Wirksamkeit

Wie wir die Schere schließen und warum wir es tun sollten

Der Ökonom Thomas Piketty beschäftigt sich mit Ungleichheit und ihren Folgen und hat ein paar gute Ideen für die Zukunft unserer Welt. Leider stecken viele seiner Gedanken in zwei Büchern mit zusammen über 2.000 Seiten. Wir haben sie für euch gelesen und zusammengefasst.

Text: Sebastian Klein
Illustration: Dominik Wagner

Thomas Piketty Aufmacher

Der französische Ökonom Thomas Piketty schreibt in seinen Büchern Das Kapital im 21. Jahrhundert und Kapital und Ideologie: Ungleichheit ist Teil menschlichen Zusammenlebens. Es wird sie immer geben. Allerdings brauchen stabile Gesellschaften ein stimmiges Narrativ, um diese Ungleichheiten zu rechtfertigen. In den letzten Jahrhunderten gab es immer wieder gesellschaftliche Umwälzungen, nachdem das Ausmaß der Ungleichheit zu groß geworden war beziehungsweise das Narrativ nicht mehr funktionierte. Auch Staaten haben in der Vergangenheit immer wieder eingegriffen, um Ungleichheiten zu verringern. Heute, in Zeiten globaler Finanzströme und Steuerwettbewerbs zwischen Ländern, haben sich neue Herausforderungen ergeben: Um eine Abwanderung von Kapital zu vermeiden und wettbewerbsfähig zu bleiben, haben die meisten Staaten ihre Steuersysteme so verändert, dass sie eine zunehmende Ungleichheit begünstigen. In der westlichen Welt geht die zunehmende Elitenbildung mit einem Narrativ einher, in dem Leistung als das wesentliche Kriterium für Erfolg in der Gesellschaft benannt wird. Piketty bezeichnet dieses Narrativ als meritokratisches Märchen. Wie seine Daten zeigen, ist in Ländern wie den USA nicht die Leistung ausschlaggebend dafür, wie groß die Chancen sind, später zu Erfolg und Wohlstand zu kommen – sondern vor allem die Geburt in die richtige Familie. Laut Piketty bewegen sich große Teile der Welt aktuell in Richtung von Gesellschaften, in denen Wohlstand nicht erworben, sondern fast ausschließlich vererbt wird. Staaten haben es in der Hand, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Allerdings bedarf es bei einigen entscheidenden Themen (vor allem bei den Steuern) der internationalen Zusammenarbeit.

Das durchschnittliche Einkommen steigt

Betrachten wir nur die Durchschnittswerte, hat sich das Einkommen pro Person über die letzten Jahrhunderte konstant nach oben entwickelt:

Weltbevölkerung & Einkommen 1700 – 2020

Phasen der Ungleichheit

Gleichzeitig gab es immer wieder Phasen starker Ungleichheit in der Welt. Wir befinden uns gerade in einer davon. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Gesellschaften von relativer Gleichheit geprägt. Mit dem Zeitalter der Sozialdemokratien ging eine starke Umverteilung einher. Das hing laut Piketty auch damit zusammen, dass es mit der sozialistischen Welt ein starkes Narrativ in Richtung Gleichheit gab, dem sich auch die kapitalistischen Länder ein Stückweit annähern mussten, um im Vergleich zu bestehen. Seit den 1980er-Jahren und spätestens mit dem Zusammenbruch der UdSSR erleben wir wieder eine zunehmende Ungleichheit, die in den USA bereits ein größeres Maß erreicht hat als vor dem Ersten Weltkrieg.

Ungleichheit 1900 – 2020

Das Leistungsmärchen

Die zunehmende Ungleichheit wird zwar gerechtfertigt durch ein Leistungsnarrativ. Dabei handelt es sich allerdings lediglich um ein Märchen. Dieses soll verschleiern, dass in Ländern wie den USA Vermögen und Einkommen im Grunde mit der Geburt festgelegt werden.

Einkommen der Eltern & Zugang zu Universitäten, USA 2014

Ungleichheit im historischen Kontext

Das Schweden der 1980er-Jahre gilt als bislang egalitärste (damit ist eine Gesellschaft gemeint, in der die sozialen Unterschiede besonders gering sind) Gesellschaft unter denen, die wir auf der Basis von Daten untersuchen können. Besonders ungleich waren historisch Sklavenhalter-Gesellschaften, in denen eine kleine europäische Minderheit den Großteil allen Eigentums besaß. In der heutigen Welt sind im Mittleren Osten, Brasilien und den USA die Einkommen am ungleichsten verteilt.

Ungleichheit im historischen Kontext

Das Erstarken des Privateigentums

In der westlichen Welt gibt es jede Menge Privateigentum: das Äquivalent von vier (Deutschland) bis sechs (Großbritannien) Jahren Nationaleinkommen. Das jeweilige Land könnte – bei gleichbleibenden Ausgaben – also vier bis sechs Jahre alles Wirtschaften einstellen, bis das Geld ausginge. Historisch gab es bereits Zeiten, in denen noch mehr Privateigentum angehäuft worden war, durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise schrumpfte dieses jedoch zusammen. Beim Höchststand des Privateigentums war auch die Ungleichheit auf einem Maximum. Das neuerliche Erstarken des Privateigentums geht heute ebenfalls mit einer zunehmenden Ungleichheit einher.

Privateigentum in Europa 1870 – 2020

Progressive Steuern

Progressive Steuern* waren seit jeher ein wichtiges Mittel, um Ungleichheiten zu vermindern. Die Spitzensteuersätze (damit sind die Steuersätze gemeint, die auf die höchsten Einkommen angewendet werden. Ein maximal denkbarer Spitzensteuersatz von 100 Prozent würde bedeuten, dass das gesamte Einkommen als Steuern vom Staat eingezogen wird) erreichten nach den beiden Weltkriegen Höhen von nahezu 100 Prozent. Solche Sätze erscheinen heute kaum noch denkbar, in Ländern wie Deutschland und den USA liegen die Spitzensteuersätze seit Jahrzehnten bei unter 50 Prozent.

* Was sind progressive Steuern?

Der Steuersatz in Prozent steigt mit der Höhe des Einkommens bzw. Vermögens an. Wer besonders viel verdient, bezahlt dann nicht nur absolut (in Euro) höhere Steuern, sondern auch relativ (in Prozent). Davon abzugrenzen sind Steuern, die als Kopfgeld (ein fester Betrag pro Person) konzipiert sind und sogenannte Flat-Tax-Steuern, bei denen ein einheitlicher Prozentsatz für alle gilt, unabhängig von Einkommen und anderen Variablen. Da bei nicht progressiven Steuern keine Umverteilung stattfindet, hat das deutsche Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass ein nicht-progressives Steuersystem dem im Grundgesetz gebotenen Gleichheitssatz widerspricht: „Hier verlangt die Gerechtigkeit, dass im Sinne der verhältnismäßigen Gleichheit der wirtschaftlich Leistungsfähigere einen höheren Prozentsatz seines Einkommens als Steuer zu zahlen hat als der wirtschaftlich Schwächere“, (BVerfGE 8, 51).

Spitzensteuersätze 1900 – 2018

Ein globales Phänomen

Das Phänomen der zunehmenden Ungleichheit scheint ein globales zu sein. Die Schere zwischen den höchsten und niedrigsten Einkommen geht weltweit auseinander, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Entwicklung der oberen und unter Einkommen, 1980 – 2015

Wie wir die Schere schließen

Um dem aktuellen Trend entgegenzuwirken, braucht es ein paar neue politische Ideen. Piketty schlägt zum Beispiel vor:

  • Neben einem Grundeinkommen soll jeder erwachsene Mensch auch ein Grundkapital erhalten, um damit zum Beispiel eine Immobilie erwerben oder anderweitig investieren zu können.
  • Eigentum auf Zeit, also eine Neuinterpretation von Privateigentum als nicht dauerhaft
  • Stärkere Investitionen in höhere, gleichwertige Bildung einer breiten Allgemeinheit, um für echte Chancengleichheit zu sorgen
  • Internationale Vereinbarungen, um globale Mindeststandards für Steuern festzusetzen und Steuerschlupflöcher zu schließen
  • Stark progressive Steuern auf Einkommen und Vermögen, wie sie in der Vergangenheit bereits für mehr Umverteilung eingesetzt wurden
  • Neue gesellschaftliche Narrative, die das meritokratische Märchen ersetzen (also eine politische Auseinandersetzung mit der Frage: Welche Gesellschaft und welches Maß an Ungleichheit wollen wir?)
Unser Weg ins Verantwortungseigentum - Die Case Study zu Neue Narrative

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Bild: Dominik Wagner

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