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Kommentar

Was wir anstelle des „Spiegel“ getan hätten

In den Medien und unter Journalist*innen wird derzeit diskutiert, ob die Entscheidung des „Spiegel“, interne Anmerkungen von Elif Eralp zu veröffentlichen, legitim war. Wir finden: Nein, das war sie nicht, denn sie beruht auf einer waghalsigen Argumentation.

Die Entscheidung des Nachrichtenmagazins Spiegel, interne Anmerkungen der Berliner Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp zu veröffentlichen, wird in vielen Redaktionen kontrovers diskutiert. Um den Grund zu verstehen, muss man wissen, unter welchen Voraussetzungen in Deutschland Interviews geführt werden. Hierzulande ist es in vielen Redaktionen üblich, Interviews autorisieren zu lassen. Das heißt: Unabhängig davon, ob ein geführtes Gespräch im Nachhinein verdichtet wurde (damit es z. B. auf eine Zeitungsseite passt), geben die Gesprächspartner*innen ihre Zitate vor der Veröffentlichung frei.

In der Praxis führt dies häufig zu einem „Schattenboxen“, wie der ehemalige SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert es im Podcast Mission 401 nennt: Journalist*innen haben ein bestimmtes Interesse, das spätestens anhand der Aufbereitung des schriftlichen Interviews ersichtlich wird, und wenn dieses Interesse nicht mit dem des*der Interviewten übereinstimmt, versucht Letztere*r seine*ihre Antworten abzuschwächen oder sie „in einer großen Wortwolke verschwinden“ zu lassen.

Dieses Vorgehen kann man kritisieren. Es hat aber auch Vorteile. Es führt nämlich dazu, dass Gesprächspartner*innen oft freier reden, als sie es täten, wenn sie nicht die Möglichkeit hätten, Aussagen im Nachhinein zurückzunehmen.

Unter diesen Voraussetzungen hat Eralp dem Spiegel ein Interview gegeben. Im Freigabeprozess ist Eralps Presseteam aber ein Fehler unterlaufen. Es hat ein Textdokument an die Redaktion geschickt, das nicht nur die gewünschten Änderungen enthielt, sondern auch Anmerkungen von Eralp und ihrem Team. Darin schreibt Eralp, dass sie einen Namen nicht genannt haben will, weil sie sich um ihre Sicherheit und die ihrer Familie fürchte. „Ich kann mich und meine Familie nicht für den Spiegel in Gefahr bringen“, schreibt die Politikerin. Die Redaktion entschied sich daraufhin, diesen Namen zusammen mit Auszügen aus Eralps internen Anmerkungen in ihrer Titelgeschichte zu veröffentlichen.

Dieses Vorgehen wurde breit kritisiert, laut Chefredakteur Dirk Kurbjuweit „gerade von Linken“. Deshalb sah er sich offenbar gezwungen, einen Leitartikel über die „Gründe für unsere Entscheidung“ zu schreiben. Das Argument, das gegen die Veröffentlichung spreche, seien die „Sicherheitsinteressen“ Eralps. Dafür spreche, dass sie Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden und damit „für die Sicherheit von 3,9 Millionen Menschen“ verantwortlich sein wolle. Und weiter: „Jeder hat mal Angst, auch ein Chefredakteur. So menschlich das ist, aber in manchen Rollen darf man sich nicht einschüchtern lassen, muss man seine Angst überwinden. Bei Eralp sind Zweifel angebracht, ob sie dazu in der Lage ist.“

Dass der Spiegel dadurch die Vereinbarung mit Eralps Team bricht und sich damit über die übliche journalistische Praxis hinwegsetzt, erwähnt Kurbjuweit nicht. Stattdessen entwirft er das „mögliche Szenario“ einer Regierenden Bürgermeisterin Eralp, unter der „seltsame Dinge“ geschähen, die, wie er weiter formuliert, „mit ihrer Angst vor Terrorsympathisanten“ zu tun hätten. Und dann käme ebenfalls heraus, „dass der Spiegel von dieser Angst wusste, aber geschwiegen hat“.

Eralp reagierte auf die Veröffentlichung, indem sie abermals beteuerte, „konsequent gegen jede Form von Organisierter Kriminalität, Gewalt oder Terror vorgehen“ zu wollen. Das Berliner Landeskriminalamt habe ihr aber geraten, einzelne Personen nicht namentlich zu nennen. Hatte der Spiegel über die interne Anmerkung hinaus Gründe, diese auch im Wahlkampf oft gemachte Äußerung infrage zu stellen? Wohl nicht, sonst hätte Kurbjuweit mehr vorzuweisen gehabt und hätte nicht von „seltsame[n] Dinge[n]“ raunen müssen.

Das Argument lautet also: Eralp, die Regierende Bürgermeisterin werden will, offenbare durch ihre Anmerkung, dass sie ihre Angst nicht überwinden könne. Darin zeige sich ein Unvermögen, für die Sicherheit der Berliner*innen zu sorgen. Und deshalb sei es in Ordnung, gegen die Sicherheitsinteressen von Eralp und ihrer Familie, gegen ihren ausdrücklichen Wunsch, gegen die Absprache und entgegen der gängigen journalistischen Praxis zu handeln.

Mit so einer waghalsigen Argumentation wäre kein Text bei Neue Narrative veröffentlicht worden.

Wie hätten wir also reagiert, wären wir bei der Autorisierung unbeabsichtigt an interne Informationen unserer Gesprächspartner*innen gekommen? Wir hätten sie nicht gegen ihren Willen veröffentlicht. Wir hätten aber nachgefragt: Warum darf der Name nicht genannt werden? Und, dem Spiegel zuliebe: Glauben Sie, für die Sicherheit von 3,9 Millionen Menschen sorgen zu können, wenn Sie sich nicht trauen, einzelne Namen derer, gegen die Sie vorgehen wollen, zu nennen?

Hätte das Magazin so gehandelt, wäre es dem öffentlichen Interesse nachgekommen, das es in diesem Fall für so gewichtig hält. Denn dann hätte der Spiegel nicht nur vermieden, das Vertrauensverhältnis zu Eralp im Speziellen zu zerrütten, sondern auch das Vertrauen in den Journalismus insgesamt zu beschädigen. Und Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass Journalismus überhaupt im öffentlichen Interesse handeln kann.

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