Verantwortung

Wie Individuen und Unternehmen einen Unterschied machen können

Dafür, dass immer alle behaupten, sie übernehmen Verantwortung, passieren auf dieser Welt ganz schön viele unverantwortliche Dinge. Warum ist das so? Und was können Individuen und Unternehmen tun, damit sich etwas ändert?

Text: Louka Goetzke und Martin Wiens
Illustrationen: Henriette Rietz

Ein Mensch mit viel Verantwortung

„Ich übernehme die volle Verantwortung dafür“ – jede*r Manager*in, immer

Bank-Chef*innen, Fußball-Trainer*innen und ranghohe Politiker*innen übernehmen regelmäßig die volle Verantwortung für irgendeine Misere. Und was passiert dann mit dieser übernommenen Verantwortung? Wird die Verantwortung wirklich getragen? Oder sich nur hinter einer leeren Floskel versteckt? Die Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, denn sie setzt ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung voraus: Heißt Verantwortung, ein Mensch steht mit seinem Ruf, seinem Geld, sogar seiner Freiheit für etwas Geschehenes ein? Und kann jemand überhaupt Verantwortung übernehmen, der*die den Lauf der Dinge nicht vollumfänglich beeinflussen kann? Kann ein Mensch verantwortlich sein, wenn es sich um eine Korruptionsaffäre handelt, an der sich viele beteiligt haben, oder um schlechte Spieltage oder gar Terrorangriffe? Gerade weil der Begriff der Verantwortung so vage und weitreichend ist, lohnt es sich, ihn etwas eingehender zu betrachten. Besonders in Zeiten, in denen die Verantwortungsübernahme des und der einzelnen im Unternehmen als Selbstverständlichkeit gesehen wird, sollte zunächst einmal geklärt werden, was damit überhaupt gemeint ist.

Der Begriff Verantwortung wird erst seit der frühen Neuzeit verwendet. Die ersten dokumentierten Diskussionen darüber finden sich Mitte des 18. Jahrhunderts in England, bei einem Streit darüber, ob der König oder die Minister*innen zur Verantwortung zu ziehen seien (Spoiler: The king can do no wrong). Wenn wir über Verantwortung sprechen, geht es immer um eine Beziehung, wir legen über etwas Rechenschaft ab, wir sind verantwortlich für etwas oder jemanden, für Handlungen oder auch für uns selbst. Doch dafür, wie gerne wir diesen Begriff mögen und wie leicht er uns über die Lippen geht, ist er ganz schön vieldeutig: Es gibt Rollen- und Aufgabenverantwortungen, wie sie beispielsweise in neueren Organisationsmodellen wie Holacracy verankert sind, Handlungsergebnis-Verantwortung, die die Konsequenzen meines Handelns berücksichtigt und moralische Verantwortung, die sich durch alle Verantwortungstypen zieht und oft im Zentrum steht, wenn es zum Beispiel um Nachhaltigkeit in der Wirtschaft geht.

Verantwortung für die Zukunft

Der Begriff Verantwortung bezieht sich heute sowohl auf vergangene als auch zukünftige Handlungen. Der Wandel von der vormodernen zur modernen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte die Handlungsbedingungen grundlegend: Wir haben heute mehr Informationen denn je, doch nicht mehr Möglichkeiten, die Dinge zu beeinflussen. Folgen unseres Handelns über einen langen Zeitraum hinweg oder an anderen Orten der Welt sind nicht so einfach abzuschätzen oder zu beeinflussen. Dadurch verändert sich auch unser Verständnis von Verantwortung. Zuvor beschränkte es sich darauf, Rechenschaft über etwas abzulegen, das in der Vergangenheit liegt. In diese Ecke gehört der Ausspruch: „Ich übernehme die volle Verantwortung!“ Er ist ein Umgang mit einem bereits eingetretenen Missstand. Hinzu kam zur Jahrhundertwende die Verantwortungsübernahme für etwas, das noch nicht geschehen ist. Sie ist eine Reaktion auf eine sich immer schneller verändernde Welt. Probleme werden immer umfassender, globaler – und die Übernahme von Verantwortung für etwas, das in der Zukunft liegt, scheint die Lösung zu sein. In einer immer komplexer werdenden Realität verteilen wir Zuständigkeiten im Sinne von Verpflichtungen, dafür zu sorgen, dass eine Sache gut läuft oder erledigt wird. Notwendigerweise ist die Verantwortung, für etwas, das in der Zukunft liegt, vager und allgemeiner als eine Verantwortung für bereits Geschehenes.

Wenn wir von Verantwortung sprechen, geschieht das meist basierend auf den Annahmen der klassischen Individualethik. Da geht es darum, wie jede*r Einzelne richtig handeln kann. Dahinter steht die Idee, dass es auf uns persönlich ankommt und von uns selbst abhängt, ob und inwiefern wir verantwortungsvoll handeln. Da die Freiheit, verantwortlich zu handeln, aber bestimmt werden von unserem Handlungsspielraum, ist die Sache deutlich komplizierter. Wer genug Geld hat, kann sich die Fairtrade-Jeans oder die Bahnfahrt leisten – wer weniger hat, für den*die stehen verantwortliches Konsumverhalten und gesellschaftliche Teilhabe schnell in Konkurrenz zueinander. Und wieso überhaupt ist es die Aufgabe des*der Endkonsument*in, unethisch hergestellte Produkte oder Billigflüge zu vermeiden? Sollten wir nicht eher herausfinden, wo davor im Prozess unverantwortlich gehandelt und Schaden angerichtet wurde? Die Grenzen der individuellen Verantwortungsübernahme und -zuschreibung sind schnell erreicht, wenn wir über gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge nachdenken. Das ist keine Aufforderung, das Handtuch zu schmeißen, sich als kleines Rädchen im System für unwichtig zu erklären und zu denken: Ist doch egal, was ich mache. Im Gegenteil: Es ist wichtig, sich zu überlegen, welche Art der individuellen Verantwortungsübernahme tatsächlich einen Unterschied macht, und für wen. Verantwortungsübernahme ist die Verantwortung aller. Andere, zum Beispiel Unternehmen, in Verantwortung zu nehmen, gehört da dazu.

Warum es Unternehmen schwerfällt, Verantwortung zu übernehmen

In vielen gesellschaftlichen Bereichen klappt es ziemlich gut: In Nachbarschaftsinitiativen, in Sportvereinen oder Genossenschaften übernehmen Menschen Verantwortung. Sie tun sich zu Plogging-Gemeinschaften zusammen und ziehen gemeinsam los, um die Nachbarschaft von Müll zu befreien. Sie engagieren sich ehrenamtlich in einer Bahnhofsmission und tragen dazu bei, dass Hilfesuchende jederzeit einen Ort haben, an dem sie ankommen können. Sie retten die Dorfkneipe und das Gemeindeschwimmbad, damit das Gemeinschaftsleben auf dem Land weitergeht, auch wenn die Besitzerin stirbt oder die Kommune kein Geld hat.

Es ist fast so, als würden sich Menschen verwandeln, wenn sie eine Organisation betreten, als würde die Organisation das individuelle Verantwortungsempfinden mit einer eigenen (Nicht-)Ethik überschreiben.

Es geht also. Menschen wollen grundsätzlich Verantwortung tragen. Für die allermeisten Unternehmen scheint das nicht zu gelten. Sie stellen Produkte her, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass einzelne Stufen ihrer Fertigungskette in anderen Teilen der Welt Schaden anrichten. Sie beschäftigen Mitarbeiter*innen unter unwürdigen Arbeitsbedingungen, während sich die Führungsetage immer höhere Boni auszahlt. Sie schicken Berater*innen für einen Workshop-Tag nach Shanghai und von da aus für zwei Tage nach New York und dann wieder zurück nach Berlin, bloß um den Kunden glücklich zu machen beziehungsweise Geld zu verdienen. Das sind nur wenige Beispiele.

Was daran erst mal merkwürdig ist: Unternehmen sind Zusammenschlüsse von Menschen, die, so weit waren wir ja bereits, grundsätzlich bereit sind, verantwortungsbewusst zu handeln. Es ist fast so, als würden sich Menschen verwandeln, wenn sie eine Organisation betreten, als würde die Organisation das individuelle Verantwortungsempfinden mit einer eigenen (Nicht-)Ethik überschreiben. Warum ist das so?

In einer kapitalistischen Wirtschaft können nur Unternehmen bestehen, die ihre Produktivität immer weiter steigern und so konkurrenzfähig bleiben. Wertschöpfung wird fast ausschließlich synonym mit dem erwirtschafteten Gewinn verstanden. So wird sie für gewöhnlich auch berechnet: aus der Gesamtleistung abzüglich der angefallenen Vorleistungen. Das gilt nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft: Das Bruttoinlandsprodukt gibt den Gesamtwert aller Güter an, die während eines Jahres hergestellt werden, nach Abzug aller Vorleistungen. Kein Wunder, dass sich ein Verständnis von Wertschöpfung durchgesetzt hat, das Auswirkungen auf Natur und Gesellschaft einfach außer Acht lässt. Die Folge sind vornehmlich rational agierende Unternehmen, die in erster Linie darauf aus sind, Kosten zu senken beziehungsweise den Gewinn zu maximieren. Die Mitarbeiter*innen sind ein Mittel, das vertraglich ans Unternehmen gebunden ist, um diesem Zweck zu dienen. Für moralische Debatten und individuelle Verantwortungsübernahme ist da meist kein Platz.

Eine neue Leitfrage für Unternehmen: Wofür steht der Wert in Wertschöpfung?

Der Ökonom Prof. Dr. Schaltegger von der Leuphana Universität Lüneburg hat in seinem Artikel „Was kennzeichnet ein nachhaltiges Unternehmen?“ Kriterien für ein Unternehmen entwickelt, das nicht (nur) profitabel, sondern auch nachhaltig ist. Nach seiner Definition „verursacht ein unnachhaltiges Unternehmen mehr Schadschöpfung als Wertschöpfung, das heißt die negativen Wirkungen überwiegen die positiven“. Ein rundum nachhaltiges Unternehmen hingegen schafft sowohl gesellschaftliche als auch ökonomische Werte, verursacht keinerlei Emissionen und auch keine indirekten negativen Wirkungen. Es verursacht, so Schaltegger weiter, vorteilhafte Wirkungen über alle Teile der Lieferkette hinweg und fördert ein nachhaltiges Konsum- und Entsorgungsverhalten bei den Kund*innen. Zusätzlich würde ein nachhaltiges Unternehmen als „kreativer Zerstörer“ unnachhaltiger Strukturen agieren und mit seinem Geschäftsmodell als Vorbild für andere Unternehmen fungieren.

Klar, das ist recht viel verlangt und es gibt wohl noch kein Unternehmen, das alle Punkte in Gänze erfüllt. Doch die Kriterien motivieren dazu, noch einmal neu darüber nachzudenken, was in der heutigen Zeit eigentlich mit Wertschöpfung gemeint sein sollte. Die entscheidende Frage ist: Was schafft eigentlich Wert? Und welche Organisationsformen machen es überhaupt möglich, sich diese Frage ernsthaft zu stellen?

Sinn statt Gewinn: Von Unternehmen, die sich selbst gehören

Es gibt immer mehr Unternehmen, die versuchen, Antworten auf diese Frage zu finden. Neulich in Berlin: Fast 500 Menschen kommen an einem Mittwochabend in die Markthalle Neun, um an einer Veranstaltung mit dem Titel „Why self-owned companies are needed to unfuck our economy“ teilzunehmen. Noch mehr verfolgen das Event über den Livestream bei Facebook. Grund des Events: Die beiden Geschäftsführer Waldemar Zeiler und Philip Siefer vom Berliner Kondom-Start-up Einhorn haben auf der letzten Weihnachtsfeier verkündet, dass sie ihr Unternehmen an ihre Mitarbeiter*innen übergeben wollen – ohne so ganz genau zu wissen, wie genau das überhaupt geht.

Deshalb fragen sie an diesem Abend auf der Bühne Personen aus, die es besser wissen. Mit dabei: Armin Steuernagel, Mitgründer der Purpose-Stiftung, die Unternehmen auf dem Weg zur Self-owned-Company unterstützt, Christian Kroll, Gründer und CEO der grünen Suchmaschine Ecosia und Laura Zuckschwerdt, Marketingleiterin beim Trinkflaschen-Start-up Soulbottles.

Kroll und sein Mitgesellschafter haben im vergangenen Jahr 99 Prozent des Kapitals der millionenschweren Ecosia GmbH und ein Prozent der eigenen Stimmrechte an die Purpose-Stiftung abgegeben. Diese hat nun zwei Vetorechte: Sie muss Nein sagen, wenn jemand versucht, Profit aus dem Unternehmen abzuschöpfen oder Teile des Unternehmens verkaufen möchte. Bedeutet: Dem Risiko eines unverhältnismäßigen Profitstrebens wurde die Grundlage genommen. Stattdessen ist sichergestellt, dass alle Gewinne für das Wohl des Unternehmens investiert werden. „Die intrinsische Motivation ist geblieben“, sagt Kroll, „und ich habe gemerkt, dass es vorher auch schon die intrinsische Motivation war, die mich angetrieben hat.“ Das Unternehmen gehört nun sich selbst und ist äußeren Zwängen und Verlockungen weniger ausgesetzt als vorher. Der Sinn ist gesichert. Und die Chancen für eine gesellschaftliche Übernahme von Verantwortung stehen somit auch gut.

Wie groß der Bruch mit gängigen Marktmechanismen ist, erklärt Steuernagel: „Wir entkoppeln etwas, das im Kapitalismus immer verbunden war: Geld und Macht.“ Bisher lautete die Rechnung immer: Wer am meisten Geld auf den Tisch legt, bekommt mehr Anteile und damit mehr Macht. Steuernagel und die anderen Panel-Teilnehmer*innen wollen diese Logik aufbrechen.

Der scheinbar so verantwortungsvoll daher gesagte Krisenmanager*innen-Spruch „Ich übernehme die volle Verantwortung“ ist also eigentlich fast sicheres Anzeichen eines gestrigen Macker-Managements.

Auch ein Autor*innenteam des Konzeptwerks Neue Ökonomie plädiert in einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Broschüre unter dem Titel „Kein Wachstum ist auch (k)eine Lösung“ für mehr Sinn statt Gewinn: „Degrowth-Ansätze versuchen, selbstbestimmte und kollektive Formen von Arbeit zu stärken, bei denen der Sinn wichtiger ist als der Gewinn. Unternehmen, die sich im Besitz der Beschäftigten befinden und nicht die Profitinteressen von Investor*innen bedienen müssen, haben größere soziale und ökologische Spielräume und sind weniger auf Wachstum angewiesen.“

Verantwortung in der Selbstorganisation

Wenn ein Unternehmen allen Mitarbeiter*innen gehört, ist es nur folgerichtig, dass es sich auch dementsprechend organisiert: also so, dass alle Mitarbeiter*innen Verantwortung tragen. Der scheinbar so verantwortungsvoll daher gesagte Krisenmanager*innen-Spruch „Ich übernehme die volle Verantwortung“ ist also eigentlich fast sicheres Anzeichen eines gestrigen Macker-Managements. Selbstorganisation bedeutet, Verantwortung auf viele Rollen zu verteilen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Verantwortung wird in der Selbstorganisation explizit gemacht, im besten Fall ist sie transparent für alle. Eine Rolle wird mit den Befugnissen ausgestattet, die sie braucht, um der ihr aufgetragenen Verantwortung gerecht zu werden. Diese Form des Arbeitens geht nur auf, wenn die Organisation die Übernahme von Eigenverantwortung ermöglicht und fördert.

Dabei ganz wichtig: Bei guter Selbstorganisation geht es nicht darum, die Verantwortungsübernahme als ein Versprechen anzusehen, bei dem Menschen persönlich am Kragen gepackt werden können. Eine Organisation sollte nicht am Menschen herumschrauben, sondern Arbeitsbedingungen schaffen, die das Erfüllen der Verantwortung ermöglichen. Hier im Büro, wo unser Magazin entsteht, hängt am Kühlschrank ein Plakat mit der Aufschrift „Wir löffeln unsere Suppe gemeinsam aus“. Heißt das, wir tragen alle Verantwortung immer gemeinsam?

Gute Selbstorganisation funktioniert nur, wenn Verantwortung eindeutig in Rollen verpackt ist: So wissen alle, was sie selbst entscheiden können, wofür sie zuständig sind und was andere von ihnen erwarten können. Alle sind autonom und können im eigenen Tempo arbeiten. Was dann allerdings noch fehlt: eine Organisation, die an ihre Mitarbeiter*innen glaubt, ihnen vertraut und sie dazu ermutigt, Verantwortung zu übernehmen. Und die sie schützt und auffängt, wenn sie die Erwartungen an die eigene Rolle mal nicht erfüllen können. Dazu gehört ein gemeinsamer Wille, eine kollektive Verantwortung, ein Miteinander zu schaffen, in dem sich alle wertgeschätzt fühlen und ihre Rollen gut ausfüllen können. In einer solchen Organisation kann jede*r deshalb lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Genau das heißt für uns, unsere Suppe gemeinsam auszulöffeln.

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