Sinn

Warum es an der Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist

Der Sozialstaat der Zukunft und eine ökologisch überlebensfähige Gesellschaft werden nur über eine Neudefinition des Arbeitsbegriffs zu erreichen sein. Wir brauchen den wahrnehmenden, empfindsamen, den ängstlichen und mutigen Menschen, um Arbeit und Gesellschaft zu verändern. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte Raum für Experimente schaffen.

Text: Adrienne Goehler
Illustration: Moritz Wienert

Moritz Wienert

Arbeit ist ein Menschenrecht. So steht es in Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“ Doch das Recht wird in der Praxis ausschließlich als Pflicht interpretiert. Die Pervertierung des Rechts zur Pflicht zur Arbeit steckt sowohl in den Köpfen als auch im Geist von Hartz IV. Wer die Zwangsangebote der Arbeitsagentur ablehnt, wird durch besonders harte Sanktionen in die Knie gezwungen, allen voran junge Erwerbslose.

Die Vollbeschäftigung ist eine Illusion

Es wird und kann keine Vollbeschäftigung mehr geben. Bis zu 50 Prozent der herkömmlichen Erwerbsarbeitsplätze werden in den nächsten beiden Jahrzehnten durch Automatisierung ersetzt. Das hat über Silicon Valley, Davos bis zu Telekom, Siemens, SAP jeder verstanden, nur die Politik (noch) nicht. Dabei ist klar, dass die Arbeitsplätze in Dienstleistung und der Kulturwirtschaft die wegfallenden Stellen in der Summe nicht ersetzen können.

Der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin bilanziert daher nüchtern: „Die alte Logik, dass Fortschritte in der Technologie und damit der Produktivität zwar alte Jobs vernichten, aber genauso viele neue schaffen, stimmt nicht mehr.“ Er bezieht sich auf eine Untersuchung von Alliance Capital Management aus dem Jahr 2003, wonach in dem Jahr weltweit 31 Millionen Stellen in der Produktion gestrichen wurden, bei einem gleichzeitigen Anstieg der Produktivität um mehr als vier Prozent. Das heißt: Mit immer weniger Arbeitskräften wird immer mehr Profit erzielt. Wenn manche befürchten, dass uns „die Arbeit ausgeht“, stimmt das, auch wenn es nur die Erwerbsarbeit meint.

„Mit immer weniger Arbeitskräften wird immer mehr Profit erzielt.“

Jedes Jahr verschwinden in Deutschland über zehn Prozent aller Arbeitsplätze – und das bei gleichbleibender bzw. steigender Produktivität. Schätzungen gehen davon aus, dass dauerhaft zwanzig Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung ausreichen, um die Wirtschaft auf dem heutigen Stand in Schwung zu halten. Achtzig Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung könnten demzufolge langfristig ohne auskömmlichen Erwerbsarbeitsplatz bleiben. Vollerwerbstätigkeit ist aber die Grundlage des Sozialstaats. Damit geht dem Sozialstaat Bismarckscher Prägung sein Fundament, der lebenslang beschäftigte, männliche Ernährer der Familie, verloren. Wir sind herausgefordert, eine Umbewertung von Arbeit vorzunehmen und einen neuen Umgang damit zu finden, denn die ungebrochene Erwerbsbiografie wird zur Ausnahme werden.

In einer Zeit, in der die Arbeit als identitätsstiftend angesehen wird, würde ein Wegfall viele Menschen in die innere Emigration treiben, weil sie sich „nicht gebraucht, nicht gefordert, nicht gemeint“ fühlen. Neben der Erniedrigung des einzelnen Menschen, wirkt sich das in teuren Langzeitkrankheiten aus und zeigt sich in neuen Krankheitsbildern. Seit einiger Zeit spricht man vom „chronischen Verbitterungssyndrom“, das der Soziologe Richard Sennett „das Gespenst der Nutzlosigkeit“ nennt.

Weil das Phänomen erst statistisch erfasst wird, seitdem Männer darunter signifikant leiden, insistiert die feministische Filmemacherin Gabriele Schärer darauf, von einem neuen Krankheitsbild bei Männern zu sprechen. Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff „Working Poor“, der erst geprägt wurde, nachdem auch Männer von Löhnen betroffen sind, mit denen sie sich arm arbeiten. Dass Frauen keine Anerkennung und keinen auskömmlichen Lohn erhalten, ist wegen der „androzentrierten Strukturen der Erwerbsarbeitssysteme“ nur in vereinzelten Studien ein Thema. Die „Veralltäglichung des Scheiterns“ (Richard Sennett) meint schon lange nicht mehr nur die aus dem Arbeitsprozess „freigesetzten“ Männer, sondern betrifft zunehmend die sogenannte intellektuelle Schicht. Ein Studienplatz, hervorragendes Examen und diverse Praxiserfahrungen sind keine Garantie mehr für einen dauerhaften, gut bezahlten Arbeitsplatz.

Wir befinden uns in einer Übergangsphase: zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung

Das Grundeinkommen ist ein Wegweiser in die postindustrielle Zukunft. Auch in unserer zunehmend postindustriellen Gesellschaft leben wir im Schatten alter Strukturen: Die Arbeitswelt, öffentliche Verwaltung und sogar Schulen und Hochschulen sind geprägt von Standardisierung bis hin zur Vereinheitlichung der Bedürfnis­se. Wir bekommen häufig die immer gleiche Antwort auf Fragen nach Produktionsweisen, Gestalt der Produkte sowie der Organisation menschlicher Tätigkeiten und Fähigkeiten. Noch hallen die Versprechungen der Industriegesell­schaft nach. Die Angst vor dem Verlust dieser Art von Arbeit ist so groß, dass das Verschwin­den ihrer materiellen Basis noch nicht in das Bewusstsein der Mehrheit rücken konnte. Wenn wir jedoch erst einmal verinnerlicht haben, dass in der Wirklichkeit eines globalisierten Turbokapitalismus Vollbeschäftigung nicht mehr möglich ist und deshalb das deutsche Sozial­staatsmodell nicht mehr trägt, drängt sich eine Frage auf: Was muss sich grundsätzlich ändern, um die unterschiedlichen, widersprüchlichen und gleichzeitig stattfindenden gesellschaft­lichen Entwicklungen zu bewältigen?

Andere Verhältnisse können nur aus der Verflüssigung der bestehenden entstehen. Verflüssigung meint, „gesellschaftlich Ver­klumptes“, wie der Physiker Hans­-Peter Dürr es nennt, zu lösen und einer neuen Vielfalt von Lebens­ und Arbeitsweisen gerecht zu werden. Den früheren verfestigten Verhältnissen, die Schutz boten und Ordnung versprachen, stehen zwanglosere, riskantere, aber auch freiere Ver­hältnisse gegenüber. Für diese Realität fehlt uns allerdings noch die Übung.

Momentan befinden wir uns in einem Zwi­schenraum: Wir werden nicht mehr genügend vom „Vater Staat“ versorgt, können gleichzeitig noch nicht eigene Wege beschreiten, weil noch die Voraussetzungen für soziale Konstruktio­nen fehlen, die Hybride zwischen Fürsorge und Selbstorganisation erzeugen könnten.

Im Zwischenraum zu sein bedeutet, Ambi­valenzen aushalten zu müssen. KünstlerInnen sind darin geübter als andere, denn sie sind ver­traut mit Übergängen, Zwischengewissheiten und Laboratorien – und als solche natürliche FeindInnen des Verharrens im Bestehenden. KünstlerInnen werden, in ihrer Art zu arbeiten, zu einem Rollenmodell für die Zeit der flüchtigen Moderne.

Die Dysfunktionalität von Kunst und auch der Wissenschaft, also ihre Fähigkeiten zur Gegenläufigkeit zu dem, was vorherrschend ist, wird in Zeiten der Ratlosigkeit gesellschaftlich bedeutsam. Insbesondere die Fähigkeiten zum Ausprobieren, auch zum Fehlschlagen und zum Ausdehnen des gemeinschaftlichen Handelns sind wegweisend. In beiden Bereichen existiert ein Erfahrungsvorsprung darin, Arbeit nicht nur eindimensional über den Erwerb zu denken, sondern auch andere (Selbst­-)Beschäftigungs­ formen einzugehen.

„Die Gesellschaft als Ganzes ist noch nicht auf das Verschwinden der herkömmlichen Arbeit vorbereitet.“

Neue Formen der Arbeit weisen den Weg ins Projektzeitalter

Bedingungsloses Grundeinkommen

Die Gesellschaft als Ganzes ist noch nicht auf das Verschwinden der herkömmlichen Arbeit vorbe­reitet. Noch fehlt ein gesamtgesellschaftliches Nachdenken darüber, wie sich Lernen und Arbeit neu organisieren lassen, wie Menschen einbezo­gen werden können, die aus unterschiedlichsten Gründen aus der Erwerbsarbeit herausgefallen oder gar nicht erst hineingekommen sind. Ein Sozial- und Wirtschaftssystem, das die Teilhabe an der Gesellschaft nur mit einem „sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz“ ermöglicht, der zwangsweise Ware oder Dienstleistung produziert, hat im 21. Jahrhundert einfach keinen Sinn mehr. Ein Ansatz wäre, das 21. Jahrhundert als das Projektzeitalter zu verstehen und die dieser Art des Arbeitens innewohnende Gefahr des Prekären nicht zu leugnen. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin geht davon aus, dass sich die Arbeitsplätze der Zukunft stark an denen der Künstler und Publizistinnen orientieren werden: „selbstbestimmter, kompetitiv, wechselhaft in Art und Umfang des Beschäftigungsverhältnisses, in stärkerem Maße projekt- und teamorientiert, zunehmend in Netzwerke und weniger in Betriebe integriert, mit vielfältigen und wechselnden Arbeitsaufgaben, schwankender Entlohnung oder Vergütung und kombiniert mit anderen Einkommensquellen oder unbezahlter Eigenarbeit.“

Zugespitzt könnte man auch sagen, dass die nicht verbeamtete oder fest angestellte Kunst und Wissenschaft die Avantgarde der prekären Verhältnisse bildet, da sie darin einen unfreiwilligen Leidensvorsprung hat. Es erfordert Mut, sich diesen Zwischenraum zu vergegenwärtigen und ihn aushalten zu können, denn es bedeutet die Auseinandersetzung mit Angst und Abhängigkeit, mit dem Verlust von Erfah­rung, persönlicher Sicherheit und staatlicher Fürsorge.

„Die große Gegenspielerin der Kreativität ist die Existenzangst, denn sie lässt erstarren.“

Das Grundeinkommen könnte die Sicherheit schaffen, die wir zur Entfaltung brauchen

Die große Gegenspielerin der Kreativität ist die Existenzangst, denn sie lässt erstarren. Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht es, auf den Verlust von Erwerbsarbeit gelasse­ner zu reagieren. Außerdem reflektiert es die Unmengen von notwendigen Arbeiten, zum Beispiel in Haushalt und Pflege, für die es heute keine Bezahlung gibt. Führt man Befragungen durch, was sich im Leben der Menschen durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ändern würde, gibt die Mehrheit der abhängig Beschäf­tigten an, entweder ihre jetzige Tätigkeit für eine andere – freiere – Arbeit aufzugeben, oder höchstens zwei Drittel der Zeit im derzeitigen Job zu arbeiten. Fast alle halten es für eine gute Möglichkeit, die weniger werdende bezahlte Lohnarbeit auf mehr Menschen zu verteilen.

Ein Grundeinkommen ermöglicht einen freien Blick, andere nicht mehr als Konkurrenz um dauerhaft auskömmliche Arbeitsplätze zu sehen, sondern als Menschen, mit denen man teilen könnte. Es ersetzt keine Arbeitsplätze, aber ermöglicht neue. Gleichermaßen ist es ein Gegenentwurf zu Hartz IV und damit zu Scham, Stigmatisierung und Angst. Josef Beuys formu­liert 1978 in seinem „Aufruf zur Alternative“ in der Frankfurter Rundschau: „Das Einkommen, das die Menschen zur Erhaltung und Entfaltung ihres Lebens benötigen, wäre keine abgeleitete Größe mehr, sondern ein originäres Recht, ein Menschenrecht, das gewährleistet sein muss, damit für sie die Voraussetzungen erfüllt sind, verantwortlich und selbstverpflichtet wirken zu können.“

Ohne Existenzangst und mit der Vorstellung von einem Einkommen als Menschenrecht erwacht die Idee, mit eigenen Fähigkeiten und Wünschen etwas anfangen und gestalten zu können. Das ist der Grund für die Leidenschaft­lichkeit, mit der die Debatte um das bedingungs­lose Grundeinkommen geführt wird: Am Ende geht es um Würde. Und um Freiheit. Darin liegt der gesellschaftliche Mehrwert. In der Freiheit und in der Würde, zwischen unterschiedlichen Sphären und Phasen des Lebens wählen zu können, zwischen bezahlter Arbeit, Beziehungs­arbeit, beruflicher Neuorientierung oder Erwei­terung. Und ja: auch Müßiggang.

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