Ist Lachen gesund? Sind Niederlagen die besten Lehrmeister? Erhöhen Belohnungen die Motivation?
Lachen ist gesund.
- Ja, aber …
Wusstest du, dass es eine eigene Wissenschaft des Lachens gibt? Die Gelotologie wurde in den 1960er-Jahren vom Psychologen William F. Fry begründet. Sie erforscht, wie Humor und Lachen als therapeutische Maßnahmen in der Medizin eingesetzt werden können. Und sie gibt der sprichwörtlichen Weisheit, Lachen sei gesund, grundsätzlich Recht. So kommt zum Beispiel eine Metaanalyse aus dem Jahr 2022 zu dem Ergebnis, dass Lachen Stress, Angst und Depressionen verringern sowie die Lebensqualität allgemein verbessern kann.
Beim Lachen werden Endorphine und Serotonin ausgeschüttet, was nicht nur glücklich macht, sondern vorübergehend sogar die Schmerztoleranz erhöht. Auch die Produktion von Antikörpern und Immunzellen wird durch das Lachen nachweislich angeregt. Tatsächlich methodisch gesichert sind aber vor allem die kurzfristigen Effekte des Lachens. Kontrollierte Langzeitstudien fehlen weitgehend und die Forschung kann bislang kaum trennen, ob der positive Effekt vom Lachen selbst kommt oder von der sozialen Situation, in der wir lachen.
Was jedoch untersucht wurde, sind die Effekte von erzwungenem Lachen. Eine Metaanalyse mit über 23.000 Teilnehmenden zeigt, dass ein aufgesetztes Lächeln (zum Beispiel als Servicekraft) auf Dauer schaden kann und mit erhöhten Burn-out-Raten und körperlichen Stresssymptomen einhergeht. Wer über einen längeren Zeitraum sogenanntes „surface acting“ betreibt, also nicht ehrlich lächelt, schläft tendenziell schlechter, greift häufiger zu Alkohol und kündigt öfter.
Unser Fazit: Lachen tut gut. Aber nur, wenn man es auch so meint.

Draußen spielen ist für Kinder am besten.
- Eher ja.
Irgendwie war früher alles viel besser; als Kinder noch draußen spielten und erst nach Hause kamen, wenn es dunkel wurde. Oder? Tatsächlich steckt hinter der Nostalgie mehr als nur Sentimentalität. Der Historiker Howard Chudacoff bezeichnet die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als „goldenes Zeitalter des unstrukturierten Spiels“1: Kinder erfanden Spiele und Regeln, lösten Konflikte ohne Erwachsene und nutzten den öffentlichen Raum als Spielfeld.
Heute spielen Kinder dagegen kaum noch draußen. Über 70 Prozent erfüllen nicht einmal die WHO-Mindestempfehlung von einer Stunde Bewegung am Tag. Was verloren geht, ist nicht nur die Bewegung an der frischen Luft, sondern auch das unstrukturierte, selbstbestimmte Spiel, von dem Chudacoff spricht. Eine Langzeitstudie der University of Exeter zeigt, dass schon ein zusätzlicher Tag pro Woche mit unstrukturiertem Spiel im Freien die psychische Entwicklung von Kindern langfristig positiv beeinflussen kann.
Heute verbringen Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren durchschnittlich fast 11 Stunden pro Woche mit digitalen Medien. Aber ist Zocken nicht auch Spielen? Ja, schon – und Videospiele fördern nachweislich die Impulskontrolle, das Arbeitsgedächtnis und Problemlösefähigkeiten, während Multiplayer-Spiele soziale Bindungen stärken können. Körperliche Bewegung, Tageslicht, das Aushandeln von Konflikten im realen Leben und noch viele weitere Vorteile des freien Spiels an der frischen Luft lassen sich damit aber nicht ersetzen.


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Magazin kostenlos lesenNiederlagen sind die besten Lehrmeister.
- Kommt drauf an.
„Fail forward“, „Scheitern ist der erste Schritt zum Erfolg“, „Was dich nicht umbringt, macht dich stärker“. Klingt erst mal einleuchtend, stimmt aber nur unter bestimmten Bedingungen.
In insgesamt fünf verschiedenen Studien kamen die Psychologinnen Lauren Eskreis-Winkler und Ayelet Fishbach zu dem Ergebnis, dass Menschen weniger aus Misserfolgen lernen als aus Erfolgen. Das liegt vor allem daran, dass Scheitern das Selbstbild bedrohen kann und Menschen als Reaktion darauf unbewusst abschalten: Wer verliert, schaut oft weg, anstatt hinzusehen. In einem Folgeexperiment von Eskreis-Winkler und Fishbach haben die Teilnehmenden die Fehler anderer Menschen beobachtet, statt die eigenen – und lernten dabei aus Misserfolgen genauso gut wie aus Erfolgen. Das Lernen wird also durch das Ego blockiert, nicht durch die Niederlage an sich.
Es gibt jedoch auch gegenteilige Befunde. Eine Studie von Peter Madsen und Vinit Desai zeigt beispielsweise, dass vor allem Organisationen unter bestimmten Bedingungen besser aus Fehlern lernen als aus Erfolgen, und dass Erfolgserfahrungen schneller in Vergessenheit geraten.
Die bloße Erfahrung des Scheiterns macht nicht automatisch klüger. Ob eine Niederlage zur Lektion wird, hängt vor allem davon ab, wie wir mit ihr umgehen. Man lernt nicht aus dem Scheitern an sich, sondern aus der Reflexion danach. Und eine Fehlerkultur, die Misserfolge nicht zur Bedrohung für das Ego werden lässt, macht den Mythos dann doch ein bisschen wahr.

Belohnungen erhöhen die Motivation.
- Eher nein.
Der sogenannte Korrumpierungseffekt besagt, dass Belohnungen das intrinsische Interesse an einer Tätigkeit zerstören. Das zeigte sich Anfang der 1970er-Jahre im Filzstift-Experiment: Kleinkinder, die wussten, dass sie fürs Malen belohnt würden, malten danach weniger und schlechter als Kinder ohne eine Aussicht auf eine Belohnung. Das liegt an einer kognitiven Neubewertung: Ich male nicht mehr, weil es mir Spaß macht, sondern weil ich dafür belohnt werde. Heute ist die Forschung dazu differenzierter: Der Effekt tritt nur auf, wenn mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind – die Tätigkeit muss ohnehin interessant sein, die Belohnung materiell, also Geld oder Sachpreise statt Lob, und sie muss erwartet werden.2 Lob, Anerkennung und Leistungsfeedback können die Motivation verstärken, aber nur, wenn sie ohnehin vorhanden ist.
Belohnungen stehen auch Erwachsenen im Weg, obwohl sie eigentlich zu Höchstleistungen anspornen sollten. Bei einer experimentellen Erweiterung des sogenannten Kerzenproblems3 sollten Teilnehmende eine Kerze mit Reißzwecken an einer Korkwand befestigen, ohne dass Wachs auf den Boden tropft, wenn man die Kerze anzündet – die Lösung erforderte eine kreative Herangehensweise. Wer aber eine Geldprämie in Aussicht hatte, brauchte länger als die Vergleichsgruppe, für die keine Belohnung winkte. Die Aussicht auf das Geld verengte den Blick, den kreative Lösungen brauchen, und löste bei Teilnehmenden kontraproduktiven Stress aus.

Wer mit 30 Jahren noch spielt, gilt als Kindskopf.
- Ja.
Spielen ist für Kinder besonders wichtig! Doch die Synapsen, die in unserem Gehirn auf Spielimpulse reagieren, bleiben ein Leben lang erhalten. Warum also hören viele Erwachsene damit auf, zu spielen? Was uns bremst, sind soziale Normen, wie der Forscher Sebastian Deterding feststellt: Erwachsensein bedeutet, rational, verlässlich und produktiv zu sein. Spielen aber lebt vom zweckfreien Ausprobieren und von Selbstvergessenheit – dem genauen Gegenteil.4
Um nicht als Kindskopf zu gelten, erfinden Erwachsene laut Deterding „Alibis“ fürs Spielen – das wir nämlich eigentlich weiterhin gern tun. Spielekonsolen werden wegen des „integrierten DVD-Players“ gekauft, Strategiespiele trainieren das Gehirn und spielerische oder sportliche Wettkämpfe sowie Schach gelten sowieso als unbedenklich, schließlich beweisen sie Ehrgeiz und Intellekt. Wer frei mit seinen Kindern spielt, gilt als vorbildliches Elternteil – fällt dieser Rahmen aber weg, wird daraus für Außenstehende etwas Kindisches, Irritierendes, das Scham hervorrufen kann.5
Eine französische Studie zu Videospiel-Workshops für Senior*innen verdeutlicht das: Untereinander gaben die Teilnehmer*innen zu, einfach aus Spaß zu spielen. Anderen gegenüber äußerten sie objektive Gründe: Das Videospielen trainiere ihre kognitiven Fähigkeiten.6
Es stimmt also: Wer im Erwachsenenalter noch frei und offen spielt, gilt als Kindskopf – weil wir gelernt haben, uns für das Spielen zu rechtfertigen, statt den Mut zu finden, ganz ohne Alibi zu spielen.

Menschen lernen besser, wenn sie Spaß dabei haben.
- Ja.
Spaß kann das Gedächtnis verbessern. Gute Stimmung weitet die Aufmerksamkeit aus und sorgt dafür, dass auch neutrale Inhalte rund um das eigentlich Erlebte besser abgespeichert werden. Freude und Neugier machen den Kopf frei und wecken Interesse am Lernstoff. Eine Längsschnittstudie mit mehr als 3.000 deutschen Schüler*innen untersuchte das über mehrere Schuljahre genauer, ausgerechnet im Mathematikunterricht: Wer Freude am Unterricht und Lernen mitbringt, schneidet ein Jahr später besser ab, unabhängig von Faktoren wie Intelligenz, Geschlecht oder sozialem Hintergrund. Wer gut abschneidet, entwickelt mehr Freude – und wer mehr Freude hat, schneidet wiederum besser ab. (Das funktioniert leider auch andersrum: Angst, Scham und Langeweile ziehen die Leistung runter und schlechte Leistungen verstärken genau diese Emotionen.)
Aber Spaß allein reicht nicht für den besten Lernerfolg. Tatsächlich können auch als negativ empfundene Gefühle wie Verwirrung, Unsicherheit oder vorübergehende Frustration hilfreich sein.7 Am tiefsten verankert sich Wissen, wenn das Lernen ein bisschen anstrengend ist. Forschungen zu sogenannten wünschenswerten Schwierigkeiten zeigen: Anspruchsvolle Lernbedingungen, die zunächst mehr Anstrengungen erfordern, führen dazu, dass wir das Gelernte länger behalten.

FUßNOTEN
- 1
Howard P. Chudakoff: Children at Play (2007) ↩
- 2
Judy Cameron et al.: Pervasive negative effects of rewards on intrinsic motivation: The myth continues (2001) ↩
- 3
Der Psychologe Sam Glucksberg erweiterte 1962 das Kerzenproblem-Experiment von Karl Duncker um die Auswirkungen finanzieller Belohnungen auf die Lösungsgeschwindigkeit. Siehe dazu Sam Glucksberg: The influence of strength of drive on functional fixedness and perceptual recognition (1962) ↩
- 4
Sebastian Deterding: Alibis for Adult Play. A Goffmanian Account of Escaping Embarrassment in Adult Play (2018), S. 261. ↩
- 5
Ebd. S. 268–269. ↩
- 6
Gabrielle Lavenir: Harmless gamers? Older gamers as a Trojan horse for the normalization of (video)games for adults (2015) ↩
- 7
Reinhard Pekrun: „Emotion, Lernen und Leistung“. In: Bildung und Emotionen (2017), S. 215–231. ↩





