New Work

On the Way to New Work: „Unser Podcast ist die absolute Achtsamkeits­schule“

Christoph Magnussen und Michael Trautmann bereisen für ihren Podcast „On the Way to New Work“ die Welt, um Menschen zu interviewen, die neue Arbeit schon heute leben. Dabei lernen sie nicht nur inspirierende Gesprächspartner*innen kennen, sondern auch ganz viel über sich selbst.

Interview: Martin Wiens & Sebastian Klein

Drei Personen auf einer Bank, die miteinander sprechen

Trotz voller Kalender habt ihr beiden mit „On the Way to New Work“ einen sehr erfolgreichen Podcast gestartet. Was war eure Motivation, damit anzufangen?

CM: Das war eigentlich Zufall. Bei einem Frühstück auf einem Event saßen wir zusammen und haben gemerkt, dass wir beide an dem Thema New Work dran sind und uns gerne darüber austauschen würden. So blöd es klingt: Weil wir keinen Termin gefunden haben, an dem wir uns auf einen Kaffee treffen könnten, sind wir gemeinsam nach New York geflogen. Michael hatte den Flug schon im Kalender und ich habe ihn begleitet, damit wir im Flugzeug und bei Spaziergängen in New York darüber sprechen konnten. Dabei ist die Idee entstanden, ein Buch zu schreiben und aus den Interviews für das Buch einen Podcast zu machen.

Auf das Thema New Work schaue ich vor allem aus einer technischen Ecke: Ich habe gesehen, dass viele Menschen bei den Neuentwicklungen nicht mehr mitkommen und die Potenziale nicht nutzen.

Michael Trautmann (links) und Christoph Magnussen

MT: Bei mir wurde das Thema im Zusammenhang mit einem größeren Umzug wichtig. Ich habe zusammen mit Partnern eine Werbeagentur mit 400 Mitarbeitern und wir brauchten für unser Headquarter in Hamburg ein neues Büro für gut 200 Menschen. Ich habe den Prozess geleitet und mir in dem Zusammenhang die Frage gestellt: Wie wollen die Leute eigentlich in Zukunft arbeiten? In dem Vorbereitungsprozess für das neue Büro habe ich zum ersten Mal vom Building 20 vom MIT gehört. Das war ein Gebäude, das im Krieg ganz schnell gebaut wurde, um Raketenforschern einen Platz zu bieten. Nach dem Krieg wurde es nicht mehr gebraucht, allerdings wuchs das MIT zu der Zeit sehr schnell und sagte dann: Okay, dann müssen wir in das alte Ding, dieses Billiggebäude rein. Also wurden da aus verschiedenen Fakultäten Leute reingeschoben, die mit dem Gebäude machen durften, was sie wollen: Die haben Wände eingerissen und ganze Stockwerke durchbrochen. Und quasi durch Zufall ist ein kollaborativer Workspace entstanden.

„In jedem Podcast stolpere ich über Dinge, bei denen ich sage: Boah, Wahnsinn! Anders machen! Ich bin voll auf der Reise – ganz klar.“

Im Gestaltungsprozess unseres eigenen Büros habe ich vermehrt angefangen, über mich selbst nachzudenken: Was macht das eigentlich gerade mit mir? Bin ich überhaupt selber schon bereit für New Work? Dabei habe ich festgestellt, dass ich viele Dinge noch wie vor 20 Jahren mache – und viele davon seit 20 Jahren falsch. Das zu ändern, war meine Motivation.

Ihr seid ja beide Unternehmer und in Führungsrollen. Ist euer Podcast für euch eine Art öffentliche Lernreise, auf der ihr euch selbst als Führungskräfte weiterentwickeln wollt?

CM: Ja, total. Michael hat mich mal als unser HB-Männchen bezeichnet, weil ich manchmal sehr unruhig bin. Durch den Podcast bin ich therapiert worden und mittlerweile viel ruhiger. Auch inhaltlich lerne ich wahnsinnig viel. In jedem Podcast stolpere ich über Dinge, bei denen ich sage: Boah, Wahnsinn! Anders machen! Ich bin voll auf der Reise – ganz klar.

MT: Ich merke auch immer mehr, dass das Buch, für das wir die Interviews führen, sehr persönlich wird. Natürlich nutzen wir den Podcast als Material, aber wir nutzen auch unsere ganz persönliche Reise und reflektieren uns im Prozess des Schreibens selbst. Insofern wird unser Buch auch eine Art Reisetagebuch, in dem wir auch immer wieder auf frühere Stationen von uns zurückgehen.

Wir setzen bei der Frage an, die Frithjof Bergmann, der Begründer der New-Work-Bewegung, schon in den 80ern gestellt hat: Warum arbeiten wir eigentlich? Die Menschen werden in Zukunft, so hat er es in den 80er Jahren vorausgesagt, nur noch ein Drittel ihrer Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen, ein Drittel mit smart consumption – und ein Drittel eben mit Sinnerfüllung.

Worauf seid ihr in den Gesprächen aus?

CM: Auf die Menschen…

MT: Bei uns bewerben sich mittlerweile auch manchmal Firmen. Dann sagen wir: Wir interviewen keine Firmen, wir sprechen mit Menschen. In den Gesprächen geht es uns darum, rauszukriegen, ob der Mensch etwas hat, das ihn wirklich antreibt. Wir haben einige Gäste, die sehr genau sagen konnten, was sie antreibt. Verena Pausder, die Gründerin von Fox & Sheep, hat für sich zum Beispiel als Antrieb definiert, digitale Bildung so zu vermitteln, dass Kinder und Jugendliche früh lernen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden.

„Die Rolle von Führungskräften ändert sich vom Alleswisser und Bestimmer hin zum Enabler, Orchestrierer und Kommunikator.“

Außerdem suchen wir nach konkreten Beispielen, wie sich Organisationen ändern und wie Leute auf die Veränderung reagieren. Da sind Gespräche mit Personen wie Mathias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE spannend. Der hat uns erzählt, dass er gar keinen Computer mehr hat und alles mit seinem iPhone macht. Höchstens am Wochenende nutzt er manchmal noch ein iPad.

Zuletzt geht es noch um Tools und die Fragen: Wie sortiere ich mich? Wann mache ich meine Mails? Auf welchen Kanälen bin ich überhaupt erreichbar?

CM: Die Priorität ist aber ganz klar der Mensch. Ich denke manchmal: Wir können mit den Fragen doch gar nicht so interessant sein. Es sind die Menschen, die es immer wieder interessant machen. Deshalb gehen auch alle Folgen in eine andere Richtung.

Was habt ihr in den ganzen Gesprächen über Leadership gelernt?

MT: Was sich bisher durchzieht, ist Empowerment. Keiner ist mehr so schlau, dass er die ganze Welt versteht und den Leuten noch sagen muss: Du musst jetzt erst das machen, dann das machen, dann das machen. Stattdessen muss Verantwortung dezentralisiert und ernsthaft vergeben werden. Die Rolle von Führungskräften ändert sich vom Alleswisser und Bestimmer hin zum Enabler, Orchestrierer und Kommunikator.

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CM: Auch Transparenz ist ein großes Thema. Dass immer mehr Sachen geteilt werden, bringt auch neue Herausforderungen für die Führung mit sich: Wenn du zum Beispiel auf einmal Feedback offen in einer Runde teilst wie in einem Fußballteam, sind viele Leute schnell an der Grenze dessen, was sie gut vertragen.

Ein Teil von guter Führung ist, die richtigen Fragen zu stellen. In eurem Podcast trainiert ihr genau das…

CM: Und es geht ja nicht nur darum, Fragen zu stellen, sondern auch darum, wirklich aufmerksam zu folgen. Bei jedem Podcast tauchen sofort in den ersten Minuten so viele Themen bei mir auf. Das ist wie ein Muskeltraining, um besser zuzuhören.

MT: Ich kann das bestätigen. Ein paar Monate nach unserem Start habe ich mich mit Kollegen aus Berlin getroffen und mit ihnen geredet. Danach meinten sie zu mir: „Wir konnten dich schon immer ansprechen, du hast dich immer interessiert, aber früher ist nach einer Viertelstunde deine Aufmerksamkeit abgekippt. Heute haben wir drei Stunden gesprochen und du hast nicht einmal aufs Handy geguckt.“ Der Podcast ist für mich die absolute Achtsamkeitsschule.

Achtsam gegenüber anderen und sich selbst zu sein: Ist das heute, bei all den digitalen Möglichkeiten, schwieriger geworden?

CM: Für einen sinnvollen Umgang mit den technologischen Möglichkeiten ist es wichtig, eben diese als Tools zu begreifen: Werkzeuge für uns und nicht Werkzeuge, die uns benutzen. Ich habe beim Smartphone nicht eine einzige Benachrichtigung an. Warum? Weil ich da sowieso hundertmal am Tag drauf gucke. Ich konsumiere auch kein Social Media. Es ist selten, dass ich mir Sachen, die online sind, nochmal anschaue.

MT: Um da ein gesundes Gleichgewicht zu finden, braucht es vor allem Reflexion. Meine Empfehlung an Führungskräfte ist, ausreichend Zeit einplanen, um immer wieder die eigenen Prioritäten zu hinterfragen – zu gucken: Bin ich noch on track? Sachen, die gut für einen funktionieren, kann man ausbauen. Gleichzeitig ist es wichtig, zu verstehen, dass Dinge, die ein halbes Jahr gut funktioniert haben, vielleicht irgendwann nicht mehr funktionieren. Für mich war lange das Thema Meditation sehr wichtig. Jetzt habe ich zwei, drei Wochen überhaupt nicht meditiert und es hat mir nicht gefehlt. Wenn der Sommer vorbei ist, wird das aber bestimmt wieder wichtiger für mich.

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