Im April 2007 gründeten Hubertus Bessau, Max Wittrock und Philipp Kraiss in Passau ein Start-up, bei dem sich Kund:innen ihr Müsli selbst zusammenstellen konnten. Die ersten Mischungen füllten sie per Hand ab und verschickten sie aus ihrer Studenten-WG.
So eine kleine Organisation funktionierte scheinbar von selbst. Alle sahen sich jeden Tag, und wer etwas wissen wollte, fragte einfach über den Küchentisch nach.
- Organisation: mymuesli
- Mitarbeiter*innenanzahl: 550 (2021)
- Rechtsform: Selbstorganisation nach holokratischen Prinzipien
- Hack: Rollen
Das Problem
Nach dem Umzug aus der Passauer Altstadt in ein Gewerbegebiet, kamen bei mymuesli jährlich mehr als 100 Menschen dazu. Aus der WG war so über die Zeit ein Unternehmen mit rund 550 Mitarbeiter:innen geworden. Es entstand ein kleiner Konzern mit Positionshierarchien und zentralisierten Entscheidungswegen. Viele Start-ups bauen die Organisationen nach, die sie von vorherigen Stationen in der Konzern- und Beratungswelt, von befreundeten Start-up-Gründer:innen oder aus der klassischen Management-Literatur kennen.
Eines Tages lag auf dem Tisch von Mitgründer Hubertus Bessau zum ersten Mal ein ausgedruckter Urlaubsantrag, der auf seine Unterschrift wartete. Daneben türmten sich ihm zugetragene Entscheidungsanfragen. Sie landeten am Ende immer bei den Gründern, obwohl sie sich in den meisten Fällen gar nicht als die richtigen Personen dafür sahen. „Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir dabei waren, eine Art von Organisation zu bauen, in der wir selbst nie hätten arbeiten wollen“, sagt Hubertus.
In großen Organisationen geht das Nachfragen über den Küchentisch nämlich nicht mehr. Nicht jede:r kann mit jedem sprechen, und nicht jede:r weiß, was die Kolleg:innen eigentlich tun. Deshalb brauchen sie Systeme, die Entscheidungen und Kommunikation strukturieren.
Die Lösung
Die Gründer stießen auf Holacracy und Frederic Lalouxʼ Buch „Reinventing Organizations“. Mit der externen Coachin Katrin Hinzdorf stellten sie zuerst auf rollenbasiertes Arbeiten um, mit Rollen als kleineren, spitzer zugeschnittenen Verantwortungsbereichen, von denen jede Person in der Organisation eine oder mehrere ausfüllt. Hubertus war z.B. nach der Umstellung nicht mehr Chief Marketing Officer, sondern unter anderem Unternehmensstratege und Shareholder Relator.
Um die Rollen aus dem Gründerteam auch in den Rest der Organisation zu tragen, übersetzten die Mitarbeiter:innen in Workshops ihre Stellenbeschreibungen in einzelne Rollen. Jede Rolle hatte einen Purpose, also die Antwort auf die Frage, warum es die Rolle überhaupt braucht, festgeschriebene Domänen, also Bereiche, auf die genau diese Rolle einwirkt, und Verantwortlichkeiten, die der Rolle zugeschrieben sind. Ziel war ein erster Prototyp. Diesen entwickelten die Teams anschließend in einer festen Governance-Routine weiter.
Letztlich musste Hubertus keine Urlaubsanträge mehr unterschreiben, weil diese Entscheidung nun andere Menschen in der Organisation trafen, die dafür besser geeignet waren.
„Bei allem, was wir machen, versuchen wir, gesunden Menschenverstand zu nutzen: das weitermachen, was funktioniert und den Rest einfach sein lassen.“
– Hubertus Bessau, Mitgründer von mymuesli
Zurück in die WG ging es für mymuesli nicht. Aber mit den Rollen holte sich das Unternehmen einen Teil der Leichtigkeit zurück, die es am Küchentisch in Passau gegeben hatte.
Wie die Rollen bei mymuesli im Alltag zusammenarbeiteten und welche Meetings es dafür brauchte, erzähle ich dir in der nächsten Ausgabe.
Genehmigungsfreie Grüße
Paul und das Team von Neue Narrative
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