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Viele Hände, die gemeinsam ein Whiteboard gestalten
Co-Kreation

Wann es sinnvoll ist, co-kreativ zu arbeiten

  • Text: Emma Marx
  • Input-Geber*innen: Patricia Stark & Gisa Schosswohl
  • Illustration: Clara Sinnitsch

Dieser Guide erklärt, was co-kreative Prozesse ausmacht und wann sie für euer Projekt nützlich sind.

Co-Kreation ist nicht immer sinnvoll: Ein*e Goldschmied*in beispielsweise kann ohne jegliche Unterstützung von außen Gegenstände anfertigen, die ihren Zweck ideal erfüllen. Und auch für Teams ist Co-Kreation kein Selbstzweck: Wenn schon von Beginn an klar ist, wie das Endergebnis eines Projekts aussehen soll, und der Fokus darauf liegt, möglichst unkompliziert dorthin zu kommen, kann eine starke Öffnung des Prozesses zum Beispiel eher ablenken.

Was aber sinnvoll ist: im Team Klarheit darüber zu entwickeln, wie co-kreativ ihr schon arbeitet und arbeiten wollt. Dafür stellen wir euch in diesem Guide einige Kriterien vor, die unserer Meinung nach co-kreative Prozesse kennzeichnen. Anschließend helfen Fragen euch dabei, euer Projekt darin zu verorten.

Kriterien für co-kreative Prozesse

Folgende Kriterien kennzeichnen co-kreative Prozesse:

Iterativer Charakter

Co-kreative Prozesse sind meist von iterativen Schleifen geprägt, weil nicht von Anfang an klar ist, wie das Endergebnis aussieht. Immer wieder können neue Erkenntnisse im Prozessverlauf dazu führen, dass ihr einen oder sogar zwei Schritte zurückgehen müsst, weil ihr etwas Wichtiges übersehen habt. Dennoch lassen sich co-kreative Prozesse in vier Phasen unterteilen1: Involvieren, Verstehen, Idee finden und Validieren. Die Phasen folgen grundsätzlich chronologisch aufeinander.

  1. Involvieren – Die Herausforderung verstehen: Werdet gemeinsam zu Expert*innen der Herausforderung. Sammelt dafür möglichst viele Informationen über den Status quo, die Stakeholder und deren Beziehungen zueinander. Werdet euch über gemeinsame Werte und Spielregeln für eure Arbeit bewusst.
  2. Verstehen – Auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen konzentrieren: Bezieht für ein vertieftes Verständnis der Herausforderung die Sichtweisen der Nutzer*innen mit ein. Diese bilden den Startpunkt für die Entwicklung erster Lösungen.
  3. Ideen finden – Konzepte und Prototypen erschaffen: Sammelt, unter aktiver Beteiligung der Stakeholder, Lösungsideen. Ordnet diese nach Gruppen, um den Überblick zu behalten, und sucht nach relevanten Kriterien, die für das Ergebnis gelten sollten. Schließt Ideen aus, die diese Kriterien nicht erfüllen. Erstellt in dieser Phase auch Storyboards und schnelle Prototypen.
  4. Validieren – Präsentieren, testen, bewerten: Überprüft eure Ideen und Konzepte, indem ihr die Prototypen mit allen involvierten Personen testet und euch ihre Meinungen einholt. Passt die Lösung zu den Bedürfnissen?

Offenheit für externe Impulse

Co-kreative Prozesse führen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Im Idealfall werden alle in den Prozess einbezogen, auf die das Ergebnis Auswirkungen haben wird. Je vielfältiger die Perspektiven der Teilnehmenden sind, desto sicherer kann man sein, dass das Endergebnis den Ansprüchen, die an es gestellt werden, genügt. Lai*innen und Profis, Produzent*innen und Nutzer*innen bringen schließlich jeweils unterschiedliche Perspektiven mit – ebenso verhält es sich mit Männern, Frauen, non-binären Personen, jungen und alten Menschen, Weißen und BIPoC2, Menschen mit und ohne Behinderung. Im co-kreativen Prozess ist jede*r Expert*in des eigenen (Erfahrungs)wissens. Oft ergibt es Sinn, bestimmte Stakeholder nur punktuell einzubeziehen, anstatt beispielsweise Nutzer*innen mit dem gesamten Produktentwicklungsprozess, der viele Detailfragen berührt, zu langweilen.

Eine Hand, die drei Schilder mit den Beschriftungen „Facilitator“, „Informant*in“ und „Fachexpert*in“ hochhält

Verteilte Verantwortung

Co-kreative Prozesse funktionieren nicht top-down, sondern indem alle Beteiligten die Verantwortung für den Prozess und das Ergebnis übernehmen. Dabei sind bestimmte Strukturen sinnvoll: beispielsweise klare Entscheidungsprozesse oder eine Rollenverteilung, die auf Kompetenzen beruht. Große Entscheidungen, die das gesamte Projekt betreffen, werden gemeinsam getroffen, während kleine, spezialisierte Entscheidungen von denjenigen mit der größten Kompetenz im Bereich gefällt werden. Es ist auch sinnvoll, eine oder mehrere Facilitator*innen-Rollen zu verteilen, die sich darum kümmern, dass die Prozesse eingehalten werden. Facilitator*innen schaffen Strukturen, organisieren und moderieren die Treffen, binden Stakeholder mit ein und sorgen für eine ausgewogene Balance.

Explizites Wissen

Co-Kreation lebt von Transparenz. Das bedeutet einerseits, dass kein information hiding stattfindet, also keine Informationen aus taktischen Erwägungen vorenthalten werden. Andererseits ist es wichtig, dass allen Teilnehmer*innen am Prozess die Begrenzungen bewusst sind, die von außen vorgegeben sind. Alle Stakeholder sollten über beschränkte finanzielle oder zeitliche Ressourcen Bescheid wissen. Nur dann können sie diesen Rahmen mitdenken und ihre Lösungen daran anpassen.

Wo verortet ihr euch?

Im Folgenden findet ihr Aussagen, die die genannten Kriterien greifbar machen. Sie können euch dabei helfen, Klarheit darüber zu gewinnen, wie co-kreativ ihr arbeiten wollt bzw. schon arbeitet. Es geht dabei nicht darum, überall 100 Prozent zu erreichen, sondern vor allem darum, über die Kriterien ins Gespräch zu kommen und Unterschiede sichtbar zu machen.

Stellt euch die Aussagen als eine Skala vor und verortet euch darauf. Bei welchen Aussagen gehen die Verortungen im Team weit auseinander? Woran liegt das?

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Eine unvollständige Liste

Wo verortet ihr euch?

Iteration:

  • Das Denken in Prototypen ist bei uns fest verankert.
  • Zu Beginn eines neuen Projekts wissen wir häufig noch nicht, was am Ende dabei herauskommt.
  • Es ist okay, unfertige Gedanken und Ergebnisse zu teilen.

Offenheit:

  • Wir holen proaktiv Ideen, Impulse und Feedback von Nutzer*innen und anderen Personen außerhalb unseres Teams ein.
  • Wir freuen uns über Feedback und sehen es als Chance, Dinge besser zu machen.
  • Wir laden verschiedene Nutzer*innen mit vielfältigen Perspektiven regelmäßig dazu ein, am Prozess teilzunehmen.

Verteilte Verantwortung:

  • Wir haben klare Rollen und jede*r im Team kennt sie.
  • Alle für eine Entscheidung relevanten Perspektiven von Stakeholdern werden im Prozess abgefragt.
  • Es gibt eine oder mehrere Personen, die für die Facilitation unseres Prozesses verantwortlich sind.

Explizites Wissen:

  • Alle Stakeholder haben einen Überblick über unsere finanziellen Ressourcen.
  • Alle Stakeholder wissen jederzeit, in welchem zeitlichen Rahmen wir uns bewegen.

Ist und Soll abgleichen

Kein Team der Welt kann alle Schieberegler auf 100 Prozent schieben. Das ist okay. Denn darum geht es nicht. Wichtiger ist, Klarheit über euer eigenes Arbeiten zu erhalten: Anhand der Schieberegler könnt ihr erkennen, welche co-kreativen Kriterien ihr umsetzt und welche nicht. Nicht auf jedes Kriterium habt ihr Einfluss. Wenn ein Team beispielsweise einen interaktiven Produktentwicklungs-Workshop mit Nutzer*innen durchführen möchte, aber keine Miro-Boards außerhalb der Organisation teilen darf, dann ist das Kriterium „Offenheit für externe Impulse“ begrenzt. Sie könnten dann darauf umsteigen, Feedback über Mails einzusammeln – das ist aber natürlich nicht das Gleiche wie ein gemeinsamer interaktiver Workshop.

Nutzt die Schieberegler als Priorisierungshilfe und fragt euch gemeinsam: Wo stehen wir schon da, wo wir sein wollen? Wo wollen und können wir noch stärker co-kreativ arbeiten? Findet dazu im gemeinsamen Gespräch eine Haltung. Priorisiert die Kriterien nach oben, die ihr verändern wollt und schaut regelmäßig gemeinsam darauf. Vor allem, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, beispielsweise weil euer Team wächst oder die Finanzierung eines Projekts plötzlich gesichert ist, lohnt sich eine neue Verortung.

Quellen

  • 1

    Die Unterteilung in vier Phasen basiert auf dem Curriculum, das im europäischen Erasmus+ Projekt CO-CREATE entwickelt wurde.

  • 2

    BIPoC ist die Abkürzung von Black, Indigenous, People of Color. Auf Deutsch: Schwarz, Indigen und People of Color (der Begriff wird nicht übersetzt). All diese Begriffe sind Selbstbezeichnungen von Menschen, die vielfältigen Formen von Rassismus ausgesetzt sind.

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