Geheimnisse

„Ist einfach kompliziert mit der Ehrlichkeit“

Die Gründerin Pia Poppenreiter im Interview zur Paid-Dating-App Ohlala, Ehrlichkeit und Transparenz, dem Tabu der Sexarbeit und wann es wichtig ist, Geheimnisse zu haben.

Interview: Louka Goetzke

Bild: Dominik Wagner

Auf Ohlala können Frauen Dates gehen Bezahlung anbieten. Wie kamst du auf die Idee einer App für bezahltes Dating?

Das Paid-Dating-Konzept ist das Resultat, es hat sich über Jahre entwickelt. Die Ursprungsidee kam damals vom Straßenstrich. Ich war kurz nach Abschluss des Studiums mit Freunden auf Drinks, stolperte aus einer Bar namens Aufsturz um eine Zigarette zu rauchen, sah eine Sexarbeiterin auf der anderen Straßenseite stehen. Ich war irgendwie von ihr gefesselt, emotional aufgewühlt. Ich hatte 100 Vorurteile, aber wirklich keine Ahnung. Das hat mich motiviert, mehr zu lernen. Ich bin Wirtschaftsethikerin. In der Ausbildung habe ich gelernt, mir die Situation anzugucken. Und die Situation auf der Straße war einfach ein best cast im real life.

Was fandest du an der Situation so besonders?

Ich hatte tausend Vorurteile, aber habe mich auch gefragt: Was gehört dazu, auf der Straße zu stehen und was sind die Hintergründe? Ich wusste nichts darüber! Als Wirtschaftsethikerin ist es eigentlich meine Aufgabe, eine Situation zu evaluieren und neutral zu beurteilen. Das heißt, man muss sich mit allen Stakeholdern auseinandersetzen. Das ganze Rotlichtmilieu war für mich eine Blackbox. Ich bin dann ein Jahr lang herumgegeistert, von Straßenstrichen über Hilfsorganisationen bis zu Bordellen und Laufhäusern. Ich war überall unterwegs. Hunderte, Tausende faszinierende Einblicke! Ich hatte eine Idee, als ich die Frau auf der Straße gesehen habe und habe das dann einfach nachverfolgt. Wenige Monate später habe ich dann beschlossen, zu gründen. Viele Leute haben mich am Anfang ausgelacht. Ich war noch fast frisch aus der Uni, hatte keine Rücklagen, kein Geld. Aber ich habe einfach immer weitergemacht, Stückchen für Stückchen.

Was war deine Motivation?

Ich habe überlegt, wie man die Rahmenbedingungen von Sexarbeit besser machen kann. Wir haben uns ein paar Versuche von anderen Dating-Apps und Seiten angeschaut, um herauszufinden, wie wir unsere bauen können. Unser erster Versuch war dann meiner Meinung nach leider nichtraffiniert genug.

Warum?

Bei meiner ersten Firma Peppr gab es ein öffentliches Modell. Frauen und Männer hatten Profile, wo sie ihre sexuellen Vorlieben und Dienstleistungen anbieten konnten. Die haben sich dafür äußerst freizügig gezeigt. Doch warum müssen Leute ihre intimsten Details online zur Schau stellen? Wir haben überlegt, wie wir in diesem Bereich den Rahmen neu stecken und den Leuten ihre Integrität zurückgeben können. Unsere Idee war es dann, einen Schritt zurück zu gehen. Wir ziehen die Leute wieder an, wir müssen auch nicht alles über sie wissen, und die müssen auch nicht in ihr Profil schreiben, was sie alles tun oder nicht tun. Das können sie in der Intimität des Chats ausmachen. Wir überlassen es den Nutzer*innen. Natürlich immer vorausgesetzt, beide wollen das freiwillig tun. Mit Ohlala geben wir ihnen ihre Privatsphäre zurück.

Was ist Ohlala?

Ohlala verbindet Männer mit Frauen, die sich gegen Bezahlung mit ihnen treffen möchten. Die Plattform verspricht „die wunderbare Welt des Instant-Paid-Datings“. „Bei uns müssen erst beide aktiv werden, bevor sie sich sehen können“, erklärt die Gründerin Pia Poppenreiter. „Man kann nicht einfach stalken gehen, ohne selbst ein Profil zu haben. Es funktioniert so: Man formuliert eine Date-Anfrage zu einem Ort, Zeit, Datum und Erwartungshaltung. Die wird dann rausgeschickt und Leute, die Bock haben auf ein Date zu gehen, gucken sich die Optionen an und wenn sie etwas spannend finden, können sie sich darauf bewerben.“ Erst nach der Bewerbung um das Date bekommt der männliche Nutzer das Profil der Frau zu sehen. „Wenn ein Angebot auf eine Anfrage trifft, öffnet sich ein Chat und es geht ins Gespräch. Da werden dann die Details des Dates geklärt.“

Was ist euer Geschäftsmodell?

Paid Dates sind je nach Auslegung mit sehr vielen regulatorischen und strafrechtlichen Schwierigkeiten verbunden. Trotzdem mussten wir unser Unternehmen ja nachhaltig aufbauen. Inzwischen werden die Chats monetarisiert. Das ist auch gut, weil wir damit viele Spaßschreiber abwimmeln konnten. Aktuell können wir aber leider die Bezahlung des Dates an sich nicht abwickeln. Das Gespräch wird über die Coins abgerechnet, das heißt, die Leute sind immer in voller Kontrolle darüber, wie viele Coins sie ausgeben. Aber die Bezahlung des Dates muss individuell unter den Nutzer*innen passieren. Wir haben kein automatisches Subscription- Modell, wie viele vergleichbar Dating-Apps. Gute Produkte sind die, die nicht nur ein bisschen online monetarisiert sind, sondern solche, die ein Geschäftsmodell verfolgen, das die Wahrscheinlichkeit auf ein schönes Date offline erhöht.

Wie geht Ohlala mit dem Stigma Sexarbeit um?

Ohlala ist eine App für bezahlte Dates. Was bei den Dates passiert, weiß ich nicht und das soll auch privat sein. Jede*r kann sich ein Profil erstellen und sein Glück versuchen. Ich glaube, es gibt viele, die fragen, ob es jetzt Eskort oder Sexarbeit ist, aber die Unterscheidung will ich verhindern. In meiner Welt gibt es die nicht. Ich wollte eine Plattform bereitstellen, auf der Leute sich selbständig und privat verabreden können.

Wer nutzt eure App?

Die Standard-Nutzer*innen zu finden ist unmöglich. Es geht querbeet durch die Gesellschaft. Jede*r, der*die 18 plus ist, könnte Ohlala-Nutzer*in sein. Wenn wir uns die Bilder und Profile anschauen, fühlt es sich wie eine ganz normale 0815-Dating-App an. Da gibt es nur mal ein paar auffällige Fotos, wo sich Frauen am Bett drapieren.

Gibt es eine Geschlechteraufteilung?

Ja, die gibt es. Ohlala funktioniert so, dass Männer für das Date bezahlen. Aktuell haben wir ungefähr 90.000 Männer und wir gehen an die 50.000 Frauen. Das ist ein ganz gutes Verhältnis für eine Dating-App, vor allem für eine Paid-App-Plattform. Wir hatten leider keine Frauen, die ein Date gesucht haben. Was soll ich tun, so ist der Markt. Wenn die Nachfrage nicht da ist, kann ich sie nicht kreieren. Ich möchte aber gern den Tag erleben, an dem es ausgeglichen ist. Wer weiß? Vielleicht zahlen irgendwann mal Frauen mehr für Dates.

Was war dann dein Anspruch bei dem Projekt?

Jede*r hat ein Bild im Kopf davon, wie Sexarbeiter*innen sind. Ich hatte auch mal eine Vorstellung, und ich weiß es heute besser. Von einer Tantra-Masseurin bis hin zur Sexualbegleiterin gibt es viele Facetten in dem Bereich. Es geht auch darum, die Sprache ein bisschen zu verändern. Es ist wichtig, schon im Sprechen zu differenzieren zwischen Werten und Begriffen, wie Nutte oder Hure, die auf Frauen zugeschnitten und sehr erniedrigend sind. Bei uns gibt es keine Escorts, keine Nutten, Huren, keine Stricher oder Freier. Für mich sind Ohlala-Nutzer*innen keine Sexarbeiter*innen. Es gibt nur Nutzer*innen, die auf bezahlte Dates gehen. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Leute auch so darüber sprechen werden.

Wie sieht es auf der anderen Seite aus: Ist Investment in dem Bereich ein Tabubruch?

Definitiv. Aus Investor*innenperspektive ist es eigentlich ein riesiger Markt, der Zugang zu Kapital ist aber begrenzt. Fonds haben häufig in ihren Bedingungen stehen, dass sie nicht in Sex und Glücksspiel investieren dürfen. Es war schwierig, eine Bank oder einen anderen Zahlungsabwickler zu finden. Am liebsten würden die Leute das Thema ignorieren, bis es weg ist, aber es ist einfach omnipräsent. Deswegen freue ich mich, dass die Firma jetzt stabil dasteht und das Modell profitabel ist.

Beeinflusste der Bezug, der zwischen Sexarbeit und Ohlala hergestellt wird, die Gründung und Weiterführung?

Wir haben sicher nicht dieselbe Chance auf Kapital wie andere Start-ups. Manche Investor*innen wollen nicht mit dem Produkt in Verbindung gebracht werden. Dasselbe gilt für die Politik. Wer will sich schon des Themas annehmen, um dann eventuell den Vorwurf zu bekommen, man würde, salopp gesagt, Nutten fördern. Sowas kostet Wähler*innenstimmen. Viele wollten auch als Gesellschafter*in nicht in der Öffentlichkeit mit dem Thema in Verbindung gebracht werden. Das ist eine Sache, die ich dann als Geschäftsführerin respektieren muss. Auch wenn ich gerne ehrlich wäre, kann ich nichts sagen, um deren Interessen zu wahren. Es ist einfach kompliziert mit der Ehrlichkeit. Würden wir Babynahrung verkaufen, wären alle sehr froh und ich hätte mit denselben Zahlen ganz andere Summen eingenommen.

Wie sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen für euer Produkt?

Wir bewegen uns da auf dünnem Eis, so wie alle anderen disruptiven Start-ups auch. Es ist eine Frage der Kategorisierung. Ich muss den Inhalt der Dates nicht wissen – was da stattfindet, ob es eine Umarmung ist oder einfach nur ein Dinner oder doch Intimität. Ich sehe das, was auf unserer App verabredet wird nicht als Sexarbeit, sondern als Monetarisierung von Zeit, aber die rechtlichen Rahmenbedingungen oder Interpretationen können natürlich andere sein.

Wie bewertest du die derzeitige rechtliche Lage für Sexarbeit?

Generell ist es politisch gerade rückschrittlich in Deutschland, es geht in Richtung schwedisches Modell. In Schweden ist die Prostitution seit 1998 nicht mehr legal, dort werden Freier strafrechtlich verfolgt. Ich bin aber für die Entkriminalisierung. Nichts wird dadurch besser, dass du es in den Untergrund drückst. Sexarbeit ist eine Realität, die überall stattfindet und die wir akzeptieren müssen. Wenn es illegal ist, wird es es für die Leute, die es tun, nicht sicherer. Schon das Prostituiertenschutzgesetz von 2016 war rückschrittlich. Wenn die Politik die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen würde, unter denen es legitim ist, der Sexarbeit nachzugehen, könnte man auch besser tatsächlich Steuern einnehmen. Im Moment ist es so, dass du einen Prostituiertenausweis brauchst, sobald du aus einer Situationen einen geldwerten Vorteil hast – es meldet sich aber kaum wer an, weil man sich dafür dann als Sexarbeiterin outen muss.

Was ist das Problem?

Ein geldwerter Vorteil könnte auch eine Handtasche sein oder ein teures Dinner, das man sich nicht leisten kann. Dann stellt sich mir die Frage, wer denn jetzt eine Sexarbeiterin von uns ist und wer nicht. Man könnte es dann auf die Spitze treiben und eine philosophische Debatte anfangen und sagen, hey, bei einem Ehevertrag geht es ja auch um das Geld. Sobald es um Geld in zwischenmenschlichen Beziehungen geht, ist man sofort bei gesellschaftlicher Doppelmoral. Sobald es um das Thema Sexarbeit geht, sind Leute oft so persönlich und emotional berührt, dass sie nicht mehr rational denken.

Was kannst du in deiner Arbeit offen kommunizieren, und wo musst du Sachen geheim halten?

Ich trage ganz, ganz viele Geheimnisse mit mir. Viele Leute haben sich geöffnet, weil ich so ein gesellschaftskritisches Thema angehe, und ich schütze deren Integrität. Bei mir gibt es kein Reden. Punkt. Am liebsten würde ich immer bei allem transparent sein. Transparenz bringt Ehrlichkeit mit sich. Es geht aber manchmal nicht. Das ist ein innerer Konflikt.

Wie transparent willst du sein?

Wenn es nach mir ginge, würde ich immer bei allem transparent sein. Aber wenn ich jedem*r erzählen würde, was bei dieser Firma passiert, würde mir das erstens keiner glauben und zweitens kannst du auch viele Sachen einfach nicht sagen. Das ist mir als Geschäftsführerin rechtlich verboten. In der Folge der Verhaftung unseres Gesellschafters gab es bei Ohlala Entlassungswellen. Da musste ich einiges verschweigen, weil es nicht anders ging. Was im Interesse der Firma ist, ist nicht zwingend immer mit Transparenz zu erreichen.

Du hast verkündet, dass du Ohlala verlassen wirst. Warum und wie geht es jetzt für dich weiter?

Nicht verlassen, ich habe die Geschäftsführung abgelegt. Aber ich bleibe aktuell noch der Firma als Gesellschafterin und Beratin verbunden. Ich freue mich, dass die Firma gut dasteht und hoffe das auch für die Zukunft. Es wird weiter wachsen und es wird weiter Gesprächsthema sein, denn es gibt noch viel Rede- und Aufklärungsbedarf. Wie es für mich weitergeht? Durchatmen, nachdenken und dann das nächste Produkt bauen.

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