Gesundheit

Wie eine Care-Ökonomie aussehen könnte

Text: Marius Hasenheit
Illustration: Sandra Bayer

Sorgearbeit muss besser angesehen, verteilt und bezahlt werden. Das Gute: Es geht – und viele wollen mehr übernehmen.

Wer hat deine Schulbrote geschmiert? Wer hat sich um deine Großeltern gekümmert? Wer hat dir zugehört, wenn es dir schlecht ging? Diese Care-Arbeit übernahmen vermutlich vor allem Frauen in deinem Umfeld. Und diese Arbeit ist so wichtig wie unsichtbar und unterschätzt. Wollen wir eine menschenzentrierte Wirtschaft und ein lebenswertes Privat- und Sozialleben, sollten wir einen Kulturwandel starten. Klingt zäh, ist aber einfacher als gedacht!

Care-Arbeit oder Sorgearbeit eint: Sie wird überwiegend von Frauen geleistet und ist nicht nur ziemlich wichtig, sie ist oft un- oder unterbezahlt. „Care ist regenerative Arbeit, die den Status quo ermöglicht. Arbeit, die nötig ist, damit andere sich im Büro aufplustern können“, so der Ökonom Hans Rusinek, der in St. Gallen über die Zukunft von Arbeit forscht. „Die Sorgearbeit bezieht sich immer direkt auf den Menschen – ganz anders als viele andere Bereiche der Wirtschaft.“

Die Schweizer Professorin Christa Binswanger unterscheidet direkte Care-Arbeit wie Pflege, Betreuung oder Erziehung von indirekter wie Hausarbeit. „Was beide Sorgearbeitstypen gemeinsam haben: Sie lassen sich nicht immer planen und selten rationalisieren. Wer schneller pflegt oder anderweitig die Produktivität steigern will, erntet Qualitätseinbußen.“ Wer schon einmal versucht hat, ihre Wohnung doppelt so schnell zu putzen oder ein Kind zu füttern wie normalerweise, wird Professorin Binswanger Recht geben: Care-Arbeit braucht Zeit. Viel Zeit.

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Laut Statistischem Bundesamt wenden private Haushalte für unbezahlte Arbeit ein Drittel mehr an Zeit auf als für die bezahlte Erwerbsarbeit. Der Großteil dieser Arbeit wird von Frauen gemacht. Laut Gleichstellungsbericht der Bundesregierung wenden sie pro Tag durchschnittlich 52 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Die größten Unterschiede beim Gender-Care-Gap zeigen sich in Deutschland bei 34-Jährigen. In diesem Alter verbringen Frauen im Schnitt mehr als fünf Stunden täglich mit Care-Arbeit, Männer nur zweieinhalb Stunden.

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Stürzen sich die Geschlechter in selben Maßen in Lohnarbeit, löst sich Care-Arbeit nicht in Luft auf. Sie wird weitergegeben – an eine Frau aus Bulgarien, welche nun die Großeltern pflegt, eine Griechin, welche die Kinder in der Kita betreut – oder all die Menschen, die den Young Professionals ihr Lunch zubereiten oder liefern. Meist ist verlagerte Care-Arbeit unterbezahlt und wer diese Arbeit leistet, kann die eigene Care-Arbeit nicht weiter outsourcen. Kochen, putzen oder pflegen kommen dann oben drauf. 90 Prozent der deutschen Haushalte melden ihre Reinigungskräfte nicht an. Meist sind es Frauen, die illegal beschäftigt und ohne Absicherung oder Unfallschutz für diejenigen arbeiten, die sich das Outsourcing von Care-Arbeit leisten können.

Care-Arbeit ist nicht nur oft unbezahlt sowie ungerecht verteilt zwischen Geschlechtern und globalen Klassen, sie wird auch kaum beachtet. Über „die Wirtschaft“ wird zwar viel berichtet, über Care-Arbeit aber schreiben die Zeitungen kaum. Und wenn, dann eher im Genre Sozialreportage. Das hat einen Grund: „Die Wirtschaft“ wird behandelt wie ein kränkelndes Mitglied in der Gesellschaft. Der Wirtschaft geht es mal gut, mal steckt sie in einem Tal, oft soll sie sich erholen – durch Stimulationen.

Hinter den Gemütsbeschreibungen steckt ein simpler Indikator: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es beschreibt Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres produziert werden. Es sagt also wenig aus über den Zustand der Umwelt, Haushaltseinkommen, Zukunftssicherheit durch Investitionen und über ziemlich all das, was unbezahlt bleibt. Volkswirtschaftlich gesehen wird Care-Arbeit also konsequent ignoriert.

Neben Care stehen Vollzeit-Jobs, die die Familie alleinernähren sollen und dabei wenig Zeit lassen, sich um sie zu sorgen; darunter „Bullshit-Jobs“, wie der Anthropologe David Graeber sie genannt hat: sinnlose, aber gut bezahlte Arbeit, bei der nicht genutzte Datenmasken auszufüllen sind oder für die Schublade geschrieben wird. Gegenüber stehen die sinnvollen, aber schlecht bezahlten „Scheiß-Jobs“, beispielsweise in der Pflege.

Blinde Ökonom*innen, unbezahlte oder mies entlohnte Frauen einerseits und andererseits eine Menge Menschen, die lieber Zeit mit Familie und Freunden verbringen würden als mit Excel oder Dachlatten – die in dieser Zeit aber das Geld ranschaffen müssen. Zum Glück muss das nicht so bleiben.

Warum ist deine Exceltabelle sinnvoll?

In Hans Rusineks Care-Utopie ist Care-Arbeit allen möglich: „Richtig dosiert und selbst ausgewählt ist Sorgearbeit doch oft eine sinnstiftendere Arbeit als unsere Lohnarbeit – oder? Das Ehrenamt, mit der Tochter im Sand zu buddeln oder mit der Oma Schach spielen – diese Arbeit ist menschlicher und humaner als am Computer zu sitzen und definitiv sinnvoller als die Bullshit-Jobs Graebers.“ Zudem müsse Care-Arbeit in den Mittelpunkt rücken. „Anstatt sich für einen Nachmittag mit den Kindern zu rechtfertigen, sollte Nicht-Care-Arbeit erklärungsbedürftig werden. Warum ist deine Exceltabelle sinnvoll?“

Auch eine 4-Tage-Woche würde helfen, meint Rusinek. Die Schweizer Professorin Binswanger stimmt zu: „Wer Arbeitszeit verringert, sieht schnell, dass sich der Krankenstand reduziert, während die Produktivität und Mitarbeitenden-Zufriedenheit wächst.“ Arbeitszeitverkürzung wirkt also gleich mehrfach positiv: Mehr Menschen haben Zeit, um Care-Arbeit zu übernehmen und sind zudem seltener krank. Care-Arbeit müsse zudem bezahlt werden, meint Binswanger: „Hilfreich wäre ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Solange Care-Arbeit gar nicht oder nicht angemessen honoriert ist, wäre dann die Altersarmut reduziert.“

Die „klassische“ Rollenverteilung gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert

Flexible Arbeitszeiten sehen Rusinek und Binswanger hingegen als zweischneidiges Schwert. So sagt die Professorin: „Gerade junge Männer, die Karriere machen wollen, verfallen leicht der Überstundenkultur und arbeiten zu viele Wochenenden durch. Dass Männer sich nach Geburt ihres ersten Kindes in Arbeit stürzen, um so Verantwortung für die Familie zu übernehmen, hat auch mit unseren tief verinnerlichten Bildern von Familie und Männlichkeit zu tun.“

Tatsächlich arbeiten nur fünf Prozent der Väter in Teilzeit; während es bei kinderlosen Männern elf Prozent sind, so die Böckler-Stiftung. Hingegen arbeiten 72 Prozent der Frauen in Teilzeit – für viele Ökonom*innen ein zentraler Grund dafür, dass Frauen häufiger von ihrer Partnerschaft abhängig sind, in Altersarmut rutschen und seltener Führungsrollen angeboten bekommen. Was auch daran liegt, dass es kaum Teilzeit-Führungspositionen gibt.

Selbst Frauen in Vollzeitjobs übernehmen mehr Care-Arbeit als ihre Partner, zeigt die Böckler-Analyse. Hans Rusinek meint dazu: „Es sind die Strukturen und Verhältnisse, die oft dafür sorgen, dass Paare in eine konservative Lebensrealität zurückfallen.

Um solche Automatismen zu hinterfragen, müssen weiblich gelabelte Tätigkeiten aufgewertet werden. Klingt zäh, kann aber durchaus schnell gehen, weiß Christa Binswanger: „Das Prinzip der mütterlichen Sorge-Verantwortung ist recht jung. Erst im 19. Jahrhundert bildete sich das Idealbild der bürgerlichen Kleinfamilie und damit das väterliche Ein-Ernährer-Modell.“ Wie schnell dieses Idealbild über Bord geworfen wird, wenn es wirtschaftliche oder gesellschaftliche Zwänge forderten, zeigte sich in den Kriegszeiten des 20. Jahrhundert. Plötzlich waren Millionen Frauen durchaus gut geeignet, um in Fabriken zu arbeiten, Waffen und Munition zu produzieren.

Kulturwandel selbstgemacht

Die Care-Ökonomie fällt nicht vom Himmel, weil wir uns ein wenig reflektieren, sondern will erstritten werden. Allerdings: Reflexion ist ein ziemlich guter Anfang!

  • Wem fällt bei dir zu Hause zuerst auf, dass Müsli, Seife oder Klopapier aufgebraucht ist?
  • Erinnerst du an Geburtstage von Freunden und Familie oder wirst du eher erinnert?
  • Wer hat bei deinen Großeltern den Abwasch gemacht? Und bei deinen Eltern?
  • Haben deine Eltern Hausarbeit verhandelt?
  • Wer schmierte deine Pausenbrote?
  • Wurden Jungs in deinem familiären Umfeld genauso einbezogen wie Mädchen oder mussten sie nur hin und wieder Müll raus bringen?
  • Inwiefern denkst du über die Aufteilung von Care-Arbeit anders als deine Eltern?
  • Gibt es Widersprüche zwischen deiner Idealvorstellung und deinem Handeln? Wenn ja: Wie möchtest du diese auflösen?
  • Bist du allgemein zufrieden mit deiner persönlichen Aufteilung von Lohn- und Care-Arbeit in deinem Leben? Wenn nicht: Was möchtest du ändern? Falls du etwas ändern möchtest: Was hielt dich bisher ab?
  • Wie möchtest du deine Kinder erziehen / wie möchtest du auf dein Umfeld einwirken bezüglich Care-Arbeit?
  • Wenn du in deinem Umfeld wenig Care-Arbeit übernimmst: Was muss passieren, damit du mehr schulterst?
  • Wenn du in deinem Umfeld viel Care-Arbeit übernimmst: Magst du in diesem Bereich deines Arbeitslebens mal ein paar Tage streiken?

Die Zeit drängt: Das viel beklatschte Pflegepersonal gerät wieder in Vergessenheit und braucht Lohnerhöhungen, Anerkennung und ein lebenswertes Arbeitsumfeld. Um zu wissen, welche Maßnahme funktioniert und welche nicht, brauchen wir außerdem bessere Daten über den Umfang und die Verteilung unserer Care-Arbeit. Care-Arbeit gehört in die Volkswirtschaft, den Wirtschaftsteil unserer Zeitung und genauso ins Wirtschaftsministerium wie ins Familienministerium. Darüber hinaus: Bedingungsloses Grundeinkommen, 20-Stunden-Woche, Zahlungen für Hausmänner und -frauen, Lohnsteigerungen für Erzieher*innen – es gibt viele gute Ideen und einige Erfahrungen. Probieren wir es aus!

Wie so oft: Wer Inspiration sucht, sollte auf die Politik skandinavischer Länder schauen. Schweden setzt beispielsweise auf Elternförderung statt Mütterförderung. Auch dort übernehmen Frauen mehr Care-Arbeit, insgesamt ist die Sorgearbeit aber relativ gleichverteilt. Es zeigte sich, dass diese Arbeitsverteilung zudem viele positive Nebeneffekte hat: Väter, die Elternzeit nehmen, leben im Schnitt länger. Die Scheidungsrate bei Paaren, die Sorgearbeit fair aufteilen, ist geringer. Andere Länder hingegen haben Nachholbedarf. In der Schweiz beispielsweise haben Männer lediglich ganze zwei Wochen Vaterschaftsurlaub.

Unternehmen müssen nicht auf Maßnahmenpakete vonseiten der Politik warten: „Als allererstes gilt es, die gläserne Decke für Frauen einzuschlagen, bis zu den Führungspositionen“, so Christa Binswanger. „Außerdem brauchen wir eine ergebnisorientierte Arbeitskultur – keine präsenz-orientierte.“ Hans Rusinek ergänzt „Es geht darum die Angst abzubauen, beruflich unterzugehen, wenn man sich um Care-Arbeit kümmert. Manche Firmen stellen heute ihren Angestellten einen bestimmten Anteil für disruptive Projekte zur Verfügung für irgendwelche Start-ups – warum sollte es nicht auch einen Anteil für Care-Arbeit geben?“

💡 Takeaways

  1. In Deutschland wenden private Haushalte für unbezahlte Care-Arbeit ein Drittel mehr Zeit auf als für bezahlte Erwerbsarbeit.
  2. Care-Arbeit ist ungleich verteilt: In Deutschland verbringen Frauen täglich im Schnitt 52,4 Prozent mehr Zeit damit als Männer.
  3. „Das war schon immer so“ ist ein schlechtes Argument. Die Arbeitsteilung ist soziologisch betrachtet immer im Wandel gewesen. Das Ein-Ernährer-Modell ist mit Blick auf die letzten Jahrhunderte eine kurzweilige Ausnahme gewesen.

Marius Hasenheit ist Vorstand der genossenschaftlichen Nachhaltigkeitsberatung sustainable natives eG und GSP eG, mit welcher er in Berlin und Umland saniert oder baut. Auch gibt er das transform Magazin heraus und ist auch unter der Woche tagsüber mit seiner Tochter auf dem Spielplatz.

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