„War doch nur Spaß.“ Wenn dieser Satz fällt, ist in den meisten Fällen gerade etwas passiert, das gar nicht lustig war. Was hinter der Floskel steckt und wie wir aufrichtiger reagieren können.
Teammeeting, Dienstagvormittag. Maja präsentiert den neuen Onboarding-Prozess ihrer Firma, an dem sie in den vergangenen Wochen gearbeitet hat. Kaum hat sie ihren Vortrag beendet, lehnt sich ihr Kollege Till zurück und sagt trocken: „Na, dann ist die Firma ja gerettet.“ Ein paar Leute lachen, andere schauen peinlich berührt und Maja hat einen Kloß im Hals. Sie fühlt sich vor dem gesamten Team bloßgestellt. Als die folgende Stille für alle unangenehm zu werden droht, schiebt Till hinterher: „War doch nur Spaß, du kennst mich doch!“ Aber Maja ist gar nicht zum Lachen zumute.
Der (gar nicht so) kleine feine Unterschied
Humor am Arbeitsplatz ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Wer über sich selbst schmunzeln kann, eine absurde Situation mit einem trockenen Kommentar entschärft oder das Team nach einem langen Tag zum Lachen bringt, tut damit tatsächlich etwas Gutes. Humor kann Stress abbauen, Menschen verbinden und schwierige Momente erleichtern.
Doch Witze auf Kosten anderer sind kein Spaß. Wenn jemand im Teammeeting, im Slack-Channel oder in der Kaffeepause zur Pointe wird, ist das keine gemeinsame Leichtigkeit, sondern eine Grenzüberschreitung – und zwar auch dann, wenn sie unbeabsichtigt war.
Wer trägt hier eigentlich die Verantwortung?
Die Floskel „War doch nur Spaß“ folgt auf eine solche Grenzüberschreitung, wenn der vermeintliche „Spaß“ doch nicht so beim Publikum ankommt wie von dem*der Sprecher*in antizipiert.
In unserem Beispiel wollte Till im Meeting tatsächlich witzig sein und für Lacher sorgen. Das ging jedoch nach hinten los: Die Reaktionen von Maja und den anderen Kolleg*innen zeigen ihm, dass er eine Grenze überschritten hat, indem er Maja bloßgestellt hat – und dass das nicht witzig ist. Um nicht das Gesicht zu verlieren und die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen, betont Till nun seine gutgemeinte Intention, indem er noch einmal explizit darauf hinweist, dass es eben nur ein Witz war. So verschiebt er das Störgefühl. Das liegt nun bei Maja, die den Witz nicht verstanden hat und einfach etwas humorlos ist, ganz nach dem Motto: Ach komm, Maja, jetzt stell dich nicht so an. Von meiner Seite aus war das gar nicht so ernst gemeint, wie du es gerade auffasst!
Aber auch bei Aussagen, die ursprünglich gar nicht als Witz gemeint waren, kommt die Floskel zum Einsatz. Eine Kollegin sagt zu ihrer Schreibtischnachbarin: „Hast du deine Tage oder wieso bist du so zickig heute?“ Als sie empörte Blicke erntet, rudert sie zurück und deutet das Gesagte als harmlosen Scherz um: „Mein Gott, das war doch lustig gemeint, darf man sowas heute nicht mehr fragen?“ Aus einer übergriffigen Bemerkung wird eine unbeachtliche Kleinigkeit, und wer sich beschwert, hat das Gefühl, selbst das Problem zu sein.
In beiden Fällen passiert im Grunde dasselbe. Die Sprecher*innen versuchen, die Verantwortung für die unangenehme Situation, die durch ihren Kommentar entstanden ist, an diejenigen abzugeben, die das unangenehme Gefühl bei ihnen ausgelöst haben. Das bewahrt sie vor der Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Fehler und reduziert die kognitive Dissonanz.1 Und es verschiebt die Aufmerksamkeit auf das Umfeld: Warum reagieren alle so empfindlich?

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zum Karma AboMit Witz nach unten treten
Eine Literaturanalyse, in der über zwanzig internationale Studien zu Humor am Arbeitsplatz ausgewertet wurden, zeigt: Menschen in Machtpositionen setzen Humor häufiger ein, um Hierarchien zu festigen, Erwartungen durchzusetzen oder Druck auf Mitarbeitende auszuüben. Männer greifen dabei häufiger zu aggressiven Witzen als Frauen, aber das Muster, Humor zur Machtausübung zu nutzen, zeigt sich unabhängig vom Geschlecht überall dort, wo Hierarchien existieren.2
Das liegt daran, dass Menschen in privilegierten Positionen ein geringeres Risiko haben, für ihr Verhalten sanktioniert zu werden. Wer in der Hierarchie weiter unten sitzt, lacht oft mit, um sich selbst keine Feinde zu machen. Das nervöse Lachen im Raum, wenn ein Witz nicht wirklich lustig war, kennen wir vermutlich alle. Das ist ein Zeichen von Machtgefällen.
Achtung!
Es ist noch nichts verloren!
Du hast die Floskel selbst schon einmal benutzt und fühlst dich ertappt? Schon okay! Wir schießen alle mal daneben, wollen Kolleg*innen zum Lachen bringen und treten einander dabei auf die Füße. Oft steckt gar keine böse Absicht dahinter. Es ist aber wichtig, in solchen Situationen die Verantwortung zu übernehmen.
Stell dir vor, Till hätte im Teammeeting nach seinem Kommentar so etwas gesagt wie: „Hey, das war blöd von mir. Tut mir leid, Maja.“ Keine lange Erklärung oder Rechtfertigung. Till übernimmt Verantwortung und Maja fühlt sich gesehen und ernst genommen.
Wenn Till sich nicht sicher ist, wie sein Spruch bei Maja angekommen ist, kann er sie nach dem Meeting einfach fragen: „Ist alles okay oder war mein Kommentar verletzend?“ Wir können uns nie zu hundert Prozent sicher sein, was in einer anderen Person vorgeht. Nachzufragen signalisiert unserem Gegenüber, dass wir die Person ernst nehmen und den Fehler nicht bei ihm*ihr suchen.
Alles eine Frage der Haltung
Wenn du den Impuls hast, „War doch nur Spaß“ oder eine verwandte Floskel auszuspucken, dann solltest du das als Hinweis darauf nehmen, dass du mit deiner Bemerkung danebenlagst und sie mindestens für einige nicht lustig war. Verkneif dir also beim nächsten Mal den Spruch und setze dich mit deiner Bemerkung und den adressierten Kolleg*innen auseinander. Sich einen Fehler einzugestehen, kann zwar unangenehm sein – aber es ist wichtig.
Und an alle, die sich eher in Maja wiedererkennen: Du musst nicht still darüber hinwegsehen. Du darfst sagen, dass dich etwas getroffen, verletzt oder irritiert hat, zum Beispiel so: „Ich fand den Kommentar nicht lustig. Können wir kurz drüber reden?“ Damit verdirbst du nicht die Stimmung, sondern setzt klare Grenzen. Und wer als Beobachter*in dabei ist: Auch ein kurzes „Hey, das war nicht okay.“ macht einen Unterschied.

Takeaways
- Wer die Floskel „War doch nur Spaß“ nutzt, beschreibt nicht, was passiert ist, sondern verschiebt die Verantwortung für eine unangenehme Situation zu anderen.
- Ob ein Witz gut ankommt oder eine Grenze überschreitet, wird nicht durch die Absicht hinter dem Gesagten entschieden, sondern durch seine Wirkung.
- Verantwortung zu übernehmen heißt nicht, sich ausschweifend zu entschuldigen. Ein ehrlicher Satz reicht oft schon aus.
FUßNOTEN
- 1
Kognitive Dissonanz ist ein psychologischer Zustand und beschreibt das unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn unsere Gedanken, Überzeugungen oder Werte nicht mit unserem tatsächlichen Handeln übereinstimmen. Deshalb fällt es uns häufig schwer, Fehler einzugestehen oder unsere Meinung zu ändern. Bevor wir unsere eigenen Überzeugungen oder Gewohnheiten infrage stellen, erfindet unser Gehirn oft unbewusst Ausreden oder rechtfertigt Situationen, um das eigene Selbstbild zu schützen. ↩
- 2
Stephen Taylor / Jane Simpson / Claire Hardy: The use of humor in employee-to-employee workplace communication: A systematic review with thematic synthesis (2025) ↩






