Konflikte

Wie ihr eine konstruktive Streitkultur in eurem Team schafft

In der Welt des neuen Arbeitens stellen sich jeden Tag Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Genau solche Fragen beantworten Expert*innen aus der Praxis in dieser Kolumne. Unser eigener Lieblingsexperte heißt Fred.

Text: Sebastian Klein
Illustrationen: Robert Löbel

In dieser Kolumne antwortet Fred auf die folgende Leser*innenfrage:

„Ich habe verstanden, dass eine gute Streitkultur zu gutem Arbeiten dazu gehört. Aber in der Praxis finde ich das gar nicht so einfach: Was muss gegeben sein, damit wir uns im Team überhaupt gut und konstruktiv streiten können?“

Die Antwort von Fred:

Wichtig ist dabei zuerst einmal abzugrenzen, wann wir überhaupt von einem Streit sprechen. Mit einem Streit meine ich nicht, dass ich nur anderer Meinung bin in einer Sache als ein Kollege oder eine Kollegin. Ein Streit geht weiter: Wir streiten uns dann, wenn wir emotional involviert sind, stark gegensätzliche Positionen vertreten und keinen Kompromiss finden, mit dem beide sich arrangieren können.

Dass Menschen sich überhaupt trauen, offenen Dissens zuzulassen, ist keine Selbstverständlichkeit. Berühmte Untersuchungen zum sogenannten Gruppendenken (engl. group think) haben schon vor einigen Jahrzehnten gezeigt, was schiefgehen kann, wenn in einer Gruppe uniformes Denken herrscht, Widerworte unerwünscht sind und alle der Meinung einer Führungsperson folgen: Katastrophen wie bei der Invasion der Schweinebucht oder der Explosion der Challenger lassen sich auf derartiges Arbeiten, also die völlige Abwesenheit von Streit, zurückführen. In diesen Beispielen haben Gruppen von hochintelligenten Menschen katastrophale Entscheidungen getroffen, die viele Menschenleben gekostet haben. Das lag unter anderem daran, dass eine starke Führungsperson im Raum war, die keine abweichenden Meinungen zugelassen hat.

Auch wenn das extreme Beispiele sind: Viele Organisationen und Teams funktionieren heute ganz ähnlich: Die Menschen streiten sich wenig um die Sache, gehen stattdessen politisch vor (Wem darf ich widersprechen?), taktieren (Wie kann ich ohne Streit meine Meinung durchsetzen?) oder vermeiden vollständig den Konflikt (Wir dürfen uns nicht streiten, sonst leidet mein Harmoniebedürfnis!).

Was oft fehlt für das Streiten, ist psychologische Sicherheit, also das Gefühl, dass ich in ein Team, ein soziales Gefüge eingebettet bin, dem ich ganz und gar vertrauen kann. Ein Team, das mich als Person schätzt und schützt, das mich nicht von heute auf morgen fallen lässt. Google ließ vor ein paar Jahren gar verlautbaren, dass Untersuchungen (im sog. Aristoteles-Projekt) gezeigt hätten, psychologische Sicherheit sei die wichtigste Determinante für effektive Teams. Das gilt in jedem Fall auch fürs Streiten: Wo Teams einen sicheren Rahmen geben, kann sich auch gut gestritten werden.

Das gilt im Übrigen über Hierarchiestufen hinweg: Wenn ich Teil eines Teams bin, in dem ich mich sicher und geschützt fühle, dann traue ich mich auch viel eher, der Führungskraft zu widersprechen und mich sogar auf einen Konflikt oder Streit einzulassen. Wenn ich nicht weiß, wozu dieses Verhalten führt oder gar Angst haben muss, dass es mir schadet, traue ich mich das nicht.

In der Abbildung ist zu sehen, welche fünf Faktoren laut Google wichtig sind für erfolgreiche Teams (und damit auch für gutes Streiten). Für viele überraschend landete in den Untersuchungen die psychologische Sicherheit ganz oben auf der Liste.

Wir gehen nun aber noch einen Schritt weiter und wollen uns ansehen, welche konkreten Rahmenbedingungen fürs Streiten gegeben sein müssen.

1. Streit braucht Raum.

Streit überall zuzulassen, macht überhaupt keinen Sinn, denn oftmals sind die Bedingungen nicht die richtigen. Zum einen bedeutet das, dass man sich Gedanken um den physischen Raum machen sollte, in dem Streit stattfinden kann. Haben wir einen Raum, in dem es auch mal lauter werden kann? Macht es Sinn, am täglichen Arbeitsplatz zu streiten? Oder ist es besser, eine Art neutralen Ort aufzusuchen, an dem sich keiner im Heimrecht fühlt und es damit leichter fällt, neutral und offen zu sein?

2. Streit braucht Zeit.

Wenn ich gerade unter Druck stehe oder im Stress bin, dann kann ich mich nicht gut streiten. Guter Streit braucht Zeit und ein gewisses Maß an Ruhe. Daher sollte immer nur dann gestritten werden, wenn es auch wirklich die Zeit gibt, um erst einmal keiner Lösung näherzukommen, sondern das Fass zunächst weiter aufzumachen. Wenn das nicht gegeben ist, sollte der Streit lieber vertagt oder durch eine gute Moderation so begrenzt werden, dass er harmlos und eher ein Austausch von Perspektiven bleibt.

Ein Schiedsrichter mit einer roten Karte

3. Streit braucht Regeln.

Ein guter Streit kann nur dann gelingen, wenn es bestimmte Regeln gibt, an die sich alle halten. Zum Beispiel, dass man sich nicht anschreit, Schimpfworte benutzt oder anderweitig im Ton vergreift. In einigen Unternehmen gibt es die Regel, dass ein Streit immer einen unbeteiligten Dritten braucht, manche Unternehmen bilden dafür sogar Mediatoren aus, was sinnvoll sein kann. Andere Regeln können zum Beispiel sein, dass Streit immer an einem neutralen Ort stattfinden soll.

4. Streit braucht Augenhöhe.

Wie sich schon in den Untersuchungen zum Gruppendenken zeigte, findet konstruktive Auseinandersetzung nur statt, wenn es keine Hierarchien im Team gibt, die das Verhalten steuern und Menschen dazu bringen, sich selbst zu zensieren. Auch wenn es in einem Team Hierarchien gibt, sollte klar sein, dass es in einem Streit, einer konstruktiven Auseinandersetzung, keine Regel à la „Ober sticht Unter“ gibt, sondern nur das Argument zählt.

5. Streit braucht Begleitung.

Je nach Thema kann es durchaus sinnvoll und hilfreich sein, eine neutrale Person zu haben, die einen Streit moderiert und dafür sorgt, dass auch wirklich alle Argumente ankommen und gehört werden. Diese Person sollte nicht involviert sein, da die Moderation nur funktioniert, wenn sie wirklich neutral ist.

6. Streit braucht Haltung.

Gut streiten kann sich nur, wer ohne Ego streitet: Wenn es mir um mich selbst geht (Ich muss gewinnen, um als Person besser dazustehen), streite ich ganz anders, als wenn es mir um die Sache geht (Ich glaube zu wissen, was das Projekt erfolgreich macht und bin bereit, mich dafür einer Debatte zu stellen). Nur wer sich von einer binären Lösung (Entweder du hast Recht oder ich) lösen kann und dritte Möglichkeiten in Betracht zieht (Wir haben beide Recht bzw. beide Unrecht), kann sich gut streiten. Auch um unsere Motive zu hinterfragen, kann es daher sinnvoll sein, eine neutrale Person im Raum zu haben, die im Zweifelsfall auch mal fragt: „Geht es dir gerade um die Sache oder um dich?“

7. Streit braucht die richtige Sprache

Ein achtsamer Sprachgebrauch macht es viel einfacher, konstruktiv zu streiten. Das bedeutet in erster Linie Selbstreflexion: Rede ich gerade über eine Sache oder geht es mir gerade um die Beziehung zu einer anderen Person? Falls die Beziehung berührt ist, sollte das dringend ausgesprochen werden, denn es bringt nichts, wenn wir uns über das Foliendesign streiten, obwohl ich eigentlich gerade ein Vertrauens- oder Wertschätzungsthema mit dir habe. Diesen wichtigen Punkt wollen wir uns noch ein bisschen genauer ansehen.

Mit achtsamer Sprache zum Ziel

Nicht nur gutes Streiten, sondern generell gute Zusammenarbeit fallen oft leichter, wenn wir beim Sprechen immer klar unterscheiden, worum es uns gerade geht:

Eine Person, die einen Luftballon zersticht, auf dem Ego steht
  • Äußere ich gerade eine Meinung oder Resonanz, also einen subjektiven Beitrag ohne jeden Anspruch auf Relevanz oder gar Allgemeingültigkeit? Dann sollte ich das auch deutlich kennzeichnen.
  • Möchte ich jemandem Feedback zu einer Sache oder einem Verhalten geben? Dann sollte ich mir zuerst die Erlaubnis der anderen Person einholen.
  • Möchte ich eine Verständnisfrage stellen? Oder verstecke ich gerade ein Urteil oder eine Bewertung in einer Suggestivfrage (Denkst du nicht, dass…)?
  • Geht es mir um einen schwerwiegenden Einwand oder habe ich nur Bedenken, weil ich eine Sache noch nicht ganz verstanden habe oder gerne noch mehr Informationen hätte?

In jedem Fall lohnt es sich, zunächst vorwegzuschicken, worum es mir gerade geht:

  • Ich hätte dazu eine Meinung, willst du sie hören?
  • Möchtest du dazu Feedback? Jetzt gleich oder lieber mit etwas Abstand?
  • Kann ich dazu eine Verständnisfrage stellen?
  • Ich merke, dass sich Widerstand in mir regt, kann ich kurz meine Bedenken äußern?

Im Arbeitsalltag der meisten Firmen wird erstaunlich viel aneinander vorbeigeredet. Daher kann es sich lohnen, durch ein paar zusätzliche Worte der Rahmung zu mehr Verständnis beizutragen: Das Verwenden von einfachen Labels wie Resonanz, Feedback, Verständnisfrage, Einwand usw. kann wahre Wunder bewirken.

Was das gegenseitige Verständnis weiter erleichtert, ist, sich selbst klar zu machen, was gerade auf der Gefühlsebene geschieht: Macht mich das, was ich höre, wütend? Macht es mich traurig oder demotiviert es mich? Falls das so sein sollte, macht es oft Sinn, diese Gefühle auszusprechen und damit dem Gegenüber mehr Kontext zu geben, damit er oder sie meine Reaktion besser verstehen kann.

Unsere Checkliste für gutes Streiten:

Wenn das alles gegeben ist, steht einem guten Streit nichts mehr im Weg: Verschiedene Meinungen werden nebeneinander gelegt, unterschiedliche Standpunkte ausgetauscht. Die Menge an Informationen und Möglichkeiten nimmt weiter zu und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem im Raum spürbar etwas geschieht: Eine Einigung ist in Sicht, und die Menge an Möglichkeiten spitzt sich immer weiter zu. Bis am Ende eine Lösung herauskommt, mit der alle gut leben können und für die es sich gelohnt hat zu streiten.

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