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Illustration einer Person in einer Schneekugel, umgeben von chaotischen Elementen: Blitze, Regenwolken, ein einäugiges Wesen mit Schnabel, Tränen und Wassertropfen. Mehrere Hände von außen greifen in die Kugel. Das Bild symbolisiert psychische Belastung und den Einfluss äußerer Stressfaktoren auf die mentale Gesundheit.
Protokoll MHFA

Was macht eigentlich ein*e Mental-Health-Ersthelfende*r?

  • Text: Charleen Rethmeyer
  • Illustration: Melanie Gandyra

Immer mehr Menschen fallen wegen psychischer Erkrankungen aus. Verantwortungsvolle Organisationen reagieren darauf und bilden Ersthelfer*innen aus. Was sind deren Aufgaben?

Fürsorge: unsere neue Ausgabe ist da!

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Als eine Kollegin ihr beim Kaffee erzählt, dass eine ihr nahestehende Person sich in einem psychischen Ausnahmezustand befinde und sie total überfordert sei, weiß Annie Marx, was zu tun ist. Sie fragt die Kollegin, ob sie Hilfe benötigt, und leitet ihr Informationen zu Beratungsstellen weiter. Als People-Verantwortliche bei Neue Narrative war es für Marx naheliegend, sich zur MHFA Ersthelferin weiterbilden zu lassen. Bei Problemen oder gar Krisen ist sie für viele Mitarbeiter*innen die erste Ansprechpartnerin im Unternehmen – sie wollte lernen, wie sie in solchen Situationen reagiert.1

„Oft vergehen Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis Menschen mit psychischen Krankheiten Unterstützung bekommen. Diesen Zeitraum wollen wir durch Mental Health First Aid verkürzen“, erklärt Isabella Teresa Saul. Sie ist Psychologin und bildet MHFA Ersthelfende aus.

Illustration einer offenen Hand, auf der eine Person von dunklen Regenwolken weg in Richtung einer strahlenden Sonne läuft. Die linke Seite zeigt verschiedene Gewitterwolken mit Regen – Symbol für psychische Belastung. Die rechte Seite zeigt eine helle, flammenartige Sonne – Symbol für Hoffnung und Erholung.

MHFA Ersthelfende leisten das psychologische Pendant zur körperlichen Ersten Hilfe: Sie behandeln oder diagnostizieren nicht selbst, sondern unterstützen, bis professionelle Hilfe da ist. „Bei einem schweren Autounfall rennen wir ja auch nicht mit der verletzten Person zu uns nach Hause und operieren sie auf unserem Küchentisch“, sagt Saul. Und so sind auch MHFA Ersthelfende kein ausgebildetes Fachpersonal, keine Psychotherapeut*innen. Saul nennt sie stattdessen Brückenbauer*innen: „Sie schlagen eine Brücke von der betroffenen Person in das professionelle Helfernetzwerk.“

Zeit zu handeln

Im besten Fall kümmert sich die Organisation darum, dass Betroffene Zugang zu professioneller Hilfe bekommen, etwa durch eigene Beratungsstellen oder Employee Assistance Programmes – externe, anonyme Mitarbeiterberatungsstellen, oft angebunden an Gesundheitsdienstleister oder per Mental-Health-Apps. Zusätzlich lernen MHFA Ersthelfende in der Weiterbildung ehrenamtliche und staatliche Angebote kennen, an die sie Betroffene verweisen können. Ohne Anschlussmöglichkeiten droht die Unterstützung der Betroffenen bei den jeweiligen MHFA Ersthelfenden hängen zu bleiben.

Saul sieht bei Organisationen generell zunehmenden Handlungsdruck. Psychische Erkrankungen verursachen seit ungefähr 20 Jahren immer mehr Arbeitsausfälle. 2024 lagen die psychisch bedingten Fehltage bei durchschnittlich 342 Fehltagen je 100 Beschäftigten. Am häufigsten werden Menschen aufgrund von Depressionen krankgeschrieben. Die Belastung ist dort besonders hoch, wo Menschen sich beruflich um andere kümmern. In Kitas und Pflegeheimen liegt die Zahl der psychisch bedingten Fehltage mit 586 bzw. 573 Tagen je 100 Beschäftigten bis zu 71 Prozent über dem Durchschnitt.2 Doch von psychischen Krisen sind natürlich Menschen in allen Berufsgruppen betroffen und Kolleg*innen wissen oft nicht, wie sie am besten helfen können.

Illustration einer zusammengekauerten Person am Boden, über der sich ein hoher Turm aus Gewitterwolken, Regentropfen und Blitzen auftürmt. Die Last der dunklen Wolken drückt die Figur nieder.

MHFA Ersthelfende und ihre Kernaufgaben

1. Erkennen

Zieht sich jemand plötzlich zurück? Wirkt eine Kollegin seit Wochen gereizt? Wirkt ein Kollege wirr, seine Aussagen zusammenhangslos? Im MHFA Ersthelfer-Kurs lernen Teilnehmende, solche Signale zu deuten. Der Kurs vermittelt Wissen über die häufigsten psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Substanzgebrauchsstörungen oder psychotische Störungen und deren frühe Anzeichen.

Icon eines Auges in Lachsrot, in dessen Mitte eine stilisierte Person zu sehen ist.

2. Ansprechen

Anschließend lernen die Teilnehmenden, wie sie ihre Beobachtung angemessen an die betroffene Person herantragen. Im Kern geht es darum, Belastungen wahrzunehmen und diese behutsam anzusprechen:

  1. „Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit gefehlt hast und sehr erschöpft wirkst. Geht es dir gut?”

  2. Lass die Person ausreden. Bewerte oder unterbrich nicht und spiele die Sorgen nicht herunter.

  3. Weise auf Hilfsangebote hin (Betriebsarzt, Telefonseelsorge, psychologische Beratung) und ermutige die Person, sich professionelle Hilfe zu holen.

  4. Frage nach persönlichen Ressourcen: Gibt es Menschen im Umfeld, die unterstützen können? Selbsthilfegruppen? Dinge, die Freude bereiten?

Icon einer stilisierten Person in Grün mit einer Sprechblase in Lachsrot, die ein Fragezeichen enthält.

3. Einschätzen

Je nachdem, wie gravierend der*die Ersthelfer*in die Situation einschätzt, sorgt er*sie für sofortige Hilfe oder erarbeitet einen längerfristigen Plan. Saul unterscheidet zwischen:

Krisenmodus: Hier zählt jede Minute. Egal, ob akute Situationen wie akute Suizidalität bzw. Suizidabsicht oder schwere psychotische Zustände – auch MHFA Ersthelfende wenden sich in diesen Fällen an die psychosozialen Nothilfenummern wie den psychiatrischen Krisendienst und in lebensgefährlichen Situationen an den Notdienst.

Nicht-Krisenmodus: Die Person ist überfordert, depressiv oder spricht über wachsende Ängste. Sie braucht zwar Unterstützung, aber keine sofortige Hilfe. Hier haben MHFA Ersthelfende Zeit, Gespräche vorzubereiten und passende Hilfsangebote herauszusuchen.

MHFA Ersthelfende müssen auch die eigenen Grenzen im Blick behalten und sich ehrlich fragen, ob sie selbst gerade belastet sind und inwiefern das Thema sie persönlich herausfordert. In diesem Fall verweisen sie besser auf jemand anderen. Denn im Affekt passiert es schnell, zu viel zu versprechen: Hilfsangebote lassen sich immer erweitern, aber kaum zurücknehmen.

Icon eines traurigen Smileys in Dunkelgrün, umgeben von einem segmentierten Kreisdiagramm in verschiedenen Farben (Rot, Pink, Lila, Blau, Türkis).

MHFA Ersthelfende brauchen ein Fürsorgesystem

Viele Menschen lassen sich aus persönlichem Interesse zu MHFA Ersthelfenden ausbilden, so Saul. Organisationen sollten jedoch darauf achten, eine echte Struktur für die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter*innen aufzubauen und nicht auf das Engagement Einzelner zu zählen. Drei Punkte sollten sie besonders beachten:

1. Teams statt Einzelpersonen ausbilden

Eine*n einzelne*n MHFA Ersthelfer*in für einen ganzen Konzern? Solche Szenarien hält Saul für verantwortungslos und nicht nachhaltig. Besser sei es, in allen Bereichen und Teams MHFA Ersthelfende auszubilden, sodass jeder Mitarbeitende eine Ansprechperson in der Nähe hat, wie auch bei der körperlichen Ersten Hilfe. Denn wer allein ist, trägt die Last ebenfalls allein und verspricht im Zweifel mehr, als er*sie halten kann. Gemeinsam lassen sich Fälle besprechen, Unsicherheiten klären und Verantwortung teilen. Für den Austausch über die eigene Organisation hinaus gibt es MHFA-Netzwerke, in denen MHFA Ersthelfende externe Supervision und Intervision in Anspruch nehmen können.

Eine bunt illustrierte Wetterkarte.

2. Die Rolle sichtbarmachen und Vertrauen aufbauen

MHFA Ersthelfende sollten für Außenstehende klar erkennbar in ihrer Rolle sein. Dazu gehören transparente Strukturen, beispielsweise ein eigener Raum oder eine klare Präsenz im Intranet der Organisation, in Newslettern oder internen Chats. Niedrigschwellige Angebote wie Workshops zu den Themen Stressmanagement oder Schlafprobleme, die manche Organisationen anbieten, können zusätzlich Vertrauen aufbauen. Denn Mitarbeiter*innen nehmen Unterstützung eher in Anspruch, wenn sie die Personen hinter der Rolle kennen und einschätzen können.

3. Managementebene und Führungskräfte sensibilisieren

Wie offen eine Organisation über mentale Gesundheit spricht, beeinflusst, ob Mitarbeitende die Angebote der MHFA Ersthelfenden tatsächlich in Anspruch nehmen. In Unternehmen mit ausgeprägter Leistungskultur traut sich niemand, sich krankzumelden – geschweige denn zur Mental-Health-Sprechstunde zu gehen.

Führungskräfte haben dabei eine Vorbildfunktion. Wenn ein Teamleiter erzählt, dass er wegen Burnout-Gefahr kürzertritt, oder eine Abteilungsleiterin sich zur MHFA Ersthelfenden ausbilden lässt, sendet das ein klares Signal: Hier ist es okay, auch einmal nicht zu funktionieren.

In Unternehmen mit ausgeprägter Leistungskultur traut sich niemand, sich krankzumelden – geschweige denn zur Mental-Health-Sprechstunde zu gehen.

Eine Hand greift eine andere, die aus Gewitter- und Regenwolken herauskommt.

Wie lassen sich MHFA Ersthelfende in einer Großorganisation koordinieren?

  • Seit 2021 gewinnt das MHFA Ersthelfer-Konzept an der Friedrich-Schiller-Universität Jena stetig an Bedeutung – nicht zuletzt, weil die psychischen Belastungen von Studierenden und Beschäftigten in Deutschland zunehmen. Seit 2021 wurde aus dem studentischen Gesundheitsmanagement heraus eine verlässliche Struktur aufgebaut: von der Ausbildung der Ersthelfenden bis hin zu einem niedrigschwelligen Gesprächsangebot, das von engagierten Beschäftigten und Studierenden getragen wird. Das alles unter durchaus komplexen Bedingungen: ein dezentraler Campus und eine strukturell bedingte Fluktuation, wenn Beschäftigte oder Studierende nach ihrem Abschluss die Universität verlassen. Das Koordinationsteam begegnet dem mit kontinuierlicher Nachschulung sowie regelmäßiger Kommunikation zum Angebot.

  • Pro Semester findet jeweils ein MHFA Ersthelfer-Kurs für Studierende und ein Kurs für Beschäftigte statt. Aktuell gibt es etwa 120 ausgebildete MHFA Ersthelfende. Davon sind pro Semester zehn aktive Ersthelfer*innen auf der Universitätswebsite gelistet und ansprechbar. Gleichzeitig sollen möglichst viele Menschen diese Kenntnisse erwerben, um proaktiv auf Kommiliton*innen und Kolleg*innen zugehen zu können, ohne als aktiv gelistete*r MHFA Ersthelfende aufzutreten.

  • Seit 2025 wird das Programm aus dem gesamtuniversitären Gesundheitsmanagement für alle Statusgruppen angeboten, also für Studierende, Doktorand*innen und Postdocs sowie für die Beschäftigten. Das ehrenamtliche Angebot ist ein unterstützendes Netzwerk innerhalb der Hochschulgemeinschaft und arbeitet eng mit der Psychosozialen Beratung des Studierendenwerks, der Zentralen Studienberatung sowie internen Fachbereichen und externen Beratungsstellen zusammen, um psychische Krisen frühestmöglich zu erkennen. Die Zusammenarbeit wird fachlich von einer ausgebildeten MHFA Instruktorin begleitet, die zugleich psychologische Psychotherapeutin ist.

  • Dass das Angebot Anklang findet, zeigt sich an einem unerwarteten Phänomen: Mittlerweile erreichen die Universität Anfragen aus Jena von Menschen, die keine Universitätsangehörigen sind, sich aber Hilfe suchen und Unterstützung wünschen. „Das zeigt uns, wie groß der Bedarf an niedrigschwelliger Unterstützung ist“, sagt Julia Hoppe, die gemeinsam mit Julia Storch das MHFA Ersthelfer-Programm koordiniert.

Mentale Erste Hilfe sollte selbstverständlich werden

MHFA Ersthelfende seien bislang selten strukturell in Organisationen eingebunden, so Saul. Für die körperliche Erste Hilfe am Arbeitsplatz gibt es gesetzliche Regelungen. Die Unfallverhütungsvorschrift schreibt vor, wie viele Ersthelfer*innen es je nach Branche und Unternehmensgröße geben muss – in Verwaltungs- und Handelsbetrieben ab 20 Beschäftigten sind das mindestens fünf Prozent der Belegschaft.3 Für mentale Erste Hilfe existiert eine solche Vorschrift nicht – dabei ist das nach Saul naheliegend.

Für Marx hat sich der MHFA Ersthelfer-Kurs ausgezahlt. „Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich: Ich kann Veränderungen bei anderen und meine Beobachtungen direkt ansprechen, auch wenn es schwierige Themen sind. Zum Beispiel die Frage, ob jemand an Suizid denkt. Viele trauen sich das nicht zu fragen, aus Angst, etwas falsch zu machen. Im Kurs habe ich gelernt, dass ich es nicht nur darf, sondern sogar sollte. Das gibt mir unglaublich viel Sicherheit.“ Und das, sagt Marx, ist letztlich das Wichtigste.

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Takeaways

  • MHFA Ersthelfende sind keine Therapeut*innen. Sie erkennen psychische Belastungen, sprechen Betroffene an und begleiten sie zur professionellen Hilfe.
  • Wer andere unterstützt, muss die eigenen Grenzen kennen.
  • Ob Mitarbeiter*innen Hilfe in Anspruch nehmen, hängt maßgeblich davon ab, ob Führungskräfte Offenheit vorleben und psychische Gesundheit im Arbeitsalltag enttabuisieren.

Input-Geberinnen

Isabella Teresa Saul ist Psychologin (M.Sc.) mit klinischem Schwerpunkt und arbeitet in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen sowie in einer Krisenhotline. Freiberuflich ist sie seit drei Jahren als externe MHFA Instruktorin in Zusammenarbeit mit MHFA Ersthelfer und dem ZI Mannheim tätig.

Annie Marx ist People Operations Specialist bei Neue Narrative.

Julia Hoppe und Julia Storch koordinieren an der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter anderem das MHFA-Angebot.

FUßNOTEN

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