Warum ist es so schwierig offen über Geld zu sprechen?

Sprache der Arbeit

Wie viel verdienst du so? Warum wir so ungerne über Geld sprechen

In dieser Kolumne geht es nicht um das Kleingedruckte, sondern um das Kleingesprochene. Wir untersuchen die Macht der Floskeln und Wörtchen, die in der Arbeitswelt den Unterschied zwischen konfliktschürender und konstruktiver Kommunikation ausmachen. Diesmal: Warum sprechen wir eigentlich so ungerne über Geld? Und wie lässt sich das Tabu kippen?

„Über Geld spricht man nicht“ – heißt es, und tatsächlich ist Geld ein Tabuthema. Wir diskutieren zwar über Ausgaben wie unverschämte Benzinpreise oder zu hohe Mieten. Aber wenn es um persönliches Vermögen, Anlagestrategien oder das Gehalt geht, lassen wir uns ungern in die Kreditkarten schauen. 41 Prozent der Deutschen wissen nicht einmal, was ihr*e Partner*in verdient.1 Wenn wir dann doch über Geld sprechen, kommt es eher schlecht weg. „Geld verdirbt den Charakter“ oder „Bei Geld hört die Freundschaft auf“ sind gängige Vorurteile.

Die Gründe für das Geldtabu sind vielfältig. Aus soziologischer Sicht existieren Tabus, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schützen. Und den können unterschiedliche Gehälter oder Vermögensverhältnisse und das Konfliktpotenzial, das darin steckt, gefährden. Ken Honda spricht im Buch Happy Money vom „Mythos des Mangels“, wenn er beschreibt, dass die meisten Menschen nur sehen, was sie nicht haben. Sie vergleichen sich und sind unglücklich, wenn jemand in ihrem Umfeld mehr Geld hat als sie selbst.

Wer mehr hat, schweigt aus Angst vor Neid(ern) und Sorge, dass andere sie als gierig oder geizig einschätzen. Wer wenig hat, schweigt auch, aus Angst, als faul zu gelten und da Armut oder finanzielle Engpässe schambehaftet sind. Dagegen macht eine – wenn auch nur durch Verschwiegenheit vorgegaukelte – soziale Gleichheit Menschen zufrieden. Mit anderen Worten: Wenn ich nicht weiß, wie viel andere haben, gibt es keinen Grund, mich zu ärgern. Dazu kommt, dass es in vielen Unternehmen ungeschriebene oder handfeste Regeln zum Schweigen über die Gehälter gibt.

In Norwegen kann jede*r nachsehen, was die Nachbarn verdienen.

Übrigens ist das Geldtabu nicht in jedem Land gleich stark ausgeprägt: In Deutschland ist es beinahe undenkbar, als Gesprächsauftakt nach dem Einkommen zu fragen, während in den USA die Frage „How much do you make?“ durchaus smalltalkfähig ist. Das liegt daran, dass ein Vermögen in den USA historisch bedingt weniger negativ behaftet ist: Während langen Zeiten des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums konnten Menschen dort wirtschaftlich aufsteigen. Die Idee vom American Dream brachte das Motto: Wer finanziell gut gestellt ist, hat es sich wortwörtlich verdient. In Deutschland dagegen existierten nach dem Zweiten Weltkrieg während des starken Wachstums noch starre Klassen. Daher geht man hier eher davon aus, dass Wohlstand von äußeren Faktoren abhängt, wie zum Beispiel Erbschaften.

Anders als in Deutschland sind in den USA auch viele Jobs mit einer Gehaltsangabe ausgeschrieben. Auch in skandinavischen Ländern wie Schweden oder Norwegen werden Gehälter publik gemacht.2 Die Website mit dem norwegischen Transparenzregister zur Lohnsteuer wird seit ihrer Veröffentlichung massenhaft besucht. Ja, man kann dort nachsehen, wie viel der*die Nachbar*in verdient.3

Weg mit dem Geldtabu

Es ist Zeit, das Tabu ums Geld zu kippen. Die Zeiten haben sich geändert und über Geld nachzudenken und zu reden wird immer wichtiger. Schließlich ist es nicht mehr selbstverständlich, abgesichert zu sein: Früher konnte man einfach Geld aufs Sparbuch legen und sich auf die staatliche Rente verlassen. Heute scheint es nötig, sich mit Anlageoptionen und Altersvorsorge auseinanderzusetzen, um keine Altersarmut zu riskieren. Dazu zählt auch ein gutes Gehalt, denn fällt es zu gering aus, bedeutet das fürs Alter gleich doppeltes Risiko: weniger Ansprüche aus der staatlichen Rente und weniger Möglichkeiten, nebenbei privat vorzusorgen.

Wenn nicht über Gehälter gesprochen wird, begünstigt das Ungleichheiten.

Und was ist mit dem Mythos des Mangels? Die Betonung liegt auf Mythos. Immerhin sind die Zeiten echten Mangels vorbei und wir leben im Wohlstand. Das Vermögen ist nur sehr ungleich verteilt. Und daran lässt sich etwas ändern. Mehr Transparenz über Geld führt auch zu mehr Gerechtigkeit und Gleichstellung. Derzeit ist das Wissen über Vermögensvermehrung eher bei denen gebündelt, die schon viel Geld haben oder Geschäfte mit Geld machen. Ganze Branchen profitieren von der Informationsasymmetrie – wie etwa Finanz- und Versicherungsberatungen, die den Verkauf von Finanzprodukten ankurbeln wollen. Wird das Finanzwissen gerecht unter den Anleger*innen verteilt, können sie selbst beurteilen, was mehr Vorteile für sie bringt.

Auch Lohnlücken wie der Gender Pay Gap werden von Intransparenz begünstigt. Wer über Geld redet, übt Druck auf Arbeitgeber*innen aus, die Gehälter transparent zu machen, Ungleichheiten aufzudecken und Pay Gaps zu schließen. In Ländern wie Großbritannien oder Island hat etwa eine Mitteilungspflicht von Unternehmen dazu geführt, dass nicht nur der Gender Pay Gap regelmäßig auf der Firmenwebsite bekannt gegeben wird, sondern direkt Maßnahmen zur Verringerung desselben mitgeliefert werden.4 Obwohl viele Unternehmen daran festhalten, Gehälter geheimzuhalten, kann es auch anspornend für die Gehaltsverhandlung sein, sich zu vergleichen.

Die Geldkarten auf den Tisch

Weiß man, dass andere mehr Geld auf der hohen Kante haben, ist das ein Anlass für ein tieferes Gespräch, wer was verdient, woher das Geld kommt und vielleicht sogar – wenn jemand geerbt hat –, ob man es behalten oder teilen sollte. Wenn ich mehr über die anderen weiß oder wir sogar zusammen Strategien entwickeln, wird es mit der Zeit leichter.

Nach wie vor ist ein Tabubruch aber unangenehm. Wie fangen wir also an, unverfänglich über Geld zu reden? Bevor es losgeht, ist es hilfreich, das Thema für sich selbst zu reflektieren und Sorgen oder festgefahrene negative Glaubenssätze über Geld zu hinterfragen, wie etwa „Geld ist mir nicht wichtig“ oder „Ich darf nicht so viel für mich verlangen“. Dann kann man diese Glaubenssätze neu bewerten: „Geld ist für mich wichtig, weil…“ oder „Ich darf so viel für mich verlangen, wie ich für… brauche“. Zum Thema persönliche Finanzen kann man ganz informell Freund*innen mit ähnlichen Lebensverhältnissen fragen, schließlich erkundigen wir uns ja auch nach Tipps für die Italienreise oder günstige Mobilfunkanbieter. Warum also nicht fragen: „Wie macht ihr das eigentlich mit der Altersvorsorge?“ oder „Ist eine Risikolebensversicherung in euren Augen sinnvoll oder Abzocke?“

Ein Mann mit Zylinder und einem Sack Geld in der Hand sagt: „Über Geld spricht man nicht, man hat es“.

Um im Arbeitskontext die erste Hürde zu nehmen, kann man eine*n Kolleg*in zunächst fragen: „Wärst du zu einem persönlichen Gespräch über Geld mit mir bereit?“ Dadurch hat das Gegenüber etwas Zeit, sich auf das Gespräch einzustellen. Außerdem ist es gut, die Bedürfnisse hinter dem Wunsch nach mehr Geld(gesprächen) einzuflechten: „Ich bin bei dem Thema Geld und Vermögen ziemlich ratlos, würde mich aber gern absichern und auch im Alter unabhängig sein.“ Dieses Framing sollte der*dem Gesprächspartner*in zeigen, dass es nicht um Neid oder Geiz geht und der anderen Person die Angst vor einem Image-Verlust nehmen, oder die Scham, die mit der Offenlegung der finanziellen Verhältnisse einhergeht. Und was, wenn die Person mit eigenen negativen Glaubenssätzen um die Ecke kommt?

Da hilft es, nicht alles für bare Münze zu nehmen und zu hinterfragen, woher altüberliefertes Wissen über Geld kommt. Bei der Gelegenheit kann man dem Gegenüber mal erzählen, wer den Spruch „Über Geld spricht man nicht, man hat es“ ursprünglich gesagt hat. Es war nämlich Erdöl-Tycoon Jean Paul Getty,5 der damals reichste Mann der Welt, der mit seiner Forderung nach mehr Diskretion ums liebe Geld daran interessiert gewesen sein dürfte, dass die Ungleichverteilung von Vermögen zu seinen Gunsten erhalten bleibt.

💡 Takeaways

  • Das Tabu, nicht über Geld zu reden, ist in Deutschland kulturell bedingt. Es wird aber höchste Zeit, es zu kippen, denn finanziell gesehen leben wir in unsicheren Zeiten.
  • Um mehr Sicherheit zu schaffen, müssen wir darüber sprechen, was schiefläuft. Dazu gehört beispielsweise die ungleiche Verteilung von Wissen über Vermögensvermehrung.
  • Ein erster Schritt, um Tabus zu brechen, kann die Reflexion über eigene Geld-Glaubenssätze sein. Es hilft, diese in Gespräche einzubringen, um offener über Ängste, Vorstellungen und Werte zu sprechen, die mit dem Thema Geld zusammenhängen.

  1. Thomas Klemm, „Küssen mit Kalkül“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 2015.
  2. Patrick Spät, „Mehr FKK beim Gehalt wagen!“, ZEIT Online, 20. Oktober 2016.
  3. Lars Bevanger, „Norway: The country where no salaries are secret“, BBC News, 22. Juli 2017.
  4. Henrike von Platen, Über Geld spricht man. Der schnelle Weg zur Gleichstellung, Nicolai Publishing, 2020.
  5. Quelle des Zitats bei Handelsblatt.
Eine Collage, die eine Superyacht, einen Privatjet und ein auslaufendes Ölfass zeigt.

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