Geheimnis

Waldemar Zeiler, Marion King & Nick Heubeck: drei Perspektiven auf das Thema Geheimnis

Unterschiedliche Perspektiven erweitern den Blick. Wir haben drei Menschen, die uns inspirieren, gefragt, was sie mit dem Thema Geheimnis verbinden.

Text: Laura Weinert

Nick Heubeck, Waldemar Zeiler und Marion King von links nach rechts

Waldemar Zeiler, Founder & Chief Executive Unicorn bei einhorn

Ein Porträt von Waldemar Zeiler

Waldemar Zeiler, Founder & Chief Executive Unicorn bei einhorn (Foto: Robert Wunsch)

„Wenn wir uns mit Menschen treffen, die wir nicht kennen, dann sagen wir: Das sind wir, das wollen wir, das ist hier unsere Hidden Agenda – was ist eure?“

Ich bin pro Geheimnisse ausplaudern – und zwar, um Zeit zu sparen. Für uns ist total klar, dass wir nur mit Leuten zusammenarbeiten wollen, die eine hohe Klausabilität haben – die genauso denken, wie unser Kondom-Klaus, also: sehr nachhaltig. Wir haben mit einhorn so oft in Meetings gesessen mit Menschen, die etwas von uns wollten, aber die alle nur um den heißen Brei herumgeredet haben. Warum eigentlich? Jede*r von uns hat doch eine Agenda, jede*r will irgendwas und jede*r weiß das auch. Und dann geht man in ein Meeting und will irgendwas verkaufen oder kooperieren, aber keine*r legt die Agenda offen. Oft passiert es dann, dass man ein, zwei Stunden quatscht und alles ist ganz toll, aber am Ende weiß man überhaupt nicht, wo der*die andere steht und was er*sie will.

Das, finden wir, ist eine totale Zeitverschwendung und wir wollten viel besser filtern. Deshalb haben wir ein eigenes Format daraus gemacht: die Open Hidden Agenda. Wenn wir uns mit Menschen treffen, die wir nicht kennen, dann sagen wir: Das sind wir, das wollen wir, das ist hier unsere Hidden Agenda – was ist eure? Und dann müssen die Geheimnisse purzeln und entweder man sieht direkt, dass etwas nicht passt oder man kann sofort beim Thema vorankommen. Im Zweifel legen wir sogar ein Dokument vor, das unterschrieben und damit bestätigt wird, dass man weiß, was der*die andere will. Wir gehen dabei mit unserer Ehrlichkeit in Vorleistung: Wenn man seine eigene Agenda offen und ehrlich verrät, dann kommen die anderen meistens auch mit ihrer um die Ecke.

Man hat nämlich schon bei einigen Meeting-Partner*innen den Verdacht, dass das Meeting vielleicht umsonst ist, weil denen die Weltrettung nicht ganz so wichtig ist wie uns oder dass deren Business-Ziele vielleicht ganz andere sind. Da hilft es auf jeden Fall, auch weil wir unsere Open Hidden Agenda sehr krass formulieren. Wir wollen, dass unsere Geschäftspartner*innen mit uns die Welt retten und dafür müssen sie halt etwas machen. Da werden manche Dinge relativ schnell klar, ob etwas geht oder nicht geht, es gibt einen sehr klaren Filter. Wir fordern zum Beispiel bei Banken, dass sie alle Investments prüfen. Wir wollen, dass nicht in Waffen investiert wird, sondern dass Investments in nachhaltige Sachen gepusht werden. Das ist das, was Banken machen können und wenn sie das nicht machen wollen, dann bringt die Kooperation nichts. Da melden sich die Leute dann dementsprechend schnell halt auch mal nicht wieder. Wenn wir nicht so klar formulieren würden, dann hätte man vielleicht noch ein paar Meetings mehr machen müssen und bei irgendwem Hoffnung geweckt, dass man eine nice Greenwashing-Kampagne mit unseren Gesichtern machen kann – so etwas schließt sich dann sehr schnell aus.


Marion King, Founder bei Les Enfants Terribles

Ein Porträt von Marion King

Marion King, Founder bei Les Enfants Terribles

„Ich wollte nicht die ,Abladestelle‘ sein, sondern, dass die Mitarbeiter*innen in ihre Verantwortung gehen und lernen, selbst gut für sich zu sorgen.“

Ich habe lange als HR-Chefin gearbeitet und in dem Kontext erzählen einem die Mitarbeiter*innen natürlich ihre „Geheimnisse“. Anfangs war ich stolz darauf, dass ständig so viele Kolleg*innen auf meiner Couch saßen und mir wirklich alles anvertraut haben. Bis ich irgendwann gemerkt habe, dass wir so nicht weiterkommen. Ich wollte nicht die „Abladestelle“ sein, sondern, dass die Mitarbeiter*innen in ihre Verantwortung gehen und lernen, selbst gut für sich zu sorgen.

Bei Les Enfants Terribles haben wir deshalb heute einen großen Schwerpunkt auf Inner Work – was auch bedeutet, keine Geheimnisse vor sich selbst zu haben. Das Schönste an unserer Arbeit ist, dass Menschen sich erlauben, sich ganz neu zu entdecken, ihr Leben und Arbeiten zu ändern, dass sie sich auf den Weg machen. Das ist für viele neu: Wir haben Achtsamkeit mit uns, Selbstreflexion und auch Klarheit im Umgang mit anderen in der Regel nicht gelernt. Es wäre so gut und wichtig, wenn wir damit ganz natürlich aufwachsen würden. Wir haben einen Körper, der nicht nur eine Hülle ist. Und wir sind fühlende Wesen. Es ist merkwürdig, dass wir das so nicht leben.

Das gilt natürlich auch und gerade am Arbeitsplatz. Dort lassen wir oft nicht zu, ganze Menschen zu sein. Wir sind unsicher, wie viel Privatheit im Job sein darf. Deshalb versuchen wir, funktionierende Maschinen zu sein, auch wenn es uns gerade nicht gut geht. Es muss aber auch dort die Möglichkeit geben, sich mitzuteilen und zu zeigen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir uns darauf verlassen können, dass gut mit diesen Informationen umgegangen wird, dass nichts Nachteiliges damit passiert.

Wir ermutigen die Menschen, die in unsere Ausbildungen kommen oder in Transformationsprojekten mit uns arbeiten, sich mehr zu zeigen. Wir geben ihnen damit so eine Art Erlaubnis, sich ihre Gefühle, Zweifel oder Sorgen einzugestehen. Es ist okay, zu sagen, dass etwas nicht okay ist. Das ist der Kern des Enfant-Terrible-Seins.

Letztlich muss jede*r selbst entscheiden, was er*sie von sich preisgeben will. Aber wenn ich mich entscheide, eine Information zu teilen, dann muss ich das so tun, dass andere es gut annehmen und etwas damit machen können. An der Stelle geht es um Verantwortung – für mich selbst und die anderen. Es geht darum, in Konsequenzen zu denken.

Das wollte ich damals als HR-Chefin mit meinen Kolleg*innen erreichen. Deshalb habe ich angefangen, zu Beginn eines jeden „Kann ich dich mal sprechen?“-Termins zu fragen, was mit dem „Geheimnis“, das gleich geteilt werden wird, passieren soll. Ich habe gefragt, warum sie mir das erzählen, was die Person selbst damit tun möchte und natürlich wie ich unterstützen kann. Von da an war mein Büro keine Einbahnstraße mehr. Das war eine meiner besten Entscheidungen als HRlerin.


Nick Heubeck, Social-Media-Sprecher und mitverantwortlich für Presse bei Fridays For Future

Ein Porträt von Nick Heubeck

Nick Heubeck, Social-Media-Sprecher und mitverantwortlich für Presse bei Fridays For Future (Foto: Tim Heubeck)

„Wenn Politik und Wirtschaft keine Strukturen schaffen, in denen Ehrlichkeit belohnt wird, dann liegt es an uns, Unehrlichkeit zu bestrafen.“

Es ist gut, dass wir eine ganze Menge an rechtlich bindenden Geheimnissen haben: das Briefgeheimnis etwa oder den Datenschutz (sofern diese auch eingehalten werden). Das ist für unser Zusammenleben enorm wichtig und nachvollziehbar. Niemand wäre gern gläsern; unsere Freundeskreise wissen logischerweise Dinge über uns, die wir Fremden nicht erzählen. Und unsere Bankdaten geben wir natürlich auch nicht weiter. Allgemein achte auch ich darauf, sorgfältig auszuwählen, welche Informationen ich wem preisgebe – denn die Chance, dass private Dinge an die falschen Leute geraten, steigen vor allem durch Unachtsamkeit.

Für bestimmte Lebensbereiche brauchen wir auf jeden Fall Geheimnisse – zumindest als Einzelpersonen. Problematisch wird es dann, wenn Informationen systematisch zurückgehalten werden. Schaffen wir Strukturen, in denen Menschen der Zugang zu Informationen vorenthalten wird, müssen wir diese ändern. Das gilt vor allem für Organisationen: Hier müssen Informationsnetzwerke immer wieder hinterfragt werden. Auch ich achte bei Fridays For Future immer wieder darauf, zu überprüfen, ob ich gewissen Menschen Informationen vielleicht unbewusst nicht vermittle. Nur so kann ich verhindern, dass sich bestehende Asymmetrien noch weiter ausbreiten.

Um als Gesellschaft voranzukommen, braucht es ein gewisses Grundmaß an Ehrlichkeit. Wir jungen Menschen sind es Leid, immer mit den gleichen Ausreden und Phrasen abgespeist zu werden. Lügen einflussreiche gesellschaftliche Akteur*innen, muss das meiner Meinung nach systematisch aufgeklärt und eindeutig auch so benannt werden. Das passiert bislang viel zu selten. Wenn ein klimaschädliches Unternehmen ein paar Baum-Projekte finanziert und damit vom notwendigen Umdenken entlang seiner Produktionsprozesse ablenken möchte, muss es Instanzen und eine Öffentlichkeit geben, die das nicht durchgehen lassen.

Wenn Politik und Wirtschaft keine Strukturen schaffen, in denen Ehrlichkeit belohnt wird, dann liegt es an uns, Unehrlichkeit zu bestrafen. Es muss für solche Unternehmen ein Wettbewerbsnachteil werden, bewusst Lügen zu verbreiten. Diese Mobilisierung kann in Form von Boykotts oder öffentlichkeitswirksamer Aktionen passieren, bedarf dabei aber immer einer aufgeweckten und interessierten Öffentlichkeit.

Doch auch im privaten Bereich spielen wir alle mit Geheimnissen, etwa wenn wir immer nur einen Teil unseres Lebens in den Sozialen Netzwerken darstellen. Häufig fällt uns das schon gar nicht mehr auf und wir sehen das Bild, das eine Person von sich schafft, als ihre Realität an. Darauf sollten wir meiner Meinung nach viel stärker achten: Denn je mehr ich das Gefühl habe, dass die Welt um mich herum unehrlich und gestellt ist, desto eher sollte sich doch bei mir der Wunsch auftun, dem etwas entgegenzusetzen. Und viele starke Stimmen sprechen sich in diesem Bereich auch bereits sehr deutlich gegen den Trend aus und versuchen, eine Gegenbewegung zu formieren. Das ist enorm wichtig.

Ich denke, vor allem die Jugend macht gerade eindrücklich klar, dass der Wind sich dreht. Ich bin stolz darauf, dass sich ein Großteil meiner Generation von Greenwashing nicht mehr einlullen lässt – weder von politischer noch von wirtschaftlicher Seite. Der enge Zeitrahmen, den wir etwa im Klimaschutz haben, kann nur durch Taten ausgenutzt werden. Wer die Zeichen der Zeit verstanden hat, muss jetzt handeln. Alles andere zählt nicht mehr.

Über die Autorin

Laura Weinert schreibt, seit sie erkannt hat, dass das die einzige fruchtbare Art ist, ihre Liebe zur Musik auszudrücken. Neben dem Studium des Musik- und Medienmanagement engagiert sie sich in der Start-up-Förderung und ist selbst Teil eines jungen Bildungsinstituts für digitale Kompetenzen. Sie arbeitet als freie Autorin in Journalismus und PR und moderiert Panels und Stages auf Konferenzen.

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