Durchfall, Burn-out, Depression: Manche Probleme können wir immer noch nicht beim Namen nennen – erst recht nicht im Job. Warum ist das Tabu so mächtig und wie schaffen wir es dennoch, es zu brechen?
Sag mal, leidest du unter Hämorrhoiden oder Inkontinenz? War dir diese Frage jetzt zu direkt? Wir fühlen uns schnell unangenehm berührt, wenn gesellschaftliche Tabuthemen angesprochen werden. Dabei ist es statistisch gesehen gar nicht so unwahrscheinlich, dass dich eines der beiden Leiden gerade plagt und du dich schon länger jemandem anvertrauen möchtest. Vielen Menschen geht es wie dir, aber kaum jemand redet darüber – erst recht nicht im Job. Manche Themen sind einfach tabu. Warum weiß niemand so genau. Ist eben so. Ein Tabu zu brechen, ist heikel. Immerhin stellt man sich gegen ein ganzes Kollektiv von Tabubewahrer*innen. Wir befürchten, ausgegrenzt zu werden, wenn wir sensible Themen ansprechen, und werden durch Schamgefühle gehemmt. Doch genau das muss manchmal passieren, denn nicht alle Tabus haben (noch) eine Daseinsberechtigung, zum Beispiel bei so natürlichen Phänomenen wie Muskelschwächen in der Beckenregion.
Was geht mich der Durchfall anderer an, könnte man sich jetzt fragen. Aber wenn uns ein Problem einschränkt, ist es manchmal hilfreich, darüber zu reden, damit jeder weiß, was Sache ist und eventuell Rücksicht nehmen kann. Besonders auf der Arbeit und mit Kolleg*innen – auch wenn es am Anfang schwer ist. Denn um ein Tabu zu entkräften, müssen wir Schritt für Schritt die innere Zensur aushebeln und dann mit anderen ins Gespräch kommen. Dafür ist es wichtig, zu wissen, warum Tabus überhaupt existieren und wie sie wirken.
Ein Tabu zu brechen, ist heikel. Immerhin stellt man sich gegen ein ganzes Kollektiv von Tabubewahrer*innen. Wir befürchten, ausgegrenzt zu werden, wenn wir sensible Themen ansprechen, und werden durch Schamgefühle gehemmt.
Das Wort Tabu fand seinen Weg in unseren Wortschatz über die Logbucheinträge des Südseefahrers James Cook, der das Wort tapu um das Jahr 1777 in Polynesien aufgriff. Er notierte, dass die Bewohner*innen mit dem Begriff alles beschrieben, was im sakralen Sinn verboten war zu tun, zu sehen oder zu berühren. Tapu setzt sich zusammen aus den Silben „ta“ (= kennzeichnen) und „pu“ (= außerordentlich/kräftig): Es bezeichnet also „das kräftig Markierte“.
Jahrhundertelang untersuchten Tabuforscher*innen es rein als Merkmal von sogenannten Naturvölkern, bis der Psychologe Sigmund Freud schließlich mit Totem und Tabu im Jahr 1913 einen Schlüsseltext veröffentlichte. Zwar sind viele seiner Thesen heute umstritten, doch die Grunderkenntnis bleibt: Tabus gibt es in allen Gesellschaften. Laut Psychoanalytiker Hartmut Kraft sind sie Meidungsgebote, die kulturelle Regelungs- und Schutzfunktionen haben und der Sicherung einer Wertegemeinschaft dienen. Im Gegensatz zu gesetzlich verankerten Verboten seien Tabus implizite und ungeschriebene Gesetze. Auch das Sprechen über Tabus ist bereits tabu. Daher können sie selten verhandelt werden. Tabus manifestieren sich vor allem in der Kindheit durch Sätze wie: „Das macht man nicht“ oder „Darüber spricht man nicht“.
Wenn Tabugrenzen überschritten werden, droht zwar keine Gefängnisstrafe, aber häufig soziale Sanktionen. Je nach Tabu kann der (symbolische) Ausschluss aus der Gesellschaft erfolgen, zum Beispiel in Form von Kündigung oder Verstoßes aus der Familie. Einem unvorsichtigen Tabubrecher in der Geschichte wurde die Nichtbeachtung fremder Meidungsgebote zum fatalen Verhängnis. Ausgerechnet eben jener James Cook, dem wir das Wort Tabu in unseren Wörterbüchern verdanken, wurde 1779 von Südseebewohnern erschlagen, nachdem er ihre Ritualvorschriften missachtet hatte. Aber warum sollten wir angesichts dieser Gefahr überhaupt einen Tabubruch wagen?

Tabus befinden sich im ständigen Wandel und sind von Kultur zu Kultur verschieden. Sie entstehen oft in Zeiten des Umbruchs, wenn Gesellschaften ihre moralischen Werte überprüfen, zum Beispiel die relativ jungen Sprachtabus im Zuge der Political Correctness. Wir verbannen Begriffe aus der Kolonialzeit oder dem Nationalsozialismus aus unserem Vokabular, um Diskriminierung zu beseitigen und Inklusion zu fördern.
Andere Tabuthemen sind Überbleibsel längst überholter Zeiten. Dass etwa über Sexualität – insbesondere die nicht-normative – immer noch wenig gesprochen wird, verdanken wir größtenteils den Ausführungen über Sünden in der Bibel, einem einflussreichen Buch, das vor über 2.000 Jahren geschrieben wurde. Es ist erstaunlich, dass sich ein solches Tabu bis heute hält. Manchmal führt ein Schweigegebot so weit, dass es Menschen unterdrückt oder ausgrenzt. Zwei Beispiele dafür sind psychische Erkrankungen und Suizid: Kollektives Schweigen führt dazu, dass Betroffene keine Unterstützung suchen können und sich womöglich ausgegrenzt fühlen. Oder nehmen wir den weiblichen Körper, der in patriarchalen Strukturen tabuisiert und damit unterdrückt wird: So ist das Menstruationsblut aus der Öffentlichkeit größtenteils verbannt. Aus der Fernsehwerbung von Damenbinden kennt man es nur als eine reine blaue Flüssigkeit.
Um solche Zwänge abzuschaffen und einen Diskurs über die herrschenden Moralvorstellungen zu ermöglichen, ist es manchmal nötig, Tabus zu brechen. Ursprungsmythen, Märchen und die Künste wimmeln nur so von Tabubrecher*innen: Adam und Eva essen den verbotenen Apfel und werden aus dem Paradies vertrieben. Allerdings kann die Erkenntnis von Gut und Böse, die sie durch den Biss in die Frucht erlangen, auch als riesiger Entwicklungsschritt gewertet werden. Enttabuisierungen finden oft auch in sozialen Bewegungen oder Revolutionen statt. Die 1968er-Bewegung hat sowohl die Befreiung von sexuellen Tabus losgetreten als auch das Schweigen über die Naziverbrechen der Elterngeneration gebrochen, womit die Aufarbeitung der Schuld in der BRD angestoßen werden konnte. Wir sehen, Tabubrechen kann richtig und notwendig sein. Also: Ran ans Eingemachte!
Um solche Zwänge abzuschaffen und einen Diskurs über die herrschenden Moralvorstellungen zu ermöglichen, ist es manchmal nötig, Tabus zu brechen. Ursprungsmythen, Märchen und die Künste wimmeln nur so von Tabubrecher*innen.
Anleitung zum Tabubruch
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Enttarne Tabus
Der erste Schritt im Umgang mit Tabus ist, sie zu erkennen. Dabei hilft Hartmut Krafts Tabu-Suchfrage: „Was müsste ich tun oder sagen – ohne ein Gesetz zu brechen –, um in meiner Ehe, Familie, Firma, Partei etc. ausgeschlossen, zumindest aber geschnitten zu werden?“ Zusätzlich hilft es beim Aufspüren von Tabus, Themen und Handlungen zu identifizieren, die unerklärbare Scham- oder Schuldgefühle auslösen. Wer übrigens das Gefühl hat, über etwas partout nicht reden zu können, obwohl andere keine Probleme mit dem Thema haben, ist vermutlich auf ein intrapsychisches Tabu gestoßen, also eines, das in der persönlichen Biografie und traumatischen Erlebnissen verwurzelt ist. Wenn ein Tabuthema gefunden ist, geht es um die Frage: Ist das nützlich oder kann das weg? -
Reflektiere das Tabu
Nun kommt das Tabu auf den Prüfstand: Warum darf ich das nicht sagen? Wem dient das Schweigen? Wenn etwa sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz unter den Teppich gekehrt, geleugnet oder totgeschwiegen werden, damit das Image der Firma nicht beschmutzt wird, ist das definitiv nicht okay. Die #MeToo-Debatte konnte nur entstehen, weil Aktivistinnen das implizite Redeverbot über sexuelle Gewalt hinterfragten und zum Reden aufriefen. So etwas verschiebt die Schamgrenze, denn: Wer sich nicht allein mit dem verdrängten Problem fühlt, fürchtet sich auch nicht mehr vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft. Eine Recherche rund um das verschwiegene Thema bringt Leidensgenoss*innen sowie erhellende Informationen ans Tageslicht. Übertragen auf das Eingangsbeispiel finden wir schnell heraus, dass etwa jede zweite Person irgendwann mal ein Hämorrhoidalleiden plagt und die Behandlung kurz und schmerzlos ist. Das Tabu hat keine schutzstiftende Funktion mehr, im Gegenteil: Es hindert uns daran, sofort zum Arzt zu gehen und verlängert unser Leiden. Wenn klar ist, dass das Tabu etwas zu Unrecht mit Scham behaftet, wird es Zeit, sich davon zu verabschieden.

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Bilde Allianzen
Im Büro spricht niemand offen über eine Verstopfung oder über die monatliche Regelblutung – maximal flüsternd in der Damentoilette. Die Angst davor, dass sich unsere Mitmenschen bei einer Tabuverletzung abwenden, ist groß – selbst wenn es sich um ganz natürliche Vorgänge handelt. Doch was, wenn wir Allianzen schmieden? Hebe das Redeverbot behutsam auf, indem du eine Gruppe vertrauter Kolleginnen oder Freundinnen zum Erfahrungsaustausch versammelst: Leidet jemand im Team, weil ersie sich nicht traut über seineihre Erfahrung zu sprechen? Hat man das Tabu unter sich erst einmal entkräftet, wird man ungehemmter. So können Menstruierende mit der Zeit auch Nicht-Menstruierenden leichter sagen, dass sie ihre Tage haben. Das Prinzip Stammtisch funktioniert auch beim Thema Sex, bei Verdauungsproblemen, Hämorrhoiden etc. Wer sich nicht traut, das Thema laut zu benennen, schreibt eben, denn Schreiben mildert die Affekte. Bei psychischen Erkrankungen, über die viele aus Scham und Angst vor Ausgrenzung nicht sprechen, kann etwa eine persönliche E-Mail an vertraute Kolleginnen und Freundinnen eine Enttabuisierung anstoßen. Darin kann es um die Krankheit selbst gehen oder wie man sprachlich mit ihr umgeht. Meistens wissen die Leute einfach nicht, wie sie darüber sprechen sollen. Vielleicht finden sich aber sogar Leute, denen es ähnlich geht und die offen reden wollen. Wer ein sehr stark subjektives Tabu spürt, kann eine Kolumne, einen Blogpost oder direkt ein Buch schreiben, wie etwa Charlotte Roche es mit Feuchtgebiete als Bewältigungsstrategie für ihre starken Schamgefühle gemacht hat. -
Sorge für Sichtbarkeit
Jetzt geht es an die Aufklärungsarbeit im weiteren Umfeld. Um mit dem Tabubruch nicht sofort Widerstand zu erzeugen – wir wollen uns ja schließlich Gehör verschaffen – sprichst du lieber durch die Blume, etwa durch die Empfehlung von Infomaterial zu diesem und jenem Thema. Dadurch überlässt du gewissermaßen einer anderen Person den Job des Tabubrechens. Wenn es dann darum geht, das Tabu explizit anzusprechen, folge gern den Regeln des beliebten Gesellschaftsspiels Tabu, ganz nach dem Motto „Wer umschreibt, der bleibt.“ Anstatt direkt die Konfrontation zu suchen („Einige hier haben Depressionen/Burn-out, warum schweigen denn nur alle dazu?“) frage lieber wie man damit umgeht, wenn Kolleg*innen „sehr erschöpft sind“ oder „es ihnen seelisch nicht gut geht“. Sprich von „den Tagen“ statt von „Regelblutung“, um deine Schamgrenze und die der anderen zu schonen. Mit der Zeit wird das bisher Unsichtbare mit einem Gefühl von Normalität verbunden und gehört mit zu dem, was gesagt werden darf. Gute indirekte Botschaften sendet man auch durch Bilder. Die Free-the-nipple-Bewegung arbeitet gegen das Verbot, weibliche Brustwarzen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Diese geschlechtsspezifische Tabugrenze machen nun T-Shirts mit aufgedruckten Brüsten sichtbar. Der*die Träger*in verstößt nicht gegen das Verbot, echte Brustwarzen im öffentlichen Raum zur Schau zu stellen, zeigt aber dennoch den tabuisierten Körperteil. Und damit sind wir auch schon auf der Straße – wo der Tabubruch am schwierigsten, aber auch am wirkungsvollsten ist. -
Geh nach draußen
In öffentlichen Debatten oder (sozialen) Medien aktiv zu werden, ist der finale Schritt, um ein Tabu zu stürzen. Die Journalistin und Autorin Kathrin Weßling hat es vorgemacht. Sie litt an ADHS und Depressionen und darunter, dass sie aufgrund der Tabuisierung psychischer Leiden mit niemandem reden konnte. Nun hat sie sich der Aufgabe verschrieben, das Thema Depression aus der Tabu-Schublade zu befreien und ermutigt Menschen, offener über die Erkrankung zu reden, auch bei der Arbeit, mit Kolleg*innen und dem*der Chef*in. Sie hat lange dazu das persönliche Blog Drüberleben geschrieben und es 2012 in das gleichnamige Buch verwandelt. Zudem führte sie zahlreiche Interviews zum Thema Depressionen in der Arbeitswelt, um ihm noch mehr Reichweite zu geben. In einem Interview für die Zeit erzählte sie beispielsweise offen die Geschichte ihrer Kündigung aus seelisch-gesundheitlichen Gründen und gibt Tipps zum Umgang mit den betretenen Nicht-Betroffenen am Arbeitsplatz. Mit ihrem guten Beispiel hilft sie anderen, das Tabu auch zu brechen. Geh diesen Schritt auch, und du bist dabei, ein unnötiges Schweigegebot für eine ganze Gesellschaft ad acta zu legen.

Die drei Learnings
- Tabus sind Meidungsgebote und haben eine wichtige kulturelle Schutzfunktion.
- Manche Tabus sind überholt und sollten gebrochen werden, damit alte Denk- und Handlungsmuster abgeschafft werden können. Das Problem ist, dass es selbst tabuisiert ist, über das Tabu zu sprechen, und bei Nichtbeachtung soziale Sanktionen, Schuld- und Schamgefühle entstehen.
- Um einen Diskurs über tabuisierte Bereiche zu beginnen, beginnt man am besten mit der inneren Reflexion, vertraut sich dann vorsichtig nahestehenden Personen an und wagt schließlich eine öffentliche Debatte.





