📯 Offene Stelle – Du verkaufst Sichtbarkeit. Und entscheidest mit, wer sie bekommt. B2B Sales Magazin, 20 Stunden, remote in Deutschland

Case Clinic

Bitte Urlaubsantrag freigeben (DRINGEND!)

  • Text: Paul Fenski

Im April 2007 gründeten Hubertus Bessau, Max Wittrock und Philipp Kraiss in Passau ein Start-up, bei dem sich Kund:innen ihr Müsli selbst zusammen­stellen konnten. Die ersten Mischungen füllten sie per Hand ab und ver­schickten sie aus ihrer Studenten-WG.

So eine kleine Organisation funktionierte scheinbar von selbst. Alle sahen sich jeden Tag, und wer etwas wissen wollte, fragte einfach über den Küchen­tisch nach.

  • Organisation: mymuesli
  • Mitarbeiter*­innen­anzahl: 550 (2021)
  • Rechts­form: Selbst­organisation nach holo­kratischen Prinzipien
  • Hack: Rollen

Das Problem

Nach dem Umzug aus der Passauer Altstadt in ein Gewerbe­gebiet, kamen bei mymuesli jährlich mehr als 100 Menschen dazu. Aus der WG war so über die Zeit ein Unternehmen mit rund 550 Mit­arbeiter:innen geworden. Es entstand ein kleiner Konzern mit Positions­hierarchien und zentralisierten Entscheidungs­wegen. Viele Start-ups bauen die Organi­sationen nach, die sie von vorherigen Stationen in der Konzern- und Beratungs­welt, von befreundeten Start-up-Gründer:innen oder aus der klassischen Management-Literatur kennen.

Eines Tages lag auf dem Tisch von Mitgründer Hubertus Bessau zum ersten Mal ein aus­gedruckter Urlaubs­antrag, der auf seine Unter­schrift wartete. Daneben türmten sich ihm zugetragene Entscheidungs­anfragen. Sie landeten am Ende immer bei den Gründern, obwohl sie sich in den meisten Fällen gar nicht als die richtigen Personen dafür sahen. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir dabei waren, eine Art von Organi­sation zu bauen, in der wir selbst nie hätten arbeiten wollen“, sagt Hubertus.

In großen Organisationen geht das Nach­fragen über den Küchen­tisch nämlich nicht mehr. Nicht jede:r kann mit jedem sprechen, und nicht jede:r weiß, was die Kolleg:innen eigentlich tun. Deshalb brauchen sie Systeme, die Entscheidungen und Kommunikation strukturieren.

Die Lösung

Die Gründer stießen auf Holacracy und Frederic Lalouxʼ Buch „Reinventing Organizations“. Mit der externen Coachin Katrin Hinzdorf stellten sie zuerst auf rollen­basiertes Arbeiten um, mit Rollen als kleineren, spitzer zugeschnittenen Ver­antwortungs­bereichen, von denen jede Person in der Organi­sation eine oder mehrere ausfüllt. Hubertus war z.B. nach der Umstellung nicht mehr Chief Marketing Officer, sondern unter anderem Unter­nehmens­stratege und Share­holder Relator.

Um die Rollen aus dem Gründer­team auch in den Rest der Organi­sation zu tragen, über­setzten die Mit­arbeiter:innen in Workshops ihre Stellen­beschreibungen in einzelne Rollen. Jede Rolle hatte einen Purpose, also die Antwort auf die Frage, warum es die Rolle überhaupt braucht, fest­geschriebene Domänen, also Bereiche, auf die genau diese Rolle einwirkt, und Ver­antwort­lich­keiten, die der Rolle zugeschrieben sind. Ziel war ein erster Prototyp. Diesen entwickelten die Teams anschließend in einer festen Governance-Routine weiter.

Letztlich musste Hubertus keine Urlaubs­anträge mehr unter­schreiben, weil diese Entscheidung nun andere Menschen in der Organisation trafen, die dafür besser geeignet waren.

„Bei allem, was wir machen, versuchen wir, gesunden Menschen­verstand zu nutzen: das weiter­machen, was funktioniert und den Rest einfach sein lassen.“

– Hubertus Bessau, Mitgründer von mymuesli

Zurück in die WG ging es für mymuesli nicht. Aber mit den Rollen holte sich das Unter­nehmen einen Teil der Leichtig­keit zurück, die es am Küchen­tisch in Passau gegeben hatte.

Wie die Rollen bei mymuesli im Alltag zusammen­arbeiteten und welche Meetings es dafür brauchte, erzähle ich dir in der nächsten Ausgabe.

Genehmigungs­freie Grüße
Paul und das Team von Neue Narrative

💌 Über diesen Link kannst du den Newsletter abonnieren, um ihn direkt in deine Inbox zu erhalten: https://www.neuenarrative.de/case-clinic

Digitale Ausgabe der Neue Narrative

Sichere dir eine Gratis-Ausgabe!

Lust, mal in unserem Magazin zu blättern? In der Ausgabe, die wir dir als PDF zuschicken, geht es um das Thema Karriere. Wir denken Karriere noch immer in Auf- und Abstiegen, dabei wird das den Menschen und Organisationen heute längst nicht mehr gerecht. Zeit, Karriere neu zu definieren.

Unsere neue Ausgabe ist da!

Auch Erwachsene dürfen spielen – sogar im Job. In #27 erfährst du, wie du mit spielerischen Mitteln leichter, kreativer und mutiger arbeitest.