Wirksamkeit

Wie werden wir wirksam?

Wer etwas verändern will, sollte im eigenen Vorgarten anfangen, heißt es. Aber reicht das wirklich aus? Und wie lässt sich Wirksamkeit skalieren?

Text: Martin Wiens
Illustration: Lena Marbacher

Wie werde ich wirksam?

Alles ist vertwistet

Es beginnt häufig ganz unscheinbar. Am 20. August 2018, es ist der erste Schultag nach den schwedischen Sommerferien, geht Greta Thunberg nicht zur Schule, sondern setzt sich mit einem Schild auf die Straße vor dem Gebäude des schwedischen Parlaments. Darauf steht: „Skolstrejk för klimatet“, auf Deutsch „Schulstreik für das Klima“. Am nächsten Tag setzt sich eine Schülerin zu ihr und streikt mit. In den folgenden Wochen finden sich immer mehr Nachahmer*innen, die sich Thunbergs Protest anschließen und für die Rettung des Klimas demonstrieren; in Deutschland gibt es bereits im Dezember erste große Streikaktionen. Sie organisieren sich unter dem Hashtag #FridaysForFuture. Heute ist die Fridays for Future eine globale Bewegung, die Millionen von Menschen zusammenbringt.

Auch wenn sie eine wichtige Identifikationsfigur ist: Das alles hat natürlich nicht Thunberg allein bewirkt. Ihre Aktion zeigt aber, wie wichtig es ist, anzufangen und was für eine Wirkung unser Handeln entfalten kann. Und sie wirft die Frage auf, wie wir in einer immer vernetzteren Welt gemeinsam wirksam sein können. Und was bedeutet Wirksamkeit überhaupt?

Was bedeutet Wirksamkeit?

Der Begriff Wirksamkeit wird für gewöhnlich synonym mit dem Begriff Effektivität verwendet. Gemeint ist damit der Grad, zu dem eine bestimmte Maßnahme oder ein Mittel zum gewünschten Ergebnis führt. Sprich: Wer etwas unternimmt, das dann auch genau das bewirkt, was es bewirken sollte, handelt effektiv. In Abgrenzung dazu bezieht sich der Begriff Effizienz stärker darauf, wie konsequent die Maßnahmen umgesetzt werden. Wer ausschließlich effizient handelt, erzielt zwar sehr viel Output, möglicherweise aber welchen, der in die falsche Richtung wirkt.

Der Ökonom Peter Drucker hat das auf den Punkt gebracht, indem er zwischen „doing the right things“(Effektivität) und „doing things right“(Effizienz) unterscheidet. Für uns gehört zu Wirksamkeit beides gleichermaßen: dass wir das Richtige richtig konsequent umsetzen.

Die Wirkung im Kleinen erkennen und danach handeln

Im Alltag ist es häufig nicht so einfach, die Wirkungen des eigenen Handelns abzusehen. Wenn wir A machen, geschehen B, C und D und weil C geschieht, geschieht auch noch E und spätestens dann verlieren wir den Überblick über die Wirkung unseres Handelns. Alles, was wir machen, ist vertwistet mit so vielen anderen Dingen, die kurz davor, kurz danach oder sogar gleichzeitig mit unserem Tun geschehen und dazu in Verbindung stehen.

Ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag:

Jemand teilt auf Slack die Information, dass er*sie ein aufwändiges Projekt erfolgreich abgeschlossen hat. Ein paar Kolleg*innen fügen eine Reaktion in Form eines Emojis dazu, um den Projektabschluss zu feiern. Ein*e Kolleg*in, die der Person nicht formal überstellt ist, schreibt einen Kommentar, in dem er*sie den*die Kolleg*in ausschweifend lobt und die positive Entwicklung hervorhebt.

Je nach Kontext kann das einfach ein nett gemeintes Lob sein oder eine elterliche Machtgeste, die den Status der lobenden Person herausstellen und manifestieren soll. Denn wer eine andere Person lobt, nimmt sich heraus, diese zu bewerten. Klar: Solche kleinen Machtgesten müssen nicht bewusst geschehen und sind gewiss manchmal ganz harmlos gemeint. Aber wenn Wirksamkeit heißt, genau das zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben, müssen wir uns auch im Klaren darüber sein, welche Auswirkungen unser Handeln hat – auch über die nicht intendierten.

Aus dem Englischen kommt ein Begriff, der das für das Miteinander sehr schön beschreibt und Mitte 2017 ins Oxford English Dictionary, das wichtigste Wörterbuch der englischen Sprache, aufgenommen wurde: woke. Wörtlich übersetzt bedeutet er einfach nur wach. Gemeint ist aber mehr: eine Wachsamkeit gegenüber rassistischer und anderer gesellschaftlicher Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Bekannt geworden ist der Begriff in den letzten Jahren durch die Bewegung Black Lives Matter.

Kleine Machtgesten bei der Arbeit:

  • Eine Person hat im Meeting immer das erste und/oder letzte Wort. Beispielsweise wartet die Person bei der abschließenden Reflexion über das Meeting, dem Check-out, immer solange, bis alle gesprochen haben, und fasst dann nochmal alle Redebeiträge zusammen.
  • Wertschätzung („Deine Präsentation hat mir gut gefallen“) ist meist gut gemeint, doch wenn sie als Lob („Das hast du gut gemacht“) verpackt wird, ist sie am Ende auch eine hierarchische Geste, die die Person, die sie ausspricht, über den*die Empfänger*in stellt.
  • Eine Person betont in jedem Gespräch, wie stressig und vollgepackt das eigene Leben doch gerade ist und wertet so die eigene Zeit auf und die der anderen Person implizit ab. Dabei haben wir ja alle nur 24 Stunden täglich.
  • Eine Person kapert ständig Wortbeiträge oder gute Kommentare von Kolleg*innen, um ausschweifend zuzustimmen und nimmt sich so Raum, der ihr eigentlich nicht zusteht.
  • „Schickst du mir eine Einladung?“ Wenn es darum geht, einen Termin zu vereinbaren, lässt sich eine Person immer die Kalendereinladung schicken und überlässt den administrativen Part der anderen Person.
  • Regelmäßiges Zuspätkommen zu Meetings kann zwar auch mit schlechter Selbstorganisation zu tun haben. Gelegentlich steckt aber auch eine Machtgeste dahinter: Ich kann euch warten lassen, daher mache ich es.

Wirksamkeit bedeutet Wachsamkeit. Nur wenn wir das eigene Handeln in einem größeren Bedeutungszusammenhang betrachten und verstehen, wie vertwistet die Welt und unsere Wirkweise ist, können wir die eigene Wirksamkeit wirklich verstehen und so wirken, wie wir möchten.

Gut gemacht?! Den eigenen Wirkketten auf der Spur

Den eigenen Wirkketten auf der Spur

Das heißt, dass wir eigene Detektoren brauchen, um besser zu verstehen, welche Wirkung unser Handeln hat. Wir sollten unsere eigenen Wirkungsketten erforschen: beispielsweise, indem wir versuchen, andere Perspektiven mitzudenken, während wir etwas tun. Wie könnte das, was ich gerade getan oder gesagt habe, bei der anderen Person ankommen? Wenn es einen größeren Unterschied gibt zwischen dem, was ich bewirken möchte und dem, was ich als Wirkung für möglich halte, hilft es, nachzufragen: „Was hat es in dir ausgelöst, als ich eine ganz bestimmte Sache gemacht habe?“

Eine gute Möglichkeit, die Selbstbeobachtung und das Verstehen-Wollen organisational zu verankern, sind regelmäßige Feedbackgespräche, die dem Zweck dienen, das Selbstbild mit dem Fremdbild abzugleichen. Sich selbst zu beobachten und die eigenen Wirkungen besser zu verstehen, ist gleichzeitig ein wichtiges Training für die eigene Selbstwirksamkeitserwartung. Das Konzept der self-efficacy kommt vom Psychologen Albert Bandura. Es bezeichnet die Überzeugung einer Person, etwas bewirken zu können, also selbst einen Einfluss darauf zu haben, was im eigenen Umfeld und in der Welt passiert. Eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung führt zu einer höheren Motivation, mehr Ausdauer und häufig auch zu besseren Ergebnissen. Wir schaffen, was wir schaffen wollen.

Einer der Faktoren, die Bandura nennt, die zu einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung führen, sind gemachte Erfolgserlebnisse, also Beispiele, in denen wir etwas erreichen wollten und es geklappt hat. Wer sensibel dafür ist, was das eigene Handeln für Auswirkungen hat und viele positive Erfahrungen damit macht, gewinnt an Überzeugung, etwas bewirken zu können. Nicht umsonst führen viele Menschen eine Liste mit Erfolgserlebnissen, die sie sich regelmäßig anschauen, um sich vor Augen zu führen, was sie schon geschafft haben.

Wer wirksam sein will, muss neue Narrative entwickeln.

Wenn eine Erzählung viral geht

Wer etwas tut oder sagt, das nur wenige Personen direkt betrifft, kann die eigenen Wirkketten noch recht problemlos nachvollziehen. Es gibt aber Herausforderungen, die wir weder alleine noch im Team lösen können. Die globale Klimakrise ist eine davon. Auch wenn Thunberg mit ihrem Schulstreik ein Positivbeispiel ist, das zeigt, warum es sich lohnt, aktiv zu werden, ist jeder individuelle Beitrag in Relation zur Tragweite der Katastrophe so klein, dass unser Glaube daran, etwas bewirken zu können, herausgefordert wird. Wie wirkt sich eine Konsumentscheidung im Supermarkt für oder gegen ein bestimmtes Produkt auf die künftige Produktpalette des Produzenten aus? Was bringt es, zu einem innerdeutschen Kundentermin zu fliegen, weil der Terminkalender uns zwingt und den Flug anschließend zu kompensieren, indem wir ein paar Bäume pflanzen? Das Gefühl von Wirkungslosigkeit gepaart mit der Angst vor den Auswirkungen der Klimakrise wird von Expert*innen als climate anxiety bezeichnet.

Der Soziologe Bruno Latour hat in einem Interview mit dem britischen Guardian etwas gesagt, das Hoffnung macht. So habe das Coronavirus gezeigt, wie unfassbar schnell sich etwas verbreiten kann, das lediglich von Mund zu Mund weitergegeben wird:„If you spread from one mouth to another, you can viralise the world very fast. That knowledge can re-empower us.“ Für Latour ist es also durchaus möglich, eine Erzählung viral gehen zu lassen, nur indem wir sie mündlich weitergeben. Das heißt auch: Die Sprache und die Geschichten, die wir über sie transportieren, können eine kollektive Wirksamkeit erzeugen und so viele einzelne Wirkungen verbinden.

Die Donut-Ökonomie nach Kate Raworth

Dafür braucht es aber geeignete Erzählungen. Die britische Ökonomin Kate Raworth schreibt in ihrem Buch Die Donut-Ökonomie: „Wir brauchen eine neue ökonomische Erzählung, ein Narrativ unserer gemeinsamen wirtschaftlichen Zukunft, das dem 21. Jahrhundert gerecht wird.“ Sie bedient sich in ihrem Entwurf eines neuen Wirtschaftsmodells einer visuellen Metapher: einem Donut, der aus einem inneren und einem äußeren Ring besteht. Im Inneren liegen die großen Nöte der Menschheit, beispielsweise Hunger und fehlender Zugang zu Bildung. Im Äußeren liegen die großen ökologischen Bedrohungen, beispielsweise der Klimawandel. Zwischen dem inneren Ring, dem gesellschaftlichen Fundament, und dem äußeren Ring, der ökologischen Decke, liegt nach Raworth ein Raum, „in dem wir die Bedürfnisse aller mit den Mitteln des Planeten befriedigen können“.

Sie arbeitet mit einer visuell einprägsamen Metapher, da aus ihrer Sicht dominante, veraltete Bilder und Erzählungen eine umfassende Transformation der Wirtschaftswelt erschweren. In ihrem Buch bezieht sich Raworth auf den Kognitionswissenschaftler George Lakoff, der sich seit Jahrzehnten mit dem verbalen Framing in Debatten und der Wirkkraft von sprachlichen Metaphern beschäftigt. Framing lässt sich mit Rahmung übersetzen und beschreibt die Einbettung eines Themas in einen Deutungsrahmen.

Ein Beispiel von Lakoff ist der Begriff Steuererleichterungen. Der Begriff ist weit verbreitet und impliziert, dass Steuern etwas Schlimmes sind, von denen Menschen befreit werden müssen. Was geschieht, wenn jemand gegen Steuererleichterungen argumentiert: Man wiederholt den dominanten, aber irreführenden Begriff und spricht sich gegen eine Erleichterung aus. Der Begriff und das Narrativ der Steuern als eine Last, von der wir befreit werden sollten, wird dadurch weiter verstärkt. Was es stattdessen braucht, sind neue Begriffswelten, die nicht nur das Alte wiederholen, sondern einen neuen Frame setzen. Im Fall der Steuererleichterungen gewinnt beispielsweise der Begriff Steuergerechtigkeit an Popularität, der deutlich weniger irreführend ist und einen stärkeren Fokus auf die gesellschaftliche Verantwortung der Steuerzahler*innen legt.

Irreführende Begriffe und Erzählungen, die unsere Wirtschaftswelt prägen:

Klimawandel: Vor allem Menschen, die unsere Klimakrise verharmlosen oder sogar leugnen, benutzen den Begriff Klimawandel. Er ist wertfrei und klingt so, als würde sich das Klima von alleine verändern. Dabei ist unsere Klimakrise existenzbedrohend und menschengemacht.

Leistungsgesellschaft: Die Erzählung von der Leistungsgesellschaft, in der erfolgreich ist, wer sich reinhängt, ist ein zentrales Narrativ unseres Wirtschaftssystems. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty bezeichnet diese Erzählung als meritokratisches Märchen. Faktisch leben wir nicht in einer Leistungsgesellschaft. Denn Leistungsgerechtigkeit geht nicht ohne Chancengleichheit, und um die ist es in Deutschland schlechter bestellt als in vielen anderen Ländern.

Steueroase/Steuerparadies: Damit sind Staaten oder Regionen gemeint, die gar keine oder sehr geringe Steuern verlangen und damit Firmen und wohlhabenden Menschen die Möglichkeit geben, Steuerzahlungen zu vermeiden. Der harmlos klingende Begriff impliziert, dass man Urlaub von den Steuern machen muss (oder gar vor ihnen fliehen muss, wie der verwandte Begriff Steuerflüchtling impliziert). Dabei verbirgt sich hinter dem Phänomen der Steuervermeidung eine zutiefst antisoziale Haltung. Und entsprechend bräuchte es Begriffe, die das klar zum Ausdruck bringen.

Grundeinkommen: Der Begriff klingt so, als würden Personen, die ein Grundeinkommen beziehen, ein Arbeitsentgelt kriegen, ohne dafür zu arbeiten. In Wahrheit geht es bei dem Konzept aber darum, den vorhandenen Wohlstand der Gesellschaft allen zumindest insofern zugänglich zu machen, dass sie ein halbwegs würdevolles und sorgenfreies Leben führen können. Treffender wäre daher ein Begriff wie Bürger*innengeld.

Es ist mühsam, neue Organisationen zu entwickeln, wenn alle nur an eine gut geölte Maschine denken, sobald das Wort Organisation fällt. Ebenso schwierig ist es, eine fairere Wirtschaftswelt zu entwerfen, wenn Politiker*innen und Ökonom*innen ständig von der sogenannten Leistungsgesellschaft reden und so eine Modellvorstellung unserer Gesellschaft zeichnen, die vollkommen an der Realität vorbeigeht. Damit sich unsere individuellen Handlungen im Großen zusammenschließen und eine transformatorische Wucht entwickeln können, brauchen sie sinnstiftende Erzählungen, die sie begleiten, verbinden und motivieren. Es bringt nichts, in einer alten Sprache über neue Ideen zu sprechen. Wer wirksam sein will, muss neue Narrative entwickeln.

Ich bin wirksam
Unser Weg ins Verantwortungseigentum - Die Case Study zu Neue Narrative

Case Study

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Neue Narrative ist ein Medienunternehmen, das profitables Wirtschaften und gesellschaftlichen Auftrag miteinander vereinen möchte. Was ist eine zukunftsfähige Organisationsform dafür? Unser Weg ins Verantwortungseigentum.

Bild: Dominik Wagner

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