Der Beuger drückt den Kopf einer Menschen nach unten

Geheimnisse

Die Agentur Shitshow bringt das Thema psychische Gesundheit in die Arbeitswelt

Gerade bei der Arbeit, wo die Menschen viel Zeit verbringen und die Belastung oft hoch ist, sollte das Thema psychische Gesundheit eine Rolle spielen. Das ist häufig aber noch nicht der Fall. Die Shitshow, eine Agentur für psychische Gesundheit, will das ändern.

Johanna hat Erfahrungen mit Angststörungen, Nele mit Depressionen. Aus ihrer persönlichen Erfahrungen wissen sie: Es gibt in der Arbeitswelt beim Thema psychische Gesundheit noch viel zu tun. Zum einen gelten psychische Krankheiten oft als selbst verschuldet, vielerorts herrschen Tabus und Stigmatisierung. Zum anderen machen die aktuellen Arbeitsbedingungen krank. Die Zahl der Krankschreibungen aufgrund von psychischen Belastungen hat sich zwischen 2007 und 2017 mehr als verdoppelt. Die durchschnittliche Dauer psychisch bedingter Krankheitsfälle ist im Gegensatz zu anderen Erkrankungen dreimal so hoch. „Es gibt eine wachsende Zahl von Krankschreibungen und einen wachsenden wirtschaftlichen Schaden. Es gibt aber wenig Wissen und wenig Sensibilität“, erklärt Nele. Hier setzt die Shitshow, die erste Agentur für psychische Gesundheit, an.

Die Gründer*innen der Shit-Show

Die Gründerinnen der Shitshow Johanna Dreyer, Luisa Weyrich und Nele Groeger (v.l.n.r.)

Bei ihrem letzten Arbeitgeber hat Nele eine depressive Episode erlebt. „Es war nicht das erste Mal“, sagt Nele. Rezidivierende Depression nennt sich das im Fachjargon und bedeutet, dass depressive Phasen immer wieder auftreten können. „Ich habe damals die Erfahrung gemacht, dass einfach überhaupt keine Handlungskompetenz bei Führungskräften vorhanden war, sich mit diesem Thema respektvoll auseinanderzusetzen“, sagt Nele heute. Sie fühlte sich in ihrer Situation nicht unterstützt. „Ich wurde nicht ernst genommen und hatte Angst, dass meine Erkrankung als persönliche Schwäche ausgelegt wird.“ Schlussendlich kündigte Nele deswegen.

Johanna hat eine eigene Studie dazu durchgeführt, mit welchen Hashtags Instagram-Posts in der Kreativbranche versehen wurden. „Das sind Begriffe wie #nevernotworking und #workworkbalance oder #schlafenisturlaubgenug. In der Kreativbranche herrscht eine Glorifizierung von Arbeit“, erklärt sie. Als Selbstständige fiel es Johanna in einem solchen Umfeld schwer, auf die eigenen Belastungsgrenze zu achten. Sie ist deswegen zu Beginn ihrer Freiberuflichkeit in eine chronische Überlastungssituation geraten. „Das ist auch einer der Faktoren, der zu meiner Angsterkrankung geführt hat“, sagt Johanna heute.

Mensch mit einer schweren Last um den Hals

Der Würger ist eine Kette, die sich auf Angststörungen bezieht und einen Klos im Hals simuliert.

Einer von vier Menschen leidet in seinem Leben mindestens einmal an einer psychischen Erkrankung. Ganz vorne mit dabei sind Depressionen sowie Angststörungen und das Burn-out-Syndrom. Seit 2013 verpflichtet das Arbeitsschutzgesetz Arbeitgeber*innen dazu, bei der Gestaltung menschengerechter Arbeitsbedingungen auch psychische Belastungen zu berücksichtigen. Als ein zentrales Instrument wird in §5 des Arbeitsschutzgesetz eine Gefährdungsbeurteilung zum Erkennen und Verringern von physischen und psychischen Belastungen vorgeschrieben.

„Wenn es mir psychisch schlecht geht, nimmt es mir auch körperlich die Energie. Das äußert sich in Kraftlosigkeit, Müdigkeit, Trägheit.“

Viele Unternehmen gehen dieser Pflicht jedoch (noch) nicht nach – aus mangelndem Wissen oder aus Angst vor Kosten. Dabei wäre Prävention weitaus günstiger als die Kosten, die bei der Nachsorge und Therapie psychischer Erkrankungen entstehen. Rund jeder zehnte ausfallende Arbeitstag ist auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Bei jungen Erwachsenen (< 30 Jahre) sind sie damit der vierthäufigste und bei älteren Erwachsenen (45–64 Jahre) der zweithäufigste Grund für Fehltage. Psychische Erkrankungen führen weiter zu den längsten Fehlzeiten am Arbeitsplatz: Betroffene sind im Durchschnitt 26,1 Tage arbeitsunfähig und damit um jeweils 8 bis 20 Tage länger als bei körperlichen Erkrankungen (Quelle: WIdO-Fehlzeiten-Report 2018).

Ein Mann der ein Cape um die Schultern trägt

In das Cape sind 4 kg Sand eingenäht. Wenn man es sich um die Schulter legt, wird alles sehr schwer und jede Bewegung erfordert mehr Kraft

Keine Angst vor Scheißgefühlen

Deswegen haben Johanna und Nele gemeinsam mit ihrer Freundin Luisa die Shitshow gegründet. Die junge Agentur berät Organisationen und Bildungseinrichtungen auf dem Weg zu einem nachhaltigen Umgang mit psychischen Ressourcen und gibt Workshops zu dem Thema. „Es gibt eine individuelle Prävention, nicht psychisch zu erkranken, aber auch eine strukturelle. Beides greift ineinander“, erklärt Johanna. Bei ihrer Arbeit setzt die Shitshow daher auf drei verschiedenen Ebenen an: erstens bei persönlichen Ressourcen, wie eigene Qualifikationen und das Wissen darum, wie man die eigene psychische Gesundheit erhalten kann; zweitens bei sozialen Ressourcen wie Unterstützung und Wertschätzung im Team und durch Vorgesetzte; und schließlich bei der strukturellen Ebene, also der Unternehmenskultur und in ihr gelebte Werte. Die Shitshow arbeitet dafür mit Arbeitspsycholog*innen zusammen. In ihrer Beratungstätigkeit analysieren sie zunächst ein System, eine Schulklasse, ein Unternehmen, um dann gemeinsam mit den Menschen individuell passende Strukturen zu erarbeiten, die psychische Gesundheit erhalten und fördern.

So zum Beispiel einen Workshop zu guter Führungskultur mit dem Titel Leading for mental health. Im ersten Teil dieses Workshops geht es um die Wissensvermittlung, denn: „Viel der Stigmatisierung und Tabuisierung hat mit mangelndem Wissen zu tun“, meint Nele. Als selbst Betroffene erzählen sie auch von ihren eigenen Erfahrungen. „Schon allein sich Gefühlen als Thema zu widmen, ist eine Hürde“, weiß Johanna aus den Workshops. Um diese Hürde abzubauen, erklären die Macherinnen der Shitshow, wie alltäglich psychische Erkrankungen sind. „Jeder hat ja Berührungen mit dem Thema“, meint Johanna. „Da kommt es uns zugute, dass wir selbst das Insiderwissen haben. Indem wir von unseren eigenen Erfahrungen sprechen, machen wir den Anfang und erleben dann, dass andere sich öffnen“, erzählt Nele. „Das macht uns zu Expertinnen: Wir können von außen auf die Strukturen schauen, aber stecken eben auch mittendrin und haben selbst das Krankheitswissen.“

Dabei kommen die Moodsuits zum Einsatz, Designobjekte, die das Team entworfen hat, um psychische Erkrankungen körperlich für die Teilnehmer*innen erlebbar zu machen.

Abschließend widmet sich der Workshop der konkreten Qualifizierung und Kommunikationstrainings. Leitende Fragen dabei sind: Was bedeutet es, wenn ein*e Mitarbeiter*in psychisch erkrankt? Wie kommuniziere ich und erkläre ihm oder ihr, dass es nicht das Ende der Welt ist?

Mensch mit einer Glocke über dem Kopf

Die Glocke simuliert depressive Abgeschiedenheit.

Dos and Don’ts

„Es gibt nichts Schlimmeres, als die Person damit zu konfrontieren und bloßzustellen“, erklärt Nele. Stattdessen sei es besser, eigene Beobachtungen anstatt Vermutungen zu äußern. „Ein wertfreies und ergebnisoffenes Gespräch hilft Betroffenen“, fügt Johanna an, „dafür muss man sich auch wirklich Zeit nehmen.“ Die Hürde, sich einem*r Vorgesetzten oder einem*r Kolleg*in anzuvertrauen, sei hoch. Dagegen helfen strukturell etablierte Zeiten und Räume, in denen das eigene Befinden thematisiert werden könne. „Wenn zum Beispiel jeden Freitagmorgen eine kleine Runde stattfinden würde, in der man darüber reden kann, wie es einem gerade so geht und mit welchen Bedürfnissen man gerade im Unternehmen wirkt, hilft das ungemein“, erklärt Johanna.

„Den Begriff Selfcare finden wir eher schwierig“, sagt Johanna. „Wir müssen dahin kommen, dass eine Organisation Commoncare betreibt. Psychische Gesundheit ist eine gemeinschaftliche Verantwortung in der Organisation.“ Ein Klima des Vertrauens kann dazu ebenso beitragen wie ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Im Zentrum steht daher die Frage: Was kann man strukturell in Organisationen verändern, um Menschen mit psychischen Belastungen zu unterstützen und psychischen Belastungen vorzubeugen?

Ein Mann, der an einem Schreibtisch sitzt. Sein Kopf raucht.

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