Warum es okay ist, in Meetings zu weinen

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Warum es okay ist, in Meetings zu weinen

Text: Lena Marbacher
Illustration: Elizabeth Pich

Kompetenz im Umgang mit Emotionen ist ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Arbeitswelt. Trotzdem haben sie immer noch nicht in allen Organisationen Raum. Deshalb gibt es unsere Kolumne „Es ist okay …“

Als ich mit dem Check-in zu Beginn des Meetings an der Reihe bin, merke ich, dass ich meine Emotionen nicht zurückhalten kann. Und auch nicht möchte. Ein paar Tränen laufen mir über die Wangen. „Eigentlich wäre ich heute lieber allein“, sage ich in die Runde. Nicht, weil mir unangenehm ist, dass die anderen jetzt sehen können, wie ich weine, sondern, weil es mit mir allein schon anstrengend genug ist. Auch für den geplanten Lunch-Termin sage ich den Kolleg*innen ab. Denn ich bin heute mit Vorsicht zu genießen.

Ich weine bei der Arbeit

Warum es okay ist, in Meetings zu weinen

Diese Situation war nicht das einzige Mal, dass ich im Meeting geweint habe. Ich weine regelmäßig bei der Arbeit. Seit 2016 passiert mir das ca. sechsmal im Jahr. Ich habe für diesen Text nachgezählt. An das erste Mal erinnere ich mich kaum noch, aber es war irgendwann vor 2016 und vermutlich aus Wut. Heute variieren die Gründe: Ich weine beispielsweise wegen Stress, den ich privat habe oder wegen des Gefühls, im Job oder Leben gerade nicht zu genügen. Als ich im Frühjahr den naiven Spagat zwischen zwei Vollzeitjobs versucht habe, fühlte ich mich wochenlang mies. Ich konnte in keinem Job meine gewohnte Produktivität an den Tag legen und das fiel (nicht nur mir) auf. Im Feedbackgespräch mit den Teams wurde klar, dass es so nicht funktioniert. Ich war überarbeitet, aber vor allem stresste mich der mentale Workload, zwei Organisationen zu 100 Prozent genügen zu wollen. Es braucht aber nicht unbedingt einen konkreten Anlass, damit ich bei der Arbeit weine. Eher ist es so, dass mir das passiert, wenn ich eine besonders direkte Verbindung zu mir und meinen Emotionen spüre. Zu fühlen ist da immer viel, aber sehr oft bemerke ich es nicht, weil ich mit dem Alltag beschäftigt bin, in dem Aufgaben und Projekte vorangetrieben werden wollen. Ich muss auch nicht traurig sein, um zu weinen. Viel eher ist Weinen ein Zeichen dafür, dass mich etwas gerade berührt, nicht selten auch die Konflikte anderer oder die Spannungen in einer Gruppe. Ich weiß, dass Weinen nicht besonders trended – auch nicht in Organisationen, die von sich behaupten, Neue Arbeit zu betreiben. Ich bin so sozialisiert worden wie wohl die meisten von uns:

„Weinen ist ein Zeichen von Schwäche, Kontrollverlust und Unprofessionalität. Als Frau entspricht Weinen zwar dem konservativen Rollenbild, bei der Arbeit ist es aber dennoch unpassend. Warum eigentlich?“

Es braucht das richtige Umfeld

Früher habe ich deutlich häufiger versucht zu verhindern, dass andere meine Tränen sehen und bin auch schon mal zum Weinen aufs Klo gegangen. Mittlerweile lasse ich laufen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht manchmal kurz frage, ob ich mich schämen sollte, aber ich habe eine laute innere Stimme entwickelt, die zurückfragt: Ernsthaft jetzt, Scham?

Es braucht das richtige Umfeld

Emotionen zu zeigen ist für mich eine Frage des Klimas. Es gibt Menschen, bei denen ich nicht weine. In vielen Unternehmen tabuisieren die kulturellen Rahmenbedingungen Weinen so sehr, dass sich mein emotionaler Zugang von selbst verschließt. In einem früheren Anstellungsverhältnis beispielsweise gab es nur operative Meetings für Projekt-Updates, für zwischenmenschliche Begegnung existierte keine Fläche – außer beim Mittagessen. Das Miteinander war eher von Konkurrenzdenken und weniger durch echte Teamarbeit geprägt. Wenn Vertrauen zueinander aber darauf basieren soll, dass man voneinander maximal die Kaffee-Vorliebe kennt, kommen mir nicht die Tränen. Wenn Menschen verschlossen sind und wenig von sich zeigen, berühren sie mich weniger und auch ich bin dann weniger bereit, mich zu zeigen. Die Distanz bleibt dann größer. Das ist okay. Ich selbst kann aber in solchen Umfeldern meine Wirksamkeit nicht voll entfalten, ich fühle mich gehemmt, mein ganzes Ich zu zeigen. Gute Beziehungen in Teams entstehen für mich nicht unbedingt dadurch, dass ich die privatesten Geheimnisse der anderen kenne, ich muss sie nicht einmal dafür duzen. Viel wichtiger ist, dass sie sich ehrlich mit ihren Stärken, Schwächen, Bedürfnissen und Ängsten im Arbeitskontext zeigen können. In diesen Teams kann ich weinen. Für diese Organisationen entwickle ich Leidenschaft.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Tränen

Mir ist klar, dass es für manche Menschen auch überfordernd sein kann, wenn ich bei der Arbeit anfange zu weinen. Deshalb ist für mich nicht nur der Umgang meiner Umgebung mit Tränen entscheidend, sondern auch der eigene. Wenn ich weine, ist mir klar, dass ich die Verantwortung für meine Emotionen trage. Die Gefühle dazu entstehen in mir. Sie können natürlich durch das Verhalten anderer ausgelöst werden, aber dennoch erwarte und benötige ich keine Heilung von außen. Indem ich meine Tränen zeige, mache ich lediglich meinen Gemütszustand transparent, ähnlich wie wenn ich lache. Ich breche nicht aufgelöst in Tränen aus und beschuldige andere. Ich zeige einfach ganz selbstverantwortlich, wie ich mich gerade fühle.

#1 Boss

Wer dennoch Schuldgefühle empfindet oder die Situation als unangenehm wahrnimmt, sollte sich meiner Meinung nach fragen, warum das so ist. Es ist nicht immer alles nur gut und die Kompetenz mit unangenehmen Gefühlen umzugehen, gehört für mich zu einer gesunden Organisation – ja, zu einer gesunden Gesellschaft – dazu. Ich persönlich habe noch nicht erlebt, dass Menschen mich gebeten haben, das Weinen in Zukunft zu lassen. Einige von ihnen habe ich danach gefragt, weil ich mir nicht sicher war. Stattdessen aber wurde mir gespiegelt, dass meine Ehrlichkeit sie berührt hat und manche Spannung dadurch endlich ansprechbar wurde. Und manchmal hat auch schon eine*r mitgeweint. Warum auch sollten Menschen auf der Arbeit ihre Emotionen verbergen? Was wird schlechter dadurch, dass sie zeigen, wie es ihnen wirklich geht?

Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall: Es wird einiges besser, wenn auch schwierige Emotionen einen festen Platz in Organisationen haben. Denn sie sind sowieso da. Und es kostet viel Energie, eine professionelle Maskerade aufrechtzuerhalten. Ich habe als Praktikantin geweint, als Senior-Beraterin, als Gesellschafterin und ich tue es als Gründerin.

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