Klima

Was wir mit grünem Geld bewirken können

Text: Taraneh Taheri
Illustration: Johannes Fuchs

Wir stecken mitten in der Klimakrise. Die Art, wie wir wirtschaften, vernichtet unsere Lebensgrundlage. In dieser Kolumne zeigen wir, wie sich ein zerstörerisches Wirtschaftssystem zu einem umkrempeln lässt, das nicht nur weniger schädlich ist, sondern regenerativ. Diesmal geht es um die Macht unserer Finanzentscheidungen.

In Deutschland ist es wahrscheinlicher, dass eine Person sich scheiden lässt, als dass sie die Bank wechselt.1 Dabei werden die Folgen, die allein dadurch entstehen, bei welcher Bank unser Geld liegt, oft unterschätzt: Alle gängigen Kreditinstitute finanzieren klimaschädliche fossile Energien, sprich Kohle, Öl und Gas, und behindern dadurch auch den Ausbau von erneuerbaren Energien – einer der wichtigsten Hebel gegen die Klimakrise.2 Verbraucher*innen merken in der Regel nicht, ob der Strom grün ist, der aus ihrer Steckdose kommt und auch das eigene Geld verändert nicht gleich die Farbe, wenn es auf einer nachhaltigen Bank liegt – der Effekt auf unsere Welt ist trotzdem gewaltig.

Warum wird ein so wichtiger und einfacher Punkt von vielen in ihren Bemühungen um ein nachhaltigeres Leben übersehen? Und wie sollen wir unsere Lebensgrundlage erhalten, wenn Banken, Investor*innen und Versicherungen immer weiter Projekte finanzieren, die ihr schaden?

Wo wir stehen

Die sechzig größten Banken (darunter auch die Deutsche Bank und die Commerzbank) haben zwischen den Jahren 2016 und 2020 knapp 4 Billionen US-Dollar an Finanzierung in fossile Brennstoffe gesteckt3 – das ist in etwa ein Mal das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt. Um das Pariser Klimaabkommen nicht völlig zu verfehlen, muss aber ein Großteil der fossilen Ressourcen im Boden bleiben, stellt die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald fest.4

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In der Ausgabe, die wir dir als PDF zuschicken, geht es darum, wie eine Wirtschaftswelt ohne große Egos aussehen könnte.

Wir investieren einen Großteil unseres Geldes in Dinge, die schlecht für den Planeten sind.

Insgesamt investieren wir als Gesellschaft gerade einen Großteil unseres Geldes in Dinge, die den Planeten zerstören. Das betrifft sowohl Privatpersonen als auch Firmen. Auch wenn das Interesse an nachhaltigen Geldanlagen bereits wächst, steht der Finanzbranche noch ein weiter Weg bevor: Die Privatinvestitionen in nachhaltige Fonds beispielsweise sind im Jahr 2020 zwar um 117 Prozent gestiegen, der nachhaltige Bereich nimmt im Vergleich zum Gesamtfondsmarkt aber nach wie vor nur einen winzigen Teil ein: 6,4 Prozent.5

Von rot bis dunkelgrün

Die Idee des finanziellen Fußabdrucks beschreibt den Einfluss, den wir mit unseren finanziellen Entscheidungen haben.

Nachhaltig macht die Fonds vor allem, dass sie ökologische, ethische und/oder soziale Folgen bei ihren Investitionen berücksichtigen. Nun gibt es natürlich keine naturwissenschaftliche Definition von Nachhaltigkeit und das Label wird auch gerne missbraucht. Daher ist der Knackpunkt Transparenz: Kann ich als Anleger*in nachvollziehen, was mit meinem Geld unterstützt wird? Genau das sollte ein großer Unterschied zu klassischen Anlagen sein, bei denen keine*r so richtig weiß, wie das Geld letztlich wirkt und was damit finanziert wird. So die Theorie.

Es gibt grundsätzlich Geldanlagen von rot (schädlich) bis dunkelgrün (sehr nachhaltig). Das Ausschließen von Dingen, in die ich nicht investieren will, ist ein erster und wichtiger Schritt. Damit bin ich aber nur im orangen oder maximal sehr hellgrünen Bereich, da durch den Ausschluss von zum Beispiel Kohle nicht automatisch gewährleistet ist, dass ich nicht in Firmen wie Amazon oder Samsung investiere, die auf andere Weise dazu beitragen, globale ökologische und soziale Probleme zu verschärfen.6 Deshalb sollte der – eigentlich nicht überhöhte – Anspruch sein, zu verstehen, in was ich eigentlich investiere und woher die Rendite kommt, die ich erhalte. Um in den dunkelgrünen Bereich zu kommen, geht es dann nicht mehr nur um die Perspektive: „Was geht nicht?“, sondern um die Frage: „Was möchte ich explizit unterstützen?“

Dein finanzieller Fußabdruck

  • Weißt du, was mit deinem Geld passiert?
  • Möchtest du die Welt, die daraus entsteht, mitfinanzieren?

Bei sich selbst anfangen

Um unsere Gesellschaft umzubauen und die Transformation zu einer lebensdienlichen Wirtschaft zu gestalten, ist in erster Linie die Politik gefordert. Im großen Stil kann eine Wirtschaft nur umgebaut werden, wenn auch Steuern und Subventionen entsprechend ausgerichtet sind.

Ein kritischer Blick auf das eigene Portfolio kann ein erster Schritt für Veränderung sein.

Ein kritischer Blick auf das eigene Portfolio kann aber ein Anfang sein, um Veränderungen anzustoßen. Welche Bank, Versicherung und Altersvorsorge ich nutze, sind wichtige Entscheidungen darüber, wie das Geld in der Welt wirkt. Um die Klimakrise aufzuhalten, müssen wir aktuell noch zweigleisig fahren: Ausschließen, was Schaden anrichtet, und gleichzeitig formulieren, wohin der Weg gehen soll. Es sollte naheliegend sein, dass zum Beispiel Investitionen in Kohle, Gas und Autos nicht zu diesem Weg gehören – aber da sind wir noch lange nicht. Um den Druck auf konventionelle Finanzinstitute zu erhöhen, kann die Antwort nur sein, auf eine nachhaltige Alternative umzusteigen.

Gleiches gilt für Organisationen. Die Wichtigkeit von Social-Start-ups, Stiftungen und Gemeinnützigkeit ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Häufig haben diese ihr Geld dann aber auf einer traditionellen Bank liegen, die Projekte finanziert, die genau entgegensetzt zu dem sozialen oder ökologischen Daseinszweck wirken („Darum kümmern wir uns später!“). Das ist absurd, vielen aber tatsächlich einfach nicht bewusst.

Besonders beim Thema betriebliche Altersvorsorge ist es unsinnig, dass viele die Zukunft unseres Planeten und unserer Gesellschaft nicht mitdenken. Denn die angestrebte Rente basiert dann ja auf Kosten, die in der Zukunft anfallen werden. Und diese Rechnung geht nicht auf: Folgekosten sind teurer als Klimaschutz.7 Deshalb ist es wichtig, dass Menschen sich individuell und als Teil von Organisationen fragen, ob sie ihre Werte in dem gewählten Finanzinstitut widergespiegelt sehen. Denn mit jeder Entscheidung, die wir diesbezüglich jetzt treffen, entscheiden wir darüber, wie die Welt, die wir finanzieren, in Zukunft aussehen wird.

Aktuell ist die Wechselbereitschaft der Deutschen beim Thema Banken noch wenig ausgeprägt. Das liegt sicherlich auch daran, dass viele nicht wissen, mit wie wenig Aufwand sie hier einen großen Unterschied machen können. Und wie bei vielen anderen Dingen, braucht es immer eine Person, die anfängt. Wenn wir alle uns als Knoten in einem sozialen Netz verstehen, können wir zwar nicht von heute auf morgen alles verändern, aber doch einen wichtigen Einfluss bei der Umkehr von Trends haben.

Transparenz macht es einfacher umweltfreundliche Finanzentscheidungen zu treffen.

Diese Unternehmen können ein Startpunkt sein, um rotes Geld zu grünem zu machen:

Nachhaltige Banken

Die UmweltBank, Triodos Bank, GLS Bank und EthikBank sind vier anerkannte Ökobanken.8 Sie heben sich dadurch ab, dass sie nicht nur ein oder zwei Dinge anders machen, sondern sich in einer ganzen Reihe von Kriterien von klassischen Banken unterscheiden. Sie haben klare Positiv- und/oder Negativ-Kriterien für die Kreditvergabe und Investitionen und erbringen hinreichende Wirkungsbelege. Drei der vier genannten Banken wurden beim letzten FairFinanceGuide mit mindestens 88 Prozent bewertet.9

urgewald

Die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation urgewald hat die vier bisher größten Kohle-Divestment-Entscheidungen angestoßen: den Kohleausstieg des Norwegischen Pensionsfonds und der Versicherungskonzerne Allianz, AXA und Generali.10 Wer sich informieren möchte, um selbstbestimmt finanzielle Entscheidungen treffen zu können, ist bei urgewald richtig. Die Organisation ist auf Spenden angewiesen, um weiterhin das zu tun, was für eine nachhaltige Finanzwende nötig ist: Akteur*innen, die eigentlich unsichtbar bleiben möchten, sichtbar machen und zur Verantwortung ziehen.

BioBöden Genossenschaft

Immer mehr Versicherungskonzerne und private Stiftungen kaufen Ackerland, was die Preise enorm in die Höhe treibt: In Deutschland kostet ein Hektar Land mittlerweile durchschnittlich 25.000 Euro, vor 13 Jahren waren es noch 15.000 Euro weniger. Preise, die der*die durchschnittliche Bauer*in nicht mehr bezahlen kann. Als Reaktion darauf ist die BioBöden Genossenschaft in Zusammenarbeit mit der GLS Bank gegründet worden, um Grünland zu kaufen und an Bio-Bauer*innen zu verpachten. Wer sein Geld in gesunde Böden investieren und einen sozial-ökologischen Zweck unterstützen will, kann das hier tun: „Sechs Jahre nach Gründung hat BioBöden 5.600 Mitglieder, die zusammen 44 Millionen Euro eingebracht haben. Davon hat die Genossenschaft 4.100 Hektar Land und 71 Bauernhöfe gekauft.“11

Disclaimer: Dieser Text ist keine Aufforderung zum Kauf von Anteilen. Wir haften nicht für finanzielle Schäden, die mit den darin enthaltenen Informationen zusammenhängen.

💡 Takeaways

  • Die meisten Menschen unterschätzen den Effekt, der dadurch entsteht, auf welcher Bank ihr Geld liegt.
  • Aber die meisten Banken, Investor*innen und Versicherungen stecken riesige Summen in fossile Brennstoffe und andere Projekte, die unseren Planeten zerstören.
  • Das muss aufhören. Wenn Verbraucher*innen sich für nachhaltige Banken und Anlagen entscheiden, können sie den Druck auf konventionelle Finanzinstitute erhöhen, die Klimakrise ernst zu nehmen.

Kennt ihr Unternehmen, die regenerativ wirtschaften? Für diese Kolumne sind wir immer auf der Suche nach Menschen und Organisationen, die schon ein paar Schritte weiter sind. Schickt eure Vorschläge an klima@neuenarrative.de.


  1. Despina Tagkalidou, „Scheidung für Deutsche wahrscheinlicher als Kontowechsel“, Finanzratgeber 24.
  2. Fiona Harvey, „No new oil, gas or coal development if world is to reach net zero by 2050, says world energy body“, The Guardian, 18. Mai 2021.
  3. Oil Change International, „Banking on Climate Chaos. Fossil Fuel Finance Report 2021“.
  4. urgewald, „Forderungen an die kommende Bundesregierung“.
  5. Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V, „Marktbericht 2021. Nachhaltige Geldanlagen und verantwortliche Investments in Deutschland“.
  6. „Greenpeache-Studie: Amazon ist am wenigsten umweltfreundlich“, Business Insider.
  7. Maike Venjakob & Florian Mersmann, „Kosten des Klimawandels“, Bundeszentrale für politische Bildung, 23. Mai 2013.
  8. „Ethische und nachhaltige Banken: Zinsen und Festgeld bei GLS Bank, UmweltBank und Co. im Vergleich“, ECOreporter, 5. Oktober 2021.
  9. Die UmweltBank wurde im Fair Finance Guide nicht bewertet, da sie kein Girokonto für Privatkund*innen anbietet. Dafür bietet die UmweltBank aber eine nachhaltige, betriebliche Altersvorsorge an und dunkelgrüne Umweltfonds.
  10. Divestementerfolge von urgewald.
  11. Robert B. Fishman, „Wie eine Genossenschaft Biobauern gegen Spekulanten hilft“, flip, 18. Juni 2021.
Ein Mann, der an einem Schreibtisch sitzt. Sein Kopf raucht.

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