Nachhaltigkeit

„Niemand kann erklären, wie die Menschheit überleben soll, wenn wir weitermachen wie bisher“

Bereits im Mai 2018 hatte Deutschland seine natürlichen Ressourcen für das laufende Jahr aufgebraucht. Für Prof. Dr. Niko Paech gibt es nur einen langfristigen Ausweg aus dieser Situation: den in die Postwachstumsökonomie.

Interview: Lisa Baier

Niko Paech

Herr Paech, ist es verantwortungslos, wenn wir weiter wirtschaften wie bisher?

Absolut. Niemand kann erklären, wie die Menschheit überleben soll, wenn wir weitermachen wie bisher. Wir zerstören auf immer ruinösere Weise unsere ökologischen Lebensgrundlagen, und zwar trotz des Wissens über die Konsequenzen unseres Lebensstils und trotz vermeintlicher Fortschritte in der Umwelttechnik.

Der Ausweg aus der Misere ist Ihrer Ansicht nach der Weg in die Postwachstumsökonomie. Was bedeutet das?

Die Postwachstumsökonomie bildet eine Basis für die prägnante Reduktion der Industrieproduktion und des Verkehrs. Um als Folge dessen Massenarbeitslosigkeit zu vermeiden – auf die laufen wir ohnehin zu, bedingt durch die Digitalisierung – müsste die Arbeitszeit verkürzt werden. Das langfristige Ziel könnten durchschnittlich 20 Stunden pro Woche sein.

Dann hätten wir mehr Zeit, aber weniger Geld.

Ganz genau. Um einen Teil des Einkommensrückgangs auszugleichen, kann die freigewordene Zeit dazu genutzt werden, jenseits der geldbasierten Versorgung andere Möglichkeiten des Wirtschaftens zu erschließen, um Bedürfnisse zu befriedigen. Eine derartige Subsistenz oder ergänzende Selbstversorgung ist leicht umzusetzen: zum Beispiel durch Nutzungsgemeinschaften, in denen man sich eine Waschmaschine, ein Auto und einen Rasenmäher teilt. Oder in Repair-Cafés, in denen man sich trifft, um kaputte Dinge zu reparieren, seien es Fahrräder, Hosen oder Laptops. Eine reaktivierte Gartenwirtschaft und offene Werkstätten zwecks eigener Produktion können ein Übriges beitragen.

Nachhaltigkeit ist weniger eine Kunst des zusätzlichen Bewirkens als der klugen Unterlassung.

Anscheinend kann ich auch als Individuum einiges fürs Klima tun. Wo liegt denn die kritische Grenze, an der ich einen gewissenhaften und verantwortungsvollen Lebensstil ausrichten kann?

2,5 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr und Kopf ist eine realistische Grenze. Das bedeutet übersetzt: keine Flugreisen, keine Kreuzfahrten, und das Auto nur im Notfall nutzen. Keine zu große Wohnung und sparsam heizen. Dinge gemeinschaftlich nutzen, wo es nur geht, und alles, was man noch selbst hat, unbedingt so pflegen und gegebenenfalls reparieren, dass die Nutzungsdauer mindestens verdoppelt wird. Möglichst wenige tierische Produkte essen, was auch der Gesundheit zugutekommt. Dabei muss man nicht mal Vegetarier sein, aber man sollte den Fleischkonsum auf maximal 24 Kilogramm pro Jahr reduzieren. Gerade liegen wir im Durchschnitt bei 60 Kilogramm Fleischverzehr pro Kopf und Jahr. Es hilft auch, möglichst regional und saisonal einzukaufen. Nachhaltigkeit ist weniger eine Kunst des zusätzlichen Bewirkens als der klugen Unterlassung. Im Kern geht es um die Frage, wie viel ich mir nehmen darf, ohne über meine Verhältnisse zu leben. Sodass die gesamte ökologische Belastung meines Lebens mit 7,6 Milliarden multipliziert werden kann und dabei herauskommt, dass unsere ökologischen Lebensgrundlagen nicht geschädigt werden.

Sie haben einmal gesagt, dass sich an den Flugreisen eines Menschen zeigt, ob er oder sie nachhaltig gelebt hat. Der Rest sei Schmuck am Nachthemd. Warum ist das so?

2,5 Tonnen CO2 pro Jahr reichen nicht für Flugreisen. Ein Flug nach Sydney liegt bei 12 Tonnen CO2. Überlegen Sie mal: Sie erzeugen da mit einer einzigen Luxus-Flugreise – und Fliegen ist immer Luxus – etwa sechs Prozent des CO2-Ausstoßes, der Ihnen in Ihrem ganzen Leben zusteht. Auch eine Flugreise nach London produziert mehr als eine halbe Tonne pro Person, also ein Fünftel des Jahresbudgets. Um von den in Deutschland ca. 12 Tonnen CO2 pro Person und Jahr auf höchstens noch 2,5 Tonnen herunterzukommen, wäre eine drastische Reduktion des Flugverkehrs, der niemals zu den Grundbedürfnissen zählt, der erste Schritt.

Nachhaltiges Reisen heißt zweierlei, nämlich auf dem Boden zu bleiben und fremde Kulturen zu respektieren, statt sie als Teil eines globalen Vergnügungsparks zu vereinnahmen.

Nehmen wir an, wir würden ein Flugverbot ausrufen, um den Planeten zu retten. Würden wir nicht drei, vier Generationen später merken, dass die Welt wieder isolierter, kulturell homogener und anfälliger für Fremdenhass ist?

Nein, genau umgekehrt: Kulturelle Konflikte sind das Resultat der Flugreisen oder besser gesagt des kosmopolitischen Lebensstils. Die links-liberale Ideologie, dass es friedlicher zugeht, wenn alles vernetzt ist, zerschellt an der Realität. Wenn nämlich alles mit allem verbunden ist, dann vergleicht sich und konkurriert auch alles mit allem. Unzufriedenheit und die Zerstörung von Kulturen sind das Ergebnis. Menschen im globalen Süden, die in materiell bescheidenen Verhältnissen leben, werden durch die Konfrontation mit den Abkömmlingen dekadenter Konsumgesellschaften entwürdigt. Die Reaktionen darauf lassen sich in drei Kategorien unterteilen: erstens, unser wachstumsorientiertes Konsummodell zu kopieren, zweitens, die materiell überlegenen Kulturen als „gottlose“ Feinde zu bekämpfen, oder drittens, durch Migration die Wohlstandsinseln zu erreichen. Keine dieser Varianten ist nachhaltig. Das muss kein Grund sein, Grenzen zu schließen oder diplomatische und wirtschaftlich sinnvolle Beziehungen zu kappen, sondern sich klarzumachen, dass auch für die Globalisierung gilt, dass die Dosis das Gift macht. Jedenfalls ist zu bezweifeln, dass jemand erst Afrika und Lateinamerika gesehen haben muss, um weltoffen und empathisch gegenüber anderen zu sein. Nachhaltiges Reisen heißt zweierlei, nämlich auf dem Boden zu bleiben und fremde Kulturen zu respektieren, statt sie als Teil eines globalen Vergnügungsparks zu vereinnahmen.

Wie übernehmen Regierungen Verantwortung?

Demokratische Regierungen sind längst zu willfährigen Erfüllungsgehilfen einer öko-suizidalen Daseinsform geworden. Sie wetteifern darin, jede beliebige Klientel mit ständig neuen Freiheits- und Wohlstandsangeboten zu beglücken. Politische Gestaltungsprinzipien sind auf das dumpfe Niveau des Geschenkeausteilens herabgesunken. Nur keine Konflikte oder Einsichten in die Notwendigkeit einer Selbstbegrenzung riskieren! Eine Postwachstumsökonomie ist immer eine Mischung aus Übungs- und Entzugsprogramm. Und das lässt sich nicht an die Politik delegieren, denn das hieße, den eigenen Lebensstil abzuwählen.

Unternehmen können Postwachstumspioniere werden

Was meinen Sie damit?

Wenn alle Entkopplungs-, Green-Growth- oder Energiewende-Konzeptionen versagen, entspricht es keiner ethischen Vorgabe, sondern schlichter mathematischer Logik, dass allein Reduktion und Selbstbegrenzung weiterhelfen. Damit Menschen bereit sein können, eine Politik zu wählen, die ihnen genau dies aufoktroyiert, müssen sie ein entsprechendes Leben erst eingeübt haben. Die mehrheitlich praktizierten Lebensführungen könnten davon kaum weiter entfernt sein. Mit der politischen Wahl einer Postwachstumsstrategie würden sich die meisten Menschen in eine Situation stürzen, die sie restlos überfordert. Reduktive Daseinsformen sind keine Frage des Wollens, sondern des eingeübten Könnens. Somit enden hier die Möglichkeiten demokratischer Politikinstanzen: Mehrheitsfähig ist vorläufig nur, was in den Abgrund führt. Das lässt sich nur ändern, wenn genügend Reallabore und Pioniere in Erscheinung treten, die ein postwachstumstaugliches Leben glaubwürdig vorführen, um der Politik und dem Rest der Gesellschaft die Angst davor zu nehmen.

Wie können Unternehmen verantwortlich handeln?

Unternehmen können Postwachstumspioniere werden, indem sie beispielsweise flexible Arbeitszeitmodelle anbieten. Ausgerechnet der Konzern, auf dem zu Recht alle rumhacken, hat das vorgemacht: VW hat über das sogenannte Wolfsburger Modell seinen Arbeitnehmer*innen einen interessanten Deal angeboten, nämlich Geld gegen Zeit. Außerdem können Unternehmen durch ihre Supply-Chain, insbesondere ihr Lieferanten-Netzwerk, regionalere wirtschaftliche Bezüge herstellen. Und ein weiterer Schritt wäre, das Produktdesign zu verändern: Reparabilität, Modularität, Langlebigkeit sind absolut wichtige Parameter. Der radikalste Schritt, den ein Unternehmen gehen kann, ist Konsumenten dazu zu bringen, möglichst wenig kaufen zu müssen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich habe einen Unternehmer kennengelernt, der Schreibtische herstellt, die modular der Körpergröße angepasst werden können, die also eine Anschaffung fürs Leben sind. Zudem bietet das Unternehmen alle nötigen Wartungs- und Reparatur-Services an, um den Schreibtisch langfristig in Schuss zu halten. Wichtig ist, Dinge zu erhalten, damit Konsument_innen wenig Anlass zum Neukauf haben, also mit weniger Geld auskommen. So kann die Wirtschaft kleiner werden. Oder nehmen wir als Beispiel_ Nudie Jeans_: Die bringen ihren Kund_innen bei, die Hose möglichst selten zu waschen und sie zu reparieren, wenn sie kaputt ist. Damit gewöhnen sie den Kund*innen den unnötigen Verschleiß von Textilien ab. Das nenne ich Prosumenten-Management, also Konsumierende zu Produzierenden oder Reparierenden werden zu lassen.

Wollen wir die Ökologie aus Mitleid mit RWE und Ryanair aufgeben?

Für viele Unternehmen von heute ist der Schritt in diesen Paradigmenwechsel sicherlich einer, an dem sie untergehen würden, oder?

Einige besonders ruinöse Konzerne würden wohl verschwinden. Aber es nützt nichts: Wollen wir die Ökologie aus Mitleid mit RWE und Ryanair aufgeben? Strukturwandel bringt immer Gewinner_innen und Verlierer_innen hervor. Und der findet auch ohne Übergang in eine Postwachstumsökonomie fortwährend statt. Unternehmen sind kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um ökonomisch dazu beizutragen, dass Menschen in einer sozial und ökologisch verantwortbaren Weise leben können. Wenn sie dazu nicht willens oder in der Lage sind, dann müssen sie verschwinden und anderen Platz machen.

Das Bruttoinlandsprodukt ist Ausdruck unserer wachstumsorientierten Volkswirtschaft. Was halten Sie von alternativen Bemessungen von nationalem Wohlstand wie dem Gross National Happiness Index in Bhutan oder dem globaler gedachten Happy Planet Index?

Wissenschaftler*innen sollten sich nicht anmaßen, Zufriedenheit, Glück und das subjektive Wohlbefinden objektiv messen zu können. Jeder Mensch sollte einerseits einen individuellen ökologischen Rahmen respektieren, also nicht über seine materiellen Verhältnisse leben. Andererseits sollte ihm niemand vorschreiben, wie er diesen Rahmen nutzt, also ob er zum Beispiel lieber einen Kasten Bier oder eine neue Hose kauft. Alternative Wohlfahrtsmaße wie der Nationale Wohlfahrtsindex, der Happy Planet Index und so weiter lassen einige Fragen offen: Wie soll das damit ausgedrückte Wohlbefinden dauerhaft zunehmen können, ohne materielles Wachstum? Lässt sich das von Menschen empfundene Glück auf immaterielle Weise permanent steigern?

Und wenn bei einem solchen Index gar kein Wachstum angestrebt wird?

Dann sollten wir so ehrlich sein und von einer Überwindung des Wachstumsdogmas sprechen, statt so zu tun, als würde irgendein geheimer Ausweg existieren, der weiterhin ökonomische und gesellschaftliche Steigerungsprozesse ermöglicht, die jedoch aller physischen und damit ökologischen Wirkungen enthoben sind. Auf Wachstum zu verzichten ist weit effektiver, als ein neues Wohlfahrtsmaß innerhalb des alten wachstumsorientierten Systems zu Rate zu ziehen. Wie glücklich oder unglücklich ich bin, muss mir jedenfalls niemand vorrechnen.

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