Pause

Wartezeiten überbrücken: Warum uns Warten so schwer fällt

Die meisten Menschen empfinden das Warten als leere, verlorene Zeit und entwickeln tiefste Abneigungen gegenüber dem kürzesten Verharren. Woher rührt dieses Unbehagen? War Warten immer schon so unangenehm – und was können wir tun, um gelassen damit umzugehen?

Text: Laura Erler
Illustration: Kimberly Gätjens

Illustration: Kimberly Gätjens

„Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann“ – Leo Tolstoi

Zwei Landstreicher stehen am Straßenrand und warten auf einen ominösen Herrn, dessen Ankunft jedoch nicht zu 100 Prozent sichergestellt ist. Die beiden vertreiben sich die Zeit mit Singen, mit selbst erdachten Spielen und Gesprächen, doch der Unbekannte trifft nicht ein. Dies ist, verkürzt gesagt, die Handlung von Samuel Becketts berühmtem Theaterstück Warten auf Godot. Das Stück führt uns einiges vor Augen über ein allgegenwärtiges Phänomen der menschlichen Lebenswelt: die Qual des Wartens. Die Unsicherheit darüber, ob der erwartete Godot je eintreffen wird, sowie die damit verbundene Frustration bringen Becketts wartende Protagonisten so weit, dass sie kurzzeitig in Betracht ziehen, sich zu erhängen. Eine recht heftige Reaktion auf den beim Warten empfundenen Unmut – dessen Ursprung gar nicht so weit zurückliegt: die Erfindung der Pünktlichkeit.

Eine Hand die einen Papierflieger hält

Eigentlich ist das Warten ein Verwandter der Pause: Beide sind Auszeiten während oder vor einer Tätigkeit. Obwohl wenig bis nichts während dieser Zeitspannen passiert, sind Pausen den Menschen meistens willkommen, das Warten dagegen verhasst. An der Supermarktkasse, auf dem Amt, bei der Ärztin, im Stau oder sogar an der roten Ampel, die „erst“ in 30 Sekunden wieder auf Grün schaltet: Wenn wir warten müssen, reagieren wir mit den heftigsten negativen Emotionen wie Langeweile, Nervosität, Ärger und Stress. Die Pein, die Wartende ertragen müssen, ist so groß, dass sie sich „auf die Folter gespannt“ fühlen. Die elende Warterei empfinden wir als leere, vergeudete Zeit.

Zum Teil liegt es wohl daran, dass wir uns an die Tatsache gewöhnt haben, dass immer etwas passiert, kein Stillstand mehr stattfindet. Samuel Beckett bemerkte schon vor einigen Jahrzehnten: „Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann.“ Das wird in der heutigen Zeit der Reizüberflutung natürlich immer brisanter.

Auch erscheint dem Wartenden die Zeit deshalb unerträglich, weil das Ereignis, das der gegenwärtigen Situation den Sinn gibt, noch in der Zukunft liegt. Wessen Gedanken in der Zukunft und beim nächsten Termin hängen, ist nicht gut darin, die Gegenwart zu schätzen.

Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur noch mit Langeweile schockieren kann.

Vor allem aber hat die negative Konnotation von „Warten“ etwas mit unserer Wahrnehmung von Zeit zu tun. Das Warten ist heutzutage schlimmer denn je, denn es ist eine unfreiwillige, meist fremdbestimmte Pause von jeglicher produktiver Geschäftigkeit, ein „Nichtereignis“ im straffen Zeitplan unserer Zeit-ist-Geld-Gesellschaft.

Wartefrust – ein kulturell erzeugtes Problem

Kinder, die auf den Nikolaus warten und Erwachsene, die vom nächsten Urlaub, dem Wochenende, der Rente träumen oder „in freudiger Erwartung“ eines Kindes sind, empfinden derweil Sehnsucht und Hoffnung. Irgendwas scheint da anders zu sein als bei den unangenehmen Wartesituationen: nämlich der Zeitdruck. Nehmen wir zwei Personen, die auf die Ankunft eines verspäteten Zuges warten. Die erste ist Geschäftsfrau und sie muss mit dem Zug zu einem Termin; die zweite Person ist ein Mann, der mit dem Zug seine Liebste erwartet, die längere Zeit verreist war. Die Geschäftsfrau schaut jede Minute auf die Uhr und tigert nervös auf dem Bahnsteig auf und ab. Es könnte ja sein, dass die Bahn durch stetiges Starren auf das leere Gleis herbeigezaubert wird. Derweil bleibt der Verehrer geduldig lächelnd an der Bahnsteigkante stehen. Obwohl beide auf das Eintreten desselben Ereignisses, nämlich die Ankunft des Zuges, warten, sind ihre Reaktionen höchst unterschiedlich. Bei unserer Geschäftsfrau ist die Warterei an einen spezifischen Termin, an Pünktlichkeit und an Timing geknüpft. Für den Verliebten ist das Warten einfacher, weil sein bevorstehendes Date an keinen festen Zeitpunkt gebunden ist und er sich ohne Not darauf freuen kann.

Die negativen Emotionen beim Warten rühren also von unserem modernen, mitteleuropäischen Zeitverständnis her: In ihm ist die Zeit gleichmäßig getaktet und folglich planbar. Von dieser Norm kann die Zeit hie und da durchaus abweichen – mal dehnt sie sich, das nennen wir dann Langeweile; in ausnehmenden Glücksmomenten vergeht sie dann „wie im Flug“, wir sind im Flow. Der Verliebte kann sein Warten als genau so eine Abweichung von der getakteten Norm framen, die Geschäftsfrau hingegen nicht.

Die schlechten Gefühle fielen also nicht vom Himmel – wir haben sie kulturell erzeugt. Bis ins 19. Jahrhundert besaßen nur wenige Menschen Uhren; der Tagesablauf richtete sich in der Regel nach dem Sonnenstand. Daher waren Timing und Pünktlichkeit, wie wir sie heute kennen, noch unbekannte Konzepte. Nehmen wir zum Beispiel das Reisen: Bei der Postkutsche wurde lediglich der Tag angegeben, an dem sie fuhr, die genaue Abfahrtszeit musste man einfach abwarten. Als dann die ersten Eisenbahnen durch die Lande rollten, wurden anfangs auch nur ungefähre Angaben zur Abfahrtszeit gemacht. Erst Ende des 19. Jahrhunderts konnten sich die Menschen dank der Erfindung der Fahrpläne und riesiger Bahnhofsuhren auf genaue Fahrtzeiten einstellen.

„Time is money – Zeit ist Geld.“ Damit etablierte sich auch die Idee, dass man Zeit – genauso wie Geld – „verschwenden“ und „sparen“ könne.

Zu diesem Zeitpunkt wurde auch die Ungeduld wartender Fahrgäste geboren, weil sie nun die pünktliche Abfahrt voraussetzten und verlernten zu warten. Nicht nur in Bahnhöfen, auch anderswo wurden Wartezeiten im Zuge der Industrialisierung immer mehr verkürzt: Der Alltag wurde effizienter durchgeplant und die Zeit in immer kleinere Einheiten unterteilt. Der Erfinder und Staatsmann Benjamin Franklin schuf die passende Maxime zum Zeitverständnis im Industriezeitalter: „Time is Money – Zeit ist Geld.“ Damit etablierte sich auch die Idee, dass man Zeit – genauso wie Geld – „verschwenden“ und „sparen“ könne. Der Soziologe Max Weber beschrieb in seinem Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus aus dem Jahr 1905 die Pünktlichkeit als eine der größten Tugenden in dieser neuen Ära, in der die Zeit zu einer Ressource geworden war.

In den letzten hundert Jahren haben wir die Domestizierung der Zeit und vor allem der Wartezeit auf die Spitze getrieben – und damit den Umgang mit Wartezeiten nicht erleichtert, sondern erschwert. Kürzeste Wartezeiten werden heute überall sichtbar gemacht, um Wartenden die quälende Ungewissheit zu nehmen. Zum Beispiel wird inzwischen an den meisten Bahnsteigen und Bushaltestellen die verbleibende Wartezeit minutengenau angezeigt. Auf dem Amt erscheint auf einem Monitor die Anzahl der Kunden, die noch vor einem selbst an der Reihe sind, und ein Balken visualisiert den Fortschritt von Downloads auf Computern oder Smartphones.

Eine Zeitung die einen Verbrecher zeigt

Außerdem wird uns Menschen, die wir das Warten verlernt haben, die Langeweile auf jede nur mögliche Art vertrieben. Auf Bahnhöfen laufen Infotainment-Clips, in Telefonwarteschleifen Dudelmusik und Google hat sogar ein kleines verstecktes Videospiel in den Browser eingebaut, in dem man die unangenehme Zeit mit einem hüpfenden Dino totschlagen kann, wenn die Internetverbindung einmal zehn Sekunden unterbrochen ist. Doch paradoxerweise verstärken genau diese Maßnahmen das Phänomen, führen zu noch mehr Ungeduld und Frustration. Schon der Philosoph Walter Benjamin stellte im vergangenen Jahrhundert fest, dass das Warten genau da zur Tortur wird, wo Zeit und Warten dem menschlichen Planen und bürokratischen Prozessen unterworfen werfen. Wenn dann die Koordination versagt und Verspätungen auftreten, verkehrt sich das Gefühl von Kontrolle über die Zeit in ihr Gegenteil: in Stress und Hilflosigkeit. Doch muss das so sein?

Andere Länder, andere Zeit

Es scheint, als wäre die ganze Welt so beschleunigt, dass es kein Zurück gäbe. Doch das täuscht. Es gibt immer noch Teile auf der Welt, in denen die Menschen das entspannte Warten besser beherrschen. Wer beispielsweise schon einmal in Griechenland auf den Bus oder einen Termin gewartet hat, weiß, dass man manchmal durchaus noch einen Kaffee mehr trinken oder eine Runde Backgammon einlegen kann, bevor es wirklich losgeht.

Dass in unterschiedlichen Kulturen auch die Wartefähigkeit unterschiedlich ausgeprägt ist, zeigen psychologische Studien. Der US-Psychologe Walter Mischel führte in den 1960er-Jahren an der Stanford University den berühmten Marshmallow-Test durch, bei dem er Vorschulkindern ihre Lieblingssüßigkeit anbot und sie vor die Wahl stellte, entweder das Stück sofort zu naschen oder zu warten und dafür eine Viertelstunde später ein zweites zu bekommen. Mischel und sein Team wollten erforschen, wie die Vierjährigen mit einem möglichen Belohnungsaufschub umgehen, wie es in der psychologischen Fachsprache heißt. Das Ergebnis: Nur 30 Prozent der Kinder konnten oder wollten warten, bis sie auch ein zweites Stück erhalten.

Eine Uhr, die zerfließt

Die Psychologin Dr. Bettina Lamm von der Uni Osnabrück wiederholte den Test 2014 mit Kindern aus Kamerun und Deutschland. Während die deutschen Kinder in etwa dieselbe Quote erreichten wie die jungen Proband*innen in Mischels Marshmallow-Test, waren es bei den Kindern aus Kamerun satte 70 Prozent. Die deutschen Kinder mussten sich zudem massiv von der Versuchung ablenken und waren hibbelig, während die Kinder aus Kamerun beim Warten teilweise einschliefen. Laut Lamm liegt das unter anderem an einem unterschiedlichen Verständnis von Zeit.

Diese Unterschiede untersuchte auch der US-Sozialpsychologe Robert Levine, der in seinem Buch Eine Landkarte der Zeit (1990)die Unterschiede in der Zeitvorstellung verschiedener Länder unter die Lupe nahm. Er stellte darin vor allem Verschiedenheiten zwischen Norden und Süden sowie zwischen westlichen und nichtwestlichen Gesellschaften heraus, und differenzierte dabei zwischen sogenannten „Uhrzeit-Kulturen“ und „Ereigniszeit-Kulturen“. In Ereigniszeit-Kulturen wird der Tag nicht durch Zeitpläne und Termine eingeteilt, sondern wird die Zeit von den Situationen vorgegeben. Ein Prozess dauert eben so lange, wie er dauert. Als Beispiele für Ereigniszeit-Kulturen führt Levine unter anderem Nepal und Indien sowie die Länder Osteuropas an.

In Ereigniszeit-Kulturen wird der Tag nicht durch Zeitpläne und Termine eingeteilt, sondern wird die Zeit von den Situationen vorgegeben.

Das Verständnis von Zeit als eine Abfolge von Ereignissen wirkt sich auch auf die Wahrnehmung von Wartezeiten aus. In Ländern, in denen Abläufe nicht nach exakten Zeitplänen stattfinden, ist man auf längere Wartezeiten eingestellt und macht es sich entsprechend gemütlich. Wer etwa auf die Galapagos-Inseln will, muss manchmal stundenlang auf ein Taxiboot warten. Daher gibt es an der Anlegestelle kein ödes Wartehäuschen, sondern Hängematten. Ein weiteres Beispiel ist Indien, wo in ländlichen Gegenden oftmals nur ein Bus am Tag fährt – und das auch nicht nach Plan. Dort gibt es Wartehallen, auf deren Dächern die Leute, wenn sie den einzigen Bus am Tag verpasst haben, nächtigen und sich dank einer Kochstelle selbst versorgen können.

Wartestrategien für Fortgeschrittene

Wenn also unser Verständnis von Geschwindigkeit und Langsamkeit, Pünktlichkeit und Zeit kulturell erworben ist, warum sollten wir es nicht ändern können? Vielleicht kann ein gewisses Maß an Geduld und Warten wieder erlernt werden. Was also tun, bevor einem die Zornesröte ins Gesicht steigt, wenn sich das nächste Mal der Bus verspätet? Wie reagieren, bevor man sich am Ende der Warteschlange im Supermarkt aufregt, weil ein Rentner*innenpaar an der Kasse in Seelenruhe noch sein Kleingeld abzählt?

Taktik Nummer eins: Gelassenheit. Geduld und Gelassenheit üben geht am besten, indem man über sich nachdenkt. Der Philosoph Alain de Botton schreibt in seinem Buch Calm, dass die meisten unserer Probleme aus den hohen Erwartungen erwachsen, die wir an die Dinge stellen, zum Beispiel an Beziehungen und die Liebe, die unbedingt romantisch sein soll. So passiert es dann auch, dass manche Menschen ihr ganzes Leben trübselig auf den Richtigen oder die Richtige warten und in ihrer Zukunftsfixiertheit blind durchs Jetzt laufen. Aber auch an unseren Tag haben wir zu hohe Erwartungen: Er soll reibungslos nach festen Terminen ablaufen, und schon geringe Abweichungen vom Plan verwandeln das Gefühl, alle Zügel in der Hand zu halten, in Unmut. Wenn sich also beim Warten das nächste Mal Ärger ausbreitet, kann man sich erst einmal darüber gewahr werden, dass er die alten Herrschaften auch nicht schneller zahlen lässt – der Unmut nichts an der Situation ändert. In der gewonnenen Gelassenheit bleibt es zum Beispiel möglich, Alternativen zu erdenken und Geschichten zu spinnen: Wie wird es wohl aussehen, wenn ich im Alter an Kassen stehe? Ein Glück, dass es dann kein Bargeld mehr gibt – vielleicht auch keine Kassen mehr?

Das In-uns-Gehen führt direkt zu Taktik Nummer zwei: Achtsamkeit. Um die Momente des Wartens nicht als verlorene Zeit wahrzunehmen, können wir sie achtsamer und bewusster wahrnehmen. Das Warten ist, wie wir nun wissen, nur unangenehm, wenn wir mit unseren Gedanken bereits in der Zukunft sind. Lebt man stattdessen in der Gegenwart, ist der Moment des Wartens einfach nur ein Moment im Hier und Jetzt. Diesbezüglich können wir uns eine Scheibe von den Lebenseinstellungen der Zen-Buddhist*innen und Achtsamkeits-Expert*innen abschneiden, die darin bestrebt sind, volle Präsenz im gegenwärtigen Augenblick zu erreichen. Anstatt in der nächsten Wartesituation im Kopf schon die kommenden Termine und Erledigungen durchzurattern, lieber mal innehalten und dem Moment die volle Aufmerksamkeit schenken. Was machen die Wartenden am anderen Gleis? Was sagt ihre Körpersprache? Welche Geräusche oder Gerüche umgeben uns?

Taktik Nummer drei: am eigenen Zeitverständnis schrauben. Wie wäre es, wenn man sich etwas weniger von der Uhrzeit und dem Pünktlichkeits-Dämon drangsalieren und etwas mehr von den Ereigniszeit-Kulturen inspirieren ließe? Vielleicht täten es ein paar strikt eingegrenzte Termine weniger im Kalender auch. Wenn man zum Beispiel für sein Date einfach einplant, dass es erst dann vorbei ist, wenn alle Neuigkeiten miteinander ausgetauscht wurden und nicht nach dem ersten gemeinsamen Kaffee schon die nächste Verabredung ansteht, macht es auch nichts, wenn der Freund oder die Freundin ein halbes Stündchen später eintrifft. Einfach noch einen Tee bestellen, dem wohligen Café-Gemurmel lauschen – und abwarten.

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