Eine Spritze und ein Thermometer

Gesundheit

Gesunde Arbeit: Wir sind doch alle krank!

Text: Louka Goetzke
Illustration: Henriette Rietz

Unser Verständnis von Gesundheit macht uns krank. Wie sieht ein neues Narrativ für Gesundheit aus und welche Rolle spielt es für eine gesunde Arbeitswelt?

Streng genommen sind nur 4,3 Prozent aller Menschen gesund. Sind wir also fast alle krank? Und wenn ja, was bedeutet das für unser Leben und für die Arbeit?

Hinter den 4,3 Prozent steht ein biomedizinisches Verständnis von Krankheit. Demnach gilt als gesund nur, wer nicht krank ist. Krankheiten treten dann auf, wenn Funktionen des Körpers gestört sind. Die Untersuchung dieser Fehlfunktionen war und ist wesentlicher Gegenstand westlicher Naturwissenschaften. Im 19. Jahrhundert entwickelten sie das bis heute verbreitete Verständnis von Krankheit als objektivierbare Störung eines Organismus. Krankheit wurde nicht mehr als Strafe Gottes verstanden, stattdessen wurden als Ursachen entweder negative Einflüsse von außen gesehen, zum Beispiel Viren oder ein Unfall, oder interne Vorgänge wie das Altern.

Eine Vorstellung von Gesundheit steckt nur implizit in diesem Bild: als die Abwesenheit von Krankheit. Mit dem Ziel, ein positives Gesundheitsverständnis zu etablieren, definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1946 Gesundheit als einen Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Es geht also nicht nur um objektivierbare Krankheitszustände, sondern auch um das subjektive Erleben eines Menschen. Demnach ist Gesundheit allerdings ein Ideal, das niemand erreichen kann. Denn jede Form von Krankheit, Unwohlsein oder Behinderung gilt als unwillkommene Abweichung vom Ideal. Wer nicht gesund ist, gilt als krank – so, als wären es zwei eindeutige Zustände und dazwischen läge eine klare Grenze.

Gesundheit ist ein Prozess

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Dabei gehört Krankheit zu Gesundheit dazu. Wir können zum Beispiel mit einer chronischen Krankheit ein gutes Leben führen und uns gesund fühlen. Für eine starke Immunabwehr sind Krankheiten sogar unerlässlich: Unser Immunsystem lernt durch den Kontakt mit Erregern; deshalb erkranken wir an manchen Infektionskrankheiten nur einmal im Leben. Als gesund kann die Fähigkeit gelten, sich anzupassen und mit Veränderungen und bestehenden Beschwerden umzugehen. So schrieb der französische Arzt und Philosoph Georges Canguilhem: „Bei guter Gesundheit sein heißt: krank werden können und davon genesen.“

Gesundheit ist also vielmehr ein dynamischer Prozess als ein Zustand. Anstatt eine strenge Krank-Gesund-Dichotomie zu erschaffen, passt es besser, Gesundheit als ein Kontinuum zu sehen. Diese Denkweise hat der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky in den 1980er-Jahren mit dem Konzept der Saluto­genese popularisiert. Demnach befindet sich eine gesunde Person nicht in einer Art Normalzustand, der durch eine Krankheit aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Antonovsky versteht Gesundheit als generell labil. Sie muss kontinuierlich hergestellt werden, denn wir bewegen uns stetig zwischen den Polen gesund und krank: Wir sind alle ein bisschen krank, aber sind, schreibt Antonovsky, „solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund“. Anstatt also auf Krankheiten zu fokussieren, fragt die Salutogenese danach, wie wir – trotz Risiken – gesund bleiben können, also was uns helfen kann, uns im Gesund-Krank-Kontinuum Richtung gesund zu bewegen.

Wer vom Dichotomie-Denken profitiert

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Die Idee von Gesundheit als Kontinuum ist keineswegs neu: In der antiken Medizin verstand Hippokrates Gesundheit als ein inneres Gleichgewicht, welches auch durch die eigene Lebensführung beeinflusst werden kann. Mit der Industrialisierung wurden aber Maschinen zum Vorbild für Menschen. Wie bei einer Maschine sind im biomedizinischen Modell zwar alle Teile im Körper miteinander verbunden, können aber bei einer Fehlfunktion separat behandelt werden. Kommt es zu einer Störung im System, kann diese lokalisiert und gemessen werden, woraufhin eine passende Behandlung gefunden wird, damit wieder alles reibungslos läuft, die Normalfunktion wieder hergestellt wird. In diesem Bild gibt es Ursachen für Krankheiten und Möglichkeiten, diese Ursachen zu beseitigen und damit auch die Symptome. Dieser Fokus auf die Fehlfunktionen dient dazu, Krankheiten zu kontrollieren und für eine möglichst gesunde Bevölkerung oder Arbeiterschaft zu sorgen. Es geht also zentral um Leistungs- und Arbeitsfähigkeit.

Die Grenze zwischen gesund und krank ist ein Konstrukt.

Um die Maschine reparieren zu können, braucht es klare Definitionen von dem, was als Störung gilt. Die WHO legt mit einem internationalen Klassifizierungssystem fest, was als Krankheit gilt. Darin wird zum Beispiel definiert, ab wie vielen Wochen die Trauer nach dem Verlust eines nahen Menschen Krankheitswert hat. Die Formulierung solcher Krankheitsbilder mit ihren Kriterien sind die Grundlage für viele nationale medizinische Leitlinien. Die Grenze zwischen gesund und krank ist dabei ein Konstrukt: Was zum Beispiel in den USA Bluthochdruck ist, gilt in Deutschland als normal. Die Wechseljahre galten früher als krankhafter Zustand, der versucht wurde mit Hormonzugabe zu vermeiden.

Die oft als objektiv erscheinenden Definitionen von gesund und krank sind machtvoll, denn was als krankhaft gilt, ist unerwünscht. Homosexualität wurde bis 1992 von der WHO als Krankheit geführt, was maßgeblich zu Stigmatisierung und Diskriminierung beigetragen hat. Bis zur 11. Neuauflage 2022 wird auch Transgeschlechtlichkeit als krankhafte Störung pathologisiert, neu hinzu kommen ab Januar Kaufsucht und Internetsucht.

Gesundheit ist Arbeit

Unserem westlich-individualistischen Menschenbild entsprechend betrachten wir auch Krankheit und Kranke individuell, als Merkmal einer Person, und nicht interpersonal oder sozial. Deswegen verorten wir die Ursachen für Krankheit im Individuum selbst statt im Umfeld, bei krankmachenden Arbeitsbedingungen oder fehlender Prävention und den finanziellen Ressourcen dafür. In dieser individualisierten Vorstellung ist Gesundheit das Ergebnis einer aktiven Entscheidung. Die Vorstellung vermittelt, dass jede*r gesund leben kann, er*sie es nur wollen muss. Das heißt auch: Wer krank ist, ist selber schuld.

Gesundheit wird Pflicht.

Der Druck, individuell möglichst viel für die eigene Gesundheit zu tun, wächst. Wir sind selbst für unsere Gesundheit verantwortlich, was die Soziologin Monica Greco als Merkmal unserer Gesundheitsgesellschaft beschreibt: Selbstdisziplin wird zur Voraussetzung für Gesundheit, Gesundheit zur Pflicht. Wir leben mit dem Ziel, gesund zu leben, und nicht dem Ziel, gesund zu leben, um gut zu leben. Wir arbeiten kontinuierlich an uns selbst und versuchen mit gesundem Essen und vermeintlich gesundheitsfördernden Apps unsere Kalorien, Schritte, den Schlaf oder Blutdruck zu kontrollieren und zu optimieren. Wir tun aber nie genug, sondern befinden wir uns in einem permanenten Mangelzustand, denn: Wir können nicht alles kontrollieren und niemand kann immer vollständig gesund sein.

Gesundheit ist multidimensional

Dieses Konzept von Gesundheit lässt sich gut vermarkten, als individuelles, immer wieder erneuerbares Gut. An die propagierte Eigenverantwortung und unser Gefühl der Unzulänglichkeit schließen Unternehmen mit überteuerten Health-Produkten an. Bei der Verlagerung der Verantwortung auf das Individuum gerät aus dem Blick, wie verschiedene Lebensverhältnisse Gesundheit beeinflussen. Es wird negiert, dass es Zusammenhänge gibt, die mit einem funktionellen Blick auf Körper und Krankheiten nicht erfasst werden können, dass die Psyche, der Körper und die Welt, in der wir leben, sich permanent verändern und wechselseitig aufeinander einwirken.

Gesundheit ist immer körperlich und psychisch, aber auch sozial und materiell bedingt. Dabei sind die Möglichkeiten, gesund zu leben, ungleich verteilt. Neben Rauchen, Alkohol, schlechter Ernährung oder Bluthochdruck zählt Feinstaub in der Außenluft zu den zehn größten Gesundheitsrisiken in Deutschland. Wer in einer lauten Umgebung wohnt, sich Sorgen um Geld, den Mietvertrag oder den Aufenthaltstitel machen muss, Rassismus erlebt oder Angst haben muss, auf der Straße angegriffen zu werden, lebt mit einem permanenten Stress-Hintergrundrauschen. Je ärmer eine Person in Deutschland ist, desto wahrscheinlicher stirbt sie früh. Sie schläft schlechter, ist einsamer, der schlecht bezahlte Job ist körperlich belastender, es fehlt das Geld für gesundes Essen. Menschen ohne oder mit prekärer und schlecht bezahlter Erwerbsarbeit haben ein höheres Risiko, psychische und körperliche Erkrankungen zu entwickeln. Dabei kann eine Erwerbsarbeitslosigkeit sowohl die Ursache als auch die Folge von Gesundheitsproblemen sein – in jedem Fall fehlt dann das Geld für gesundheitsfördernde Maßnahmen, die die Krankenkasse nicht zahlt.

Macht Kapitalismus krank?

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Keine Arbeit kann krank machen, Arbeit aber auch: Mehr als ein Fünftel erlebt die eigene Arbeit als gesundheitsgefährend, insbesondere wegen Zeitdruck, Überstunden, ständiger Erreichbarkeit, Leistungsdruck, körperlich schwerer Arbeit sowie sozialen Konflikten am Arbeitsplatz. Die Belastungen haben sich von körperlichen zu psychischen verschoben: Die Fehlzeiten infolge psychischer Erkrankungen haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Nach Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sind sie der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit in Deutschland.

Nur sehr wenige Organisationen haben Strategien oder Ziele, um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu erhalten und wenn, dann stehen Arbeits- und Leistungsfähigkeit im Fokus, nicht aber die Gesundheitsbelastungen durch Arbeit. Betriebliches Gesundheitsmanagement bedeutet vielerorts, die Menschen fit zu halten oder fit zu machen, damit sie besser arbeiten können – ganz so, als würde nicht nur der Mensch mit einem mechanischen Blick betrachtet, sondern auch die Organisation, in der dann kranke Menschen die Störungen sind, die es zu beheben gilt.

Krankheit gehört nicht auf die Arbeit, denn da sollen wir was leisten. Wir machen den Wert von Menschen generell, aber insbesondere in Arbeitskontexten von ihrer Produktivität abhängig und verstehen die individuelle Leistungsfähigkeit als Maßstab für Gesundheit. Also sortieren wir Menschen, die als krank oder behindert gelten, in der Arbeit aus, gehen krank zur Arbeit, um nicht als schwach zu gelten, verheimlichen Depressionen und täuschen einen Urlaub vor, wenn wir in eine psychosomatische Klinik gehen.

Eine Arbeitswelt für Kranke

Nun sind aber weder Menschen noch die Organisationen, in denen sie arbeiten, Maschinen. Wer von menschenzentrierten Organisationen spricht, also den ganzen Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, kann seine Krankheiten nicht aussparen. Wir sind alle krank, waren es oder werden es sein. Leid und Schmerz sind unausweichlich Teil des menschlichen Lebens und damit auch Teil der Arbeitswelt. Denn wir nehmen unsere Krankheit mit zur Arbeit, wir geben sie nicht einfach an der Tür ab, auch wenn viele Organisationen so tun, als ob.

Auch für Organisationen gilt Gesundheit als die Fähigkeit, sich anzupassen, und zwar an die Bedarfe der Menschen, die in ihnen arbeiten, mit ihren Krankheiten und Behinderungen. Bei New Work geht es häufig darum, Menschen stärkenbasiert einzusetzen. Das ist gut. Wer dabei aber nur auf den Menschen ohne seine Umwelt schaut, sieht nicht die Belastungen und Barrieren, die Menschen krank machen, behindern und ausschließen – darunter ungleiche Bildungs- und Teilhabechancen, die Stigmatisierung von Krankheiten und die Vorstellungen dazu, wer belastbar und leistungsfähig ist.

Lasst uns offen krank sein!

In einer gesundheitskompetenten Organisation wird deshalb Produktivität nicht mit Gesundheit gleichgesetzt und Gesundheit nicht als individuelle Leistung verstanden. Anstatt also eine Gesundheitsfürsorge auf das Individuum und seine Anpassungsfähigkeit abzuwälzen, sollten wir uns von einem selbstbezogenen zu einem situationsbezogenen Verständnis von Gesundheit bewegen.

Gesundheit ist ein dynamisches Geschehen. Arbeit, wie sie einst bei New Work gedacht war, schadet nicht möglichst wenig, sondern ist in diesem Geschehen der Gesundheit zuträglich! Dass Gesundheit vage und subjektiv ist, wird auf dem Weg dahin oft als hinderlich angesehen. Wir sollten aber genau diesen Charakter erhalten, damit Gesundheit nicht weiter leistungsorientiert ausgerichtet und zu jederpersons Pflicht werden kann. Wenn die Verantwortung nicht so stark individualisiert wird, nimmt das Stigma ab und wir können alle offen krank sein. Und das ist in jedem Fall gesundheitsfördernd.

💡 Takeaways

  1. Wer nicht krank ist, gilt als gesund. Gesundheit ist aber kein Normalzustand, der sich durch die Abwesenheit von Krankheit auszeichnet, sondern ein dynamisches Geschehen. Niemand kann vollständig gesund sein.
  2. Gesundheit und Gesundheitschancen sind immer körperlich und psychisch, aber auch sozial und materiell bedingt. Wer Gesundheit verstehen und verbessern will, muss deswegen die ganze Situation und nicht nur das Individuum in den Blick nehmen.
  3. Das gilt auch für die Arbeit. Wir setzen Gesundheit mit Leistungsfähigkeit gleich und schließen Krankheit aus der Arbeitswelt aus. Besser wäre es, die Belastungen und Barrieren zu fokussieren, die Menschen ausschließen und krank machen.
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