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Essay

Das ist Klassismus und so beeinflusst er unsere Arbeitswelt

  • Text: Emma Marx

Menschen mit Klassismuserfahrung arbeiten in allen Branchen und Bereichen, Diskriminierungserfahrungen begleiten sie durch ihre Biografien. Erst wenn das Problem nicht mehr individualistisch betrachtet wird, kann Klassismus abgebaut werden.

Klassismus beschreibt die Diskriminierung aufgrund von Klassenzugehörigkeit oder -herkunft. Er betrifft Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse, also beispielsweise Einkommensarme, Erwerbsarbeitslose oder Wohnungslose, aber auch Arbeiter*innenkinder im Bildungssystem.

Unter Klassismus fallen Ausgrenzung, Abwertung und Ausbeutung von Menschen. Für Betroffene ist der Zugang zu Wohnraum, Bildungsabschlüssen, Gesundheitsversorgung, Macht, Teilhabe, Anerkennung und Geld erschwert. Klassismus führt sogar zu einer geringeren Lebenserwartung.

Brigitte Theißl hat gemeinsam mit Kolleg*innen zwei Bücher über Klassismus geschrieben.1 Sie sagt: „Auch wenn die Arbeiter*innenklasse oft mit weißen cis-männliche Arbeitern verbunden wird, stimmt dieses Bild nur noch zum Teil. Von Klassismus sind oft Frauen und Migrant*innen betroffen. Eine große Gruppe sind heute Menschen im Dienstleistungssektor, zum Beispiel Botendienstfahrer*innen oder 24-Stunden-Pfleger*innen.“ Klassismus überschneidet sich mit anderen Diskriminierungsformen wie Rassismus und Sexismus.

Wo es anfängt: Schon das Bildungssystem ist klassistisch

Individuelle Lebenswege werden schon früh im Bildungssystem durch Klassismus beeinflusst. Die Selektion für weiterführende Schulen ist nur ein Beispiel dafür. Akademikerinnenkinder schaffen es im Anschluss eher auf die Uni und dort wiederum öfter zu Abschlüssen. Studien zeigen außerdem, dass Kinder aus Arbeiterinnenfamilien durchschnittlich schlechter beurteilt werden, während Schülerinnen mit hohem sozioökonomischem Status von Lehrerinnen positiver bewertet werden.2 Theißl sagt: „Wir haben keine Leistungs-, sondern eine Erbengesellschaft. Das ökonomische Kapital ist dabei zentral, aber es werden auch Netzwerke, Habitus und Bildung vererbt. Da geht darum, wie man spricht und welche Kleidung man trägt. Selbst Lehrer*innen beurteilen Kinder unterschiedlich, zum Beispiel anhand des Namens, wie eine Studie der Universität Oldenburg zeigen konnte.“3

Studien zeigen, dass Kinder aus Arbeiter*innenfamilien durchschnittlich schlechter beurteilt werden als Schüler*innen mit hohem sozioökonomischem Status .

Wie es weitergeht: Aufstiegschancen lösen das Problem nicht

Klassismus wirkt auch auf diejenigen, die den sogenannten Aufstieg im System vermeintlich geschafft haben: Arbeiter*innenkinder mit Studienabschluss haben es beim Berufseinstieg schwerer. Das belegt eine Studie der Ludwig Maximilian Universität München.4 Theißl erklärt: „Vermögende Studierende machen eher tolle Auslandsaufenthalte oder unbezahlte Praktika. Das kann sich nicht jede*r leisten.“

Es ist sinnvoll, bei Bewerbungen weniger auf formale Kriterien zu schauen und nicht nur die Personen mit den beiden Auslandsaufenthalten einzuladen. Oft sind solche Aspekte für eine Stelle ohnehin nicht relevant – dann dienen sie als (unbewusster) klassistischer Filter.

Individualisierung macht es schwer, Klassismus zu überwinden

Theißl erzählt von einer Bekannten aus Schweden, die irritiert gewesen sei, als sie feststellte, dass in Österreich bei der Weihnachtsfeier das Reinigungspersonal nicht eingeladen wird. „Dieses Personal leistet zwar ganz wichtige Arbeit, aber andere Mitarbeiter*innen haben oft keinerlei Kontakt mit ihnen und vergessen sie bei der Weihnachtsfeier.“

Prekär Beschäftigte sind nicht nur arm, wenig abgesichert und oft perspektivlos, ihr Beitrag wird häufig darüber hinaus nicht anerkannt. Fehlende Sichtbarkeit und Möglichkeiten zum Austausch unter Dienstleister*innen machen zudem eine gewerkschaftliche Organisierung schwierig. Gewerkschaften treten für die gemeinsamen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Interessen von Arbeiter*innen ein. Im Zuge der Neoliberalisierung der vergangen Jahrzehnte sind sie jedoch immer schwächer geworden.

Ein weiterer Grund für die fehlende Organisation ist die Selbstdisziplinierung der Klassimusbetroffenen. Theißl sagt: „Wenn sich einmal eingeprägt hat, dass man selbst für das eigene Glück verantwortlich ist, dann ist es mit Scham verbunden, es vermeintlich nicht geschafft zu haben. Darüber sprechen armutsbetroffene Menschen nicht gerne öffentlich. Das macht eine Solidarisierung und Organisierung schwierig.“ Diese Scham führt teilweise sogar dazu, dass Menschen auf dem Land, wo die soziale Kontrolle groß ist, staatliche Leistungen nicht in Anspruch nehmen, weil sie nicht zu den entsprechenden Ämtern gehen wollen.

Für viele Klassismusbetroffene geht es um grundlegende Arbeitsrechte und darum, mit ihrem Geld über die Runden zu kommen. Die meisten Veränderungen in der Arbeitswelt, über die in New-Work-Kontexten gesprochen wird, kommen bei Betroffenen nicht an. „Die freiwillige Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich findet eigentlich nur in Unternehmen statt, in denen hoch qualifizierte Menschen arbeiten, in IT-Unternehmen oder Startups. In einem Bereich, in dem Menschen mit weniger formalen Qualifikationen arbeiten, habe ich davon noch nicht gehört“, sagt Theißl. Gleichzeitig arbeiten überall Menschen mit Klassismuserfahrung und werden dabei oft unbewusst aufgrund dieser Zugehörigkeit oder Herkunft (weiter)diskriminiert. Deswegen ist es ein wichtiger erster Schritt, dass sich Organisationen überhaupt mit Klassismus beschäftigen.

Inputgeberin

Brigitte Theißl ist Journalistin, Autorin, Erwachsenenbildnerin und leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schläge. Sie ist persönlich von Klassismus betroffen – ihre Schwester und sie haben als erste in der Familie studiert.

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