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Wer Gefühle zeigt macht sich verletzlich. So kann es gehen.
Verletzlichkeit

Sei schwach! Wie du dich verletzlich machst und warum es dich weiterbringen kann

Gefühle gehören zur Arbeit. Wie Verletzlichkeit unseren Arbeitsplatz zu einem besseren Ort macht.

Wer Gefühl zeigt, macht sich verletzlich. Verletzlich sein heißt, Schwächen zu haben, unsicher zu sein und den Panzer abzulegen, der in der Arbeitswelt leider häufig noch nötig ist, um weiterzukommen. Aber: Work hard, play hard war gestern. Gefühle und Unsicherheiten gehören zur Arbeit und die Organisation muss ihnen Raum geben und Verantwortung zeigen (s. auch Infokasten). Denn wenn wir nicht erzählen, wie es uns geht, wenn wir nicht auf unsere Gefühle achten und rechtzeitig „Stopp“ sagen, wenn wir als Einzelkämpfer*innen agieren und ignorieren, dass wir keine Maschinen sind, sondern Limitierungen haben, können wir nicht so leben, dass es uns gut geht und wir uns gesehen fühlen. Emotionen und Erfahrungen lassen sich nicht in privat und beruflich aufteilen. Unsere innere Welt nehmen wir überall hin mit und es nützt nichts, sie zu ignorieren und zu unterdrücken. Wir brauchen eine Kultur der Verletzlichkeit.

Wir brauchen eine Kultur der Verletzlichkeit.

Steht zu euren Schwächen. Für mehr Mut am Arbeitsplatz

Verletzlichkeit ist in unserer Gesellschaft nicht gerade hoch angesehen und es erfordert viel Mut, sie zu zeigen. Das gilt ganz besonders für große Teile der Arbeitswelt. Wir lernen, dass wir nicht kompliziert sein sollen, dass wir nur dann gute Mitarbeiter*innen sind, wenn wir Aufgaben schnell, flexibel und ohne Murren erledigen. Überfordert uns etwas, sollen wir nicht meckern oder weinen, sondern zeigen, dass wir alles schaffen, obwohl wir innerlich versagen/daran scheitern. So nur gibt es eine Beförderung.

Das ist gefährlich. Unserem Körper und unserer Psyche ist nicht geholfen, wenn wir ihre Grenzen ignorieren. Und auch unsere Zusammenarbeit wird durch offene Kommunikation verlässlicher. So wird ein Gefühl von Sicherheit vermittelt, das helfen kann, Unsicherheiten und Probleme anzusprechen – uns als Mensch zu zeigen.

Sprechen wir im Team offen über Konflikte und Verletzungen, anstatt sie auszublenden, können wir Systeme von Mobbing, Ausgrenzung oder Überforderungen erkennen und benennen. Und nur wenn das gelingt, kann sich auch etwas ändern; nur wenn wir etwas von uns zeigen, können andere uns verstehen.

Verletzlichkeit bedeutet auch offen über Konflikte sprechen zu können.

Warum es sich lohnt, sich verletzlich zu machen

Verletzlichkeit schafft Veränderung. Sie zu zeigen, bedeutet für sich und seine Gefühle einzustehen und andere dazu aufzufordern hin- statt wegzusehen. Außerdem zeigt uns Verletzlichkeit nicht nur, wer wir selbst, sondern auch wer die anderen sind.

Ein konkretes Beispiel

Nehmen wir Frau K. als Beispiel. Frau K. arbeitet 40 Stunden pro Woche, lässt sich gerade scheiden und hat Angst, ihre Kinder zu vernachlässigen. Bei der Arbeit gibt es zudem einige Konflikte mit den Kolleg*innen und die Überstunden werden zu einer Dauerbeanspruchung. Frau K. fühlt sich überfordert und ist am Rande der Belastungsgrenze. Frau K. kann nun versuchen, weiter alles aufrechtzuerhalten, bis sie zusammenbricht. Oder sie spricht darüber, wie es ihr geht. Dafür hier zwei mögliche Abläufe:

Möglichkeit A

Frau K. spricht in der Teamsitzung offen an, dass sie momentan überbeansprucht ist. Sie macht sich verletzlich und erzählt kurz, dass sie auch für die Situation zu Hause eine Entlastung braucht. Die Kolleg*innen melden zurück, dass es ihnen mit den vielen Überstunden ähnlich geht und auch sie bemerkt haben, dass es schwerer wird, sobald eine private Belastung hinzukommt. Sie können die angespannte Stimmung und den bestehenden Konflikt nun besser einordnen. Gemeinsam beschließen sie, bei der nächsten Supervision darüber zu sprechen, wie sie gemeinsam die Überstunden reduzieren können. Das Team kommt sich näher und bildet Vertrauen.

Möglichkeit B

Frau K. stößt bei der Teamsitzung auf taube Ohren. Als sie erzählt, wie schlecht es ihr geht, merkt sie, dass keine Empathie seitens ihrer Kolleginnen vorherrscht und auch als sie sich an ihren Vorgesetzte*n wendet, bekommt sie keine Unterstützung. Frau K. ärgert sich, dass sie sich so offen gezeigt hat, doch ihr wird klar, dass sie nicht im richtigen Arbeitsumfeld ist. Sie sucht sich eine andere Stelle und das Unternehmen verliert eine engagierte Mitarbeiterin.

Eine Anleitung für mehr Verletzlichkeit

Klarheit schaffen: Worin besteht die Spannung?

Häufig geht es uns schlecht, aber wir können nicht ganz konkret benennen, was eigentlich los ist. Wir schleppen uns zur Arbeit und fühlen einen Widerwillen. Liegt es daran, dass die Kolleg*innen nie „Guten Morgen“ sagen? Fühlen wir uns nicht genug beachtet? Sind wir überlastet? Oder gibt es noch einen anderen Grund? Der erste Schritt in Richtung Veränderung ist die konkrete Erkenntnis, was eigentlich los ist.

Eine Tabelle mit einer Spalte für „Arbeit“ und mit einer Spalte für „Privat“
Um Verletzlichkeit zu üben, kannst du dir im Vorfeld überlegen was du auch auf der Arbeit teilen möchtest.

So kann z.B. die Information einer belastenden Trennung wichtig sein, um transparent zu machen, warum du schlecht gelaunt oder traurig erscheinst. Dies schreibst du in die Büro-Skizze. Die genauen Umstände – z.B. dass du verlassen wurdest, weil die andere Person sich neu verliebt hat, möchtest du möglicherweise lieber für dich behalten und schreibst sie in dein Wohnzimmer.

Übung: Für diese Übung zeichnest du deinen Arbeitsraum und deinen Privatraum (siehe oben). In diese beiden Räume schreibst du nun, was du für dich behalten möchtest und wovon du im Büro erzählen willst.

Die Rolle der Organisation

Verletzlichkeit kann am Arbeitsplatz nur ihren Ort finden, wenn die Strukturen der Organisation es hergeben. Für Veränderungen braucht es nicht nur die Kraft Einzelner, sondern strukturelle Gegebenheiten und die Unterstützung seitens der Arbeitgeber. Mitarbeiter*innen und Teams müssen die Freiheit haben, ihren Arbeitsplatz mitgestalten zu können und sollten signalisiert bekommen, dass ihre Stimmen gehört werden. Es braucht sichere Orte für vertrauensvolle Gespräche. Supervisionen und Teamtage, die den kollegialen Zusammenhalt fördern können, müssen finanziell ermöglicht werden. Unternehmen tragen die Verantwortung, gute Arbeitsplätze zu generieren, die auch für die psychische Gesundheit ein unterstützendes Umfeld ermöglichen.

Achtsam kommunizieren: Ich Botschaften

Ist dieser Schritt abgeschlossen, wissen wir nicht nur, was uns eigentlich stört, sondern auch, was davon in die Arbeit gehört und was nicht. Nun kommt der schwierigste Teil, der den meisten Mut erfordert. Wir müssen mit anderen reden. Wir wollen eine Veränderung und deshalb bei der Arbeit ins Gespräch kommen. Das fällt vielen Menschen besonders schwer, da es in unserer Gesellschaft an geeigneten Strategien und Räumen für Konflikte und offene Kommunikation mangelt.

Doch auch hier können wir uns ganz konkret vorbereiten und Schritt für Schritt erlernen, wie eine bessere Kommunikation gelingt.

Übung: In dieser Übung geht es um Ich-Botschaften, die 1970 durch Thomas Gordon in seinem Buch Familienkonferenz erarbeitet wurden.

Du wirst merken, dass Menschen offener für Gespräche sind, wenn wir nicht sagen: „Du bist unfreundlich“, sondern: „Ich nehme dein Verhalten morgens im Büro oft als ablehnend war.“ So prangerst du nicht den kompletten Charakter der*des anderen an, sondern beziehst dich auf deine Wahrnehmung sowie auf einzelne Handlungen oder Verhaltensweisen.

Anschließend kannst du noch einen konstruktiven Wunsch formulieren. Zum Beispiel: „Ich würde mir wünschen, dass wir freundlicher miteinander umgehen und uns morgens begrüßen.“

Diese Methode kannst du natürlich auch bei größeren Belastungen anwenden. Empfehlenswert ist das Einüben vor dem Spiegel oder mit Menschen, denen du vertraust. Auch dies erfordert Überwindung, wird dir aber in der tatsächlichen Situation definitiv helfen

Es ist nicht leicht, sich ernsthaft mit sich selbst und anderen auseinanderzusetzen, doch es ist die Mühe wert. Nur so können wir die Beziehung zu uns selbst und zu anderen stärken. Auch bei der Arbeit.

Eine Person sagt sich im Spiegel: „Es ist okay, wenn ich mit mir selbst spreche“

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