Bundeskanzler Friedrich Merz beklagt einen hohen Krankenstand in Deutschland. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD hat sich deshalb auf Verschärfungen für Beschäftigte geeinigt. Auch die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden.
Um die laut Friedrich Merz „nach Corona exorbitant gewordenen Krankenstände“ einzudämmen, will die Bundesregierung die Krankschreibungsregeln für Beschäftigte wie folgt ändern:
- Abschaffung der telefonischen Krankschreibung: Die Möglichkeit, bei leichten Symptomen in der Arztpraxis anzurufen und so die Arbeitsunfähigkeit (AU) für maximal fünf Kalendertage feststellen zu lassen, entfällt.
- Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag: Bislang ist die AU-Bescheinigung erst ab dem vierten Tag gesetzlich vorgeschrieben, nun soll sie bereits am ersten Tag erfolgen.
Das Vorhaben ist Teil einer ganzen Reihe von Beschlüssen, die die Bundesregierung im Rahmen ihres Koalitionsausschusses verkündet hat („Programm für Aufschwung und Beschäftigung“, Punkt 11).
Müssen nun also alle abhängig Beschäftigten ab dem ersten Krankheitstag eine Krankschreibung vorlegen?
Laut Merz werden Unternehmen und Tarifpartner abweichende Vereinbarungen treffen können, die auch eine spätere Krankschreibung erlauben. Das heißt: Wo früher ohne gesonderte Vereinbarungen erst ab dem vierten Krankheitstag eine AU-Bescheinigung nötig war, wird genau für diesen Fall dann eine gesonderte Vereinbarung notwendig.
Ist die geplante Maßnahme geeignet, Fehlzeiten zu verringern?
Ob die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung die Krankenstände tatsächlich reduziert, ist fraglich. Einer wissenschaftlichen Analyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zufolge „lassen sich keinerlei Hinweise auf einen unsachgemäßen Einsatz der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung [...] ableiten.“ Nur etwa 1 Prozent der Patient*innen habe diese Möglichkeit überhaupt genutzt.
Tatsächlich ist aber, das stellt auch das Zentralinstitut fest, die Anzahl der AU-Fälle von 2021 auf 2022 sprunghaft auf fast das Doppelte gestiegen.
Woran liegt das? Laut der Analyse gehen rund 60 Prozent des Anstiegs darauf zurück, dass seit der Einführung der elektronischen AU viel mehr Fälle erfasst wurden, die vorher von Arbeitgeber*innen nicht gemeldet wurden. Weitere 30 Prozent sind laut der Studie auf verstärkte Erkältungswellen und Corona-Infektionen zurückzuführen. „Die Forderung nach einer Abschaffung der telefonischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung [...] entbehrt daher weiterhin einer empirischen Grundlage“, heißt es abschließend in der Untersuchung.
Eine Analyse der DAK kommt zu demselben Ergebnis. Zudem ist die Telefon-AU in den Augen der Beschäftigten ein Erfolg: Über 70 Prozent befürworten sie. Demnach nutzen Beschäftigte sie, wenn der gesundheitliche Zustand keinen Arztbesuch zulässt (72 Prozent) und um zu vermeiden, dass andere Patient*innen sich anstecken (86 Prozent).
„Eine riesige Bürokratiewelle“
Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, hält die Beschlüsse für „absolut katastrophal“. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er: „Auf unsere Praxen kommt damit eine riesige Bürokratiewelle zu, die kaum zu bewältigen sein wird.“ Die Koalition mache sich mit diesen vollkommen faktenfreien Beschlüssen nicht nur unglaubwürdig, „sie nimmt auch die komplette Überlastung unserer Praxen billigend in Kauf.“
Auch Martin Degenhardt von der Freien Allianz der kassenärztlichen Vereinigungen in den Ländern kritisiert die Pläne: „Für die Arztpraxen ist das der absolute Super-GAU.“ Die Krankschreibung ab Tag eins habe zur Folge, dass Tausende Patientinnen und Patienten in die Praxen strömen. „Viele kommen nur zum Arzt, weil sie eine AU brauchen. Das ist Bürokratenmedizin und passt überhaupt nicht in die Zeiten des Ärztemangels.“
Dagegen lobt Gitta Connemann, Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (CDU/CSU), beide Beschlüsse. Das sei kein Misstrauen gegenüber Beschäftigten, sagt sie dem Spiegel: „Es ist Fairness gegenüber den Betrieben und ihren Beschäftigten, die jeden Tag den Laden am Laufen halten.“ Wer krank ist, müsse geschützt werden, Vertrauen auch. „Der Sozialstaat funktioniert dauerhaft nur, wenn Missbrauch keine Chance hat.“
Neben den Fehlzeiten hat die DAK-Analyse auch einen anderen Trend untersucht: Immer mehr Menschen, 2024 waren es 63 Prozent, holen sich inzwischen immer eine Krankschreibung, wenn sie krank sind. Und zwar schon am ersten Krankheitstag. 2015 waren es nur 53 Prozent. Als Grund dafür sieht der DAK-Chef eine „wachsende Misstrauenskultur“. Beschäftigte wollen „nicht dem Verdacht ausgesetzt sein, sie würden ohne triftigen Grund der Arbeit fernbleiben“.





