Wer Kinder hat und arbeitet, muss viel in einem Tag unterbringen. Oft ist nach den Schichten am Schreibtisch und auf dem Spielplatz immer noch nicht alles erledigt. Zum Glück gibt es noch den Abend, oder?
Über dieses Format
Arbeitende Eltern führen ein Doppelleben. Das eine findet in der Arbeit statt, am Schreibtisch im Büro, vor dem Bildschirm, im Schichtdienst oder auf Dienstreise. Das andere zu Hause, zwischen Kindertränen, Dreckwäsche und Mental Load. Das wollen wir mit dieser Kolumne sichtbar machen: den Spagat, den Eltern jeden Tag leisten, die große Belastung und Verantwortung, die sie schultern – aber auch die Freude, die die Gleichzeitigkeit beider Leben mit sich bringt. Schreibt mir gerne an jessica@neuenarrative.de, wie ihr das Format findet. Von eurem Feedback machen wir abhängig, ob wir es fortsetzen.
Es ist 20:38 Uhr und die Kinder schlafen, endlich. Feierlich koche ich mir eine Tasse Tee, zünde eine Kerze an, hole die Schokolade aus ihrem geheimen Versteck, setze mich vor den Laptop und atme einmal tief durch: Die Arbeit kann beginnen. Zu diesem Zeitpunkt liegt schon ein langer Tag hinter mir: Aufstehen um 6 Uhr morgens, Brotzeitdosen packen, Frühstück machen, Kinder wecken und anziehen, die erste Krise des Tages emotional begleiten, weil die Lieblingsleggins in der Wäsche ist, die Leggins aus der Wäsche holen und trotzdem anziehen, frühstücken und wie jeden Morgen die umgefallene Milch/das Wasser/den Saft/das selbst gepanschte Gesöff aufwischen, Kind nochmal umziehen, fünf Mal ankündigen „Wir müssen los“, beim sechsten Mal schon ein bisschen genervt (deshalb den ganzen Tag schlechtes Gewissen), Jacke und Schuhe anziehen, in den Kindergarten fahren, zurückfahren, weil wir die Rucksäcke vergessen haben, verabschieden. An den Schreibtisch setzen, Laptop aufklappen, Mails, Mails, Meetings, noch mehr Meetings, keine Mittagspause, Kinder abholen, den Nachmittag bewältigen mit weiteren emotionalen Krisen verschiedenster Art, 80 Mal „Mama“ und mindestens einer neuen Beule, zur Musikschule und wieder zurück, auf dem Weg einkaufen und Pakete wegbringen, Essen kochen, Essen wegräumen, bettfertig machen, Einschlafbegleitung, Spülmaschine aus- und wieder einräumen.
Und jetzt kommt das Absurde: Ich freue mich wie ein Kind darauf, dass an diesem Punkt meine Abendschicht beginnt – diese Ruhe! Endlich keine tickende Uhr, die mir im Nacken sitzt und plötzlich sagt, dass ich den Stift fallen lassen muss. Kein Gedankenkarussell im Call mit den Kolleg*innen, was ich für das Fußballtraining einpacken muss, wo der Impfpass für den Termin beim Arzt ist oder welchen Zettel ich später beim Abholen im Kindergarten abgeben muss. Kein roter Punkt am Slack-Tab im Browser, kein Meeting, kein Mail-Ton, nichts. Erst wenn alle schlafen, drehe ich arbeitstechnisch so richtig auf und finde ich die Muse und Zeit für all die Aufgaben in der Arbeit, (vor allem die, die Konzentration erfordern) die tagsüber liegen geblieben sind.1

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Mehr erfahrenAbends entstehen Überstunden
So zu arbeiten ist zwar intensiv, es ist aber auch ein Privileg (Kinder übrigens auch, don’t get me wrong!). Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, wichtige Meetings nur am Vormittag, Führungsaufgaben in Teilzeit – viele Eltern haben diese Möglichkeiten nicht. Trotzdem kenne ich viele, für die Abendschichten zum Alltag gehören, zum Beispiel weil sie trotz Vollzeit die Nachmittage mit ihren Kindern verbringen möchten (oder die Betreuungszeiten es nicht anders zulassen). Zahlen aus den Jahren 2010 bis 2013 zufolge (also vor der Corona-Pandemie und dem Einzug des Homeoffice) arbeiteten rund 23 Prozent der damals befragten Väter regelmäßig nachts und 40 Prozent abends, unter den Müttern waren es 11 beziehungsweise 28 Prozent.2 Aktuelle Zahlen gibt es nicht, die Beschleunigung der Arbeit lässt aber nichts Gutes vermuten. Wer abends arbeitet, tut das übrigens auch oft über die eigentliche Arbeitszeit hinaus: Eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts hat nachgewiesen, dass fragmentierte Arbeit, also das Aufteilen des Arbeitstags in mehreren Schichten, zu mehr Überstunden führt.3

1989 prägte Arlie Hochschild den Begriff der „zweiten Schicht“, die für erwerbstätige Mütter nahtlos nach der bezahlten Arbeit zu Hause beginnt.4 Jetzt erleben wir also die dritte Schicht: Nach der Arbeit kommt die Care-Arbeit kommt die Arbeit. Es ist ein ewiger Kreislauf, der unfassbar viel Energie und Kraft kostet und gesundheitliche Konsequenzen haben kann. 2024 nannten Mütter in Deutschland den ständigen Zeitdruck (fast 80 Prozent), berufliche Belastungen (rund 62 Prozent) und Vereinbarkeit von Familie und Beruf (rund 53 Prozent) als die drei größten Belastungen in ihrem Leben sowie Ursachen dafür, dass sie eine Kur machen mussten.5
Für viele Eltern, insbesondere Mütter, ist die Abendschicht Fluch und Segen zugleich. Einerseits ermöglicht sie es ihnen, insgesamt mehr Stunden zu arbeiten und damit vielleicht auch Rollen zu übernehmen, die sie mit weniger Stunden nicht bekommen hätten. Sie bedeutet auch die Freiheit, nachmittags Zeit mit den Kindern zu verbringen, mit ihnen zum Turnen zu gehen oder auf den Spielplatz, statt nur gemeinsam Abendzuessen und danach „ab ins Bett“. Andererseits sind die vielen Schichten hintereinander mit den so unterschiedlichen Anforderungen eine große Belastung für Körper und Psyche. So ein System lässt quasi keine Pausen zu, keine Regeneration, und schon gar keine Hobbys, Sport oder Me-/Partnerschaft-Time. Nicht mal der Schlaf verspricht Erholung, denn wer kurz vorm Zubettgehen noch gearbeitet und auf den Bildschirm gestarrt hat, braucht lange, um runterzukommen – und kurz nach dem Einschlafen ertönt verlässlich zum 81. Mal an diesem Tag ein leises „Mama?“.
Ein unlösbares Rätsel
Eine gute Freundin von mir ist so im Burn-out gelandet.6 Nach einer mehrwöchigen Auszeit arbeitet sie inzwischen seit einer Weile wieder und ich habe sie gefragt, ob sie etwas an ihrer Arbeitsweise, in ihrem Leben geändert hat. Ihre Antwort: nicht wirklich, was denn auch? Sie liebt ihren Job. Sie liebt ihre Kinder. In beiden Welten will sie 100 Prozent geben. Es ist ein unlösbares Rätsel für sie, wo sie Abstriche machen soll. Auch das ist das Ergebnis von Teilzeit-Bashing, vom Mythos der Powerfrau, die Kind und Karriere wuppt, von dem öffentlichen Druck auf Frauen, mehr zu arbeiten, dem Arbeitsmarkt zu Verfügung zu stehen, fürs Alter vorzusorgen, sich nicht finanziell abhängig zu machen. Alles wahr. Aber es hat seinen Preis und unterschlägt die emotionale Komponente: Kindheit ist kostbar, einmalig und hat ein Ablaufdatum. Nicht alle Kinder halten bis 17 Uhr in der Kita durch. Manche Männer, die Arbeitswelt sind noch nicht so weit. Elternschaft ist aufzehrend und lässt sich nicht so nebenbei machen. Um alles zu schaffen, werden die wenigen Stunden Freizeit am Abend auch zur Arbeitszeit. Und die Väter sind ja wie gesagt auch zum Teil betroffen: Auch sie arbeiten abends, wenn sie trotz Vollzeitjob noch die Chance auf ein paar Stunden Quality-Time mit ihren Kindern haben oder einen Beitrag zur Care-Arbeit leisten wollen.
Ich könnte jetzt schreiben, dass das alles ein strukturelles Problem ist, dass sich in Gesellschaft und Organisationen etwas verändern muss. Auch alles wahr. Aber das hilft meiner Freundin, mir und all den Nachteulen-Eltern da draußen gerade jetzt in diesem Moment nicht. Akutmaßnahmen wie persönliche Grenzen und kleine Alltagshacks aber schon, zum Schutz von Nerven und Gesundheit. Und damit Schluss für heute.
Acht kleine Hacks für Nachteulen-Eltern
- Eine bewusste Tasse Tee oder Kaffee trinken, nachdem die Kinder weg sind und bevor der Laptop aufgeklappt wird.
- Kleine Pausen im Laufe des Arbeitstages fest im Kalender eintragen und einhalten, auch wenn sie nie passen – und zwar ohne Doomscrolling am Smartphone!
- Einen Puffer von mindestens 20 Minuten zwischen Arbeit und Kindern einplanen, zum Runterkommen.
- Mails auf den nächsten Morgen terminieren, damit die Abendschicht keine falschen Erwartungen bei Kolleg*innen ode der Welt da draußen schürt.
- Erwartungsmanagement: 80 Prozent ist manchmal gut genug, vor allem, wenn wir dafür gelassener und ausgeruhter sind.
- Ein Shutdown-Ritual am Abend einführen, bei dem die wichtigsten To-Dos für morgen auf einen Zettel geschrieben werden, damit der Kopf im Bett nicht weiter rattert.
- Timeboxing: Eine feste Zeitspanne sowie eine harte und unverhandelbare Deadline definieren, wann der Laptop abends zu sein muss.
- Eine Tasse Tee, ein schönes (Hör-)Buch oder eine Badewanne zum Runterkommen vor dem Einschlafen.
FUßNOTEN
- 1
Das Problem, dass zwischen all den Meetings nur wenig Zeit für die eigentliche Arbeit bleibt, kennen allerdings nicht nur Eltern, sondern auch Beschäftigte ohne Kinder. ↩
- 2
WZB-Untersuchung: „Wenn Eltern abends arbeiten“. Hinweis: Unter den Teilnehmer*innen der Umfrage waren auch Schichtarbeiter*innen. ↩
- 3
- 4
The Second Shift: Working Families and the Revolution at Home von Arlie Hochschild und Anne Machung (2012) ↩
- 5
- 6
Dafür gibt es sogar einen Begriff: „Eltern-Burnout“ ↩





