Mindfulness

Compassionate Leadership – Führen mit Achtsamkeit und emotionaler Intelligenz

Immer mehr Unternehmen beschäftigen sich mit Achtsamkeit und emotionalen Kompetenzen. Ist das einfach nur ein Trend, der wieder vergeht? Wir haben Mounira Latrache gefragt, die sich seit vielen Jahren mit Achtsamkeit und der Frage nach Führung im 21. Jahrhundert beschäftigt.

Interview: Sebastian Klein

Wieso ist in Zukunft eine andere Art von Führung, von Leadership nötig?

Wir befinden uns mitten in der vierten industriellen Revolution: Komplexität und Geschwindigkeit haben in der Arbeitswelt drastisch zugenommen, und genauso wird es weitergehen. Wir erleben eine Evolution von Maschinen, und wir werden auch eine Evolution des Menschen brauchen, um mit der Entwicklung standhalten zu können. Der positive Nebeneffekt ist, dass wir in dieser Entwicklung gezwungen werden, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Wir erleben in der Hinsicht gerade eine Kehrtwende, die sich viele schon lange wünschen: Arbeit und Führung haben auf einmal wieder mehr mit uns Menschen zu tun.

Welche Art von Leadership brauchen die Organisationen der Zukunft?

Leadership wird in Zukunft nicht mehr so sehr bedeuten, alle wichtigen Entscheidungen zu treffen und immer stark zu sein, sondern vielmehr, ein Team aufzubauen und Menschen zu befähigen. Ein Chef kann gar nicht mehr Experte in jedem Thema sein, daher wird es viel wichtiger, das Team zu stärken, aus dem Weg zu gehen und nur da zu sein, wenn ein_e Mitarbeiter_in Unterstützung braucht. Leadership bekommt somit eine Service-Qualität: vom Ich zum Wir. Das bedeutet auch, Schwäche zu zeigen und einzusehen, dass man es selbst nicht immer am besten weiß. Es bedeutet, ein guter Zuhörer und Coach zu sein, ein Moderator in co-kreativen Prozessen. Und dabei echte Wertschätzung zu zeigen, also wirklich zu sehen, was die andere Person den ganzen Tag macht und das auch artikulieren zu können.

„Ich muss raus aus dem Autopiloten und auch die Fähigkeit zu Stille, zum Innehalten kultivieren.“

Welche Fähigkeiten sind dafür nötig?

Ich muss mich als Führungskraft mehr mit den Mitarbeiter*innen beschäftigen und jedem einzelnen dabei helfen, stärker in die Selbstreflexion zu gehen. Dabei fange ich zuerst bei mir selbst an, um dann anderen helfen zu können. Das heißt, ich brauche mehr emotionale Intelligenz, also ein stärkeres Bewusstsein über mich selbst, bessere Fähigkeiten zur Selbststeuerung, und auch Empathie für mich selbst und für andere. Neben dem EQ geht es aber auch um den AQ, den agilen Quotienten – damit meine ich Resilienz oder die Fähigkeit, mit ständigen Veränderungen umzugehen.

Die Führungskraft der Zukunft muss authentisch sein, denn die Leute haben keinen Bock mehr auf Bullshit. Je authentischer die Führungskraft, desto stärker das Team. Denn Führen heißt auch in Zukunft noch voranzugehen und andere hinter einer Vision zu versammeln und sie zu inspirieren. Um das zu können, brauche ich Respekt, und den bekomme ich heutzutage nur, wenn ich authentisch bin.

All diese Themen verlangen erst mal Bewusstheit über mich selbst. Ich muss raus aus dem Autopiloten und auch die Fähigkeit zu Stille, zum Innehalten kultivieren. Und das, während draußen die Welt immer schneller und komplexer wird.

Was hat Mitgefühl bzw. Compassion mit Führung zu tun?

Compassion ist viel mehr als Mitgefühl. Compassion bedeutet für mich nicht nur, dass ich mich in die andere Person hineinversetzen und mit ihr fühlen kann. Sondern es bedeutet auch, dass ich den Wunsch empfinde, dass das Leid der anderen Person beseitigt wird, dass es ihr als Mensch gut geht.

Das heißt übrigens nicht, immer weich zu sein, sondern durchaus auch, nein zu sagen und nicht zuzustimmen, wo ich anderer Meinung bin. Als Führungskraft will ich die richtige Entscheidung fürs Team treffen, und das kann auch bedeuten, dass jemand das Team verlassen muss. Die Frage ist dann nur, wie ich damit umgehe: Compassionate Leadership heißt für mich, dass ich den Elefanten im Raum erkenne und auch anspreche. Dass ich in Interaktion mit der anderen Person gehe, die unangenehmen Gefühle auch bei mir zulasse und wahrnehme. Ich spüre auch den Schmerz der anderen Person – und entlasse sie trotzdem aus dem Team. Wenn das der richtige Schritt ist und ich vorher alles getan habe, um die Person zu befähigen.

Ich behandle die Sache als Sache, und den Menschen behandle ich als Menschen: Wenn jemand gehen muss, unterstütze ich ihn und lasse ihn als Menschen gehen. Und ich gebe ihm die Wertschätzung, die er verdient, weil er sich ja offensichtlich bisher für das Unternehmen eingesetzt hat.

Das klingt auch nach einer Art femininem Leadership, kann man das so sagen?

Bestimmt kommen künftig mehr feminine Anteile in Leadership. In der Vergangenheit wurde das nicht zugelassen, weil wir da dachten, bei Führung geht es vor allem um harte Fakten und Zahlen. Aber es ist nicht so, dass alles Gefühlsmäßige rein weiblich wäre, das ist einfach menschlich, und auch Männer sind Menschen.

„Ein gutes Herz zu haben und die eher feminine Seite in sich zu leben, heißt nicht, dass man nicht auch gleichzeitig stark und männlich sein kann.“

Was in der Vergangenheit nur oft gemacht wurde von Führungskräften war, diese Gefühle nicht zuzulassen und sie einzusperren. Das geht dann eine Weile gut, und in den 40ern stürzt man in die Midlife Crisis, weil man einen Teil von sich so lange nicht zugelassen hat. Ich wünsche mir daher für uns alle, dass wir besseren Zugang zu unseren Emotionen bekommen. Unser Körper ist voll von Emotionen, und die zuzulassen, dazu wieder Zugang zu bekommen, hilft uns, eine ganz andere Qualität an den Tag zu legen. Und Mitgefühl für den Rest der Welt zu haben.

Übrigens ist es so, dass Daniel Goleman, ein Vorreiter in der EQ-Forschung in Unternehmen, herausgefunden hat, dass Führungskräfte, die stärker im Emotionalen sind, durchweg als bessere Führungskräfte gesehen werden. Das gilt sogar in Umfeldern, wo man es gar nicht für möglich halten würde, wie z.B. dem Militär.

Auch hier landen wir wieder beim Compassionate Leadership: Ein gutes Herz zu haben und die eher feminine Seite in sich zu leben, heißt nicht, dass man nicht auch gleichzeitig stark und männlich sein kann.

Und was heißt das für weibliche Führungskräfte?

Denen wünsche ich, dass sie möglichst viel aus ihrer weichen Seite herausholen als Führungskraft. Denn es wird in Zukunft immer wichtiger, dass es einem Team gut geht, und Frauen können das oft sehr gut spüren. Wenn sie dann auch noch stark darin sind, eine Gefühlslage zu artikulieren und auch den Elefanten im Raum anzusprechen, ergibt das wirklich starke Führung.

Google hat sehr aufwändig beforscht, was erfolgreiche Teams auszeichnet. Das Merkmal, das starke Teams wirklich abhebt, ist psychologische Sicherheit. Diese psychologische Sicherheit, die lässt sich nicht mit Ansagen erzielen. Dazu brauchen wir Soft Skills und emotionale Intelligenz: Eine gute Führungskraft weiß, wie es um das Team steht und ob es gerade ein paar versteckte Themen gibt.

Welche Rolle spielt dabei Intuition?

Jack Ma hat mal gesagt, Intuition ist das, was Maschinen uns nicht so schnell abnehmen können. Viele Dinge, die früher von Chefs gemacht wurden, wie Business-Forecasts, das werden bald alles Maschinen machen. Dagegen sind Kreativität, Intuition und Herzqualität die Dinge, die uns auch weiterhin als Menschen ausmachen und auf die wir uns auch besinnen sollten, wenn wir noch einen Mehrwert haben wollen.

Kann ich das alles eigentlich lernen? Oder muss man diese Fähigkeiten von Geburt an mitbringen?

Das Schöne ist, dass, anders, als bis vor Kurzem gedacht wurde, eigentlich praktisch alles trainiert werden kann. Unser Gehirn ist plastisch, wir können durch Übung und Erfahrungen unsere eigene Software verändern. Wir können unsere Autopiloten umschreiben; was auch immer ich regelmäßig in meinen Fokus bringe, wird zu meinem Denken und irgendwann zu dem, wer ich bin.

„Für mich gehört zu guter Führung auch dazu, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen.“

Wenn ich zum Beispiel daran arbeiten möchte, mehr Verbundenheit mit anderen zu empfinden, kann ich das üben. Ich mache das, wenn eine Person in mir zunächst eine eher negative Haltung auslöst und ich denke, ich kann nicht mit ihr. Dann sage ich mir selbst einfach „Möge diese Person glücklich sein“ oder „Diese Person ist ein Mensch, genau wie ich“. Wenn ich das immer wieder wiederhole, dann wirkt sich das aus: Am Anfang meine ich es vielleicht noch gar nicht, wenn ich es mir vorsage, doch mehr und mehr verbindet mich dieser kleine Gedanke mit der anderen Person.

Das Schöne ist, dass uns meistens viel mehr mit anderen Menschen verbindet, als uns voneinander trennt, daher funktionieren solche Übungen so gut.

Was gehört noch zu guter Führung?

Es gibt noch eine Sache, die uns die Maschinen nicht abnehmen können: etwas, das oft zu Innovation und Kreativität führt. Das ist unser Humor, unsere Verspieltheit. Daher gehört für mich zu guter Führung auch dazu, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen. Wenn mal was schief läuft, das mit Humor zu nehmen und zu lachen. Das hilft gegen Stress und schafft einen kreativen Raum, in dem andere Dinge möglich sind als in einem sehr kontrollierten Umfeld.

Das Schöne ist auch hier: Das sind alles Fähigkeiten, die wir schon als Kinder haben und die wir nur wieder neu in uns entdecken müssen.

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