserben“ heißt? Wahrscheinlich niemand.
Die sogenannten Familienunternehmen
Also nennst du deinen Verband „Die Familienunternehmer“ oder „Stiftung Familienunternehmen“ und inszenierst ihn als Vertreter kleiner Handwerksbetriebe, etwa dem Bäcker von nebenan, und mittelständischer Unternehmen. Und auf einmal sind deine Leute in jeder Talkshow vertreten und dürfen sich zu allem äußern, was „die Wirtschaft“, „die Unternehmen“ und die Interessen der großen Mehrheit betrifft.
Genau so läuft es in Deutschland. Immer wieder gelingt es einer kleinen Minderheit, unter dem Banner des Familienunternehmertums ihre Interessen mehrheitsfähig zu machen oder sogar den Anschein zu erwecken, sie wären mit den Interessen des Rests der Gesellschaft identisch. An der Debatte um die Erbschaftssteuer lässt sich das gut beobachten.
Um es direkt zu sagen: In ihrer heutigen Ausgestaltung ist die Erbschaftssteuer nicht nur extrem ungerecht, sondern meiner Meinung nach auch verfassungswidrig.
Denn sie behandelt verschiedene Vermögensformen sehr unterschiedlich und bietet Erb*innen sehr großer Vermögen zahlreiche Möglichkeiten, sich von der Erbschaftssteuer befreien zu lassen, etwa durch die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung. Das führt dazu, dass die Erb*innen der allergrößten Vermögen im Schnitt sehr viel weniger Steuer bezahlen als Menschen, die weit weniger erben. Darin liegt meiner Meinung nach eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes.
In ihrer heutigen Ausgestaltung ist die Erbschaftssteuer nicht nur extrem ungerecht, sondern meiner Meinung nach auch verfassungswidrig.
Einen entsprechenden Fall prüft das Bundesverfassungsgericht derzeit, eine Entscheidung wird noch dieses Jahr erwartet. Bereits im Januar 2026 hat die SPD ihre Pläne für eine Reform der Erbschaftssteuer vorgestellt. Diese hätten zur Folge, dass künftig auf schätzungsweise 99 Prozent der Erbschaften in Deutschland gar keine Erbschaftssteuer mehr fällig würde –, sie wären also nicht oder positiv betroffen –, während die Erb*innen sehr großer Vermögen dank der Streichung von Ausnahmen endlich ihren angemessenen Beitrag leisten würden.
Doch anders als 2016, als die Verschonungsbedarfsprüfung still und heimlich ins Gesetz lobbyiert wurde, ist die Diskussion um die Erbschaftssteuer diesmal ziemlich laut: Unternehmer*innen, die behaupten, der SPD-Vorschlag würde zu reihenweise Insolvenzen und Massenabwanderung führen, werden quer durch die Medien gereicht. Clemens Fuest, Leiter des ifo-Instituts, äußert im ARD Morgenmagazin, Unternehmen würden dadurch zur Hälfte enteignet1. Und auch Mathias Middelberg von der CDU macht sich große Sorgen: Die Reform könne dazu führen, dass deutsche Unternehmen wie Otto nicht mehr mit amerikanischen Firmen wie Amazon konkurrieren könnten.
Und so bekommt man den Eindruck, es handelte sich bei einer solchen Erbschaftssteuerreform um eine Katastrophe, die die gesamte Gesellschaft in den Abgrund reißen könnte.

Wir sind „die Wirtschaft“ – die Täuschungsstrategien der Lobby
Daran zeigt sich, wie unser öffentlicher Diskursraum von Lobbyverbänden wie der „Stiftung Familienunternehmen“ oder dem Verein „Die Familienunternehmer“ gekapert wurde. Wie groß dieses Problem tatsächlich ist, ist mir selbst erst klar, seit ich mich aktiv in diesem Diskursraum bewege.
Seit ein paar Jahren setze ich mich als Mitglied von taxmenow für Steuergerechtigkeit ein: Wir fordern, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz eine gerechtere Erbschaftssteuer bekommen. Und das bedeutet: dass reiche Menschen mehr Steuern bezahlen als nicht reiche Menschen, dass sehr reiche Menschen mehr Steuern bezahlen als reiche Menschen, und dass entsprechend extrem reiche Menschen die meisten Steuern bezahlen.
Als Vertreter von taxmenow sitze ich immer wieder in Streitgesprächen, Diskussionsrunden und Talkshows. Fast immer ist ein*e Lobbyist*in aus dem Lager der sogenannten Familienunternehmen dabei, um zuverlässig die Narrative runterzubeten, mit denen die Lobby seit Jahren die Diskussionen vergiftet:
Die Lage der deutschen Wirtschaft sei besorgniserregend, der Mittelstand kurz vor dem Kollaps, viele Unternehmer*innen stünden quasi schon mit einem Bein im Ausland, wo angeblich die Steuern niedriger und die Bedingungen besser sind.
Diese Behauptungen entbehren jeder Grundlage. Im Gegenteil: Den Firmen und vor allem ihren Eigentümer*innen, für die hier lobbyiert wird, geht es in der Regel blendend. Tatsächlich werden sie immer reicher. Und das in atemberaubendem Tempo: Unter den etwa 600 Unternehmer*innen, die die „Stiftung Familienunternehmen“ tragen, befinden sich beispielsweise Dieter Schwarz (Lidl), Vermögenszuwachs 2025 mutmaßlich 2,8 Milliarden Euro, und Dirk Rossmann, Vermögenszuwachs 2025 mutmaßlich eine Milliarde Euro. Und auch die Familie Deichmann konnte ihr Vermögen 2025 im Vergleich zum Vorjahr weiter ausbauen. Irgendwie gar nicht das, was man sich unter einem Familienunternehmen so vorstellt? Die Schauermärchen funktionieren trotzdem.
Auch das Schreckgespenst des ausländischen Investors, der deutsche Firmen und deutsche Immobilien übernehme, wenn die Steuern die deutschen Vermögenden in die Knie zwängen, macht beharrlich die Runde in Medien und an Stammtischen. Dabei sind es vor allem deutsche Überreiche, denen in Deutschland viel zu viele Immobilien gehören, und das „ausländische“ Kapital amerikanischer Private-Equity-Fonds stammt zu großen Teilen aus genau den deutschen Milliardärsfamilien, die hinter der „Stiftung Familienunternehmen“ stehen.
⚡️ Das Problem an Familienunternehmen
Aber leider funktionieren Diskurse häufig nach dem Prinzip: Wer schreit am lautesten, am häufigsten und am längsten? Und da die Mittel von Milliardär*innen schier unerschöpflich sind, können sie – im Gegensatz zu uns – Menschen beschäftigen, die rund um die Uhr für sie schreien. Viele Medien verbreiten deren Narrative ungeprüft. So stellt sich immer wieder ein großer Teil der Bevölkerung hinter die Interessen einer kleinen Minderheit – und damit gegen die eigenen.
Dabei spricht die Lobby noch nicht einmal für den Querschnitt der Wirtschaft. Der Verein „Die Familienunternehmer“ hat nach eigenen Angaben um die 6.500 Mitglieder. Das entspricht gerade mal 0,22 Prozent der Unternehmer*innen in Deutschland. Und die 600 Unterstützer*innen der „Stiftung Familienunternehmen“ machen gerade mal 0,02 Prozent der rund drei Millionen deutschen Unternehmen aus. Da ist es doch erstaunlich, dass die Interessen einer so kleinen Minderheit eine so große Rolle in der Diskussion spielen.
Vor allem, wenn seriöse Forschungsinstitute ganz andere Prognosen stellen: Die OECD prognostiziert Wirtschaftswachstum für Deutschland, wenn Milliardär*innen mehr Steuern zahlen müssten. Und wenn sie einen Teil ihres Immobilienportfolios verkaufen (müssen), kannst du dir vielleicht bald eine Wohnung leisten, die heute unbezahlbar ist.
Lasst euch nicht vor ihren Karren spannen!
Über viele Jahre war das Bild der verantwortungsbewussten Familienunternehmen als Rückgrat der Wirtschaft unantastbar. Doch langsam bekommt es Risse. Sie werden zunehmend als gierig und geizig wahrgenommen, das Label des Mittelständlers immer stärker ramponiert. Das liegt eben auch an der Arbeit der Lobbyverbände der Milliardär*innen, die diese Bezeichnungen für sich vereinnahmen.
Das tut den vielen Unternehmer*innen Unrecht, die weder egoistisch noch verantwortungslos sind. Die meisten der drei Millionen Unternehmen in Deutschland sind klein und haben keine Lobby. Sie kämpfen mit Fachkräftemangel, Energiekosten oder Bürokratie – nicht mit der Frage, wie sich Milliardenvermögen steuerfrei vererben lassen.
Gerade deshalb müssten sie ein Interesse daran haben, sich klar von den Milliardärserb*innen zu distanzieren. Unternehmer*innen sollten aufhören, zu denken, sie bildeten mit diesen eine Interessengruppe: Denn deren Strategie schadet ihrem Ansehen – und langfristig auch der sozialen Akzeptanz von Unternehmertum insgesamt. Wenn extreme Vermögenskonzentration und undemokratische Einflussnahme unter den Labeln „Mittelstand“ und „Familienunternehmen“ weiter zunehmen, wächst das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft als Ganzes. Wer mit 30 Angestellten oder ein paar Millionen Umsatz glaubt, auf der gleichen Seite zu kämpfen wie die Lobby der Milliarden-Erb*innen, lässt sich vor den falschen Karren spannen.

FUßNOTEN
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