Toxische Männlichkeit: Ist sie ungesund?

Geschlechtergefühle

Toxic Masculinity: Ist Männlichkeit ungesund?

Text: Louka Goetzke
Illustration: Peer Jongeling

Es existieren eine ganze Menge Geschlechter zwischen und jenseits von Mann und Frau, die in der Arbeitswelt viel zu selten vorkommen. Damit sich das ändert, gibt es unsere Kolumne „Geschlechtergefühle“. Diesmal: Was steckt hinter toxischer Männlichkeit und wie sieht eine gesunde Männlichkeit aus?

Männer leben weniger gesund. Sie achten weniger auf ihren Körper, gehen seltener zur Ärztin, ernähren sich schlechter, rauchen und trinken mehr, arbeiten riskanter, haben mehr und schwerere Arbeitsunfälle und eine dreimal so hohe Suizidrate wie Frauen. Ist Männlichkeit also ungesund? 2019 warnte die amerikanische psychologische Gesellschaft vor gesundheitlichen Folgen traditionell männlicher Eigenschaften wie Risikobereitschaft, Konkurrenzdenken, dem Streben nach Status oder dem Demonstrieren von Dominanz. Sie seien schädlich, und zwar für die Person selbst wie für andere. Diese Vorstellungen von traditioneller Männlichkeit führten neben einer schlechteren Gesundheit für Männer zu Gewaltbereitschaft, untereinander und gegen andere – in Form von Trans-, Queer- und Frauenfeindlichkeit sowie Rassismus.

Wann ist ein Mann zu viel Mann?

Ab wann wird Männlichkeit toxisch?

In den Diskussionen um eine problematische Männlichkeit ist Toxic Masculinity zu einer allgemeinen Erklärung für männliche Gewalt und Sexismus geworden. Aber ab wann wird Männlichkeit toxisch? Ganz einfach: Sie ist es immer. Männlichkeitsvorstellungen basieren immer auf der Abgrenzung zu dem, was als weiblich angesehe­n wird. Ein Mann, der nicht genug männliche Eigenschaften aufweist, zu sanft, schwach oder schwul ist, läuft Gefahr, als Memme zu gelten und das Mann-Sein abgesprochen zu bekommen. Männlichkeit funktioniert also immer über die Abwertung von Weiblichkeit. Sie muss permanent unter Beweis gestellt werden, ist schwer zu gewinnen und leicht zu verlieren.

Hart und agressiv aus dem Gefühl etwas beweisen zu müssen.

Das Bedürfnis, Männlichkeit immer wieder zu beweisen, kann Männer dazu bringen, ihre Macht zu demonstrieren, außer Wut keine Gefühle zu zeigen, hart und aggressiv zu sein, ihren Körper funktionell und leistungs­orientiert einzusetzen und übertriebene Risiken einzugehen – besonders wenn sie sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen. Im Arbeitskontext zum Beispiel, indem sie extrem lange arbeiten oder andere Formen von Männlichkeitswettbewerben betreiben, über kompetitive Definitionen von Leistung und Erfolg, Belästigung von Frauen und anderen Geschlechtern, auch von anderen Männern, insbesondere wenn diese ihnen nicht männlich genug erscheinen.

Boys will be boys

Toxische Männlichkeit legt nahe, es gäbe neben einer schädlichen, übertriebenen Männlichkeit auch eine gute Männlichkeit. Uns sollte aber nicht eine Art Hyper-Maskulinität Sorgen bereiten, sondern das soziale Konstrukt Männlichkeit generell. Nicht Männer per se sind toxisch, Männlichkeit aber schon. Sich männlich zu fühlen, enthält immer ein Überlegenheitsanspruch gegenüber einer anderen Person. Und genau da liegt das Problem.

Es hat sich inzwischen rumgesprochen, dass es die eine echte Männlichkeit nicht gibt und dass wir Verhalten lernen und verlernen können. Trotzdem werden Männer bei sexistischem Verhalten oft aus der Verantwortung gelassen – zum Beispiel durch das infantilisierende Boys will be boys. Anstatt zu erwarten, dass sie sich mit ihrem eigenen Verhältnis zu Gewalt und zu Weiblichkeit beschäftigen, verharmlosen wir ihr Verhalten und tun so, als könnten sie nicht anders.

Sexismus ist keine Charakterschwäche

Alle kennen Betroffene, keiner kennt Täter. Da kann was nicht stimmen.

Spätestens seit #MeToo ist präsent, wie alltäglich sexualisierte Gewalt ist: Mehr als zwei Drittel aller nicht-männlichen Personen werden an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt. Die Täter sind fast immer Kollegen oder männliche Vorgesetzte – und das auch, wenn Männer belästigt werden. Aber: Alle kennen Betroffene, keiner kennt Täter. Und: Alle Männer denken, sie seien keine Täter. Da kann was nicht stimmen.

Das Konzept toxische Männlichkeit trägt zu diesem Problem bei: Sexualisierte Gewalt und Sexismus werden als Charakterfehler einiger Männer aufgefasst. Damit wird die Verantwortung für geschlechtsspezifische Ungleichheiten auf bestimmte, schlechte Männer individualisiert. Die toxischen Männer, das sind natürlich die anderen, die Groben, die Rowdies, die es noch nicht verstanden haben – während der reflektierte Mann sich der eigenen Männlichkeit ganz gepflegt mit beruflichem Erfolg, einem fetten Gehalt und einem hohen sozialen Status versichert. Auf diese Weise legitimiert die Vorstellung toxischer und gesunder Männlichkeit patriarchale Verhältnisse und macht Unterdrückung unsichtbar, anstatt sie zu beseitigen. Denn es geht nicht nur um Belästigung und Übergriffe, sondern auch strukturelle Ungleichheiten, um Macht, Einfluss und Ressourcen. Männlichkeit ist nicht nur Grundlage, sondern auch Ergebnis unseres aktuellen Wirtschaftssystems.

Die besseren Männer

Seit Jahrzehnten organisieren Frauen Vernetzungstreffen und Gesprächsrunden, um über ihre Erfahrungen in der (Wirtschafts)welt zu sprechen, über patriarchale Strukturen und wie diese sich ändern können – ganz so, als hätte Geschlechterdiskriminierung nichts mit Männern zu tun. Männerbünde dienen eher dazu, die eigenen Machtpositionen abzusichern. Stattdessen könnte es mal einen Männerabend geben, bei dem Männer über Gewalt und Dominanz im eigenen Umfeld und untereinander reden, über ihre ständige Rivalität und wie sie die Scham, Dinge zu tun, die als weiblich gelten, überwinden können – und sich fragen, warum nicht-männliche Personen so viel häufiger sexuell belästigt werden, weniger verdienen, weniger Eigentum, Machtpositionen und Aufstiegschancen haben, aber jeden Tag fast 1,5 Stunden mehr unbezahlte Arbeit leisten – und was sie dagegen tun können.

Gegenseitiges Übertrumpfen hilft nicht weiter.

Solche Gesprächsrunden sollten natürlich nicht dazu dienen, sich dann besser und kritischer zu fühlen und das Unbehagen aufzulösen, mit dem Mann sich rumschlägt, wenn er auf seine privilegierte Position gestoßen wird. Denn dieses Unbehagen ist ein Indikator dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. In Männlichkeitswettbewerben geht es darum, wer der bessere Mann ist. Nun mag im Wandel sein, womit dieser Wettbewerb zu gewinnen ist. Der Überlegenheitsanspruch bleibt aber erhalten. Anstatt sich also im Modus des Übertrumpfens und Gewinnens als die guten, reflektierten Männer von den schlechten Männern abzugrenzen, wäre es zielführender, darauf hinzuarbeiten, die Ursachen männlicher Privilegien und Männlichkeit zu überwinden.

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