Kinski meets McKinsey

Menschen, die sich über ihre Steuern beschweren (und Firmen, die sich vor ihnen drücken)

Steuern sind ein wichtiges Instrument dafür, dass unsere Gesellschaft funktionieren kann. Trotzdem gibt es Menschen, die sich über sie beschweren und vieles tun, um sie zu vermeiden. Auch Firmen versuchen, sich vor ihnen zu drücken, teilweise sehr erfolgreich. Damit stellen sie ihr Eigeninteresse über die Gesellschaft und richten großen Schaden an.

Menschen, die sich über ihre Steuern beschweren

Jeder kennt sie: Menschen, die gerne betonen, was sie alles mit ihren Steuern bezahlen. Als ich Berufseinsteiger war, beschwerte sich mal ein Manager in meiner Anwesenheit darüber, dass er im Vorjahr über 20.000 Euro Solidaritätszuschlag zahlen musste. Wir arbeiteten damals beide für eine amerikanische Beratungsfirma, die sich aktiv um Steuervermeidung in Deutschland bemühte und vermutlich noch immer bemüht.

Der Gedanke „Ich bezahle etwas mit meinen Steuern“ offenbart eine egoistische und gefährliche Weltsicht. Und das aktive Vermeiden von Steuerzahlungen, sei es als Individuum oder Unternehmen, ist die Übersetzung dieses Denkens in zutiefst antisoziales, gemeinschaftsschädigendes Verhalten, das wir weder akzeptieren, noch mit unserer Arbeits- oder Kaufkraft unterstützen sollten.

„Steuern sind es, die für Chancengleichheit sorgen.“

Wieso Steuern eine gute Sache sind

Auch wenn sie auf dem Gehaltszettel einen anderen Eindruck vermitteln: Steuern sind in der heutigen Form eine große zivilisatorische Errungenschaft. Sie sind das Geld, das nicht in der Hand der Individuen liegt, sondern der Gemeinschaft zufällt. Sie sind das Wir in Wirtschaft. Sie zu vermeiden und zu minimieren, ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein zutiefst egoistischer, antisozialer Akt. Denn mit Steuern wird finanziert, was allen zur Verfügung steht: Schulen, Infrastruktur, Gerichte und Behörden, Grundsicherung für Menschen in Not. Und noch mehr: Steuern sind es, die für Chancengleichheit sorgen. Denn sie sind auch dazu da, die Besitz- und Einkommensverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft so zu beeinflussen, dass nicht schon mit der Geburt feststeht, wer als erwachsener Mensch wie viel Vermögen haben wird.

Dafür müssen Steuern jedoch progressiv sein: Wer viel hat, gibt auch viel zurück, und zwar überproportional zur Höhe des Einkommens bzw. zur Größe des Vermögens. Was passiert, wenn ein Steuersystem nicht progressiv ist, lässt sich aktuell gut in den USA beobachten: Die Reichen werden immer reicher (und mächtiger), die Armen immer ärmer, und irgendwann ist die Gesellschaft so sehr gespalten, dass sie nicht mehr funktioniert.

Mit degressiven Steuern zur modernen Adelsgesellschaft

Was wir in den USA beobachten können, ist das Entstehen einer Art moderner Adelsgesellschaft: Der größte Teil des Vermögens konzentriert sich auf eine kleine Gruppe von Superreichen, die den Rest der Gesellschaft als Arbeitskräfte einspannt, um den eigenen Reichtum immer weiter zu mehren. Betrachtet man die Zahlen zu Besitz- und Einkommensverteilung, herrschen in den USA Zustände ganz ähnlich denen in Frankreich vor der französischen Revolution. Und wie die Geschichte zeigt, funktionieren solche Verhältnisse auf Dauer nicht. Es findet früher oder später eine Umverteilung statt – entweder by design, also durch Steuern und andere staatliche Maßnahmen – oder by desaster, also durch Kriege, Krisen, Revolutionen.

In einem marktwirtschaftlichen System ist Umverteilung durch Steuern dringend geboten. Denn im Kapitalismus vermehrt sich großer Reichtum immer am schnellsten. Das geschieht auf vielfältigen Wegen, und einer davon ist auch das Steuervermeiden: Üblicherweise sind es diejenigen, die besonders viel haben, die sich auch die beste Beratung leisten, um am Ende möglichst wenig Steuern zu zahlen. Das gilt für Individuen genauso wie für Unternehmen. Es fängt im Kleinen an: bei Menschen, die den Besuch im Nobelrestaurant als Geschäftsessen steuerlich geltend machen. Es setzt sich fort bis zu Firmen wie Amazon und Google, die auf ihre unglaublich großen Gewinne so gut wie keine Steuern bezahlen.

Steuerschlupfloch

Was in den USA besonders extrem ist, zeigt sich auch bei uns: ein effektiv degressives System. Also eins, in dem die tatsächlich bezahlten Steuersätze bei denen, die am meisten haben, nicht am höchsten sind, wie es für das dauerhafte Funktionieren der Gesellschaft wichtig wäre. Für sehr Reiche liegt der effektive Steuersatz niedriger als für Durschnittsverdiener*innen. Das führt offensichtlich zu einem unfairen Wettbewerb. Wer soll realistischerweise Firmen wie Google und Amazon (und deren Eigentümer*innen) Konkurrenz machen, wenn sie nicht nur über eine marktbeherrschende Stellung verfügen, sondern auch noch keine Steuern zahlen?

Von Spitzenverdiener*innen und Leistungsträger*innen

Obwohl schon lange bekannt ist, dass stabile Gesellschaften ein progressives Steuersystem brauchen, äußern gerade Spitzenverdiener*innen und selbsternannte Leistungsträger*innen immer wieder ihre Zweifel. So ist es erst kürzlich geschehen: Jemand aus dem Umfeld der Samwer-Brüder bewarb sich um den Parteivorsitz der SPD. Per Twitter wies er seine Partei darauf hin, dass beim Thema stärkere Besteuerung der Spitzenverdiener*innen doch bedacht werden sollte, dass diese Spitzenverdiener*innen alle sehr hart arbeiten, oftmals über 60 Stunden pro Woche. Das stimmt mit Sicherheit, doch es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Zahlen zu werfen.

„Wenn der Markt solche großen Einkommensunterschiede möglich macht, braucht es den Staat mit seiner Besteuerung, um auf ein faires Gesamtbild hinzuwirken.“

Der Mann aus dem Eingangsbeispiel muss damals, wenn die von ihm genannten 20.000 Euro Solidaritätszuschlag korrekt waren, ca. 2 Millionen Euro pro Jahr verdient haben, also ca. 167.000 Euro pro Monat. Das entspricht etwa dem 45-fachen des durchschnittlichen Bruttoverdienstes einer*s deutschen Vollzeitbeschäftigten. Bei einem effektiven Steuersatz von 80 Prozent würde der Mann immer noch netto 33.000 Euro pro Monat verdienen, im Jahr 400.000 Euro. Also noch immer das 17-fache des durchschnittlichen Netto-Einkommens einer*s Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. Da der Job des Mannes keinerlei Systemrelevanz und keinen gesellschaftlichen Mehrwert hatte, fänden viele Menschen seinen effektiven Nettostundenlohn in diesem Szenario (mit den fiktiven 80 Prozent Steuern) vermutlich immer noch zu hoch. Vor allem gemessen an dem, was andere Menschen in gesellschaftlich wichtigen Berufen (wie z.B. Pfleger*innen und Handwerker*innen) mit dem gleichen Arbeitseinsatz verdienen können. Wir sprechen hier, selbst bei 80 Prozent Steuern, immer noch über einen Faktor von 15 bis 20, um den der Nettoverdienst des Managers höher liegt.

Vermögensbezogene Steuern international

Realistischer ist allerdings anzunehmen, dass der Mann effektiv nicht 80 Prozent, sondern unter 50 Prozent seines Einkommens in Form von Steuern abgeben musste. Erstens liegt das daran, dass unser Spitzensteuersatz auf Einkommen derzeit bei 42 Prozent liegt und gleichermaßen für ein Jahreseinkommen von 100.000, 1 Million und auch 10 Millionen Euro gilt. Zweitens arbeitete der Mann, wie erwähnt, für ein Unternehmen, das sich auf Steuervermeidung spezialisierte. Es ist also davon auszugehen, dass er nicht sein gesamtes Einkommen auch als solches versteuern musste. Mit Sicherheit sind ihm am Ende über 1 Million von den ca. 2 Millionen Bruttojahresverdienst geblieben, was bei 60 Stunden Wochenarbeitszeit einen sehr ansehnlichen Nettostundenlohn ausmacht. Das hat beim besten Willen nichts mit Leistungsgerechtigkeit zu tun.

Wenn der Markt solche großen Einkommensunterschiede möglich macht, braucht es den Staat mit seiner Besteuerung, um auf ein faires Gesamtbild hinzuwirken. So können sich die Pflegekräfte und Handwerker*innen zumindest darauf verlassen, dass auch die Spitzenverdiener*innen ihren Teil zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen. Nur dann können alle Kinder im Land auf gute Schulen gehen und alle Menschen Zugang zu einem modernen Gesundheitswesen haben. Ohne diese Umverteilung ergibt sich eine Gesellschaft der Eliten, in der sehr reiche Menschen immer reicher werden, ihre Kinder auf teure Privatschulen schicken, sich Zugang zu besserer medizinischer Versorgung erkaufen usw.

Was ich mir wünsche

Wer nun denkt, dass das alles in Deutschland und Europa aktuell kein großes Thema sei, dem empfehle ich erneut einen Blick auf die Zahlen: Aktuell verfügt das reichste 1 Prozent der Deutschen über ein gutes Drittel des gesamten Vermögens. Das sind fast 8 Billionen Euro Privatvermögen. Der Bundesregierung steht pro Jahr nur ein Bruchteil davon an Mitteln zur Verfügung: 365 Milliarden Euro, also weniger als 5 Prozent dieser 8 Billionen. Wir verfügen über enormen, niemals dagewesenen Wohlstand - er ist nur alles andere als gleichmäßig in der Gesellschaft verteilt. Wer Steuervermeidung toleriert oder sogar unterstützt, trägt dazu bei, dass sich diese Situation weiter verschärft.