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Case Clinic

Strategie ist nur eine Hypothese

  • Text: Paul Fenski

In Beautiful Boy singt John Lennon: „Life is what happens to you while you're busy making other plans.“ Frei übersetzt: Leben ist das, was passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu schmieden. Ich glaube, Lennon wollte damit nicht sagen, dass es an sich sinnlos ist, zu planen. Nur, dass es eben oft doch ganz anders kommt, und wir es manchmal nicht mal bemerken.

Es lohnt sich also, auf etwas hin­zuarbeiten, auch lang­fristig. Wichtig ist dabei nur, regelmäßig zu prüfen, ob der Plan noch stimmig ist, oder angepasst werden muss.

  • Organisation: Seibert Media
  • Mitarbeiter*­innen­anzahl: 330 (2023)
  • Rechts­form: GmbH
  • Hack: Ziele als Hypothesen

Das Problem

Im letzten Newsletter habe ich erzählt, wie Seibert Media per kollegialer Rollenwahl einen Strategie­kreis besetzt hat. Damit war aber erst die Frage geklärt, wer Strategie macht, nicht wie. Eine Strategie der Gesell­schafter existierte zwar, war aber weder allen bekannt noch zentral dokumentiert. Klassische Ziel­systeme waren zuvor am Wider­stand der Beleg­schaft gescheitert: zu top-down, zu starr. Wie also hält ein selbst­organisiertes Unter­nehmen Ziele fest, ohne dass sie zur Ansage von oben werden oder an der Realität vorbei­planen?

Die Lösung

Der Strategie­kreis hat ein eigenes Ziel­system mit drei Ebenen entwickelt:

  1. Objective (1 bis 3 Jahre, unternehmens­weit): gibt grob die lang­fristige Richtung vor und besteht aus mehreren Epics.
  2. Epic (4 bis 12 Monate, kreis­über­greifend): ein umfang­reiches Ziel, das aus mehreren Features besteht.
  3. Feature (4 Monate): die kleinste Einheit, ver­antwortet von einem oft kreis­über­greifenden Team, das selbst entscheidet, wie es das Feature umsetzt.

Der Clou steckt in den Epics: Jedes besteht aus einer Frage und einer Hypothese. Im Idealfall überprüft der Strategie­kreis alle vier Monate gemeinsam mit dem/der Owner*in, ob die Hypothese bestätigt oder widerlegt ist. Und wird sie widerlegt, gilt auch das als Erfolg. Anders als ein klassisches Ziel muss eine Hypothese also nicht erreicht, sondern überprüft werden.

Die Stolperfalle

Hypothesen funktionieren nur, wenn ihre Wider­legung nicht bestraft wird. Sobald Owner*innen sich für Korrekturen recht­fertigen müssen, formulieren alle nur noch Hypothesen, die sicher bestätigt werden, und der Lern­effekt ist dahin. Die Über­prüfung braucht außerdem einen festen Rhythmus: Ohne den Vier-Monats-Takt bleiben widerlegte Epics einfach liegen.

Pläne sind also nur gut, wenn wir immer wieder bereit sind, sie zu ändern. Bei Seibert Media haben sie daraus die richtige Konsequenz gezogen: nicht weniger planen, sondern bereit sein, Pläne auch wieder über den Haufen zu werfen.

Mit vorläufig planmäßigen Grüßen
Paul und das Team von Neue Narrative

PS: Wie denn eigentlich die Ziele unter Beteiligung der Beleg­schaft entstehen, dazu kommen wir dann endlich in der nächsten Ausgabe.

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