In meinem Leben war ich mehrfach Mitglied in Gruppen, bei denen ich erst im Nachhinein merkte, dass sie sektenähnliche Züge hatten. Als ich kürzlich das Buch „Cultish – The Language of Fanaticism“ der Linguistin Amanda Montell gelesen habe, ist mir das mal wieder klar geworden.
Einer der Kulte, dem ich eine Zeit lang anhing, war die Holacracy-Community rund um den Management-Guru Brian Robertson. Zum Thema Holacracy hat auch mein Kollege Paul in einem unserer vergangenen NN-Hefte einen interessanten Text geschrieben, den du hier lesen kannst.
Die Sprache von Kulten
Nach Montell ist ein Merkmal von Kulten, dass sie ihre ganz eigenen Sprachen entwickeln, die für Außenstehende nicht verständlich sind. Sie bringt im Buch viele, teils bizzare Beispiele aus Scientology (bei denen ich glücklicherweise nie Mitglied war), aber auch aus Gruppen wie der Crossfit-Community. Da war ich ein paar Jahre Teil von und bin wie selbstverständlich in die Box gegangen, um das WOD zu machen, AMRAP, versteht sich.
Im Falle Holacracy muss ich aber sagen, dass ich mich wirklich nicht beschweren sollte. Ich habe dort in erster Linie sehr viel gelernt, habe das Dogmatische daran aber nie ernst genommen. Daher heißen die Tactical-Meetings bei NN seit jeher Sync-Meeting, und Lead-Link, Rep-Links und Secretaries heißen ebenfalls anders und sind auch – entgegen der Holacracy-Verfassung – mit anderen Verantwortlichkeiten ausgestattet.
Holacracy selbst ist überwiegend aus anderen Ansätzen zusammengebastelt, warum sollte man also nicht auch Teile verwenden und sie anders nutzen dürfen, als es das Dogma vorgibt?
Ein für mich zentraler Punkt bei Holacracy (der ursprünglich aus dem Getting Things Done-Ansatz stammt, der ihn vermutlich auch wieder von woanders entlehnt hat) ist das Arbeiten mit Spannungen. Ich liebe die Idee, alles, was mir den Tag über begegnet, als Spannung zu betrachten, also als neutrale Information, die ich erst sammle und dann später betrachte und daraufhin bewerte, ob ein To-Do oder ein anderes nutzbares Potenzial darin steckt.
Brian Robertson beispielsweise sagte immer, wenn jemand ihm einen Vorschlag machte: „Interesting, I’ll think about it.“ Was er damit (wahrscheinlich) meinte: „Nein danke, das interessiert mich nicht, aber ich nutze die Holacracy-Terminologie und sage dir, dass ich das als Spannung notiere und später prozessiere.“
Nur um das hier noch mal klarzustellen: Ich habe wirklich sehr viel von und in der Holacracy-Community gelernt, und dort waren (und sind wahrscheinlich noch immer) überwiegend sehr kluge, wohlmeinende Leute unterwegs. Mir hatte das Ganze letztlich ein bisschen zu viel Dogma und ein bisschen zu viel Guru-Vibes, daher war es nicht das Richtige für mich. Ich bin trotzdem sicher, dass es viele sehr gute Impulse daraus in die Arbeitswelt geschafft haben.
Eine gurufreie Woche wünschen
Sebastian und das Team von Neue Narrative
Eine Frage, die dich durch die Woche begleiten soll: In welcher kult- oder sektenartigen Gruppe warst du selbst, und was hast du daraus gelernt?
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