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Kommentar

Der VW-Fall zeigt: Eine Wirtschaft, die auf Erbschaft statt auf Leistung beruht, hat keine Zukunft

VW will laut Medienberichten bis zu 100.000 Stellen streichen. Schuld seien China und US-Zölle. Was dabei untergeht: Die Familie Porsche-Piëch ist wegen eines Privatkredits auf VW-Dividenden angewiesen. Den Beschäftigten kommt das teuer zu stehen.

Am 9. Juli entscheidet der Aufsichtsrat von Volkswagen über ein Sparpaket historischen Ausmaßes: Bis zu 100.000 Stellen sollen wegfallen, sogar deutsche Werke, lange Zeit ein absolutes Tabu, sollen geschlossen werden. Offiziell sind die Schuldigen schnell gefunden: China, Trumps Zölle, eine E-Mobilitäts-Transformation, die angeblich niemand kommen sah.

Doch während die Beschäftigten in Deutschland um ihre Jobs bangen, schüttet Volkswagen weiterhin üppige Dividenden aus. Ähnlich wie bei BMW scheint niemand einen Widerspruch darin zu sehen, mitten in großen Krisen erst mal den Eigentümer*innen fette Renditen zu bescheren.

Mich als Unternehmer wundert das sehr: Sollten Unternehmen, die vor existenziellen Krisen stehen, nicht investieren statt auszuschütten? Würde nicht jede*r vernünftige Eigentümer*in kurzfristige Profitinteressen zurückstellen, um sein*ihr Unternehmen langfristig zukunftsfähig zu machen?

Wem gehören die systemrelevanten Firmen?

Volkswagen wird, wie auch BMW, von einer Erbendynastie kontrolliert: Bei Volkswagen ist es die Milliardärsfamilie Porsche/Piëch (53 Prozent), bei BMW Quandt/Klatten (47 Prozent). Beide gehören zu den reichsten deutschen Familien, beide können ihr Vermögen substanziell auf die Zusammenarbeit mit dem NS-Regime zurückführen. Und beide kontrollieren heute Firmen, die für die deutsche Wirtschaft vielleicht systemrelevant sind, mit Sicherheit jedoch identitätsstiftend.

Wer kontrolliert VW? Mehrheitlich die Familie Porsche/Piëch.

Die naheliegende Frage lautet: Warum lassen sich Familien, die ohnehin ganz oben auf den Reichenlisten stehen, üppige Dividenden auszahlen, wenn ihr Unternehmen vor massiven Herausforderungen steht? Man sollte doch meinen, sie können problemlos auf kurzfristige Gewinne verzichten. Schließlich haben sie genau die finanziellen Reserven, die es braucht, um massiv in die Zukunft zu investieren.

Hier zeigt sich ein zentrales Missverständnis in der Debatte: Wer ein Unternehmen besitzt, weil die eigenen Vorfahren es gegründet haben, ist damit noch lange kein*e gute*r Unternehmer*in, sondern in erster Linie Erb*in. Und in der Regel streben Erb*innen nicht nach Innovationen, sie bringen nicht die Risikobereitschaft mit, die Unternehmer*innen brauchen. Vielmehr geht es ihnen darum, das geerbte Vermögen zu erhalten und zu vergrößern, um es an die nächste Generation weiterzugeben.

Genau deshalb schütten sich die meisten Erben-Eigentümer*innen großer Konzerne üppige Gewinne aus. Sie investieren nicht in die Zukunft des eigenen Unternehmens, sondern in die Zukunft der eigenen Vermögensdynastie. Unternehmerisch betrachtet ist das unklug. Für die deutsche Volkswirtschaft ist es absolut fatal. Aus Sicht eines*einer Erb*in, der*die vor allem ein großes Vermögen weitergeben will, ergibt es durchaus Sinn.

Was den Fall VW besonders macht

Einer der Milliardärs-Erben, um die es hier geht, ist Hans Michel Piëch. Er hat etwas eher Ungewöhnliches gemacht: 2017 brachte er 1,1 Milliarden Euro auf, um seinem Bruder Ferdinand dessen Anteile an der Porsche SE (der beherrschenden Eigentümerin der Volkswagen AG) abzukaufen. Weil der Kauf teilweise kreditfinanziert war und er wohl keine Lust hat, andere Assets zu verkaufen, braucht er seitdem Ausschüttungen, um den Kredit zurückzuzahlen.

Was das konkret bedeutet: Weil hier eine Familie die Kontrolle über ein Unternehmen behalten will, wird seit Jahren Geld ausgeschüttet, das eigentlich dringend hätte investiert werden müssen. Weil die finanziellen Interessen der Familie über allem stehen, stehen jetzt Jobs von Fabrikarbeiter*innen in Hannover, Zwickau und Emden auf dem Spiel.

Die Automobilbranche beschäftigt hierzulande direkt rund 720.000 Menschen, knapp 300.000 davon bei VW. Und über Lieferketten hängen noch deutlich mehr Arbeitsplätze daran. Strauchelt dieser Konzern, gerät die gesamte Volkswirtschaft ins Wanken. Und trotzdem: Statt die Ausschüttungen konsequent zu streichen und in echte Transformation zu investieren, wird bei der Belegschaft gekürzt. Statt die Familie an den Kosten einer Krise zu beteiligen, die ihr jahrelanges Festhalten an Ausschüttungen mitverursacht hat, zahlen die Beschäftigten mit ihrer beruflichen Existenz.

Man muss kein Sozialist sein, um das absurd zu finden. Wir müssen uns endlich die Frage stellen: Warum überlassen wir das Schicksal von hunderttausenden Arbeitsplätzen und einer ganzen Branche den Profitinteressen einer einzelnen, ohnehin schon steinreichen Familie?

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