Wenn du meinen ersten Newsletter gelesen hast, dann weißt du, dass ich Mutter bin und nach einer längeren Elternzeit zu Neue Narrative gekommen bin. ChatGPT 4 war vorher gerade ein paar Monate alt und KI noch weit davon entfernt, in den Arbeitsalltag der Menschen integriert zu sein.
Mein letzter Arbeitstag war Mitte Oktober 2023. Die Welt experimentierte da noch recht oberflächlich mit der neuen Technologie. Natürlich waren wir alle beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der der Chatbot Fragen beantworten und Aufgaben lösen konnte, zur Normalität zählte KI aber noch nicht.
Fast forward drei Jahre und die Welt ist eine andere: KI ist (fast) überall und nicht mehr wegzudenken. Zum Office-Vokabular gehören jetzt Begriffe wie Token, Prompt, Agent, Artefakt und Skill, in manchen Branchen werden Mitarbeitende sogar daran gemessen, wie intensiv sie KI nutzen. Auch wir bei Neue Narrative beschäftigen uns intern damit, haben einen Kodex für die redaktionelle Arbeit mit KI und regelmäßige Learning-Sessions eingeführt.
In mir löst das verschiedene Gefühle aus. Einerseits spüre ich, dass KI mir manche Aspekte meiner Arbeit unglaublich erleichtern und mir wertvolle Zeit schenken kann, die ich zum Beispiel für das Schreiben von Texten nutzen kann, denn das werde ich immer selbst machen. Ich merke aber auch, dass ich viel aufzuholen habe. Die Arbeit mit KI ermüdet mich sehr, ich sehe vieles kritisch – und als Teilzeit-Lead und Mutter fehlt mir auch schlichtweg die Zeit dafür, mich mal für 2-3 Stunden in den „KI-Tunnel“ zu begeben, wie es mir letztes jemand vorschlug. Jede Minute in der Arbeit nutze ich maximal effizient, jede Minute „Freizeit“ fließt in die Care-Arbeit oder den Haushalt. Wo soll ich da Zeit für das KI-Training finden?
Das ist der Gender AI Gap
Mit diesen Gefühlen bin ich nicht alleine. Viele Frauen und besonders Mütter in meinem Umfeld berichten mir dasselbe. Und es gibt inzwischen sogar einen Begriff dafür: Der Gender AI Gap beschreibt die Lücke zwischen Männern und Frauen in der Aneignung und Nutzung von künstlicher Intelligenz. Laut einer Studie der Initiative D21 und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nutzen signifikant weniger Frauen die Technologie als Männer. Die Lücke beträgt nach ihren Berechnungen 16 Prozentpunkte. Bereinigt um Alter, Bildung, Einkommen, beruflicher Position sowie Einstellungen und Kompetenzen sind es immer noch 8 Prozentpunkte.
Besonders alarmierend finde ich, dass unter jungen Erwerbstätigen die Diskrepanz offenbar besonders groß ist. Auch wenn auch ich es noch nicht ganz wahrhaben möchte: Ohne KI-Kompetenz wird man es in Zukunft in der Arbeitswelt schwer haben und die Karrierechancen stehen umso besser, je befähigter Menschen im Umgang damit sind. Wenn gerade junge Frauen hier strukturell benachteiligt sind, droht sich das ähnlich wie der Gender Pay Gap in ihre Erwerbsbiografien einzubrennen.
Was Caring Companies tun können
Anders als der Gender Pay Gap ist der Gender AI Gap noch aufzuhalten. Hier geht es nicht darum, ein über Jahrhunderte gefestigtes Problem zu beseitigen, sondern zu verhindern, dass ein neues entsteht. Und Organisationen können dabei einen wichtigen Beitrag leisten:
- Formuliert klare Richtlinien und Grenzen für den Umgang mit KI-Anwendungen, um das Vertrauen in die Technologie und deren Akzeptanz zu stärken.
- Wenn ihr KI implementiert, dann aktiv: Überlasst es nicht den Mitarbeitenden, ob sie sich damit beschäftigen oder nicht. Ermutigt sie und begleitet sie aktiv dabei, zum Beispiel mit gemeinsamen Learning Sessions.
- Erkennt an, dass das Erlernen von KI-Skills Arbeit ist und falls explizit gewünscht, andere Aufgaben dafür depriorisiert werden müssen.
- Bietet gendersensible Weiterbildungsmöglichkeiten an, die eine gleichbereichtigte Teilnahme von Frauen und Männern ermöglichen. Schulungen sollten zum Beispiel während der Arbeitszeit und idealerweise vormittags statt am Nachmittag oder Abend stattfinden.
- Achtet als Führungskraft darauf, ob eure Mitarbeitenden ungefähr auf dem selben Wissenstand sind oder jemand stark abfällt – nicht zur Leistungsbeurteilung, sondern um das gesamte Team bei der Entwicklung mitzunehmen.
Am Donnerstag treffe ich meine NN-Kolleg*innen wieder bei unserer gemeinsamen KI-Learning Session. Jeder darf einen KI Use Case mitbringen, den wir dann zusammen bearbeiten. Zusätzlich hätte ich gerne morgens eine automatisierte Mail mit allen wichtigen Entwicklungen rund um das Thema Arbeit – das spart mir 15 Minuten Zeit, die ich gerne in eine entspannte Tasse Tee investieren würde.
Wie geht es euch mit KI? Fühlt ihr einen Druck, mitzuziehen? Fällt es euch schwer, das Erlernen von KI in euren (Arbeits-)alltag zu integrieren? Unterstützt euch euer Arbeitgeber dabei? Schreibt mir, wenn ihr denn Zeit dafür habt 🙂.
Jessi und das Team von Neue Narrative
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