Geschlechtergefühle

Trans in Arbeit: Was Kolleg*innen und Organisationen tun können

Es gibt eine ganze Menge Geschlechter zwischen und jenseits von Mann und Frau, die in der Arbeitswelt viel zu selten vorkommen. Damit sich das ändert, gibt es diese Kolumne.

Text: Louka Goetzke
Illustrationen: Sören Kunz

Ein Porträt von unserem*r Autor*in

„Sollen wir eigentlich er oder sie sagen, wenn wir über dich reden?“ Diese Frage stellt meine Arbeitskollegin Lena in meiner ersten Arbeitswoche bei Neue Narrative, in unserem allerersten Teammeeting im Sommer 2018. Ich blicke überrascht auf und freue mich über die Klarheit dieser Frage und die Offenheit, die mitschwingt.

In meiner Bewerbung bei Neue Narrative habe ich bewusst überall ein Sternchen eingefügt: Student*in, Redakteur*in, Lektor*in. Auch mein Name gibt keinen eindeutigen Hinweis auf ein er oder sie. Alles Absicht, denn: Ich bin weder Mann noch Frau, mag weder in die eine Kategorie noch in die andere gepackt werden. Starre Schubladen und Identitäten fühlen sich einengend an, also versuche ich, ihnen durch Uneindeutigkeit zu entkommen. Pronomen, also die Frage nach dem er oder sie, finde ich daher schwierig. Beides passt nicht so richtig. Aus Pragmatismus nutze ich meist einfach beide, er und sie abwechselnd.

Wenn doch eine Zuschreibung notwendig ist und ich um eine Zuordnung nicht drum rumkomme, bezeichne ich mich als nichtbinäre trans Person. Damit gehöre ich zu einer Gruppe Menschen, die in der Arbeitswelt eher schlechte Karten hat. Laut einer Studie der EU Grundrechteagentur FRA sieht sich ein Drittel aller trans Personen beim Zugang zu Arbeit oder im Arbeitsverhältnis benachteiligt und etwa die Hälfte hält ihr Geschlecht am Arbeitsplatz geheim. Bei nichtbinären Personen sind es sogar 95 Prozent, also fast alle. Das ist krass.

Ich kenne die Zahlen und ich kenne die Angst vor Ablehnung, Blicken, grenzüberschreitenden Fragen oder Beleidigungen, habe deswegen selbst zwei Jahre ein Outing an einem vorigen Arbeitsplatz vor mir hergeschoben. Bei Neue Narrative habe ich mich dann wegen eines Instagram-Posts beworben. Es war der 8. März: Frauentag. Dieser Instagram-Post machte neben der Wichtigkeit des Frauentags auch auf Geschlechter jenseits der Binarität von Mann und Frau aufmerksam. Auf der Suche nach einem neuen Job war dieser Insta-Post für mich ein klares Zeichen, dass ich hier willkommen sein würde, mich nicht verstecken oder rechtfertigen müsste und Neue Narrative für mich ein guter Arbeitsort werden könnte. Das ist nicht selbstverständlich. Aus einem Gutachten der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geht hervor, dass 30 bis 40 Prozent aller trans Personen wegen ihres Trans-Seins bei Bewerbungen nicht berücksichtigt werden. 15 bis 30 Prozent verlieren wegen ihres Trans-Seins ihren Arbeitsplatz. Das hat zur Folge, dass die Hälfte aller trans Personen arbeitslos ist, im Vergleich zu 5 bis 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Und von denjenigen, die einen Job haben, verdient trotz überdurchschnittlicher Bildung rund ein Viertel monatlich weniger als 1.000 Euro netto, bei nichtbinären Personen sind es sogar 40 Prozent. Das ergab die Studie „Out im Office“ vom Institut für Diversity- & Antidiskriminierungsforschung.

Bei Neue Narrative habe ich nicht nur eine Organisation gefunden, in der mein Geschlecht respektiert wird, indem zum Beispiel in meinem Arbeitsvertrag Redakteur*in steht und alle konsequent meinen richtigen Namen nutzten, auch, als er noch nicht auf meinem Ausweis stand. Darüber hinaus werden meine Erfahrungen und mein Wissen als Ressource gesehen, meine Meinung zu relevanten Themen wird erfragt und bekommt Raum – zum Beispiel in dieser Kolumne.

Namensschild mit Pronomen

Ich erlebe aber auch immer wieder, dass mein uneindeutiges Geschlecht für Kolleg*innen oder Interviewpartner*innen schwer auszuhalten ist. Als trans Person bin ich es gewohnt, dass Leute mir ablehnend begegnen oder aus Unsicherheit peinlich berührt den Kontakt vermeiden, weil sie nicht wissen, wie sie mich ansprechen sollen. Dabei ist die Lösung ganz einfach: freundlich nachfragen! Fragen wie „Welche Pronomen nutzt du?“ oder „Wie möchtest du angesprochen werden?“ sind kein Affront. Im Gegenteil, sie zeugen von Respekt und ehrlichem Interesse daran, dem Gegenüber nicht mit falschen Anreden auf den Zehen herumzutrampeln. Wer meint, vom Äußeren immer richtig auf eine Identität oder ein Pronomen schließen zu können, liegt leider falsch. Klar, wir alle haben Sprech- und Sehgewohnheiten. Das Gute daran: Wir können sie verändern! Wenn wir es einmal ernsthaft versuchen, dauert es meist nicht so lange wie gedacht.

Und sollte dann doch einmal das falsche Pronomen oder Ansprache rausgerutscht sein, gilt: kein großes Ding draus machen, sich knapp entschuldigen und weiter geht’s. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass die betreffende Person eine solche Situation erlebt. In meinem Alltag passiert es ständig: „Guten Tag Herr Goetzk… oh äh Frau Goetz… eh Herr Goetzke, ähm, entschuldigung, entschuldigung.“ Bei der dann meist folgenden Entschuldigungstirade geht es mehr um den*die Sprecher*in als um mich, für mich wird die Situation dadurch eher unangenehmer.

Eine weitere Möglichkeit, als cis Person gendersensibel zu handeln, ist, das eigene Pronomen in die E-Mail-Signatur zu schreiben. In meinen E-Mails weise ich in meiner Signatur darauf hin, wie ich angesprochen werden möchte. In meiner Mail-Signatur steht:

Ich verorte mich weder als Mann noch als Frau und möchte Sie/dich daher bitten, auf vergeschlechtlichende Anreden zu verzichten. Willkommen sind bspw. „Guten Tag, „HallooderLiebe*r. Ich adressiere in der Regel genderneutral. Wenn Sie/du mit einem konkreten Pronomen angeschrieben werden möchten, teile(n Sie) mir dies gerne mit.

Richtig gut wäre es, wenn auch cis Menschen ihre Pronomen in Signaturen schreiben würden. Ein einfaches „Pronomen: sie“ oder „Pronomen: er“ unter dem Namen in der Signatur reicht schon. Dann wird die Ausnahme zur Regel. Eine inklusive Praxis bedeutet dann auch, Menschen nicht mehr einfach so mit „Herr“ oder „Frau“ anzuschreiben, sondern beispielsweise „Guten Tag Vorname Nachname“ zu verwenden.

Daran anschließend: Auch wenn es zu Beginn ungewohnt sein mag, ist es sinnvoll, bei Namensrunden gleich das eigene Pronomen anzufügen oder auf Namensschildern für Workshops dafür ein kleines Feld bereitzustellen. Ich fühle mich unendlich viel wohler auf Events, bei denen Geschlechtersensibilität gelebt wird und so ein Namensschild mit Pronomenfeld signalisiert mir eine grundsätzliche Offenheit und Akzeptanz. Diese kleine Geste zeigt, dass trans Personen und Personen, die sich nicht im Zwei-Geschlechter-System von Mann und Frau wiederfinden, bei der Veranstaltung willkommen sind.

Klar, neue Namen oder ungewohnte Pronomina zu nutzen, kann am Anfang anstrengend sein. So ist das manchmal bei Veränderung. Der innere Widerstand, den manche spüren, liegt aber, so meine ich, nicht an der Komplexität der Sache. Wenn zum Beispiel ein Kollege geheiratet hat und mit einem neuen Nachnamen ins Büro kommt, klappt die Umgewöhnung ja auch. Vielmehr herrscht vielleicht innerlich doch der Glaube daran, dass es doch aber eigentlich wirklich nur zwei Geschlechter gäbe und die andere Person sich etwas anstelle oder sogar nur Aufmerksamkeit wolle. Das ist aus wissenschaftlicher Perspektive Quatsch und – viel wichtiger – für die Frage nach einem respektvollen Umgang mit dem Gegenüber auch hinfällig.

Trans, Inter, Cis, Nichtbinär – eine Abgrenzung

Trans: Als trans Personen können jene bezeichnet werden, die sich nicht in dem Geschlecht wiederfinden, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

Inter: Als inter Personen können jene bezeichnet werden, die nicht eindeutig einer der medizinischen Normkategorien eines entweder männlichen oder weiblichen Körpers zugeordnet werden können. Inter Personen können sich als Frau, Mann oder beides/nichts von beidem verorten.

Cis: Cis Personen sind diejenigen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht wohlfühlen und daher als cis Mann oder cis Frau durch die Welt laufen.

Nichtbinär: Manche Menschen verorten sich außerhalb oder zwischen Mann und Frau. Manche bezeichnen sich als trans, andere nicht.

Direkt weiterlesen? Artikel, die dir auch gefallen könnten...

Justus und Sami von Morressier

Konflikte

Gründen mit Freund*innen: Was macht das mit der Freundschaft?

Wenn Freund*innen zusammen gründen, gehen sie gleich doppelt ins Risiko: Nicht nur das Start-up kann scheitern, auch die Freundschaft steht auf dem Spiel. Wir haben zwei Freunde getroffen, die gemeinsam gegründet haben und es noch immer miteinander aushalten.

Hannah Helmke redet auf einer Bühne

Klima

Hannah Helmke streitet fürs Klima

Hannah Helmke ist Gründerin des Fintechs right.based on science. In ihrem Job setzt sie sich mit dem Klimawandel auseinander. Dabei kommt es regelmäßig zu schwierigen Situationen: mit Unternehmen, auf Podiumsdiskussionen und mit ihren Geschäftspartner*innen. Wie geht sie damit um, was sind ihre Methoden? Wann funktioniert Harmonie und wann lohnt sich die Konfrontation? Ein Porträt

Porträtfoto Nicola Neuvians

Konflikte

„Es gibt Familien, die erst mal fünf Wochen schweigen, nachdem ein Streit aufgekommen ist“

In Familienunternehmen sitzen diejenigen, die tagsüber am Konferenztisch über strategische Fragen diskutieren, abends am Küchentisch und streiten um den letzten Löffel Suppe. Kann es gut gehen, wenn Lebensbereiche so sehr überlappen? Ein Interview mit Nicola Neuvians, Professorin für Organisation, Management und Unternehmensführung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden.