Ego

So lässt sich Ego verlernen

Niemand kommt egozentrisch zur Welt, wir entwickeln unser Ego mit der Zeit. Aber wie lässt sich übermäßiges Egoverhalten wieder verlernen?

Text: Laura Erler
Illustration: Cecile Noel

Wie lässt sich Egoverhalten wieder verlernen?

In unserer globalisierten, westlich geprägten Arbeitswelt spielen Ellenbogen eine große Rolle. Wer sich am härtesten vorwärts kämpft, gewinnt. Dabei stellt sich gelegentlich die Frage: Woher kommen eigentlich diese riesigen Egos hinter den Ellenbogen? Sollten wir ihnen irgendwie Einhalt gebieten? Und geht das überhaupt?

Die gute Nachricht zuerst: Kein Mensch kommt mit einem riesigen Ego auf die Welt. Genau genommen werden wir sogar komplett ohne Ego geboren. Psycholog*innen und Philosoph*innen sind sich inzwischen einig: Was wir als Ego bezeichnen, ist ein Konglomerat aus Gefühlen und Einstellungen, die wir durch die Erfahrungen in unserer Biografie entwickeln. Das ändert nichts daran, dass viele von uns gelegentlich mit starken Ego-Regungen zu kämpfen haben. Sehen wir uns daher ein Modell an, das dabei helfen kann, das eigene Ego zu bändigen.

Für ein gesünderes Gleichgewicht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir schrauben am Ego oder wir stärken den Altruismus.

Das Circumplex Modell

Das von den US-Psychologen Timothy Leary und Jerry S. Wiggins entwickelte Modell des interpersonalen Circumplex stellt zwei zentrale Triebfedern vom Verhalten des Menschen als sozialem Gruppenwesen dar: Die Y-Achse steht für getting ahead, also Ego-Tendenzen und Verhalten, das dem Individuum dient, sich gegenüber anderen durchzusetzen. Die X-Achse steht für getting along, also altruistische Verhaltensweisen, Kooperation und Unterstützung von anderen. Beide Tendenzen sind im Menschen angelegt und von Individuum zu Individuum unterschiedlich stark ausgeprägt.

Starke Ego-Tendenzen müssen dabei nicht unbedingt schlecht sein. Ein Mensch, der viel Ego und viel Altruismus mitbringt, wird in der Regel als gesellig-extravertiert wahrgenommen. Ein mittleres Maß an Ego, kombiniert mit starken altruistischen Tendenzen wiederum als warmherzig-verträglich.

Schwierig wird es aber dann, wenn einem starken Ego kaum Altruismus gegenübersteht. Idealerweise gibt es daher eine Balance zwischen „für mich selbst“ und „für andere“ sorgen. Für ein gesünderes Gleichgewicht gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wir schrauben am Ego oder wir stärken den Altruismus.

Ein Wesen dem sein Ego aus dem Kopf herausragt

Schärfe deine Selbstwahrnehmung

Um dich selbst auf den beiden Ebenen zu verorten, betreibe etwas Introspektion. Rufe dir Situationen ins Gedächtnis, in denen sich eventuell eine ungesunde Portion Ego bemerkbar gemacht hat. Gehst du des Öfteren an die Decke, wenn dein*e Kolleg*in eine kritische Bemerkung macht? Denkst du manchmal Dinge wie: „Ohne mich würde der Laden hier untergehen“? Gehe deine Erfolge und Misserfolge im Kopf durch und rekonstruiere, wie du sie bewertest. Egozentrische Menschen tendieren dazu, Erfolge auf ihre eigene Leistung zurückzuführen, aber Fehlschläge den Umständen oder anderen zuzuschreiben. Bei kleinen Egos ist es umgekehrt. Nach dem Motto: Ich habe Erfolg, weil ich Glück hatte, ich versage, weil ich inkompetent bin. Um deine Position auf der Ebene des Altruismus zu bestimmen, gehe Situationen durch, in denen es um die Bedürfnisse oder Belange anderer Menschen ging. Spürst du beispielsweise bei dem kleinsten persönlichen Problem, das Kolleg*innen mit dir teilen, den Drang, ihnen zu helfen oder hast du größtenteils das Gefühl, es ginge dich nichts an? Wie oft opferst du deine eigene Kraft und Zeit, um sie für andere einzusetzen? Wenn du dich selbst und vielleicht ein paar andere Menschen in deinem engeren Umfeld dich verortet haben, denke noch über die Dynamiken nach, die sich aus den Unterschieden ergeben. Wo gibt es Spannungen? Wie reagieren die Menschen üblicherweise auf dein Verhalten? Du solltest nun eine gute Vorstellung von deinen Mustern haben. Reibt sich etwa dein Ego immer wieder auf und du hast das Gefühl, es könnte ein bisschen weniger sein, dann nutze die Egogegengifte Feedback und Dankbarkeit. Stellst du Lücken in deinen Altruismusgepflogenheiten fest, stärke sie mit empathischem Zuhören.

Bitte um Kritik und Rat

Falls du dich bei der Reflexionsübung dabei ertappst, dass du tatsächlich bei gescheiterten Projekten oft denkst, es seien die anderen oder die Umstände schuld gewesen, ist es Zeit für etwas Selbstkritik: Was hast du zum Misserfolg beigetragen? Wenn du selbst nicht weiterkommst, frag Teamkolleg*innen nach ihrer ehrlichen Einschätzung. Je mehr du mit kritischem Feedback umgehen lernst und es aushältst, desto mehr schaffst du ein Umfeld, in dem Menschen mit dir arbeiten wollen. Auch öfter um Rat oder Hilfe bitten macht demütiger und bringt dir wieder eine Strategie mehr auf deinem Getting-along-Konto.

Ein Wesen das meditiert und sein Ego im Griff hat

Übe Dankbarkeit

Ein weiteres Gegenmittel für Ego ist Dankbarkeit. Solltest du einen „Ohne mich läuft hier gar nichts”- Moment haben, dreh die Aussage mal um: „Ohne mich läuft hier alles ziemlich gut, denn ich habe wahnsinnig fähige Kolleg*innen.“ Dazu führst du ab jetzt am besten bei all deinen Projekten eine Liste, wer mitarbeitet, dir hilft, etwas zur Verwirklichung beiträgt. Mache daraus im Anschluss eine Dankbarkeitsliste, mit der du allen Beteiligten am Ende Wertschätzung und Dank für ihre Mitarbeit ausdrückst. Die Leute aus der Buchhaltung zum Beispiel, die dir die Zahlen herausgesucht haben, oder die Kollegin, die abends noch Diagramme erstellt hat.

Über die Autorin

Laura Erler arbeitet als Redakteurin bei der Wissensapp Blinkist und liest und schreibt gern über die Themen Kultur, Psychologie und Sprache. Sie bedankt sich bei allen, die mit ihrem kritischen Feedback, Ideen und Formulierungsvorschlägen dazu beigetragen haben, dass dieser Artikel entstehen konnte.

Stärke dein Mitgefühl

Psycholog*innen der Würzburger Julius-Maximilians-Universität und am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben kürzlich in einer Studie nachgewiesen, dass wir prosoziales Verhalten – also solches, das für uns selbst kostspielig ist, aber anderen Menschen Vorteile bringt – durch regelmäßiges mentales Training von Fähigkeiten wie Mitgefühl oder Dankbarkeit verstärken können. Neben einer Meditationspraxis, die diese Fähigkeiten als Schwerpunkt haben, ist das empathische Zuhören eine gute Übung für mehr Altruismus, denn sie dreht sich ausnahmslos um die andere Person, nicht um dich. Sagen wir, jemand erzählt dir von einem Konflikt mit einer*m Kolleg*in. Beiden meisten Gesprächen überlegen wir schon beim Zuhören, welchen Rat wir geben können, wie wir unsere eigenen Erfahrungen vorführen oder unseren Unmut über die blöde Situation kundtun können. Wer empathisch zuhört, ist dagegen aufmerksam und schweigt, auch innerlich. Auch wenn es um einen Konflikt mit dir geht, versuche einen Perspektivwechsel, bei dem du die Beweggründe des Gegenübers erkundest.

Daran, wie schwierig solche Umwälzungen des Verhaltens im Alltag für egoorierentierte Menschen sein dürften, erkennen wir, dass die meisten von uns nicht dazu erzogen wurden, ihre Aufmerksamkeit auf andere zu lenken und mit ihnen an einem Strang zu ziehen, sondern nach individueller Leistung zu streben. Aber wir können uns eben auch selbst ein Stück weit umerziehen. Wir sollten alle einen Blick darauf werfen, wie es um unser übermäßiges Ego bestellt ist, und entweder diese Verhaltensweisen verlernen oder alternativ mehr altruistische erlernen.

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