Kinski meets McKinsey

Warum sind Arschlöcher so erfolgreich? Und was können wir dagegen machen?

Eigentlich fokussieren wir uns eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Doch manche Dinge machen uns so wütend, dass es gar nicht so leicht ist, konstruktiv zu bleiben. Dafür gibt es diese Kolumne. Diesmal geht es um die Frage, wieso unsere Welt von egoistischen Arschlöchern regiert wird – und welchen Anteil wir alle daran haben.

Eine Öffnung, die aussieht wie ein Arschloch

Es gibt sie überall: Menschen, die immer nur sich selbst am nächsten und denen andere nur Mittel zum Zweck sind. Die für den eigenen Erfolg alles tun würden, sogar über Leichen gehen. Das tun sie nur deshalb nicht, weil sie lieber in einem gut gepolsterten Chefsessel als im Gefängnis sitzen. Egoisten sind sie, selbstsüchtig und eigennützig. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass man mit diesen Menschen lieber nichts zu tun haben möchte. Man will sie weder zum Freund noch zum Feind. Dennoch sitzen sie überall, besonders an Stellen, wo man sie am allerwenigsten gebrauchen kann: dort, wo sie Macht haben. Macht über andere, über Ressourcen und unseren Planeten. Macht, die sie nicht im Sinne anderer oder für das Allgemeinwohl einsetzen, sondern nur, um den eigenen Interessen zu dienen.

„Macht zieht Arschlöcher an, und sie macht sie zu noch größeren Arschlöchern? Na prima.“

Das erschüttert unseren Glauben an eine gerechte Welt bisweilen: Wie zum Teufel hat es dieses egoistische Arschloch zu Erfolg gebracht? Wieso sitzt dieser unmögliche Porschefahrer, der charakterlich in jedem Kindergarten als auffällig und unreif eingestuft würde, auf einem Chefsessel oder bedient rote Knöpfe, mit denen Atombomben losgeschickt werden können?

Wäre die Welt nicht eine viel bessere, wenn einflussreiche Positionen nicht von den Berlusconis, Rupert Stadlers und Oliver Samwers dieser Welt bekleidet würden? Wären dann Weltfrieden, Gleichheit und Klimagerechtigkeit nicht plötzlich ein Leichtes? Wieso aber ist das nicht so? Wieso sitzen an so vielen Stellen, wo Macht und Geld die Weltgeschicke beeinflussen, so viele grauenhafte Menschen?

Ein Porsche mit Gesichtern von mächtigen Männern

Als allererstes wollen wir eine Lanze brechen für die Arschlöcher, denn es ist längst bekannt, dass Macht korrumpiert. Das haben viele Studien gezeigt, und schon die alten Griechen haben sich überlegt, wie man Menschen per Legislaturperiode möglichst schnell wieder aus einem mächtigen Amt hieven kann. Weil man wusste, dass Macht Menschen zu Arschlöchern machen kann. Gewitzte Psychologen haben in vielen Experimenten gezeigt, dass selbst das kleinste bisschen Macht Menschen zu Arschlöchern und Egoisten machen kann: Beispielsweise wurde in einem Frage-Antwort-Spiel zwischen zwei Personen zufällig einer dieser Personen die Rolle des allwissenden Fragestellers zugewiesen, die andere musste antworten. Man konnte zeigen, dass die mächtigere Person (die als Fragesteller die richtigen Antworten kannte) sich im Schnitt mehr Kekse aus der Keksschale nahm und häufiger den letzten Keks.

Allerdings scheint es auch so zu sein, dass Macht und sein Cousin, das Geld, Arschlöcher anziehen: Das hat z.B. damit zu tun, dass Arschlöcher, also Menschen, denen es in erster Linie um sich selbst geht, das eigene Vermögen grundsätzlich überschätzen: Wo ein bescheidener Mensch sich ziert und Angst vor der Verantwortung hat, hat das Arschloch schon Platz genommen und Visitenkarten bestellt. Zuletzt im Zusammenhang mit Donald Trump wurde wieder gerne der Kruger-Dunning-Effekt ins Feld geführt. Damit wird die – wissenschaftlich nachgewiesene – Neigung relativ inkompetenter Menschen bezeichnet, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und die anderer zu unterschätzen. In anderen Worten (denen von Max Goldt): Dummheit hört sich gern auf möglichst große Trommeln schlagen.

Das heißt also: Macht zieht Arschlöcher an, und sie macht sie zu noch größeren Arschlöchern? Na prima.

Was wir weiterhin sehen können: Menschen mit Arschloch-Charakter scheren sich nur um sich selbst und das eigene Fortkommen. Völlig unbeschwert von Selbstzweifeln und moralischem Abwägen können sie kalt analysieren, was ihnen selbst zum Vorteil gereicht. Wo andere Menschen Zeit und Aufwand investieren, um sich sozial zu engagieren, Schwächeren zu helfen und auch andere zu Wort kommen lassen, greift das Arschloch mit beiden Händen zu und nimmt sich gerne auch noch das letzte Stück vom Kuchen oder den letzten Keks aus der Keksschale.

Es ist ganz einfach (80 Jahre Selbsthilfe-Literatur können nicht irren!): Menschen bekommen eigentlich meistens das, was sie sich fest vornehmen, wenn sie zielstrebig darauf hinarbeiten. Und wer seine ganze Energie investiert, um erfolgreich zu sein und alles für sich zu behalten, hat am Ende mehr, als jemand, der auch mal teilt oder etwas für andere tut.

„Jede*r von uns, der einem Arschloch den Vortritt lässt, erlaubt diesem auch, den Planeten kaputt zu machen, andere Menschen auszunutzen und sich selbst zu bereichern.“

Man muss sich dazu nur in der Gründerwelt umsehen: Wer den Anspruch hat, sein Geld mit anständigen Produkten oder Services zu verdienen und im Rahmen moralischer Grenzen zu handeln, hat es viel schwerer als jemand, der einfach nur finanziell erfolgreich sein will. Wer keine Skrupel hat, mit Billigklamotten Geld zu verdienen, wem Menschenwürde und CO2-Emissionen egal sind, der hat es viel leichter, als diejenigen, die Lieferketten kontrollieren, fair bezahlen und gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen wollen.

Einerseits ist das nicht so schlimm: Wie wir an Donald Trump und seinesgleichen sehen, macht Erfolg nicht glücklich. Menschen, die immer mehr wollen, haben auch nie genug und vergleichen sich immer mit dem, was sie nicht haben. Sie haben also nicht unbedingt etwas von dem Erfolg, den sie mit ihrem Arschlochtum haben.

Eine Hand und eine Torte

Andererseits aber schießen wir uns alle ins kollektive Knie, wenn die anständigen Menschen immer höflich beiseitetreten, um den Arschlöchern Platz zu machen und sich denken: Lass den mal machen; er wird schon wissen, was er tut. Das ist gefährlich: Denn jede*r von uns, der einem Arschloch den Vortritt lässt, erlaubt diesem auch, den Planeten kaputt zu machen, andere Menschen auszunutzen und sich selbst zu bereichern. Jede*r von uns, der sein Geld ungeprüft einer Firma gibt, die womöglich von Arschlöchern gesteuert wird, trägt indirekt zu einer Welt bei, die von solchen regiert (und aktuell zerstört) wird.

Da wir Menschen ein gutes Gespür für Arschlöcher haben (die Psychologen würden es vielleicht eher social cheater detector nennen), wünschen wir uns daher, dass alle von uns diesen Detektor auch einsetzen und Robert Suttons Devise der „no asshole rule“ folgen: die besagt, dass null Toleranz für Arschloch-Verhalten gelten soll. Egal wie kompetent oder mächtig jemand ist: egoistisches, rücksichtsloses, andere abwertendes Verhalten sollte niemals akzeptiert werden. Arschlöcher sollten sofort in ihre Grenzen gewiesen werden, man sollte sie nicht im eigenen Team akzeptieren, nicht für sie als Vorgesetzte arbeiten und nach Möglichkeit auch keine Produkte von Arschloch-Firmen kaufen.

Denn jede*r fängt klein an: Ein Riesenarschloch muss sich erst die Karriereleiter nach oben arbeiten, und in vielen kleinen Momenten können wir ihm die Stirn bieten. Und natürlich gehört dazu auch, hin und wieder selbstkritisch in den Spiegel zu schauen und sich zu fragen: Wo war ich heute selbst ein Arschloch, und wie kann ich es beim nächsten Mal besser machen?

Anmerkung: Das erwähnte Buch von Robert Sutton bitte nur als Zusammenfassung lesen. Der Autor dieses Artikels hatte bereits mit Prof. Sutton zu tun und kann – aufgrund akuten Arschloch-Verdachts – keine Kaufempfehlung aussprechen.