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case study

Grüne Altersvorsorge im Unternehmen

  • T E X T: Paul fenski
  • BILD: Dominik Wagner

Seit 2002 müssen Arbeitgeber*innen in Deutschland eine betriebliche Altersvor- sorge anbieten. In der Regel ist sie aber nur bedingt rentabel und nicht ökologisch. Ecosia hat ein Modell entwickelt, das für beides eine Lösung bietet.

Ecosia ist eine Suchmaschine, die ihre Werbeein
nahmen in ökologische Projekte steckt. Allein 130
Millionen Bäume ließ das Unternehmen mittler
weile pflanzen. Heute arbeiten 90 Angestellte und
Freiberuflerinnen für Ecosia. Das Versprechen,
beim „Googeln“ etwas Gutes zu tun, lockt mo
natlich mehr als 15 Millionen Nutzer
innen auf
die Website. Damit das so bleibt und immer 100
Prozent der Gewinne für die Klimawende ausge
geben werden können, hat sich Ecosia in Verant
wortungseigentum begeben. Diese Regelung stellt
sicher, dass Gewinne in erster Linie dem Unter
nehmenszweck dienen und nicht als Dividenden
herausgezogen werden. Im monatlich veröffent
lichten Finanzbericht ist das für jede*n einsehbar,
alle Einnahmen und Ausgaben sind aufgelistet.
Laut Finanzbericht fließen bis zu 20 Prozent des
Gewinns in erneuerbare Energien. (1)

Ecosia bezieht seine Suchergebnisse von Bing. Im
Zuge von Nachforschungen hatte sich jedoch he
rausgestellt, dass Microsoft Bing seinen Strom nur
zur Hälfte aus erneuerbaren Quellen bezieht. Also
hat Ecosia Solarpanels auf Freiflächen und Dä
chern installieren lassen, um den fossilen Strom
verbrauch der MicrosoftServer auszugleichen.
Wolfgang Oels, der Chief Operating Officer von
Ecosia, schrieb seine Doktorarbeit über dezentrale
Energien, außerdem war er beim Solarzellenher
steller QCells tätig. Bei Ecosia konnte er dieses
Wissen einsetzen.
„Wir haben die Sanierung von
asbestverseuchten Dächern bezahlt, im
Gegenzug durften wir dort Photovolta-
ikanlagen installieren.“
Zudem haben sie
zusammen mit dem Energieversorger Naturstrom
Solaranlagen auf Freiflächen ans Netz gebracht.

A U S G A N G S S I T U AT I O N

Betriebliche Altersvorsorge ist weder grün noch rentabel

Als Wolfgang klar wurde, dass man prinzipiell
auch eigene Modelle für die betriebliche Alters
vorsorge (bAV) entwickeln kann, kam ihm die Idee,
sie mit den gerade in Betrieb genommenen Pho
tovoltaikanlagen zu verknüpfen. Bereits seit 2002
sind Arbeitgeberinnen in Deutschland verpflich
tet, ihren Arbeitnehmer
innen auf deren Wunsch
hin eine bAV anzubieten. Bei Ecosia hatte bislang
aber niemand danach gefragt. Sollte es nun doch
jemand tun, wäre es aus Arbeitgeber*innenSicht
bequem, eine Direktversicherung abzuschließen.
Allerdings sind diese in der Regel weder sozial
ökologisch noch ökonomisch rentabel – zwei An
liegen, die Ecosia im Kern ausmachen.

Am Ende eines Treffens mit anderen Unterneh
men in Verantwortungseigentum stand die Ein
sicht, dass es bis dato kein bAV Modell gibt, das
den Anforderungen „nachhaltig“ und „rentabel“
genügt. „Dann habe ich gesagt, wir pilotieren das
einfach“, erinnert sich Wolfgang. Die Herausfor
derung war also, ein bAV Modell zu entwerfen, das
sozial ökologisch ist und sich dennoch wirtschaft
lich rentiert.

Die betriebliche Altersvorsorge

Die bAV ist neben gesetzlicher Rentenversi-
cherung und privater Vorsorge ein Pfeiler des
Drei-Säulen-Systems der deutschen Alters-
sicherung. Es gibt verschiedene Arten, die sich
in arbeitgeber/*innen- und arbeitnehmer/*in-
nen-finanzierte Durchführungswege aufteilen.
Bei der Direktzusage, der Unterstützungskasse
und dem Pensionsfonds trägt normalerweise
allein die/*der Arbeitgeber/in die Kosten. Gerade
große Unternehmen bieten ihren Angestellten
solche Modelle an. Je kleiner das Unternehmen,
desto kleiner ist durchschnittlich der Anteil der
Beschäftigten mit bAV. Seit 2002 hat deshalb
jede
r Arbeitnehmer/*in zumindest Anspruch auf
eine bAV, bei der die Beiträge von den Arbeit -
nehmer/*innen eingezahlt werden und von
Arbeitgeber/innen nur geringfügig ergänzt – wie
etwa die Direktversicherung und die Pensions-
kasse. Allen Durchführungswegen ist gemein,
dass die Arbeitgeber
innen für das eingezahlte
Geld haften.

Das Grundprinzip der bAV

Die arbeitnehmer/*innen finanzierten Durchführ
ungswege der bAV bauen auf der sogenannten Ent
geltumwandlung auf, bei der Arbeitnehmer/innen
auf einen Teil ihres Gehalts verzichten und Arbeit
geber
innen diesen zur Altersvorsorge anlegen.
Dabei profitieren Arbeitnehmer/*innen von staat
licher Förderung: Seit August dieses Jahres kann
man monatlich steuerfrei bis zu 568 Euro in der
bAV anlegen.(2) Bis zu 284 Euro monatlich sind zu
dem von Sozialabgaben befreit, es sei denn, man
kommt nach der Entgeltumwandlung über die Bei
tragsbemessungsgrenze, die 2021 bei monatlich
4.837,50 Euro liegt. „Das ist ein Riesenhe-
bel, der dahinter ist“, sagt Wolfgang. Denn
für jeden investierten Euro gehen bis zu 2,40 Euro
in die bAV.(3)

Eine Beispielrechnung zur Entgeltumwandlung

Eine ledige, 35-jährige Arbeitnehmerin verdient 4.000
Euro brutto – das entspricht in etwa dem Durchschnitts-
lohn (arithmetisches Mittel) Vollzeitbeschäftigter in
Deutschland. Sie ist gesetzlich versichert und bezahlt
bei der Krankenversicherung einen Zusatzbeitrag von
1,1 Prozent. In die bAV möchte sie 200 Euro ihres mo-
natlichen Bruttolohns geben. Der Staat verzichtet bei
dieser Anlage auf den Abzug von Steuern und Sozialab-
gaben. Da aber nicht nur sie, sondern auch die Arbeitge-
berin durch den verringerten Bruttolohn Sozialabgaben
spart, ist Letztere gesetzlich verpflichtet, mindestens

15 Prozent des eingezahlten Beitrags hinzuzugeben.
Da Arbeitgeber*innen sogar 20 Prozent einsparen, hat
Ecosia entschieden, die Ersparnis vollständig an die Ar -
beitnehmer/*innen weiterzugeben. Für unsere Beispiel-
Arbeitnehmerin würden also monatlich 240 Euro ange-
spart – bei einem Nettoaufwand von 104,90 Euro (siehe
Tabelle). Zu berücksichtigen ist dabei allerdings, dass
sich der Anspruch aus den Beiträgen zur gesetzlichen
Rentenversicherung etwas verringert, da der Bruttolohn
entsprechend geringer ausfällt.

Das Ecosia-Modell

Das von Ecosia ausgearbeitete Modell ist im Grunde
recht simpel. Ecosia legt für die Arbeitnehmerinnen
Geld an, haftet dafür und versichert sich deshalb. Das
funktioniert wie folgt: Die Arbeitnehmer
innen ent
scheiden, wie viel Geld sie monatlich in die bAV ein
zahlen möchten. Ecosia gibt 20 Prozent hinzu und in
vestiert die Summe im Solaranlagenportfolio. In einer
Versorgungsordnung wird bestimmt, dass Ecosia für
diese Einlagen zuzüglich einer jährlichen Rendite von
3 Prozent haftet. Da Ecosia, wie jedes Unternehmen,
das in Deutschland eine bAV anbietet, Mitglied im
PensionsSicherungs Verein (PSVaG) ist, bekämen
die Arbeitnehmerinnen auch ihr Geld, wenn das Un
ternehmen zahlungsunfähig würde. Der PSVaG würde
die Ansprüche der Arbeitnehmer
innen aus der bAV
im Insolvenzfall bedienen. Diese Mitgliedschaft kos
tet Ecosia im Verhältnis zu den Einlagen 4,2 Promille
(2020) und wirkt sich damit kaum auf die Gesamt
kosten aus. Statt also die bAV auszulagern, hat Ecosia
ein eigenes Anlageobjekt aufgebaut, das sozial ökolo
gisch und zugleich profitabel ist.

Was das Modell dennoch komplex macht, ist ebenje
nes Anlageobjekt. „Wir haben die aufwendigste
Möglichkeit genommen, um in grüne Assets
zu investieren“, findet Wolfgang. Denn das Geld,
das die Arbeitnehmer*innen monatlich ansparen,
gibt Ecosia in die Ecosia Erneuerbare Energien GmbH
& Co. KG. Diese hat wiederum zum einen mithilfe
eines Kredits der GLS über den B2BSolaranlagen
Anbieter Enviria Solaranlagen gekauft und zum an
deren ein Gemeinschaftsprojekt mit der Naturstrom
AG begonnen, die dafür ihrerseits einen Kredit bei der
UmweltBank aufnahm. Mit den Einnahmen aus dem
Stromverkauf sowie Investitionen im Wege der bAV
werden zunächst die Schulden beglichen. Da die Kre
ditzinsen niedriger sind als die erwartete Rendite, ist
das Modell von Anfang an profitabel. Zusätzlich hat
sich Ecosia für den Notfall abgesichert. Sollte etwas
geschehen, das die KG existenziell bedroht, haftet
die dafür gegründete Komplementärin, die Erneuweb
GmbH. Ecosia wiederum ist Kommanditistin an der
KG, haftet also nur mit den eigenen Anlagen. „We
gen der Vergütungssicherheit im Rahmen des EEGs
sind die Gewinnmargen für die nächsten 20 Jahre fix.“
Hinzu kämen ZinseszinsEffekte. Wolfgang rechnet
vor, dass bei einer monatlichen Anlage von 240 Euro
bei jährlich 3 Prozent Rendite nach 20 Jahren eine Ge
samtrendite von 6 Prozent erwächst.

Was passiert, wenn jemand Ecosia verlässt?

Mitarbeiter/innen, die Ecosia verlassen, können ihre bAV
nicht mit zu ihrem
r neuen Arbeitgeber/in nehmen. Viele
Versicherungsprodukte bieten einen solchen Service an.
Dafür tilgen dessen laufende Kosten die Renditeerwar -
tungen (teilweise). Zudem läuft die Auszahlung meist
über eine Verrentung, die sich erst ab einem bestimmten
Lebensalter lohnt. „Wir haben uns gegen eine Verrentung
entschieden, da wir sonst mit einer Versicherung hätten
zusammenarbeiten müssen – womit der grüne Aspekt
und die Rendite verloren gegangen wären“, sagt Wolfgang
dazu. Stattdessen zahlt Ecosia das angesparte Geld auf
einmal aus und macht sich dabei die sogenannte Fünftel-
regelung zunutze, bei der das Geld so versteuert wird, als
wäre es auf fünf Jahre verteilt worden. Diese Regelung gilt
für alle Mitarbeiter
innen von Ecosia, die jemals eingezahlt
haben.

Wie es weitergehen könnte…

Wolfgangs Kalkül ist, die bAV zum Divestment
Instrument umzumünzen: Sein Modell soll der
Anfang einer Bewegung sein, die den fossilen
Energieunternehmen die Investitionen entzieht:
„Wenn das viele Menschen machen würden, könn
ten wir da richtig was bewegen.“ Ein Beispiel: Ent
schieden sich 50, also etwas mehr als die Hälfte
der Mitarbeiter/*innen dazu, jeweils 200 Euro
ihres Bruttolohns einzuzahlen, kämen im Jahr,
inklusive Arbeitgeberzuschuss von 20 Prozent,
allein bei Ecosia 144.000 Euro Investitionsvolu
men zusammen. Auf nationaler Ebene wären das
schwindelerregende Summen. Die Deckungsmittel,
also das Geld, das für alle Durchführungswege der
bAV in Deutschland insgesamt zurückgelegt wur
de, betrugen 2019 über 650 Milliarden Euro.4 Des
halb sagt Wolfgang: „Mit dem Geld, das in
der bAV steckt, könnte man Deutschland
spielend erneuerbar machen.“ Tatsächlich
rechnet die Bundesregierung mit Investitionen in
Höhe von 550 Milliarden Euro, die für die Energie
wende alles in allem vonnöten sind.5
Doch um das möglich zu machen, wäre es auch
organisatorisch ein weiter Weg. Bislang haben viel
weniger Mitarbeiter/*innen bei Ecosia das Angebot
der bAV genutzt als Wolfgang ursprünglich dachte.
„Es liegt wahrscheinlich an unserem internationa
len Team“, mutmaßt er. Für sie seien zu viele Un
bekannte im Spiel: Wo werde ich zum Zeitpunkt
der Auszahlung leben? Wie sind die dortigen Re
geln? „Wenn man dann nicht in Deutschland lebt,
ist natürlich die Frage, wie das dann versteuert
wird. Außerdem scheinen sich viele junge Men
schen heute einfach keine Gedanken über ihre Al
tersvorsorge zu machen.“ Trotzdem hält Wolfgang
am Modell fest. Es sei ökologisch, ökonomisch
attraktiv und relativ einfach umzusetzen. Anstatt
eigene Solaranlagen aufzubauen, könne man ge
nauso gut in bestehende PhotovoltaikProjekte in
vestieren. Wolfgang listet Plattformen wie wiwin
oder ecoligo auf. Laufzeit und Verzinsung werden
dort gewöhnlich direkt angegeben.

Zum Weiterdenken

  1. Bei Ecosia haben letztlich längst nicht so viele
    Mitarbeiter*innen die bAV in Anspruch genom -
    men wie anfangs gedacht. Wie könnte man das
    Modell oder die Kommunikation anpassen, damit
    es auch in internationalen Teams größeren An-
    klang findet?

2.Nach der Vorstellung des Ecosia-Modells haben
die Mitarbeiterinnen nach einer Beispielrech -
nung gefragt. Das Problem dabei ist, dass der
Nutzen stark fallabhängig ist. Welche Tools er-
lauben Mitarbeiter
innen individuell abzuwägen,
inwiefern sich eine bAV für sie lohnt?

3.Welche Vorteile hat es, Mitarbeiter*innen bei der
Entwicklung eines eigenen bAV-Modells einzu -
binden? Sind Unternehmen in Selbstorganisation
da im Vorteil?

Takeaways

➀ Das Pilotprojekt von Ecosia garantiert eine nachhaltige und profitable Altersvorsorge
für seine Angestellten und setzt dabei auf ein eigenes Solaranlagen-Portfolio. Ecosia
legt für die Arbeitnehmer*innen Geld an und haftet dafür.

➁ Für das Solaranlagen-Portfolio hat Ecosia eine GmbH & Co. KG gegründet. Zusätz -
lich richtete das Unternehmen eine GmbH ein, die als vollhaftende Komplementärin
fungiert.

➂ Statt des Aufbaus eines eigenen Portfolios kann man auch in bestehende nachhaltige
Projekte investieren. Das verringert die Komplexität des bAV-Modells.

FUßNOTEN

  • 1

    Ecosia Finanzbericht 2021
    -> neuenarrative.link/ecosia

  • 2

    Weltsparen: Entgeltumwandlung – So funktioniert die
    Gehaltsumwandlung
    -> neuenarrative.link/umwandlung

  • 3

    Branchenversorgungswerk der Banken und Finanzdien-
    stleistungsinstitute: Rechengrößen und Kennzahlen 2021
    -> neuenarrative.link/kennzahlen

  • 4

    Arbeitsgemeinschaft für betriebliche
    Altersvorsorge e.V.: Deckungsmittel 2019
    -> neuenarrative.link/deckungsmittel

  • 5

    Bundesregierung: Was bringt, was kostet
    die Energiewende
    -> neuenarrative.link/waskostet

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