Jahrelange Kinderwunschbehandlungen sind extrem belastend, zeitintensiv und teuer – kommen in vielen Organisationen aber nicht zur Sprache. Unternehmen, die hier sensibilisieren und Rückhalt geben, zeigen echte Fürsorge jenseits klassischer Familienpolitik.

Fürsorge: unsere neue Ausgabe ist da!
Abo sichernAls Sandra* nach jahrelangem Probieren mithilfe reproduktiver Medizin endlich schwanger wird, hat sie nach kurzer Zeit eine Fehlgeburt. Das ist ein herber Rückschlag für die Mitte-30-Jährige, die sich unbedingt ein Kind wünscht. Doch sie versucht es weiter. Die zweite Fehlgeburt kommt erst in der elften Schwangerschaftswoche: einem Zeitpunkt, zu dem Sandra schon so sicher ist, dass diesmal alles gutgehen würde, doch die Ärztin sieht keinen Herzschlag mehr. Daraufhin bricht Sandra zusammen und vertraut sich ihrem Team-Lead an, weil sie ihren Arbeitstag nicht mehr bewältigen kann: „Ich hätte eigentlich ein Vorstellungsgespräch führen sollen. Aber ich konnte nicht mehr. Mein Lead hat mich unterstützt und mir geraten, mich krankschreiben zu lassen, obwohl es damals noch keine Krankschreibung für eine Fehlgeburt gab.“
Weltweit ist eine von sechs Personen in ihrem Leben von Unfruchtbarkeit betroffen. Etwa jede dritte Frau hat in ihrem Leben mindestens eine Fehlgeburt. Während Teams inzwischen mehr über Tabuthemen wie psychische Erkrankungen oder die Menstruation sprechen, haben nur wenige ungewollte Kinderlosigkeit auf dem Schirm. Führungskräfte und Kolleg*innen wissen häufig gar nicht, dass Mitarbeiter*innen versuchen, schwanger zu werden. Und erst recht nicht, wie deren Alltag aus Hormonbehandlungen, emotionalen Achterbahnfahrten, kurzfristigen Arztterminen und häufig eben auch Fehlgeburten aussieht.
*Namen geändert
Eine unerkannte Belastung
Ein unerfüllter Kinderwunsch ist eine emotionale, körperliche und auch oft finanzielle Herausforderung und hat enormen Einfluss auf den Arbeitsalltag. Die Betroffenen fühlen Scham, Angst und in jedem Zyklus ohne erfolgreiche Schwangerschaft die Enttäuschung und das Gefühl, versagt zu haben. Mira ist gerade frisch verheiratet, als sie mit knapp 38 erfährt, dass ihre Eizellvorräte schon fast erschöpft sind und sie in den Wechseljahren ist. Schnell beginnt sie eine Kinderwunschbehandlung – die inzwischen jedoch seit fast drei Jahren erfolglos bleibt. Jeder ihrer Behandlungszyklen beginnt mit einer Untersuchung der Gebärmutter und der Messung des Hormonspiegels.
Nur wenn die Werte es zulassen, kann die Gabe von synthetischen Hormonen beginnen, um die Eizellreifung zu stimulieren. „Für mich bedeutete das: immer wieder warten, bis die Periode kommt. Dann im Kinderwunschzentrum anrufen und einen Termin in den nächsten Stunden ausmachen. Sich an dem Tag zumindest den Vormittag terminlich freischaufeln. Dann Fahrt zum Kinderwunschzentrum, Blutabnahme und Ultraschall. Man fährt zurück, geht an seinen Arbeitsplatz und muss warten, bis man mit unterdrückter Nummer zwischen 12 und 14 Uhr angerufen wird, um die Testergebnisse zu erfahren.“
Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der Menschen, die lange Zeit unter Unfruchtbarkeit leiden, Symptome einer Depression aufweist. In einer Studie der britischen Organisation Fertility Matters at Work gaben drei Viertel der Befragten an, dass Fruchtbarkeitsprobleme ihre Produktivität stark beeinträchtigten. Eine von drei Personen überlegt, zu kündigen, und viele reduzieren ihre Arbeitszeit, weil sie es nicht schaffen, die Strapazen mit ihrem Berufsleben zu vereinbaren.
Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der Menschen, die lange Zeit unter Unfruchtbarkeit leiden, Symptome einer Depression aufweist.

Ein Alltag wie mit einem Zweitjob
Wegen der kurzfristigen Termine, die von Zyklus und Eisprung abhängen, müssen Frauen in Kinderwunschbehandlung den Arbeitsplatz oft spontan verlassen und Termine absagen. Die invasiven und teilweise traumatischen Eingriffe schlauchen körperlich und psychisch enorm. Um etwa Eizellen für eine künstliche Befruchtung entnehmen zu können, bekommen viele Frauen einen hochdosierten Hormoncocktail, der sie tagelang aus der Bahn werfen kann. Nebenbei im Alltag zu funktionieren, ist schwierig – vor allem, wenn außer dem*der Partner*in womöglich niemand im Umfeld von der Behandlung weiß. Mira berichtet: „In meinem Fall waren die Testergebnisse leider immer so, dass kein Zyklus zur Eizellentnahme eingeleitet werden konnte. Also nach der Anspannung immer große Enttäuschung. Oft bin ich nach dem Anruf kurz aus dem Büro gegangen, habe geweint und meinen Mann angerufen und dann weitergearbeitet, als wäre nichts.“
Selbst wenn der Mann eigentlich unfruchtbar ist, muss die Frau durch die Prozedur der künstlichen Befruchtung. Dieser Druck und die Eingriffe belasten Frauen deutlich stärker, auch weil ihre Periode immer das Scheitern besiegelt. „Das bedeutet jedoch nicht, dass Männer nicht damit zu kämpfen haben. Auch sie stehen unter Druck und fühlen sich oft hilflos“, sagt Gynäkopsychologin Misa Yamanaka. Aufgrund patriarchaler Männlichkeitsbilder und Scham sprechen sie aber noch weniger darüber. Stefan arbeitet als Führungskraft bei einem großen Hersteller für Haushaltsgeräte und hat als einer der wenigen Männer seine Kinderwunsch-Odyssee seinem Team anvertraut. Er musste mit seiner Partnerin mehrfach für eine Eizellspende nach Österreich reisen, denn die ist in Deutschland verboten (siehe Infobox). Mit seiner Offenheit, vor allem als Vorgesetzter, inspirierte er gleich drei Kollegen mit ähnlichen Problemen, bei ihm Hilfe zu suchen: „Ohne meine Geschichte wären die nie zu ihrem Chef damit gegangen.“

„Dass das Thema im Job so tabu ist, erzeugt zusätzlich Minderheitenstress und ein Gefühl der Isolation“, sagt Yamanaka: Betroffene fühlen sich allein unter so vielen stolzen Eltern. Die Geheimhaltung kostet viel Energie. Und die ständige Konfrontation mit Schwangerschaften, Geburten oder Kinderfotos auf dem Schreibtisch belastet emotional – genau wie die Erwartung, frische Eltern freudig zu beglückwünschen. Im schlimmsten Fall kommen dazu übergriffige Fragen oder Sprüche. Als Emma mit Ende 30 noch immer kinderlos ist, attestieren Kolleg*innen ihr, sie sei „ja eh nicht so der mütterliche Typ“ oder „ihr wäre die Karriere wichtiger gewesen, als eine Familie zu gründen“.
Natürlich, die Kolleg*innen wissen nichts von Emmas Problemen, schwanger zu werden, und ihrem Leidensdruck. Aber ganz gleich, ob jemand gewollt oder ungewollt kinderlos ist: Solche Bewertungen sind übergriffig und haben ganz besonders am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Zudem erwarten Eltern oft, dass ihre kinderlosen Kolleg*innen automatisch während der Schulferien arbeiten oder Spätschichten übernehmen. Das ist auch für gewollt Kinderlose unfair, aber Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch erinnert es noch dazu immer an ihren Schmerz. Kolleg*innen, die nichts davon wissen, treten natürlich schneller in solche Fettnäpfchen. Umso wichtiger, das Tabu abzubauen und zu sensibilisieren.
Die Geheimhaltung kostet viel Energie. Und die ständige Konfrontation mit Schwangerschaften, Geburten oder Kinderfotos auf dem Schreibtisch belastet emotional – genau wie die Erwartung, frische Eltern freudig zu beglückwünschen.
Rund um das Thema Kinderwunsch
- In Deutschland, Österreich und der Schweiz nehmen jedes Jahr Zehntausende Paare mit unerfülltem Kinderwunsch medizinische Hilfe in Anspruch. Aber eine Kinderwunschbehandlung ist nicht immer erfolgreich → Die Erfolgsrate einer In-vitro-Fertilisation liegt bspw. pro Zyklus bei 15 bis 20 Prozent. Nur 19 von 100 Paaren haben im ersten Zyklus Erfolg, nach drei Zyklen bekommt circa die Hälfte der Paare ein Kind.
- Verheiratete Paare bekommen in Deutschland unter bestimmten Bedingungen 50 Prozent der ersten drei Versuche zur künstlichen Befruchtung finanziert, in manchen Bundesländern inzwischen auch unverheiratete heterosexuelle Paare. In Österreich übernimmt der IVF-Fonds 70 Prozent der Kosten für bis zu vier Behandlungszyklen (IVF/ICSI) und die Unterstützung gilt für heterosexuelle Paare (verheiratet oder in eingetragener Partnerschaft) und lesbische Paare.
- Immer mehr Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren, um die Fruchtbarkeit, die ab dem 35. Lebensjahr rapide abnimmt, länger zu erhalten. Die Zahl der Behandlungen hat sich bspw. in der Schweiz zwischen 2019 und 2023 verdreifacht. Von Social Freezing spricht man, wenn das Einfrieren keine medizinischen Gründe wie etwa Endometriose oder eine bevorstehende Krebstherapie hat.
- Leihmutterschaft und Eizellspende sind in Deutschland und der Schweiz verboten, was besonders für Solo-Väter, schwule Paare und Heteropaare, bei denen die Frau unfruchtbar ist, das Kinderkriegen erschwert. In Österreich ist die Eizellspende möglich, und sie soll auch in der Schweiz gesetzlich zugelassen werden.
- In wenigen Ländern sind Untersuchungen zu den Ursachen von Unfruchtbarkeit wie Stammzell- und Embryonenforschung erlaubt, z. B. in der Türkei, Südkorea und Großbritannien.
- Kinderwunschbehandlungen sind in Deutschland wie andere Gesundheitsleistungen zwar als außergewöhnliche Belastung steuerlich absetzbar, aber die zumutbare Belastung ist einkommensabhängig. Trotz hoher Ausgaben bleibt oft nur ein kleiner Teil absetzbar, was besonders für Selbstständige mit schwankendem Einkommen problematisch ist.
- Adoptionen sind für Ehepaare, eingetragene Partnerschaften und unter bestimmten Bedingungen auch für Alleinstehende möglich. Adoptionsverfahren unterliegen strengen Prüfungen, dauern meist (vor allem bei Säuglingen) mehrere Jahre und sind im Inland recht günstig, während Auslandsadoptionen deutlich teurer sein können.
Woher kommt das Tabu?
Auch privat spricht kaum jemand über Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten. Die meisten Betroffenen denken, sie wären allein mit dem Thema, bis sie zufällig merken, wie viele im Bekanntenkreis dasselbe durchmachen. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass Schwangerschaften bis zum dritten Monat geheim bleiben müssen. Sonst müssten die Nicht-mehr-werdenden-Eltern im Fall einer Fehlgeburt darüber sprechen, und die sind bis zur zwölften Woche sehr häufig. Natürlich sollten Betroffene die Möglichkeit bekommen, auf ihre Weise zu trauern – auch allein, wenn sie das möchten. Doch impliziert die Dreimonatsregel, es müsse regelrecht verhindert werden, eine Fehlgeburt „öffentlich“ zu machen, und produziert damit zusätzliche Scham. Obwohl es für die meisten von uns selbstverständlich ist, den Kolleg*innen zu erzählen, dass beispielsweise ein Elternteil gestorben ist, und wir in diesem Fall sogar gesetzlichen Anspruch auf Sonderurlaub haben.
Bei der Arbeit erwähnen gerade Frauen ihren Kinderwunsch häufig nicht, aus berechtigter Angst vor negativen Folgen für ihre Karriere, Diskriminierung oder Unverständnis. Das gilt vor allem in Firmen, in denen die Überzeugung herrscht, Schwangere und Mütter seien weniger leistungsfähig.

Insgesamt fehle es Vorgesetzten auch an Problembewusstsein, sagt Kinderwunsch-Coachin Christin Schrörs. „Den meisten Organisationen ist gar nicht bewusst, wie viele Menschen von dem Thema betroffen sind und dass hier ein strukturelles Problem entsteht. Da Fruchtbarkeitsprobleme so selten Thema sind, bekommen sie nicht mit, dass deshalb jemand eine Beförderung ausschlägt oder das Projekt nicht annimmt. Die sehen immer nur individuell, dass diese Person gerade nicht leistet.“
Manche Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch finden das Thema auch zu privat und wollen nicht die ganze Zeit bemitleidet oder ausgefragt werden: „Man macht sich wahnsinnig vulnerabel, wenn man im Arbeitskontext über die eigene Kinderwunschbehandlung spricht, weil natürlich über die Jahre oder Monate auch die Kolleg*innen oder in meinem Fall Kund*innen mitbekommen, dass es nicht klappt“, sagt die Solo-Selbstständige Helen. Sobald man es erzählt, bekommt man Nachfragen, gut gemeinte Ratschläge („Habt ihr es schon mal mit … probiert?“) oder verletzende Sprüche wie „Vielleicht soll es nicht sein“.
Was sich Betroffene wünschen
Ein Frauenbild, in dem Mütter genauso verantwortungsvolle Jobs machen können wie Männer und Kinderlose, ist der erste Schritt, das Tabu zu brechen. Weiter braucht es ein Vertrauensverhältnis im Team und eine*n verständnisvolle Chef*in. Sandras Chef hat auf ihren Zusammenbruch einfühlsam reagiert und ihr ein Streaming-Abo geschickt: „Ich hab es dann allen im Team erzählt, weil die Reaktion von meinem Teamlead so positiv war, und weil ich dachte: Ich brauche gerade eine Sonderbehandlung und dass alle extra lieb zu mir sind.“ Andere wollen es lieber für sich behalten oder fühlen sich überfordert, wenn sie jeden Tag die Daumen gedrückt bekommen. Ein großer gemeinsamer Wunsch ist mehr Sensibilität bei dem Thema und weniger Kommentare zum Familienstatus wie: „Warum habt ihr eigentlich keine Kinder?“ Übrigens freuen sich auch hier gewollt Kinderlose, wenn solche Bewertungen langsam aus unserem Smalltalk-Repertoire verschwinden.
Betroffene wünschen sich Verständnis für Fehlzeiten, kurzfristige Termine oder Absagen sowie zeitliche Flexibilität. Und die Möglichkeit zum Homeoffice, da Präsenzarbeit in dieser Phase zermürbend sein kann: „Nur durch die Remote-Arbeit konnte ich den Kinderwunsch im Arbeitsalltag zeitweise ausblenden. Wenn man mich sah, erkannte man sofort, dass es mir nicht gut ging“, sagt Sandra. Besondere Freistellungen stehen ebenfalls oben auf der Wunschliste. Das Arbeitsrecht sieht nur Freistellungen für Schwangerschaft, Mutterschutz sowie vorgeburtliche Vorsorge vor, aber Teams können eigene Regeln schaffen: Sonderurlaub für belastende Phasen, Klinikbesuche oder nach Fehlgeburten.
Ein großer Wunsch ist mehr Sensibilität und weniger Kommentare zum Familienstatus wie: „Warum habt ihr eigentlich keine Kinder?“ Übrigens freuen sich auch gewollt Kinderlose, wenn sowas langsam aus unserem Smalltalk-Repertoire verschwindet.
Als Team reagieren
„Am wirksamsten ist es, wenn Führungskräfte zumindest ein grundlegendes Verständnis für das Thema entwickeln“, sagt Schrörs. „Wenn Mitarbeitende merken, dass der*die Chef*in die Belastung von Kinderwunschbehandlungen einordnen kann, nimmt das oft schon Druck aus der Situation.“ Es muss aber auch nicht immer die Führungskraft sein. Ansprechpartner*innen innerhalb des Unternehmens oder interne Netzwerke wie Employee Resource Groups (ERGs) mit Raum für Austausch und Solidarität helfen auch. Wenn es dann noch Anknüpfungspunkte zu psychologischer Betreuung oder Beratung z. B. durch seriöse Coaches gibt, nimmt das Mitarbeitenden mentale Belastung. Am besten sind solche Hinweise und Regeln in einem Kinderwunsch-Leitfaden aufgehoben.
Der Kinderwunsch-Leitfaden
In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es noch sehr wenige Unternehmen mit einem solchen Leitfaden. In Ländern wie Japan, Polen, Frankreich und Großbritannien haben laut Umfragen bereits 35 bis 45 Prozent der Unternehmen sogenannte Fertility Policies, also klare Richtlinien für den Umgang mit Fruchtbarkeitsproblemen sowie verfügbare Hilfsangebote. Das heißt nicht, dass alle ihre persönliche Situation offenlegen müssen: Es sollte auch möglich sein, anonym Angebote zu finden, ohne sich an die Personalabteilung wenden zu müssen.
Welche Fragen ihr in einer Fertility Policy beantworten könnt:
- Wie viel Sonderurlaub könnt ihr für Fruchtbarkeitsprobleme oder -behandlungen gewähren?
- Ist dieser Urlaub bezahlt oder unbezahlt?
- Welche Probleme oder Behandlungen sind darin enthalten (z. B. Fehlgeburt, …)?
- Gilt der Sonderurlaub für die Person, die sich der Behandlung unterzieht, oder auch für den*die Partner*in?
- Wie bearbeitet ihr Anträge auf Sonderurlaub?
- Könnt ihr flexible Arbeitszeiten anbieten und bspw. ausdrücklich kommunizieren, dass es Mitarbeiter*innen gestattet ist, während der Arbeitszeit Arzttermine wahrzunehmen?
- Wollt ihr psychologische Beratung bei mentalen Belastungen vermitteln oder sogar bezuschussen?
- Möchtet ihr Kinderwunschbehandlungen oder Social Freezing unterstützen? Wie hoch? Wie oft?
- Wer sind Ansprechpartner*nnen in der Organisation (bspw. geschulte Führungskräfte, HR oder Vertrauenspersonen, …)?

Finanzielle Förderung als Benefit
Ein Teil des Leitfadens kann auch finanzielle Unterstützung bei Fruchtbarkeitsbehandlungen sein. Immerhin kostet eine künstliche Befruchtung für jeden Zyklus 4.000 bis 7.000 Euro und ist damit für Menschen mit geringem Gehalt kaum bezahlbar. US-Unternehmen wie Google und Amazon bieten z. B. Social Freezing, das Einfrieren von Eizellen, als Mitarbeiter*innen-Benefit an. Das ist allerdings umstritten: Zwar schafft das mehr Selbstbestimmung, etwa für alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch. Allerdings erweckt es in diesen Hochleistungsumgebungen eher den Anschein, man wolle die Familienplanung leistungsstarker Frauen hinauszögern. Und müssten diese Unternehmen dann nicht auch andere Selbstzahlerleistungen wie Schwangerschaftsabbrüche oder Vasektomien zahlen?
In Deutschland ist der Trend jedenfalls noch nicht angekommen. Nur wenige Firmen wie das Pharmaunternehmen Merck oder die Unternehmensberatung Kearney unterstützen Mitarbeiter*innen dabei, schwanger zu werden. Ein guter Mittelweg ist vielleicht die betriebliche Krankenversicherung (bKV) der Firma Onuava. Üblicherweise decken solche arbeitgeberfinanzierten Krankenzusatzversicherungen Selbstzahlerleistungen wie Zahnersatz und Heilpraktikerbehandlungen ab. Onuava hat das Spektrum um Kinderwunschbehandlungen und Social Freezing erweitert.
Viele Konzerne könnten sich Zuschüsse für reproduktionsmedizinische Eingriffe leisten: Die sind zwar teuer, betreffen jedoch auch nur einen überschaubaren Teil der Belegschaft.
Dorian, der in einem kleinen Start-up arbeitet und schon mehrere Tausend Euro für seinen Kinderwunsch ausgegeben hat, sagt: „Selbst kleinere Zuschüsse, etwa in Höhe von 100 Euro, würden mir bereits zeigen: Wir sehen deine Lebensrealität, wir nehmen deine Herausforderungen ernst – und stärken dir den Rücken.“ Wichtig ist dabei der Aspekt der Gleichberechtigung: Förderungen sollten alle Geschlechter und Familienmodelle einschließen – unverheiratete Paare ebenso wie Alleinerziehende oder LGBTQ+-Personen.
Nützliche Quellen
Sichtbarkeit erhöhen
Man muss sich wundern, dass das Thema unerfüllter Kinderwunsch in Deutschland politisch kaum aufgegriffen wird, obwohl es auch verknüpft ist mit der Generationenfrage, der Überalterung der Gesellschaft, Renten etc. Deutschland hat mit aktuell 1,35 Kindern je Frau eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt und die Unfruchtbarkeit steigt. Bislang hat die Politik darauf jedoch kaum reagiert.
Nicht alle Versäumnisse können und sollen Arbeitgeber*innen auffangen. Aber sie können dabei helfen, das Tabu rund um ungewollte Kinderlosigkeit abzubauen, und eine zukunftsorientierte, inklusive Arbeitsplatzkultur schaffen. Indem sie eine klare Botschaft der Unterstützung senden, tragen sie dazu bei, dass reproduktive Gesundheit ein natürlicher Bestandteil des (Arbeits-)lebens wird.

Takeaways
- Ungewollte Kinderlosigkeit ist weit verbreitet, emotional und finanziell belastend und wirkt sich negativ auf den Arbeitsalltag aus. Doch das Thema ist in vielen Unternehmen und der Gesellschaft noch tabuisiert.
- Mehr Sichtbarkeit, Verständnis und Flexibilität in dieser belastenden Lebensphase sind entscheidend, um Betroffene zu unterstützen.
- Unternehmen können mit Kinderwunsch-Leitfäden, flexiblen Arbeitszeiten, Homeoffice, psychologischer und finanzieller Unterstützung aktiv helfen und stärken damit Loyalität und Wohlbefinden ihrer Mitarbeitenden.
Inputgeberinnen
Dr. Misa Yamanaka ist Psychotherapeutin. Eines ihrer Spezialgebiete ist die Gynäkopsychologie, also Beratung und Psychotherapie bei Belastungen im gynäkologischen Bereich wie Schwangerschaftsprobleme, postnatale Depression, Fehlgeburten und ungewollte Kinderlosigkeit.
Christin Schrörs arbeitet an der Schnittstelle von Kinderwunsch und Arbeitswelt. Mit ihrem Hintergrund in Unternehmensberatung und People-Development unterstützt sie Unternehmen dabei, die wirtschaftlichen Auswirkungen von reproduktiven Belastungsphasen besser zu verstehen. Zusätzlich begleitet sie als zertifizierte systemische Coachin Menschen mit Kinderwunsch und kooperiert dabei mit ausgewählten Kinderwunschkliniken.





