Meinung

Warum wir mehr weiße Lücken im Kalender brauchen!

Von außen sieht Neues Arbeiten so schön ausbalanciert aus. Doch wenn wir mal innehalten, merken wir, dass wir nie einfach mal nichts machen. Was sind wir alle busy!

Text: Lena Marbacher
Illustrationen: Kristina Wedel

Ein prall gefüllter Kalender mit vielen bunten Kästchen

Die schrägste Form, die Neue Arbeit mitunter annimmt, ist, dass wir zwar so tun, als würde uns der perfekte Balanceakt zwischen Freizeit und Arbeit gelingen, wir aber in Wirklichkeit nie mit dem Arbeiten aufhören. #holycrap, was sind wir alle busy. Einen gemeinsamen Termin für vier Personen zu finden, gleicht einem Sechser im Lotto und der Blick über den Laptop-Rand in den Kalender der Kolleg*innen zeigt mehr Farben als unser Weihnachtsbaumschmuck: Blau für den Job, Lila für das Herzensprojekt, Grau für Geburtstage, Pink für wichtige Erinnerungen, Orange für Team-Termine, Ocker für Sport und ein bisschen Gelb für Privates. Erst wenn das Weiß verschwunden ist, fühlen wir uns vollständig.

Wenn LTE stärker ist als der eigene Wille

Eine innere Stimme scheint uns zu sagen: Mach mehr, sei effizienter, prügel dir noch ein paar Networking-Termine rein – die anderen schaffen das doch auch – und trag’ dir jeden verdammten Fünf-Minuten-Slot in den Kalender ein; denn: WOW, das ist schon krass beeindruckend, wenn man so viel zu tun hat. Also battlen wir um mehr Notifications, denn wer wichtig ist, wird angepingt. Der staunende Ausruf von (scheinbar) weniger beschäftigten Menschen darüber, wie busy wir sind, törnt uns sogar ein bisschen an. Dass es auch Mitleid sein könnte, hören wir nicht, denn der nächste Anschlusstermin drängt. Die Selbsterzählung darüber, wie beschäftigt wir sind, hat sich uns dermaßen eingeprägt, dass wir den ganzen Tag davon reden könnten. Und wenn wir uns ständig davon sprechen hören, wie viel wir doch zu tun und wie wenig Zeit wir haben, dann fangen wir an, daran zu glauben. Doch die Erzählung ist so falsch wie die Lüge davon, dass Lücken im Kalender mit Misserfolg gleichzusetzen wären. Wie sehr wir uns selbst verarschen, dämmert uns, wenn wir im Urlaub (!) einen Podcast über eine erfolgreiche Gründerin hören, die von ihrer disziplinierten Morgenroutine erzählt. Abends im Bett, mit Sand zwischen den Zehen, scrollen wir auf LinkedIn durch unseren Newsfeed und stolpern über die Zeilen: „Meditation zwischen Abgrund und Nirvana“. Auf Twitter lesen wir den Tweet eines Unbekannten, in dem steht: „Dieser Moment, wenn du auf dem iPhone zu weit nach links wischst, und deine Bildschirmzeit 6 Stunden und 3 Minuten anzeigt. #doomsday“ Es dämmert uns.

Unter all den Terminen und Notifications vergessen wir allzu häufig, dass Erfolg nichts damit zu tun hat, wie viele bunte Kästchen in unserem Kalender stehen.

Wenn wir von unterwegs arbeiten, ist LTE oft stärker als der eigene Wille. Klar, häufig ist es sinnvoll und effizienter, nicht ins Büro zu fahren, aber je fließender die Grenzen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit werden, desto mehr werden wir auch dazu verleitet, jede kleine Pause mit Arbeit zu füllen. Im Wartezimmer beim Arzt koordinieren wir unsere Termine, in der U-Bahn kommentieren wir einen Text in Google Docs und während wir mit Kolleg*innen zu Mittag essen, schielen wir mit einem Auge aufs Telefon und verteilen Emojis unter den Postings im Firmennetzwerk. Wie ging das früher bloß ohne Cloud? Die Erinnerungen daran liegen unter tausenden Google-Benachrichtigungen begraben. Wir slacken um die Wette, haben E-Mails und SMS längst hinter uns gelassen und freuen uns über jede neue App, die wir in unseren Workspace integrieren können – natürlich nur Apps, die uns effizienter machen, das versteht sich von selbst. Remote Work ist unser Leid und Segen.

Die Entdeckung der Nicht-Arbeit

Erst wenn der Laptop mal zugeklappt ist, wenn wir uns eine Pause gönnen, erinnern wir uns wieder daran, dass wir hier sind, weil wir Momo sein wollen und nicht die Grauen Herren von der Zeitsparkasse. Dass wir mehr Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer in unserer Wirtschaftswelt brauchen*, und dass wir selbst damit anfangen sollten, so zu sein wie sie: eine begnadete Zuhörerin wie Momo, vor Ideen und Träumen sprudelnd wie Gigi, achtsam und nachdenklich wie Beppo. Wir täten gut daran, mit gesunder Skepsis zu hinterfragen: Wie viel von dem, was in unseren Kalendern steht, machen wir, weil wir es wirklich wollen? Wie viele der Verabredungen, Events und Meet-Ups tun uns gut? Und welche nicht? Um das herauszufinden, müssen wir uns Zeit nehmen.

Denn wenn wir uns die Zeit nehmen, können wir es noch: Tagträumen im Doppeldeckerbus, ganz oben in der ersten Reihe sitzend, mit den Schuhen auf dem Guckloch vom Busfahrer; im Sommer auf der Wiese liegen, den Wind auf der Haut spüren und nach Sonnenmilch riechen; meditieren, einfach weil es sich genau jetzt richtig anfühlt und nicht weil es die Leistung steigert; ein Buch lesen und uns dermaßen in der Geschichte verlieren, dass es sich anfühlt als gäbe es zwei Welten, zwischen denen die Grenze verschwimmt. Und dann kommt dieser Moment, in dem wir plötzlich merken, dass wir doch ein Privatleben haben.

Für mehr weiße Lücken im Kalender

Unter all den Terminen und Notifications vergessen wir allzu häufig, dass Erfolg nichts damit zu tun hat, wie viele bunte Kästchen in unserem Kalender stehen. Wirklich erfolgreich ist, wer selbst bestimmt, was Erfolg bedeutet — und im besten Fall sogar auf den Erfolg pfeift; wer weiß, dass es im Leben viel weniger um berufliche Selbstverwirklichung und nice Selfies auf Instagram geht, als es manchmal scheint. Erfüllung hat am Ende nichts mit dem eigenen Ego zu tun, sondern mit Gemeinschaft und Sinn. Dafür müssen wir auf unser eigenes Tempo und die eigenen Prioritäten achten und manchmal „Stop“, sagen, auch wenn alle sagen: „Weiter“. Die Eroberung der Freizeit gelingt nicht, wenn wir sie ungeplant auf uns zukommen lassen und einfach hoffen, dass sich alles ergeben wird. Freie Zeit muss paradoxerweise genauso geplant und effektiv genutzt werden wie Arbeitszeit. Um mehr Zeit für Pausen zu haben, müssen wir sie als elementaren Bestandteil unseres Lebens darin verankern. Weiße Lücken im Kalender sind die echten Zeichen guter, neuer Arbeit.

*Quelle: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman von Michael Ende, Erstausgabe 1973.

Direkt weiterlesen? Artikel, die dir auch gefallen könnten...

Eine Öffnung, die aussieht wie ein Arschloch

Kinski meets McKinsey

Warum sind Arschlöcher so erfolgreich? Und was können wir dagegen machen?

Eigentlich fokussieren wir uns eher auf die halb vollen als auf die halb leeren Gläser. Doch manche Dinge machen uns so wütend, dass es gar nicht so leicht ist, konstruktiv zu bleiben. Dafür gibt es diese Kolumne. Diesmal geht es um die Frage, wieso unsere Welt von egoistischen Arschlöchern regiert wird – und welchen Anteil wir alle daran haben.