Eine Person mit Gurken im Gesicht

Gesundheit

Reframing #selfcare: Wie wir das Konzept neu denken können

Was wir heute Selfcare nennen, sind häufig Selbstverständlichkeiten, die wir brauchen, damit es uns gut geht. Durch diese Verschiebung werden unsere grundlegenden Bedürfnisse zum vermarktbaren Produkt. Das ist ein Problem.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen.“ – Astrid Lindgren

Öffnen wir die sozialen Medien, läuft uns ein Hashtag besonders oft über den Weg bzw. das Smartphone: #Selfcare. Wir posten ihn unter gesundes Essen, eine Kerze, eine Yogamatte, unsere Badewanne, unseren täglichen Corona-Spazierpfad, ein Glas Sekt, ein Buch oder Bilder von unseren Freund*innen oder Familien. Aber ist das alles Selfcare? Also die tatsächliche Sorge für uns selbst und unsere Gesundheit? Oder ist eine Kerze nicht einfach ein konsumierbares Produkt und Yoga eben Bewegung, die wir für Körper und Gesundheit betreiben? Sind Badewanne und Gesichtspflege nicht notwendige Hygiene? Ist es nicht so, dass eigentlich all die Dinge, die wir als Selfcare framen, Selbstverständlichkeiten des täglichen Lebens darstellen?

Natürlich ist es toll, wenn wir Zeit zum Lesen finden, Pausen machen, mit einer wohlduftenden Kerze in der Wanne liegen und uns unser Lieblingssport Energie gibt. Das ist aber nichts, das man sich erkämpfen sollte. Das ist tatsächlich einfach unser Leben vor und nach der Lohnarbeit. #Selfcare sollte mehr sein als das Abdecken unserer grundlegenden Bedürfnisse. Wenn unsere Bedürfnisse plötzlich zur Selfcare werden, zu Konsumprodukten, zu etwas, das wir uns leisten können oder nicht, dann sollten wir den Begriff dringend neu besetzen.

Die Ursprünge der Selfcare

Selfcare, das Kümmern um sich selbst, die Selbstfürsorge, wird heute häufig mit Konsum oder sogar Leistung gleichgesetzt. Wer sich gut um sich selbst kümmert, der*dem geht es auch besser.

Geldscheine mit Menschen, die Selfcare betreiben drauf

Schauen wir uns den Ursprung der Selbstfürsorge an, sind wir damit ganz schön weit abgedriftet. Selfcare wurde nicht von Firmenbossen oder in Shampoo-Fabriken erfunden, es handelte sich um eine politische Forderung, die vor allem von Schwarzen Communities gebildet wurde. Das amerikanische Gesundheitssystem der USA benachteiligt bis heute viele Menschen, die unter Diskriminierung, Rassismus oder Armut leiden. In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelten sich im Zuge der Civil Rights Movements, also der amerikanischen Bürger*innenrechtsbewegung, der Frauenrechtsbewegung und Widerstandsgruppen wie den Black Panthers eigenen Ansätze für gegenseitige Unterstützung und gesundheitliche Fürsorge. Es bildeten sich sogar eigene Krankenhäuser. Diese setzten es sich zum Ziel, Schwarzen Menschen gesundheitliche Unterstützung zu bieten, Geburten sicher zu begleiten und das Überleben in einem maroden System sicherzustellen. Selfcare war also eine Bewegung, die Menschen von „unten“ das anbot, was ihnen von „oben“ verwehrt wurde.

Im Zuge der 1970er-Jahre kam die Idee der „Wellness“ hinzu, die von Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen entwickelt wurde, die sich enttäuscht über die westliche Schulmedizin zeigten. Auch in der Hippie-Bewegung fand diese ihren Platz. Wellness sollte nicht nur die Abwesenheit von Krankheit sein, sondern auch die „positive health / positive Gesundheit“, mit der wir uns wirklich gut fühlen und nicht nur „nicht schlecht“.

In den 1980er- und 1990er-Jahren begann der Begriff sich zu wandeln. Selfcare und Wellness kamen im Mainstream an und wurden vermarktbar. Der Fitness-Hype machte die Selbstfürsorge zu einem Markt voller Home-Training-Videos von Cindy Crawford. Auch Yoga und Entspannungskurse hielten Einzug in die New Yorker High Society und wurden als weiteres Element der Selbstoptimierung vermarktet. Diäten für einen möglichst schlanken Körper gehörten ebenso dazu. So entstand ein anderes, unpolitisches und elitäres Verständnis der Selbstfürsorge: Selbstfürsorge als Produkt, das sich mit Zeit und Geld flexibel konsumieren lässt und diejenigen vergisst, die es ursprünglich benötigten.

Produkte, die unter dem Stichwort Selfcare laufen, machen diese zu einem Gut. Inhaltlich geht es dabei lange nicht mehr darum, womit wir positive Gesundheit erreichen, sondern was wir konsumieren.

Wer davon profitiert

Statt marginalisierter Communitys profitieren von dieser Verschiebung insbesondere Unternehmen und das kapitalistische System. Produkte, die unter dem Stichwort Selfcare laufen, machen diese zu einem Gut. Inhaltlich geht es dabei lange nicht mehr darum, womit wir positive Gesundheit erreichen, sondern was wir konsumieren.

Tees, Wellness-Urlaube, Make-up und Kochbücher laufen heute unter Selfcare. Hinzu kommen Produkte, die uns wieder fit machen sollen. Der moderne Mensch ist schön, ausgeglichen und leistungsfähig. Dies erreicht er durch genug Selfcare. Viele Produkte werden so vermarktet, dass wir meinen, wir kümmern uns um uns selbst. Energieriegel geben uns Power und Abdeckstift benutzen wir, weil „wir es uns wert sind“. Dabei vergessen wir die Frage, warum es uns häufig nicht gut geht. Anders als die Ursprünge der Selfcare, die sich gefragt haben, was den Menschen fehlt und dies konkret angeboten haben, überspringen wir die politische Ebene. Warum haben wir keine Energie? Warum fühlen wir uns ausgebrannt? Wir versuchen Belastungen im Alltag und in der Arbeitswelt mit Selbstfürsorge beizukommen. Darunter verstehen wir allerdings nicht mehr die gegenseitige Fürsorge, sondern gönnen uns mal was Gutes, ein Eis oder ein Parfüm oder meditieren und machen Yoga, um wieder fit für den Alltagsstress zu werden.

Auch Arbeitgeber*innen profitieren von toxischen Strukturen, die nicht Arbeitsverhältnisse, sondern den*die Einzelne in den Blick nehmen, wenn es um Gesundheit geht. Die Verantwortung zu Themen wie Überlastung und Stress wird dem Individuum überlassen, das krampfhaft versucht, sich durch Meditationen und Entspannungstees wieder fit zu machen. Wenn wir nicht mehr für die Arbeit funktionieren, müssen wir eben ein bisschen mehr Arbeit in uns selbst stecken und unsere Prioritäten neu setzen. Schade ist nur, dass eben nicht alle Zeit und Geld für einen Yoga-Kurs haben, denn viele Menschen sind alleinerziehend, müssen mehrere Jobs stemmen, um über die Runden zu kommen. Das ist in der heutigen Selfcare nicht vorgesehen. Anders als in ihrem ursprünglichen Ansatz, der genau die Menschen im Blick hatte, die Marginalisierung erfahren, richtet die Selfcare sich heute an die Gutverdienenden. Die, die glauben, dass wir mit der richtigen Einstellung alles erreichen können, unabhängig von sozialen Gegebenheiten. Aus dem solidarischen Community-Gedanken von Selfcare wurde also eine ichbezogene Haltung, der es an politischem Potenzial mangelt.

Für ein neues Verständnis von Selfcare

Das Problem liegt also nicht im Begriff, sondern in seiner heutigen Verwendung. Obwohl es wünschenswert wäre, dass sich Dinge strukturell ändern, können auch wir schon einiges tun, um #selfcare wieder mit einem sinnhaften Inhalt zu füllen und trotzdem überhöhter Individualisierung entgegenzutreten:

1. Überdenkt den Selfcare-Begriff

Selfcare ist Selbstfürsorge, die nicht nur das Individuum mit einschließt, sondern ein gesellschaftliches Potenzial hat. Wir sollten die Geschichte des Begriffes nicht ausblenden, sondern anerkennen und wertschätzen. Konkret heißt das, nicht mehr unseren Chai-Latte als Selfcare zu framen, sondern gemeinsame Care-Strukturen aufzubauen. Dies kann natürlich auch ein öffentlicher spendenbasierter Yogakurs sein. Der Unterschied ist, dass es nicht darum geht, einfach Geld in einem privaten Studio für eine Yogastunde zu zahlen, sondern Strukturen aufzubauen, die z.B. auch Geringverdiener*innen mit einbeziehen und einen öffentlichen, gesellschaftlichen, gemeinsamen Anspruch haben.

Menschen mit Selfcare-Schildern

2. Akzeptiert Selfcare als Arbeit

Selfcare ist Arbeit. Also ein Prozess, der Mühe macht, der etwas erschafft, der uns voranbringt, der uns absichert und dem Zweck dient, unser Leben zu verbessern. Arbeit beinhaltet die eigene Anstrengung und so ist auch Selfcare ein Prozess, der zur Arbeit gehört. Wir strengen uns an, damit Dinge in unserem Leben besser werden. Denken wir hier wieder an die Ursprünge des Selfcare-Begriffes, geht es um das Aufbauen von Strukturen und Hilfsangeboten. Selfcare dreht sich häufig nur noch um das Wieder-Fit-Werden für unsere Lohnarbeit. Yoga für mehr Leistungsfähigkeit. Doch bei Selfcare geht es eigentlich um die Arbeit für sich und andere. Was brauchen wir, damit es uns gut geht? Was brauchen unsere Freund*innen und unsere Familie, damit es ihnen gut geht? Herauszufinden, was einem am Herzen liegt, was einem gut tut und wie man positiv Gesundheit herstellen, positiv zusammen leben kann, ist ein wichtiger Aspekt der Selfcare. Einfach weil es schön und wichtig ist, dass es uns gut geht. Und nicht nur nicht schlecht.

3. Gründet Selfcare-Clubs

Es ist wichtig, dass wir Selfcare nicht als Alleingang leben. Auch hier könnten wir zu den Wurzeln zurückkehren. Selfcare nicht mehr als Konsum verstehen, nicht als Verbesserung unseres Körpers durch Sport, sondern als gemeinsamen Ansatz, der sich Selfcare zum Ziel setzt. Können wir überlastete Eltern und Erziehungsberechtigte entlasten, indem wir Kinderbetreuung im Freund*innenkreis ab und an übernehmen? Können wir anderen, die unter psychischen Belastungen oder einem Burn-out leiden, gemeinschaftlich helfen, sodass nicht nur eine Person Pflege und Betreuung übernehmen muss, z.B. der*die Partner*in, sondern alle die Verantwortung teilen? Zum Wohlfühlen. Wir können gemeinsam lernen, unsere Bedürfnisse anzusprechen, Grenzen zu setzen und aufeinander zu achten. Gesundheit zum gemeinsamen Thema zu machen. Selfcare zu teilen. Das kann konkret heißen, Clubs bzw. Gruppen zu gründen, in denen wir in regelmäßigen Treffen Selfcare betreiben. Kann z.B. eine Person professionell massieren, kann sie ihr Wissen an die Gemeinschaft weitergeben und eine Gruppe trifft sich, um sich etwas Gutes zu tun, gemeinsam zu entspannen und zu reden. Wir können zudem kommunale Strukturen aufbauen, die Menschen und ihre Bedürfnisse einbeziehen. Generationenübergreifendes Wohnen, spendenbasierte Gesundheits- oder Sportangebote, die allen zugänglich sind, oder private Kinderbetreuung. Auch Selbsthilfe- oder Theatergruppen können hier Beispiele sein. Alle Strukturen, die Menschen füreinander und miteinander aufbauen, ohne große finanzielle Hürden zu schaffen und ohne sie als Einnahmequellen zu instrumentalisieren. Das klingt nicht nach Selfcare, aber vielleicht heißt das „self“ eben gar nicht, dass wir alles alleine machen müssen, sondern dass wir wichtig sind. Jede*r einzelne.

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